{"id":27242,"date":"2008-06-19T00:11:23","date_gmt":"2008-06-18T22:11:23","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2008\/06\/19\/homoopathiepropagande-in-der-qualitatszeitschrift\/"},"modified":"2008-06-19T00:11:23","modified_gmt":"2008-06-18T22:11:23","slug":"homoopathiepropagande-in-der-qualitatszeitschrift","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2008\/06\/19\/homoopathiepropagande-in-der-qualitatszeitschrift\/","title":{"rendered":"Hom\u00f6opathie-Propaganda in der Qualit\u00e4tszeitung"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2008\/06\/medikamente-aus-hundekot.php\">Vor ein paar Tagen erst<\/a> habe ich dar\u00fcber geschrieben, dass in der \u00d6ffentlichkeit meist nur die &#8222;serl\u00f6se&#8220; Seite der Hom\u00f6opathie pr\u00e4sentiert und die abergl\u00e4ubisch-r\u00fcckst\u00e4ndige Wirklichkeit gerne ausgeblendet wird. Und heute reisst mich dieser Artikel im \u00f6sterreichischen <i>Standard<\/i> vom Hocker: &#8222;<a href=\"https:\/\/derstandard.at\/?url=\/?id=3382069\">Mit ein paar Fl\u00e4schen selbst heilen<\/a>&#8222;. Darin wird die Hom\u00f6opathin <i>Birgit Kapfinger-Bruckner<\/i> interviewt und gibt Tipps zur Zusammenstellung einer hom\u00f6opathischen Reiseapotheke. Und das ohne jegliche kritische Betrachtung! (auch das <a href=\"https:\/\/blog.esowatch.com\/index.php?itemid=64\">EsoBlog<\/a> berichtet dar\u00fcber)<\/p>\n<p>Der <i>Standard<\/i> war mir eigentlich aus jahrelanger Leseerfahrung immer als eine der wenigen qualitativ hochwertigen \u00f6sterreichischen Zeitungen bekannt. Dieser Artikel l\u00e4sst mich jetzt aber an meinem Urteil zweifeln. <\/p>\n<p>Alleine schon die Einleitung zeigt, wohin es gehen wird:<\/p>\n<blockquote>\n<p><i>&#8222;Die hom\u00f6opathische Reiseapotheke be\u00adhandelt nicht Erkrankungen<br \/>\nsondern heilt individuell: wie man das im Urlaub selbst angeht, erkl\u00e4rt<br \/>\nBirgit Kapfinger im Interview&#8220;<\/i><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Von Anfang an wird kritiklos davon ausgegangen, das Hom\u00f6opathie &#8222;heilt&#8220;. Der Rest des Interviews verl\u00e4uft \u00e4hnlich:<\/p>\n<blockquote>\n<p><i><b>derStandard.at:<\/b> Macht es bei all der Individualit\u00e4t \u00fcberhaupt<br \/>\nSinn eine fertig geschn\u00fcrte hom\u00f6opathische Reiseapotheke in den Urlaub<br \/>\nmitzunehmen?<\/i><\/p>\n<p><i><b>Kapfinger:<\/b> Ja, wenn man die beschriebenen<br \/>\nBeschwerden hat auf jeden Fall. Es ist sinnvoll etwas in der Hand zu<br \/>\nhaben, da es auch klare Indikationen gibt. Wie zum Beispiel f\u00fcr Apis.<br \/>\nDas Gift der Biene hilft sicher gegen Bienenstiche. Oder Nux vomica,<br \/>\ndie Brechnuss: Sie ist ein Muss f\u00fcr alle Arten von \u00dcberessen,<br \/>\n\u00dcberfeiern und \u00dcberkonsum, aber auch bei verdorbenen Speisen.<\/i><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>&#8222;Das Gift der Biene hilft sicher gegen Bienenstiche&#8220;&#8230; Hier geht es wieder mal um das unlogische \u00c4hnlichkeitsprinzip der Hom\u00f6opathie &#8211; gleiches wird angeblich mit gleichem geheilt. Nat\u00fcrlich wird aber nicht das Bienengift an sich eingenommen sondern nur eine &#8222;potenzierte&#8220; &#8211; also bis zur Unkenntlichkeit verd\u00fcnnte &#8211; L\u00f6sung dieses Gift das auf unerkl\u00e4rbare Weise die &#8222;Informationen&#8220; des Bienengifts aufgenommen haben soll.