{"id":28117,"date":"2024-10-07T17:43:35","date_gmt":"2024-10-07T15:43:35","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2024\/10\/07\/sternengeschichten-folge-619-neith-der-nicht-existierende-venusmond\/"},"modified":"2025-05-14T17:40:54","modified_gmt":"2025-05-14T15:40:54","slug":"sternengeschichten-folge-619-neith-der-nicht-existierende-venusmond","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2024\/10\/07\/sternengeschichten-folge-619-neith-der-nicht-existierende-venusmond\/","title":{"rendered":"Sternengeschichten Folge 619: Neith, der nicht-existierende Venusmond"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.at\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/SG_Logo.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-12938\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/SG_Logo-150x150-1.png\" alt=\"SG_Logo\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><i>Das ist die Transkription einer Folge meines <a href=\"https:\/\/sternengeschichten.podigee.io\/\">Sternengeschichten-Podcasts<\/a>. Die Folge gibt es auch als <a href=\"https:\/\/audio.podigee-cdn.net\/1619674-m-59426cf62bb49418e17932f11f355002.mp3?source=webplayer-download\">MP3-Download<\/a> und <a href=\"https:\/\/youtu.be\/gL_PtlkMpzA\">YouTube-Video<\/a>.<\/i> Und den ganzen Podcast findet ihr auch bei <b><a href=\"https:\/\/open.spotify.com\/show\/0ikLkbZTH9yjuwetyBheXX\">Spotify<\/a><\/b>.<\/p>\n<p><b>Mehr Informationen: [<a href=\"https:\/\/sternengeschichten.podigee.io\/feed\/mp3\">Podcast-Feed<\/a>][<a href=\"https:\/\/itunes.apple.com\/de\/podcast\/sternengeschichten\/id583344780\">Apple<\/a>]<a href=\"https:\/\/open.spotify.com\/show\/0ikLkbZTH9yjuwetyBheXX\">Spotify<\/a>][<a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/sternengeschichten\">Facebook<\/a>][<a href=\"https:\/\/twitter.com\/@sternenpodcast\">Twitter<\/a>]<\/b><\/p>\n<p>Wer den Podcast finanziell unterst\u00fctzen m\u00f6chte, kann das hier tun: Mit <a href=\"https:\/\/www.paypal.me\/florianfreistetter\">PayPal<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.patreon.com\/sternengeschichten\">Patreon<\/a> oder <a href=\"https:\/\/steadyhq.com\/sternengeschichten\">Steady<\/a>.<\/p>\n<p><span style=\"font-size: xx-small;\">\u00dcber Bewertungen und Kommentare freue ich mich auf allen Kan\u00e4len.<\/span><br \/>\n<script class=\"podigee-podcast-player\" src=\"https:\/\/player.podigee-cdn.net\/podcast-player\/javascripts\/podigee-podcast-player.js\" data-configuration=\"https:\/\/sternengeschichten.podigee.io\/619-sternengeschichten-folge-619-neith-der-nicht-existierende-venusmond\/embed?context=external\"><\/script><\/p>\n<hr>\n<p><strong>Sternengeschichten Folge 619: Neith, der nicht-existierende Venusmond<\/strong><\/p>\n<p>Die Venus ist unser Nachbarplanet im Sonnensystem. Sie ist ungef\u00e4hr so gro\u00df wie die Erde und nach Sonne und Mond ist sie das hellste Objekt am Himmel. Sie ist so hell, dass man sie kaum \u00fcbersehen kann und als strahlenden Morgen- oder Abendstern in der D\u00e4mmerung leuchtet. Wir haben die Venus immer schon betrachtet, zuerst nur mit unseren Augen und sp\u00e4ter nat\u00fcrlich auch mit dem Teleskop. Der erste, der die Venus im Fernrohr beobachtet hat, war Galileo Galilei zu Beginn des 