{"id":27234,"date":"2008-06-14T16:12:08","date_gmt":"2008-06-14T14:12:08","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2008\/06\/14\/der-stern-zum-wochenende-nemesis\/"},"modified":"2025-05-14T17:23:59","modified_gmt":"2025-05-14T15:23:59","slug":"der-stern-zum-wochenende-nemesis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2008\/06\/14\/der-stern-zum-wochenende-nemesis\/","title":{"rendered":"Der Stern zum Wochenende: Nemesis"},"content":{"rendered":"<p>Nemesis ist ein Stern, den es eigentlich gar nicht gibt. Besser gesagt: man wei\u00df nicht, ob es ihn gibt oder nicht. Einige Wissenschaftler vermuten n\u00e4mlich das unsere Sonne in Wirklichkeit ein Doppelstern ist. <\/p>\n<p><font style=\"font-size: 1.25em;\"><b>Artensterben und unbekannte Sterne<\/b><\/font><\/p>\n<p>Anfang der achtziger Jahre ver\u00f6ffentlichten die Pal\u00e4ontologen David Raup und John Sepkoski eine Arbeit mit dem Titel &#8222;<a href=\"https:\/\/adsabs.harvard.edu\/abs\/1982Sci...215.1501R\">Mass Extinctions in the Marine Fossil Record<\/a>&#8222;. Darin untersuchten sie die zeitliche Verteilung pr\u00e4historischer Massensterben auf der Erde. Sie fanden, dass in der Vergangenheit der Erde schon 12 gro\u00dfe Massensterben stattfanden. Und zwar nicht zu beliebigen Zeitpunkten sondern immer in einem zeitlichen Abstand von etwa 26 Millionen Jahren!<\/p>\n<p>Zwei Jahre zuvor ver\u00f6ffentlichte Luis Alvarez gemeinsam mit seinem Vater Walter, Frank Asaro und Helen Michel seine ber\u00fchmte Untersuchung \u00fcber das Aussterben der Dinosaurier. In ihrem Artikel &#8222;<a href=\"https:\/\/www.sciencemag.org\/cgi\/content\/abstract\/sci;208\/4448\/1095?maxtoshow=&amp;HITS=10&amp;hits=10&amp;RESULTFORMAT=&amp;andorexacttitleabs=and&amp;andorexactfulltext=and&amp;searchid=1&amp;FIRSTINDEX=0&amp;volume=208&amp;firstpage=1095&amp;resourcetype=HWCIT\">Extraterrestrial Cause for the Cretaceous Tertiary Extinction<\/a>&#8220; wiesen sie nach, dass das Massensterben vor etwa 65 Millionen Jahren dem die Dinosaurier zum Opfer fielen auf den Einschlag eines Asteroiden zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. <\/p>\n<p>Es lag also nahe, solche Ereignisse auch f\u00fcr die anderen Massensterben verantwortlich zu machen. Im Laufe der Zeit fand man auch passende Impaktsrukturen die zeitlich mit den Massensterben \u00fcbereinstimmten. Das folgende Bild habe ich auf einer Konferenz bei einem <a href=\"https:\/\/www.astrometrica.at\/MACE\/abstracts.html#Koeberl\">Vortrag von Christian K\u00f6berl<\/a> gemacht (einer der gro\u00dfen Experten auf dem Gebiet der Impaktforschung):<\/p>\n<form contenteditable=\"false\" mt:asset-id=\"1710\" class=\"mt-enclosure mt-enclosure-image\" style=\"display: inline;\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/i-897fd6bb517872c8a7619268c9cbee81-impacts.jpg\" alt=\"i-897fd6bb517872c8a7619268c9cbee81-impacts.jpg\" \/><\/form>\n<p>Man sieht deutlich, dass in periodischen Abst\u00e4nden eine sehr gro\u00dfe Zahl an (marinen) Lebewesen ausgel\u00f6scht wurde. Die roten Punkten zeigen Krater an, die zeitlich mit dem Aussterben der Tiere \u00fcbereinstimmen. Allerdings existieren nur beim sg. &#8222;K\/T-Ereignis&#8220; (benannt nach der geologischen \u00dcbergangsschicht zwischen Kreide und Terti\u00e4r) &#8211; dem Aussterben der Dinosaurier &#8211; gen\u00fcgend klare Belege um einen eindeutigen Zusammenhang mit dem Einschlag des Chixulub-Asteroiden auf der Halbinsel Yucatan in