<\/p>\n<p>Vermutlich hat die Interviewerin (Andrea Niemann) diese Frage f\u00fcr ausreichend kritisch gehalten:<\/p>\n<blockquote>\n<p><i><b>derStandard.at:<\/b> K\u00f6nnen falsch eingenommene Globuli auch eine sch\u00e4dliche Wirkung haben?<\/i><\/p>\n<p><i><b>Kapfinger:<\/b><br \/>\nGrunds\u00e4tzlich nein, weil es dann nur eine Leerinformation darstellt,<br \/>\ndie nichts bewirken kann. Die einzige Ausnahme ist Hartn\u00e4ckigkeit:<br \/>\nNehme ich dreimal t\u00e4glich \u00fcber drei Tage Medikamente die nicht wirken,<br \/>\ndann setzt man viele Reize und man macht ungewollt eine<br \/>\nArzneimittelpr\u00fcfung durch.<\/i><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Klar, dass hom\u00f6opathische Mittel keine Nebenwirkungen haben &#8211; sie haben ja auch keine eigentliche Wirkung&#8230;.<\/p>\n<p>Und sch\u00f6n seri\u00f6s-medizinisch endet der Artikel auch:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;<i><b>Die richtige Dosierung<\/b><\/i><br \/><span id=\"leadtxt\"><span id=\"ct_203\"><\/p>\n<p><i><br \/>\nDie empfohlene St\u00e4rke\/ Potenz aller angef\u00fchrten Arzneien ist die C30.<br \/>\nDies ist eine im Akutfall schnell wirkende, kr\u00e4ftige Potenz.<\/i><\/p>\n<p><i><br \/>\n Nach der Einnahme von 5 K\u00fcgelchen (Globuli) sollte im Idealfall eine rasche Besserung eintreten.<\/i><\/p>\n<p><i><\/p>\n<p>L\u00e4\u00dft die Wirkung nach, kann die Gabe wiederholt werden, wenn das Beschwerdebild noch immer gleich ist. <\/i><\/p>\n<p><i><br \/>\nC30 kann 3mal t\u00e4glich eingenommen werden. Eine zu h\u00e4ufige Wiederholung<br \/>\nist nicht sinnvoll. Es soll immer die Wirkung einer Gabe abgewartet und<br \/>\nausgesch\u00f6pft werden.&#8220;<\/i><\/p>\n<p><\/span><\/span><\/p><\/blockquote>\n<p>Will jemand wissen, was &#8222;C30&#8220; bedeutet? Das heisst, der Ausgangsstoff wurde 30 mal auf ein hundertstel verd\u00fcnnt. Das entspricht einem Teil Grundstoff und 100<sup>30<\/sup> (=10<sup>60<\/sup>) Teilen L\u00f6sungsmittel! 10<sup>60<\/sup> ist eine verdammt gro\u00dfe Zahl! So gro\u00df, dass einem kaum ein vern\u00fcnftiger Vergleich dazu einf\u00e4llt. F\u00fcr die Globuli-Herstellung m\u00fcsste man z.B. ein Gramm Bienengift mit 10<sup>60 <\/sup>Gramm Milchzucker mischen. Das ist etwa das eine Billion mal einer Billion mal Zehntausend-fache des Gewichts der Erde! Man kann also absolut sicher sein, dass sich in den Globulis absolut kein Wirkstoff mehr befindet. Das, was die Hom\u00f6opathen als Globulis verkaufen, sind reine Milchzuckerk\u00fcgelchen ohne Wirkung (bzw. h\u00f6chstens mit der Wirkung eines Placebos). <\/p>\n<p>Im Artikel des <i>Standards<\/i> wird dar\u00fcber aber kein Wort verloren. Es existiert nur ein Link mit dem Titel: <span id=\"leadtxt\"><span id=\"ct_203\"><\/span><\/span><a href=\"https:\/\/derstandard.at\/?id=3382021\">Wissen &#8211; das Prinzip der Hom\u00f6opathie<\/a>. Dort findet man in gleicher unkritischer Weise die hom\u00f6opathische Lehre pr\u00e4sentiert:<\/p>\n<blockquote><p><i>&#8222;Die Hom\u00f6opathie ist eine \u00e4rztliche Heilkunst (&#8230;)&#8220;<\/i><\/p><\/blockquote>\n<p>So geht es gleich mal los&#8230;<\/p>\n<blockquote><p><i>&#8222;Sie verwendet Arzneimittel, die aus dem Tier-, Pflanzen- und Mineralreich stammen.