{"id":27596,"date":"2023-03-31T07:00:34","date_gmt":"2023-03-31T05:00:34","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2023\/03\/31\/sternengeschichten-folge-540-das-tychonische-weltmodell\/"},"modified":"2025-05-14T17:26:46","modified_gmt":"2025-05-14T15:26:46","slug":"sternengeschichten-folge-540-das-tychonische-weltmodell","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2023\/03\/31\/sternengeschichten-folge-540-das-tychonische-weltmodell\/","title":{"rendered":"Sternengeschichten Folge 540: Das Tychonische Weltmodell"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.at\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/SG_Logo.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-12938\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/SG_Logo-150x150-1.png\" alt=\"SG_Logo\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><i>Das ist die Transkription einer Folge meines <a href=\"https:\/\/sternengeschichten.podigee.io\/\">Sternengeschichten-Podcasts<\/a>. Die Folge gibt es auch als <a href=\"https:\/\/main.podigee-cdn.net\/media\/podcast_7374_sternengeschichten_episode_1060907_sternengeschichten_folge_540_das_tychonische_weltmodell.mp3?v=1680100669\">MP3-Download<\/a> und <a href=\"https:\/\/youtu.be\/0G379TqQxv0\">YouTube-Video<\/a>.<\/i> Und den ganzen Podcast findet ihr auch bei <b><a href=\"https:\/\/open.spotify.com\/show\/0ikLkbZTH9yjuwetyBheXX\">Spotify<\/a><\/b>.<\/p>\n<p><b>Mehr Informationen: [<a href=\"https:\/\/sternengeschichten.podigee.io\/feed\/mp3\">Podcast-Feed<\/a>][<a href=\"https:\/\/itunes.apple.com\/de\/podcast\/sternengeschichten\/id583344780\">iTunes<\/a>][<a href=\"https:\/\/bitlove.org\/astrodicticum\">Bitlove<\/a>][<a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/sternengeschichten\">Facebook<\/a>] [<a href=\"https:\/\/twitter.com\/@sternenpodcast\">Twitter<\/a>]<\/b><\/p>\n<p>Wer den Podcast finanziell unterst\u00fctzen m\u00f6chte, kann das hier tun: Mit <a href=\"https:\/\/www.paypal.me\/florianfreistetter\">PayPal<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.patreon.com\/sternengeschichten\">Patreon<\/a> oder <a href=\"https:\/\/steadyhq.com\/sternengeschichten\">Steady<\/a>.<\/p>\n<p><span style=\"font-size: xx-small;\">\u00dcber Bewertungen und Kommentare freue ich mich auf allen Kan\u00e4len.<\/span><br \/>\n<script class=\"podigee-podcast-player\" src=\"https:\/\/player.podigee-cdn.net\/podcast-player\/javascripts\/podigee-podcast-player.js\" data-configuration=\"https:\/\/sternengeschichten.podigee.io\/540-sternengeschichten-folge-540-das-tychonische-weltmodell\/embed?context=external&#038;token=WsOOp_RrIDMzMvuijkWSJQ\"><\/script><\/p>\n<hr>\n<p><strong>Sternengeschichten Folge 540: Das Tychonische Weltmodell<\/strong><\/p>\n<p>Wir wissen heute, dass sich die Erde in einer Umlaufbahn um die Sonne bewegt, genau so wie die anderen Planeten des Sonnensystems. Fr\u00fcher dachten die Menschen, es w\u00e4re umgekehrt: Die Erde w\u00e4re das Zentrum des Universums und Sonne und die anderen Himmelsk\u00f6rper w\u00fcrden sich um sie herum drehen. Den Wechsel von diesem geozentrischen Weltbild zum modernen heliozentrischen Bild haben wir der Arbeit von Nikolaus Kopernikus, Galileo Galilei und Johannes Kepler zu verdanken.