{"id":28134,"date":"2024-11-22T06:00:55","date_gmt":"2024-11-22T05:00:55","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2024\/11\/22\/sternengeschichten-folge-626-flammarions-holzschnitt-und-der-rand-der-welt\/"},"modified":"2025-05-14T17:41:01","modified_gmt":"2025-05-14T15:41:01","slug":"sternengeschichten-folge-626-flammarions-holzschnitt-und-der-rand-der-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2024\/11\/22\/sternengeschichten-folge-626-flammarions-holzschnitt-und-der-rand-der-welt\/","title":{"rendered":"Sternengeschichten Folge 626: Flammarions Holzschnitt und der Rand der Welt"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.at\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/SG_Logo.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-12938\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/SG_Logo-150x150-1.png\" alt=\"SG_Logo\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><i>Das ist die Transkription einer Folge meines <a href=\"https:\/\/sternengeschichten.podigee.io\/\">Sternengeschichten-Podcasts<\/a>. Die Folge gibt es auch als <a href=\"https:\/\/audio.podigee-cdn.net\/1668274-m-95268a2ace5d84c598ae013258c2b485.mp3?source=feed\">MP3-Download<\/a> und <a href=\"https:\/\/youtu.be\/7sgpaod87Mw\">YouTube-Video<\/a>.<\/i> Und den ganzen Podcast findet ihr auch bei <b><a href=\"https:\/\/open.spotify.com\/show\/0ikLkbZTH9yjuwetyBheXX\">Spotify<\/a><\/b>.<\/p>\n<p><b>Mehr Informationen: [<a href=\"https:\/\/sternengeschichten.podigee.io\/feed\/mp3\">Podcast-Feed<\/a>][<a href=\"https:\/\/itunes.apple.com\/de\/podcast\/sternengeschichten\/id583344780\">Apple<\/a>]<a href=\"https:\/\/open.spotify.com\/show\/0ikLkbZTH9yjuwetyBheXX\">Spotify<\/a>][<a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/sternengeschichten\">Facebook<\/a>][<a href=\"https:\/\/twitter.com\/@sternenpodcast\">Twitter<\/a>]<\/b><\/p>\n<p>Wer den Podcast finanziell unterst\u00fctzen m\u00f6chte, kann das hier tun: Mit <a href=\"https:\/\/www.paypal.me\/florianfreistetter\">PayPal<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.patreon.com\/sternengeschichten\">Patreon<\/a> oder <a href=\"https:\/\/steadyhq.com\/sternengeschichten\">Steady<\/a>.<br \/>\n<script class=\"podigee-podcast-player\" src=\"https:\/\/player.podigee-cdn.net\/podcast-player\/javascripts\/podigee-podcast-player.js\" data-configuration=\"https:\/\/sternengeschichten.podigee.io\/626-sternengeschichten-folge-626-flammarions-holzschnitt-und-der-rand-der-welt\/embed?context=external&#038;token=92Aq9LghWxrS9xokgjNnNw\"><\/script><\/p>\n<hr>\n<p><strong>Sternengeschichten Folge 626: Flammarions Holzschnitt und der Rand der Welt<\/strong><\/p>\n<p>In der heutigen Folge der Sternengeschichten m\u00f6chte ich \u00fcber ein Bild sprechen. Und ich wei\u00df, dass es immer ein wenig schwierig ist, wenn ein Bild das Thema in einem Podcast ist, weil ihr k\u00f6nnt hier ja nichts sehen, sondern nur mich h\u00f6ren. Aber dieses Bild, von dem ich heute sprechen m\u00f6chte, habt ihr ziemlich sicher alle schon mal gesehen. In der urspr\u00fcnglichen Version ist es schwarz-weiss, es sieht ein wenig nach Mittelalter aus. Man sieht auf der rechten Seite eine Landschaft, mit Wiesen und W\u00e4ldern und ein paar kleinen D\u00f6rfern. Dahinter geht eine gro\u00dfe Sonne unter und am Himmel dar\u00fcber stehen