17. Jahrhunderts und bei dieser Beobachtung hat er gesehen, dass die Venus Phasen zeigt; es also analog zu &#8222;Vollmond&#8220; oder &#8222;Halbmond&#8220; auch &#8222;Vollvenus&#8220; oder &#8222;Halbvenus&#8220; gibt. Das war eine revolution\u00e4re Entdeckung, weil sie belegt hat, dass sich die Venus um die Sonne bewegt, die damit das Zentrum des Sonnensystems ist und nicht die Erde, wie man damals immer noch weitestgehend geglaubt hat. <\/p>\n<p>Ein bisschen weniger revolution\u00e4r war das, was der italienische Astronom Francesco Fontana, ein Zeitgenosse von Galilei am 11. November 1645 gesehen hat. N\u00e4mlich zwei kleine leuchtende Punkte, die neben der Venus herlaufen. Ein paar Wochen sp\u00e4ter konnte er nur noch einen davon sehen, der aber blieb aber auch sp\u00e4ter noch sichtbar. Fontana kam zu dem Schluss, dass er einen Mond der Venus entdeckt hatte; so wie ja Galileo ein paar Jahrzehnte vorher schon vier Monde des Jupiters. Seine Zeitgenosse waren eher skeptisch was das angeht, vor allem auch deswegen, weil sie selbst diesen Mond nicht sehen konnten, was aber auch an ihren schlechteren Teleskopen gelegen haben k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Sehr viel mehr Aufmerksamkeit als die Entdeckung von Fontana bekam die Beobachtung von Giovanni Domenico Cassini. Er wurde 1669 Direktor der Sternwarte in Paris mit einem der besten Teleskope der damaligen Zeit. Bei seiner Arbeit fand er 1671 einen Mond des Saturns &#8211; Iapetus &#8211; und 1672 einen zweiten, Rhea. Er war au\u00dferdem der erste, der feststellte, dass es L\u00fccken in den Ringen des Saturn gibt, die heute deswegen als &#8222;Cassini-Teilung&#8220; bezeichnet werden. Und 1672 sah auch er in seinem Teleskop einen Mond der Venus. Vermutlich war ihm diese Entdeckung selbst nicht ganz geheuer, denn er hielt sie geheim. Erst als er 1686 den Venusmond ein zweites Mal sah, hat er die Beobachtung \u00f6ffentlich gemacht, blieb aber immer noch zur\u00fcckhaltend. &#8222;Es ist mir nie gelungen, ihn zu sehen, sieht man von diesen beiden F\u00e4llen ab und deswegen erlaube ich mir hier kein Urteil&#8220;, schrieb er ein seinen Memoiren. <\/p>\n<p>In den folgenden Jahren und Jahrzehnten war der Mond der Venus ein Thema, dass die Astronomie weiter besch\u00e4ftigt hat, aber der Mond war nie richtig greifbar. Manche Astronomen wie der schottische Teleskopbauer James Short oder der Deutsche Andreas Mayer best\u00e4tigten, dass sie ihn ebenfalls gesehen hatten. Andere, wie der schottische Astronom und Mathematiker David Gregory blieben skeptisch. Und alle warteten gespannt auf den 6. Juni 1761. An diesem Tag w\u00fcrde ein seltenes Ereignis stattfinden, ein Venustransit. Von der Erde aus gesehen w\u00fcrde man die Venus direkt vor der Sonnenscheibe vor\u00fcberziehen sehen k\u00f6nnen und warum das so ein wichtiges Ereignis f\u00fcr die Wissenschaft ist, habe ich ja schon ausf\u00fchrlich in Folge 539 der Sternengeschichten erz\u00e4hlt. Insbesondere aber sollte man auch einen Mond der Venus sehen k\u00f6nnen, als zweiten, kleinen dunklen Fleck der gemeinsam mit dem Planeten an der Sonne vor\u00fcber zieht. Der Venustransit von 1761 wurde \u00fcberall auf der Welt beobachtet, von Forschenden genau so wie von Enthusiasten ohne wissenschaftliche