<\/p>\n<p>Das ist alles richtig &#8211; aber es ist nicht die komplette Geschichte. Es gab auch lange vor Nikolaus Kopernikus schon Menschen, die davon \u00fcberzeugt waren, dass sich die Erde um die Sonne bewegt (zum Beispiel in der griechischen Antike). Kopernikus Modell des Sonnensystems war zwar revolution\u00e4r, hat die Beobachtungsdaten aber nicht dramatisch besser erkl\u00e4rt als das alte geozentrische Weltbild. Das lag daran, dass Kopernikus immer noch davon ausging, dass sich die Planeten auf Kreisbahnen bewegen und erst durch die Arbeit von Kepler und Newton bekam man ein realistisches Bild der Planetenbewegung. Aber davon habe ich ersten schon in fr\u00fcheren Sternengeschichten erz\u00e4hlt und zweitens soll es heute um etwas anderes gehen: Das Tychonische Weltmodell.<\/p>\n<p>Benannt ist es nach dem d\u00e4nischen Astronom Tycho Brahe, von dessen aufregenden Leben ich schon in Folge 167 ausf\u00fchrlich erz\u00e4hlt haben. Er lebte im 16. Jahrhundert und war der letzte gro\u00dfe Astronom, der noch ohne Teleskop gearbeitet hat. Seine Beobachtungen haben es seinem Sch\u00fcler Johannes Kepler erm\u00f6glicht, sein revolution\u00e4res Werk &#8222;Astronomia Nova&#8220; zu verfassen und die Bewegung der Planeten zu erkl\u00e4ren. Brahe hat Kometen beobachtet und gezeigt, dass sie sich weit au\u00dferhalb der Umlaufbahn des Mondes befinden, was damals eine durchaus bemerkenswerte Erkenntnis war. Damals gingen immer noch die meisten Menschen von der antiken Vorstellung aus, dass die Planeten an kristallenen Sph\u00e4ren montiert sind, die sich um die Erde drehen. Tycho Brahe konnte zeigen, dass Kometen sich durch diese Sph\u00e4ren hindurch bewegen m\u00fcssen; dass diese Sph\u00e4re also nicht existieren k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>Diese Arbeit und andere Beobachtungen brachten Brahe dazu, das geozentrische Weltbild im Laufe der Zeit immer kritischer zu sehen. Andererseits wollte er sich aber auch nicht von der Vorstellung der Erde als Mittelpunkt l\u00f6sen. Deswegen entwickelte er etwas, das man als eine Art Kompromiss verstehen kann: Ein geo-heliozentrisches Weltsystem, in der sich die Planeten zwar um die Sonne bewegen, die Erde aber trotzdem das Zentrum ist.<\/p>\n<figure id=\"attachment_36427\" aria-describedby=\"caption-attachment-36427\" style=\"width: 800px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.at\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Tychonian_system.svg_.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Tychonian_system.svg_-800x800-1.png\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"800\" class=\"size-medium wp-image-36427\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-36427\" class=\"wp-caption-text\"><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Tychonian_system.svg\">Bild: Fastfission, gemeinfrei<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p>Im Detail sieht das so aus: Die Erde ist der Mittelpunkt und der Mond bewegt sich um die Erde herum. Ebenfalls um die Erde bewegt sich die Sonne, so wie im geozentrischen System. Aber wie im heliozentrischen System bewegen sich Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn um die Sonne. Anders gesagt: Die Sonne, mitsamt den Planeten umkreist die Erde, die sich selbst nicht bewegt.