&#8220;<\/i><\/p><\/blockquote>\n<p>\u00dcber die <a href=\"https:\/\/www.scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2008\/06\/medikamente-aus-hundekot.php\">absurden Zutaten der hom\u00f6opathischen Mittelchen<\/a> habe ich ja schon vor ein paar Tagen geschrieben.<\/p>\n<blockquote><p><i>&#8222;Die Arzneien werden in sogenannten Arzneimittelpr\u00fcfungen an gesunden<br \/>\nMenschen, die probeweise die Substanz eingenommen haben, getestet&#8220;<\/i><\/p><\/blockquote>\n<p>Auch die Absurdit\u00e4t der&nbsp; Arzneimittelpr\u00fcfungen, bei denen anhand von Tr\u00e4umen und anderen seltsamen Effekten die Wirksamkeit der Mittel bestimmt wird, habe ich im letzten Artikel schon dargestellt. <\/p>\n<p>Und am Schluss des &#8222;Wissen&#8220;-Artikels wird nochmal sch\u00f6n der Mythos der &#8222;sanften, nat\u00fcrlichen Alternative&#8220; zementiert:<\/p>\n<blockquote><p><i>&#8222;Die Hom\u00f6opathie ist ein zutiefst humaner Zugang zum menschlichen Leiden<br \/>\nund h\u00f6chst wirkungsvoll. Ganzheitlich betrachtet ist Heilung ein<br \/>\nEntwicklungs- und Reifungsprozess. Die sanften, kleinen und passenden<br \/>\nReize der Hom\u00f6opathie helfen dabei&#8220;<\/i><\/p><\/blockquote>\n<p>Und die allerletzte Zeile des Beitrags erkl\u00e4rt dann auch das Fehlen jeglicher Kritik (oder Vernunft): <\/p>\n<blockquote><p><i>&#8222;<\/i><span id=\"leadtxt\"><span id=\"ct_203\"><i>Der Text wurde von Birgit Kapfinger-Bruckner<br \/>\nzur Verf\u00fcgung gestellt.&#8220;<\/i><\/span><\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span id=\"leadtxt\"><span id=\"ct_203\">Ja &#8211; wenn die Hom\u00f6opathin selbst ihre Disziplin vorstellen kann, dann ist so ein einseitiges Bild nicht verwunderlich.<\/p>\n<p>Ich bin wirklich entt\u00e4uscht vom <i>Standard<\/i>. An die weitesgehend unkritische Betrachtung der Hom\u00f6opathie in der \u00d6ffentlichkeit habe ich mich ja leider schon gew\u00f6hnt. Aber von einer Qualit\u00e4tszeitung mit einem guten Ruf h\u00e4tte ich mir doch etwas anderes erwartet. Ein Minimum an Recherche h\u00e4tte zumindest zu der Erkenntnis f\u00fchren m\u00fcssen, dass Hom\u00f6opathie nicht so unumstritten ist, wie es die Hom\u00f6opathen gerne darstellen. <\/p>\n<p>Dieser Artikel ist einer Qualit\u00e4tszeitung absolut nicht w\u00fcrdig! Ich werde mal probieren, ob ich vom Standard eine Reaktion zu diesem Thema bekommen kann &#8211; es w\u00fcrde mich wirklich interessieren, wie dieser Artikel entstanden ist<\/p>\n<p><b>(Nachtrag vom 22. Juni: Es gibt bis jetzt keine Reaktion vom Standard.)<\/b><br \/><\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor ein paar Tagen erst habe ich dar\u00fcber geschrieben, dass in der \u00d6ffentlichkeit meist nur die &#8222;serl\u00f6se&#8220; Seite der Hom\u00f6opathie pr\u00e4sentiert und die abergl\u00e4ubisch-r\u00fcckst\u00e4ndige Wirklichkeit gerne ausgeblendet wird. 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