Ausbildung. Und es gab tats\u00e4chlich 2 Meldungen \u00fcber die Beobachtung eines Venusmonds. Die stammten aber beide von Amateuren, deren Methoden und Instrumente vergleichsweise schlecht waren, weswegen man diese &#8222;Entdeckung&#8220; auch vorerst nicht weiter ernst genommen hat. <\/p>\n<p>Vor und nach dem Transit wurden ebenfalls Venusmondbeobachtungen gemeldet. Man hat die Venus zu der Zeit nat\u00fcrlich genau im Blick gehabt, die Instrumente f\u00fcr den gro\u00dfen Tag getestet beziehungsweise auch danach noch zur Venusbeobachtung genutzt. Der ber\u00fchmte Astronom Louis Lagrange, nach dem die Lagrangepunkte benannt sind, \u00fcber die ich hier schon oft gesprochen habe, hat den Venusmond im Februar 1761 gesehen, aber danach gemeint, dass er sich vermutlich doch geirrt hat. Und in Kopenhagen gab es eine sehr interessante Beobachtungsreihe, die Christian Horrebrow und Peder Roedki\u00e6r durchgef\u00fchrt haben. Sie sahen den Venusmond gleich mehrmals im Laufe des Jahres und konnten auch sehen, dass er Phasen hat, wie die Venus selbst. Horrebrow hat den Mond auch in den Jahren nach dem Transit gesehen, das letzte Mal im Januar 1768 .<\/p>\n<p>Aus heutiger Sicht klingt das alles ein wenig komisch. Was war da los mit den Leuten? Entweder da ist ein Mond oder da ist keiner. Und wenn da einer ist, dann sieht man den entweder oder man sieht ihn nicht. Aber es ist halt nicht so einfach wie heute. Heute kann man ein Bild machen und das in Ruhe analysieren. Man kann eindeutig festellen, ob da jetzt ein Lichtpunkt neben der Venus ist oder nicht. Damals war das nicht m\u00f6glich; man hat nur die Augen gehabt um durch das Teleskop zu schauen und konnte keine dauerhaften Aufzeichnungen machen bzw. wenn, dann nur Zeichnungen. Und nur weil man einen Punkt neben der Venus sieht, muss das ja noch lange kein Mond sein. Dazu muss man lange genug beobachten und den Punkt immer und immer wieder neben der Venus sehen um sicher sein zu k\u00f6nnen, dass der potentielle Mond der Venus folgt und beispielsweise kein Hintergrundstern ist.<\/p>\n<p>Es war damals also viel leichter, sich zu t\u00e4uschen und genau darauf hat der \u00f6sterreichische Astronom Maximilian Hell im Jahr 1766 hingewiesen. Er ver\u00f6ffentlichte eine Arbeit, in der er zeigen konnte, dass ein helles Objekt wie die Venus eine Art von &#8222;Geisterbild&#8220; erzeugt. Wenn man auf die richtige &#8211; oder in dem Fall eher die falsche &#8211; Weise und in einem bestimmten Abstand durch ein Teleskop schaut, dann kann das helle Licht des Planeten eine Reflexion erzeugen, die auf das Auge f\u00e4llt und so aussieht wie ein Mond, mit den selben Phasen die die Venus gerade hat. <\/p>\n<p>Der Venusmond war also nur eine Illusion und damit k\u00f6nnte die Geschichte schon zu Ende sein. Ist sie aber nicht. Im 19. Jahrhundert konnte er &#8211; kurzfristig &#8211; ein Comeback feiern. Der belgische Astronom Jean-Charles Houzeau hat sich in den 1880er Jahren alle Daten nochmal genau angesehen und eine neue Idee gehabt. Was, wenn es gar kein Mond der Venus ist, den man da gesehen hat. Sondern ein noch unbekannter Planet, mit fast derselben Umlaufbahn wie die Venus? Wenn er eine Umlaufperiode von 283 Tagen hat, dann befindet er sich nur ein St\u00fcck au\u00dferhalb