<\/p>\n<p>Das klingt zuerst einmal unn\u00f6tig kompliziert. Die Erde in der Mitte oder auch die Sonne in der Mitte und alles andere bewegt sich rundherum: Das hat eine gewisse Eleganz. Aber quasi zwei Mittelpunkte &#8211; das klingt verwirrend. Aber die Idee von Tycho Brahe ist nicht so seltsam, wie sie auf den ersten Blick aussieht. Und es war \u00fcbrigens auch keine Idee, die nur Tycho Brahe hatte. Im 16. Jahrhundert gab es mehrere Menschen, die sich so ein Mischsystem vorgestellt haben. Zum Beispiel Nicolaus Reimers; der Vorg\u00e4nger von Tycho Brahe als kaiserlicher Hofmathematiker in Prag, der auch Kopernikus Werk ins Deutsche \u00fcbersetzt hat. Reimers Modell unterschied sich ein wenig von Brahes; bei Brahe stand die Erde zum Beispiel still, bei Reimers drehte sie sich um ihre Achse. Reimers hat Brahe aber auf jeden Fall vorgeworfen, die Idee von ihm geklaut zu haben, was der selbstverst\u00e4ndlich bestritt. Schon lange vor den beiden, im 6. Jahrhundert, hat der r\u00f6mische Gelehrte Martianus Capella ein Weltmodell vorgestellt in dem sich Venus und Merkur um die Sonne bewegen, die Sonne und der Rest der Planeten aber die Erde. Im fr\u00fchen 16. Jahrhundert hat der indische Astronom Nilakantha Somayaji ebenfalls ein Modell entwickelt, dass dem Tychonischen Weltmodell entspricht.<\/p>\n<p>Aber lassen wir jetzt mal die Streitigkeiten \u00fcber Priorit\u00e4ten und die diversen Variationen und Vorl\u00e4ufer weg und bleiben bei Tycho Brahes Weltmodell. Wenn man sich das ein wenig genauer anschaut, dann ist es n\u00e4mlich gar nicht so dumm, wie man denken w\u00fcrde. Man muss es sich aber mit den Augen der Menschen aus dem 17. Jahrhundert anschauen. Oder besser gesagt: Mit den Teleskopen des 17. Jahrhunderts. Die waren damals ja noch neu; Anfang des 17. Jahrhunderts war Galileo Galilei der erste, der so ein Ger\u00e4t an den Himmel gerichtet und damit Planeten und Sterne beobachtet hat. Dabei hat Galilei nat\u00fcrlich auch jede Menge Sterne gesehen. Aber nicht als die Lichtpunkte, die man bei der Beobachtung mit freiem Auge gew\u00f6hnt war. Die Sterne zeigten sich in Galileis Teleskop als kleine Scheibchen; unterschiedlich hell und unterschiedlich gro\u00df. Galileo Galilei ging davon aus, dass er hier die tats\u00e4chliche Form der Sterne sah. Und es eben gro\u00dfe Sterne gab, kleine Sterne, in unterschiedlichen Entfernungen und deswegen auch unterschiedlich hell. Eine prinzipiell vern\u00fcnftige Annahme, nur leider eine, von der wir heute wissen, dass sie falsch ist. <\/p>\n<p>Die Sterne sind so weit entfernt, dass wir auch in sehr gro\u00dfen Teleskopen nicht mehr sehen als Punkte. Und erst recht gilt das f\u00fcr das Teleskop, das Galilei damals benutzt hat. Dass er trotzdem Scheibchen gesehen hat, lag an diversen optischen Effekten. Ich hab das ausf\u00fchrlich in Folge 309 erkl\u00e4rt, als ich von den Airy-Scheiben gesprochen habe. <\/p>\n<figure id=\"attachment_36429\" aria-describedby=\"caption-attachment-36429\" style=\"width: 401px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Airy_disk_D65.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Airy_disk_D65.png\" alt=\"\" width=\"401\" height=\"401\" class=\"size-full wp-image-36429\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-36429\" class=\"wp-caption-text\">Airy-Scheibe (<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/File:Airy_disk_D65.png\">Bild: SiriusB, gemeinfrei<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Was man damals auch beobachten konnte: Die Himmelsk\u00f6rper scheinen sich definitiv um die Erde herum zu bewegen. Aber nicht so, wie sie es tun sollten, wenn die Erde im Mittelpunkt ist und alle anderen sich um sie drehen. Immer wieder hat man Planeten beobachtet, die &#8222;r\u00fcckl\u00e4ufig&#8220; sind. Das soll folgendes bedeuten: Schaut man sich zum Beispiel an, wo