Sterne. Dieser Himmel zieht sich aber von rechts oben nach links unten hinunter; der Himmel ist quasi eine Art Halbkugel, die sich \u00fcber dem flachen Boden w\u00f6lbt. Links unten, im Vordergrund, st\u00f6\u00dft der Himmel an den Boden und genau dort sieht man einen Mann mit langem Umhang und Wanderstock knien, der seinen Kopf durch das Gew\u00f6lbe des Himmels steckt und auf der anderen Seite ein mysteri\u00f6ses mechanisch wirkendes Wirrwarr aus R\u00e4dern, B\u00f6gen, Wolken und strahlenden Objekten sieht. Seine Hand ist in Richtung dieses Himmels hinter dem Himmel ausgestreckt und obwohl man sein Gesicht nicht erkennt, wirkt der Mann so, als sei er h\u00f6chst \u00fcberrascht und ergriffen von dem, was er hinter dem Rand der Welt entdeckt hat.<\/p>\n<p>Falls jemand das Bild immer noch nicht vor Augen hat, k\u00f6nnt ihr den Podcast gerne unterbrechen und kurz im Internet nachsehen. Es ist meistens unter dem Titel <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Flammarions_Holzstich\">&#8222;Flammarions Holzstich&#8220;<\/a> bekannt, aber auch als &#8222;Wanderer am Weltenrand&#8220;. Wer Flammarion ist und was dieses Bild bedeuten soll, werden wir sp\u00e4ter noch kl\u00e4ren. Aber es ist interessant, zuvor einen Blick auf die Art und Weise zu werfen, wie dieses Bild im Laufe der Zeit verstanden wurde. Lange Zeit hat man n\u00e4mlich nicht gewusst, wer dieses Bild erstellt hat, wie alt das Bild ist und zu welchem Zweck es verwendet wurde. Der deutsche Astronom Ernst Zinner hat es in den 1950er Jahren zeitlich der deutschen Renaissance zugeordnet, also dem 15. und 16 Jahrhundert. Und das w\u00fcrde ja auch inhaltlich irgendwie passen. Denn im Mittelalter hat ja noch niemand gewusst, wie die Welt wirklich beschaffen ist; man hat gedacht dass die Erde eine Scheibe ist und erst sp\u00e4ter hat die in der Renaissance entstandene Naturwissenschaft ab dem 17. Jahrhundert langsam verstanden, wie die Welt wirklich funktioniert. Nur ist das nat\u00fcrlich Unsinn. Dass die Erde eine Scheibe ist, hat auch im Mittelalter niemand gedacht; die Leute, die sich ernsthaft mit diesen Fragen auseinander gesetzt haben, wussten sehr klar, dass wir auf einem kugelf\u00f6rmigen Planeten leben. Die moderne Naturwissenschaft hat zwar tats\u00e4chlich ihre Wurzeln in der Arbeit von Newton, Kepler, Galilei und sich seit dem 17. Jahrhundert immer weiter entwickelt &#8211; aber auch im Mittelalter gab es schlaue Menschen die die Welt erforscht haben. Ich habe dar\u00fcber in vergangenen Folgen der Sternengeschichten ja schon gesprochen &#8211; aber Flammarions Holzstich ist eben ein wirklich faszinierendes Bild und wenn man es sich ansieht, kann man sehr gut glauben, dass man hier eine Darstellung des mittelalterlichen Weltbildes vor sich hat beziehungsweise eine Darstellung des Umbruchs, als die Weltbilder kolldidierten und wir gerade angefangen haben zu verstehen, wie alles wirklich funktioniert.