der Venusbahn und die beiden Planeten w\u00fcrden immer wieder scheinbar nahe am Himmel beieinander stehen, so das es von der aussieht, als w\u00e4re da ein Mond neben der Venus. Houzeau hat diesem neuen Planeten auch gleich einen Namen gegeben, n\u00e4mlich Neith, nach einer \u00e4gyptischen Kriegsg\u00f6ttin und dieser Name wurde dann nachtr\u00e4glich auch ganz allgemein f\u00fcr einen potentiellen Venusmond verwendet. &#8222;Die Schreckliche&#8220;, wie man diesen Namen \u00fcbersetzen kann, hatte aber kein langes Leben vor sich. Die Hypothese passt zwar zu den Daten, aber nur, wenn man sich &#8211; wie Houzeau es gemacht hat &#8211; die passenden Daten raussucht und die nicht passenden einfach ignoriert. Die belgische Akademie der Wissenschaften hat sich die Sache dann nochmal ganz genau angesehen und festgestellt, dass insbesondere die Beobachtungen, die damals in Kopenhagen gemacht worden sind, ganz einfach erkl\u00e4rt werden k\u00f6nnen. Die Venus stand zu den fraglichen Zeitpunkten in der N\u00e4he unterschiedlicher Sterne, die Horrebrow und Roedki\u00e6r nicht also solche erkannt haben. <\/p>\n<p>Optische T\u00e4uschungen, schlechte Teleskope und Fehler bei der Beobachtung: Am Ende geht die Geschichte des hypothetischen Venusmonds recht unspektakul\u00e4r zu Ende. Heute k\u00f6nnen wir mit Sicherheit sagen, dass unser Nachbarplanet ohne Mond ist. Spannend bleibt die Angelegenheit dennoch. Unsere Erde hat einen Mond, der Mars hat gleich zwei und die \u00e4u\u00dferen Planeten des Sonnensystems zum Teil mehr als hundert. Warum hat gerade die Venus, die doch der Erde ansonsten in Gr\u00f6\u00dfe und Masse so \u00e4hnlich ist, keinen Mond? Die Antwort darauf lautet: Das wissen wir nicht. Es gibt nat\u00fcrlich diverse Spekulationen: Vielleicht hatte die Venus einen Mond, aber die Gezeitenkr\u00e4fte zwischen den beiden haben dazu gef\u00fchrt, dass der Mond schon vor langer Zeit mit der Venus kollidiert ist? Vielleicht gab es in der Fr\u00fchzeit des Sonnensystems eine gro\u00dfe Kollision, die den Mond zerst\u00f6rt hat? Vielleicht waren die Bedingungen in der Umgebung der Venus nie so beschaffen, dass sich da ein Mond bilden h\u00e4tte k\u00f6nnen? Es gibt sogar die Hypothese, dass Merkur, der sonnenn\u00e4chste und kleinste Planet und so wie die Venus ebenfalls ohne Mond in Wahrheit fr\u00fcher der Mond der Venus war. Und irgendein katastrophales Ereignis in der Fr\u00fchzeit des Sonnensystems dazu gef\u00fchrt hat, dass er aus seiner Umlaufbahn geschleudert wurde.<\/p>\n<p>Das R\u00e4tsel des Venusmondes ist mittlerweile gel\u00f6st. Den gibt es nicht. Aber das viel gr\u00f6\u00dfere R\u00e4tsel der Nicht-Existenz des Venusmondes bleibt vorerst weiterhin ohne Antwort.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das ist die Transkription einer Folge meines Sternengeschichten-Podcasts. Die Folge gibt es auch als MP3-Download und YouTube-Video. Und den ganzen Podcast findet ihr auch bei Spotify. Mehr Informationen: [Podcast-Feed][Apple]Spotify][Facebook][Twitter] Wer den Podcast finanziell unterst\u00fctzen m\u00f6chte, kann das hier tun: Mit PayPal, Patreon oder Steady. \u00dcber Bewertungen und Kommentare freue ich mich auf allen Kan\u00e4len. 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