sich der Mars Nacht f\u00fcr Nacht am Himmel befindet, dann sieht man, wie er sich immer in die selbe Richtung bewegt. Irgendwann scheint er aber stehen zu bleiben und wandert dann f\u00fcr einige Zeit sogar r\u00fcckw\u00e4rts, bis er wieder die \u00fcbliche Richtung aufnimmt. Die Vertreter des geozentrischen Weltbildes haben dieses Verhalten durch Epizykel erkl\u00e4rt. Also angenommen, dass sich die Planeten nicht auf einer Kreisbahn um die Erde herum bewegen, sondern auf einer Kreisbahn, deren Mittelpunkt sich auf einer Kreisbahn um die Erde bewegt. In so einem Fall w\u00fcrde ein Planet tats\u00e4chlich immer wieder scheinbar vor- und r\u00fcckw\u00e4rts am Himmel wandern. <\/p>\n<p>Das Tychonische Weltbild hat diese Epizykel quasi gleich fix eingebaut. Die Planeten bewegen sich um die Sonne. Und die Sonne um die Erde herum. Auch hier findet man immer wieder r\u00fcckl\u00e4ufige Bahnen. <\/p>\n<p>Wo stehen wir jetzt, aus Sicht des 17. Jahrhunderts? Wir haben beobachtet, dass die Planeten sich r\u00fcckl\u00e4ufig bewegen k\u00f6nnen. Wir haben beobachtet, dass das Universum voller Sterne ist, in unterschiedlichen Entfernungen. Die erste Beobachtung legt nahe, dass sich Sonne mit den Planeten um die Erde herum bewegt. So wie es im tychonischen Weltbild beschrieben ist. Aber was ist mit der zweiten Beobachtung? Hier wird es ein wenig kompliziert<\/p>\n<p>Der Hauptunterschied zwischen dem heliozentrischen System und dem tychonischen Weltbild ist die Position der Erde. Im ersten Fall bewegt sich die Erde um die Sonne; im zweiten Fall ruht sie im Zentrum des Universums und dreht sich h\u00f6chstens um ihre eigene Achse. Das hab ich jetzt schon oft gesagt, aber dieser Unterschied ist wichtig, denn auch den Menschen damals war klar, was daraus folgt. W\u00e4re die Erde im Zentrum, dann w\u00fcrden sich die Sterne entweder auch um die Erde herum bewegen. Oder aber die Sterne w\u00e4ren irgendwo fix und w\u00fcrden sich nur scheinbar bewegen, weil die Erde sich dreht. Am Ende ist der Effekt der selbe; wenn die Erde sich aber um die Sonne bewegt, dann bedeutet das, das wir im Laufe eines Umlaufs, also eines Jahrs, aus unterschiedlichen Blickrichtungen auf die Sterne schauen. Und sich die scheinbare Position der n\u00e4heren Sterne vor dem Hintergrund der ferneren Sterne \u00e4ndern w\u00fcrde. Je nachdem von wo wir gerade schauen, sehen wir sie mal vor dem einen und mal dem anderen Hintergrund. Dieses Ph\u00e4nomen nennt man &#8222;Parallaxe&#8220; und auch dar\u00fcber habe ich schon oft in den Sternengeschichten gesprochen.<\/p>\n<p>Der relevante Punkt ist: Je weiter entfernt ein Stern ist, desto kleiner ist die scheinbare Bewegung. Wie gesagt, all das war den Menschen damals bekannt. Wenn man also keine Parallaxe bei den Sternen beobachten kann, dann bedeutet das entweder, dass die Sterne sehr, sehr weit entfernt und die scheinbare Bewegung zu klein ist, um sie beobachten zu k\u00f6nnen. Oder aber es hei\u00dft, dass es keine Parallaxe GIBT, weil die Erde sich nicht um die Sonne bewegt. Galileo Galilei war vom ersten Fall \u00fcberzeugt: Die Sterne sind alle weit weg und deswegen sehen wir keine Parallaxe; es gibt also keinen Widerspruch zum heliozentrischen Weltbild.<\/p>\n<figure id=\"attachment_36428\" aria-describedby=\"caption-attachment-36428\" style=\"width: 474px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Simon_marius.