<\/p>\n<p>Aber so ist es nicht. Man hat die Quelle des Bildes nie weiter zur\u00fcck als ins 19. Jahrhundert verfolgen k\u00f6nnen und wir wissen heute, dass es auch nicht \u00e4lter ist. Das erste Mal taucht es im Jahr 1888 auf und zwar als Illustration im Buch &#8222;L\u2019atmosph\u00e8re. M\u00e9t\u00e9orologie populaire&#8220; des franz\u00f6sischen Astronomen Camille Flammarion. Und den schauen wir uns jetzt ein wenig genauer an. Er wurde 1842 geboren, hat sich schon als Kind f\u00fcr Astronomie interessiert und unter anderem als Assistent von Urbain LeVerrier &#8211; dem Entdecker des Planeten Neptun &#8211; an der Pariser Sternwarte gearbeitet. Er war aber auch und vor allem jemand, der die Astronomie unter die Menschen bringen wollte und hat viele popul\u00e4rwissenschaftliche B\u00fccher geschrieben. Eines davon war das sechsb\u00e4ndige Werk \u00fcber die Meteorologie von dem ich vorhin gesprochen habe. Im Kapitel &#8222;La forme du ciel&#8220;, also &#8222;Die Form des Himmels&#8220; findet man die Illustration (die \u00fcbrigens kein Holzstich ist, auch wenn sie immer so genannt wird, aber das w\u00fcrde jetzt zu weit f\u00fchren) mit folgender Bildunterschrift: &#8222;Un missionnaire du moyen \u00e2ge raconte qu\u2019il avait trouv\u00e9 le point o\u00f9 le ciel et la Terre se touchent \u2026 &#8220; oder auf deutsch: &#8222;Ein Missionar aus dem Mittelalter erz\u00e4hlt, dass er den Punkt gefunden hat, an dem sich Himmel und Erde ber\u00fchren&#8220;. <\/p>\n<p>Wenn man sich den Rest des Kapitels ansieht, dann wird auch schnell klar, warum Flammarion die Abbildung eingef\u00fcgt hat. Es geht, wie ja auch schon der Titel des Kapitels sagt, um die Form des Himmels. Flammarion erkl\u00e4rt, dass wir immer das Gef\u00fchl haben, der Himmel w\u00fcrde sich \u00fcber uns w\u00f6lben und dass die W\u00f6lbung nicht wie eine Halbkugel erscheint, sondern ein bisschen eingedr\u00fcckt, dass also die Distanz zum Horizont weiter erscheint als die Strecke bis dorthin, wo die Himmelskuppel direkt \u00fcber unserem Kopf steht. Er erkl\u00e4rt weiter, dass die Leute ganz fr\u00fcher dachten, dass diese Himmelskuppel real w\u00e4re, dass man in der Antike dachte, dass sich hinter beziehungsweise auf der Kuppel die G\u00f6tter befinden und dass dort die Sterne und Planeten fixiert w\u00e4ren. Und Flammarion schreibt von einem Missionar aus dem Mittelalter, der erz\u00e4hlt, dass er den Punkt gesehen h\u00e4tte, wo Himmel und Erde sich treffen. Genau diese Szene ist in der Abbildung zu sehen. <\/p>\n<p>Man hat probiert herauszufinden, wo diese Geschichte mit dem Missionar herkommt und es gibt diverse Quellen in der Literatur, zum Beispiel die Legende des Heiligen Makarios von \u00c4gypten, der im vierten Jahrhundert als Einsiedler in der W\u00fcste gelebt haben und dabei auch den Rand der Welt entdeckt haben soll. Und es gibt diverse andere Geschichte, die Flammarion durchaus gekannt hat. Auch heute noch verwendet man in popul\u00e4rwissenschaftlichen B\u00fcchern gerne solche Anekdoten, wenn man ein wissenschaftliches Thema einf\u00fchren will und es ist absolut nachvollziehbar, dass jemand wie Flammarion damit sein Kapitel \u00fcber den Himmel in einem Buch \u00fcber Meteorologie einleitet &#8211; und die Gelegenheit nutzt, ein sch\u00f6nes Bild daf\u00fcr zu benutzen. Flammarion selbst war ja auch ein begeisterter Ballonfahrer und wollte zeigen, dass er selbst schon \u00fcber die Grenzen des Himmels geflogen ist, die andere in der Antike dort vorhanden gelaubt haben. Es geht dann im Rest des Kapitels um durchaus komplizierte Themen wie zum Beispiel die Frage, wie sich die Perspektive auf den Horizont und Objekte am Erdboden \u00e4ndert, wenn man aus unterschiedlichen H\u00f6hen \u00fcber dem Horizont beobachtet, und so weiter. Ein paar sch\u00f6ne Bilder machen die Lekt\u00fcre leichter und Flammarion schreibt auch immer wieder explizit, dass man sich die Bilder ansehen soll.