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Simon_marius.jpg\" alt=\"\" width=\"474\" height=\"599\" class=\"size-full wp-image-36428\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-36428\" class=\"wp-caption-text\">Simon Marius (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Datei:Simon_marius.jpg\">Bild: gemeinfrei<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Ein Zeitgenosse von Galilei war der deutsche Astronom Simon Marius, von dem ich in Folge 131 schon mehr erz\u00e4hlt habe. Er hat sich immer wieder Mal mit Galilei gestritten; unter anderem dar\u00fcber, wer die Jupitermonde als erster entdeckt hat. Heute wissen wir, dass es Galilei war; Marius war aber nur kurz dahinter und die Mondes des gr\u00f6\u00dften Planeten unabh\u00e4ngig von seinem italienischen Kollegen gefunden. Auch Marius hat die Sterne beobachtet; auch Marius hat die Scheibchen gesehen &#8211; kam aber zu ganz anderen Schl\u00fcssen als Galilei. Marius war der Meinung, dass die Sterne vergleichsweise nahe sein m\u00fcssen, wenn man sie als Scheibchen im Teleskop sehen kann. Au\u00dferdem sah er, dass nicht alle Himmelsk\u00f6rper sich direkt um die Sonne bewegen m\u00fcssen; die Jupitermonde kreisen um Jupiter und mit ihm gemeinsam um die Sonne. Wenn die Sterne also nahe sind, dann m\u00fcsste man eine Parallaxe sehen k\u00f6nnen, wenn sich tats\u00e4chlich die Erde um die Sonne herum bewegt. Wir sehen aber keine Parallaxe; wir sehen stattdessen, dass es auch Bewegungen gibt, bei denen nicht die Erde im Mittelpunkt ist. Die naheliegende Schlussfolgerung: Die Planeten bewegen sich um die Sonne und die Sonne um die Erde herum.<\/p>\n<p>Aus Sicht des fr\u00fchen 17. Jahrhunderts war das tychonische Weltbild also eine durchaus plausible Angelegenheit. Simon Marius hat mit seiner Argumentation genaugenommen Recht gehabt, wenn auch aus den falschen Gr\u00fcnden. Und auch Galilei hatte Recht, ebenfalls aus den falschen Gr\u00fcnden. Beiden fehlte das n\u00f6tige Wissen zur Optik, um zu verstehen, warum Sterne in einem Teleskop als Scheibchen zu sehen sind und zu verstehen, dass das nichts mit dem Abstand oder dem realen Aussehen der Sterne zu tun haben, sondern einfach mit den optischen Eigenschaften eines Teleskops.<\/p>\n<p>Erst die Arbeit von Johannes Kepler und Isaac Newton hat gezeigt, wie man das heliozentrische Modell brauchbar verwenden kann, um die Bewegung der Planeten zu verstehen. Und genaugenommen hat erst der Astronom Friedrich Wilhelm Bessel jeden Zweifel beseitigt, als es ihm 1838 als erstem gelungen ist, die Parallaxe eines Sterns und damit seine Entfernung zu messen. Die Sterne waren tats\u00e4chlich weit entfernt; viel weiter als man dachte und es war daher auch keine \u00dcberraschung, dass Galilei und seine Zeitgenossen keine Chance hatten, diese Parallaxe zu beobachten. <\/p>\n<p>Das Tychonische Weltbild mag auf den ersten Blick absurd erscheinen; als eine unn\u00f6tig komplizierte Konstruktion, die nur geschaffen wurde, weil ein paar halstarrige alte Astronomen den Fortschritt nicht akzeptieren wollten. Aber diese Ansicht verkennt, dass man die Dinge immer Licht ihrer Zeit betrachten muss. Und wenn es nachdem geht, was die Menschen damals mit den vorhandenen technischen Mitteln herausfinden konnten, dann war das Tychonische Modell eine gute Beschreibung der Realit\u00e4t und, wenn man so will, fast besser als das heliozentrische Weltbild. Dass wir heute mehr wissen als in der Vergangenheit kann man den Leuten im 17. 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