<\/p>\n<p>Interessanterweise sehen wir diese Abbildung erst in der dritten Ausgabe des Buchs; Flammarion hat auch schon ein paar Jahre fr\u00fcher einen \u00e4hnlichen Text \u00fcber die Atmosph\u00e4re geschrieben in der man den entsprechenden Abschnitt des Textes exakt wieder findet &#8211; aber ohne das Bild. Deswegen liegt es nahe, dass er selbst es war, der es f\u00fcr das Buch in Auftrag gegeben hat. Ob er es selbst gemacht oder einen anderen K\u00fcnstler beauftragt hat, wissen wir nicht, aber man geht heute mit gro\u00dfer Sicherheit davon aus, dass der Holzstich extra f\u00fcr Flammarions Buch gemacht wurde, dass dieses Bild davor nicht existiert hat und absichtlich in einem mittelalterlich anmutenden Stil geschaffen wurde, um die Geschichte besser zu illustrieren. <\/p>\n<p>\u00dcber Flammarions Arbeit k\u00f6nnte man noch jede Menge Geschichten erz\u00e4hlen und das werde ich irgendwann auch machen. Er hat sich mit klassischer Astronomie besch\u00e4ftigt, aber auch mit Themen wie der Frage nach au\u00dferirdischem Leben. Oder den angeblichen Kan\u00e4len auf dem Mars, von denen ich in Folge 404 der Sternengeschichten gesprochen habe. Er hat sich auch f\u00fcr spiritistische Ph\u00e4nomene interessiert und probiert, Sachen wie Telepathie oder Geistererscheinungen wissenschaftlich zu erforschen.<\/p>\n<p>Aber von all dem, was Camille Flammarion gemacht hat, ist sein Bild &#8222;Wanderer am Weltenrand&#8220; heute vermutlich das bekannteste. Man findet es in allen m\u00f6glichen Zusammenh\u00e4ngen als Illustration, von astrologischen B\u00fcchern bis zu Dokumentationen \u00fcber Astronomie; es taucht auf Plattencovern auf und in Spielen und \u00fcberall sonst und anderswo.<\/p>\n<p>Und es ist ja &#8211; ganz unabh\u00e4ngig von der realen Geschichte die dahinter steht &#8211; ein wunderbares Bild. Es fasst so gut zusammen, wie wir Menschen sind. Wir sind nie zufrieden damit, die Welt so zu sehen, wie sie uns erscheint. Wir wollen immer wissen, wo die Grenzen sind und wenn wir diese Grenzen gefunden haben, dann m\u00fcssen wir auch einen Weg finden, sie zu \u00fcberschreiten und zu entdecken, was dahinter ist. Wir haben probiert, die Grenzen der Erde zu finden und festgestellt, dass es sie nicht gibt. Die Welt hat keinen Rand und der Himmel schlie\u00dft uns nicht ein. Und genau deswegen haben wir uns auf den Weg in dieses Weltall gemacht, sind wir bis zum Mond gekommen und werden in Zukunft hoffentlich noch viel weiter hinaus gelangen. Als Wanderer im Weltall haben wir den Rand der Welt noch nicht entdeckt &#8211; aber wir werden weiterhin danach suchen und wenn wir ihn doch irgendwann mal gefunden haben, werden wir einen Weg finden, \u00fcber diesen Rand hinaus zu sehen um zu schauen, was dahinter ist.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/e4eb5768ea06445eb9fa1cf693aa291b\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das ist die Transkription einer Folge meines Sternengeschichten-Podcasts. Die Folge gibt es auch als MP3-Download und YouTube-Video. Und den ganzen Podcast findet ihr auch bei Spotify. 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