Mexiko herzustellen. <\/p>\n<p>Raup und Sepkoski stellten die Hypothese auf, dass alle Massensterben urs\u00e4chlich auf Asteroideneinschl\u00e4ge zur\u00fcckzuf\u00fchren sind. Aber was k\u00f6nnte der Grund daf\u00fcr sein, dass Asteroiden im Abstand von 26 Millionen Jahren auf der Erde einschlagen? <br \/>Wenn unsere Sonnen einen Begleiter h\u00e4tte, einen anderen Stern, der sich gro\u00dfer Entfernung befindet aber trotzdem noch gravitativ an unser Sonnensystem gebunden ist, k\u00f6nnte das eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung sein! Dieser Stern w\u00fcrde auf seiner Bahn regelm\u00e4\u00dfig den \u00e4u\u00dferen Bereichen unseres Planetensystems nahe kommen. Dort befindet sich die sg. <i>Oortsche Wolke<\/i>. Diese &#8222;Wolke&#8220; besteht aus Unmengen von kleinen und gro\u00dfen Gesteinsbrocken und umgibt unser Sonnensystem kugelf\u00f6rmig in einem Abstand von bis zu etwa 1,5 Lichtjahren. Wenn nun ein Stern nahe an diese Wolke kommt, k\u00f6nnen seine gravitativen St\u00f6rungen daf\u00fcr sorgen, dass sich einige dieser Asteroiden aus der Oortschen Wolke in die innerern Bereiche unseres Sonnensystems bewegen und dort dann auch in die N\u00e4he der Planeten bzw. der Erde kommen und schlu\u00dfendlich mit ihr kollidieren.<\/p>\n<p><font style=\"font-size: 1.25em;\"><br \/><b>Wo ist Nemesis?<\/b><\/font><\/p>\n<p>Diesen hypothetischen Sonnenbegleiter nannte man Nemesis. Aber ausser den periodischen Abst\u00e4nden zwischen den pr\u00e4historischen Massensterben gab es keine weiteren Hinweise auf seine Existenz. Und m\u00fcsste man einen Stern, der sich so nahe an der Sonne befindet, eigentlich nicht l\u00e4ngst entdeckt haben?<\/p>\n<p>Nicht zwingenderma\u00dfen. Nat\u00fcrlich kann Nemesis kein gro\u00dfer bzw. heller Stern sein. Aber ein kleiner Stern oder gar ein brauner Zwerg k\u00f6nnte durchaus noch unentdeckt sein. Der Himmel ist ziemlich gro\u00df &#8211; und wenn man auf einer Aufnahme einen schwachen Stern sieht kann man auf den ersten Blick nicht wirklich sagen, ob es sich um einen nahen, lichtschwachen oder einen fernen, leuchtstarken Stern handelt. Es ist also durchaus im Bereich des M\u00f6glichen, dass es noch einen unentdeckten Stern in unmittelbarer N\u00e4he der Sonne gibt. <br \/>Aus den Informationen, die man durch die Periodizit\u00e4t der Massensterben ableiten kann, ergibt sich, dass die Bahn von Nemesis eine sehr langgestreckte Ellipse sein muss (die Exzentrizit\u00e4t betr\u00e4gt etwa 0,7) die eine gro\u00dfe Halbachse von etwa 100000 Astronomischen Einheiten hat (also 100000 mal l\u00e4nger als der Abstand zwischen Erde und Sonne). Es existieren auch noch andere Modelle mit etwas anderen Parametern &#8211; fest steht jedenfalls, das Nemesis, wenn sie den existiert eine stark elliptische Bahn haben muss. <\/p>\n<p>Die Chancen, dass Nemesis tats\u00e4chlich existiert ist gering &#8211; aber die M\u00f6glichkeit besteht! Neue Teleskop-Systeme zur Himmelsdurchmusterung wie z.B. <a href=\"https:\/\/pan-starrs.ifa.hawaii.edu\/public\/home.html\">Pan-STARRS<\/a> (Panoramic Survey Telescope And Rapid Response System) oder <a href=\"https:\/\/www.lsst.org\/lsst_home.shtml\">LSST<\/a> (Large Synoptic Survey Telescope) k\u00f6nnten Nemesis finden, wenn sie denn existiert.<\/p>\n<p>Allerdings ist mittlerweile l\u00e4ngst nicht mehr sicher, dass wirklich Asteroideneinschl\u00e4ge f\u00fcr <i>alle<\/i> Artensterben verantwortlich sind. Man konnte im Laufe der Zeit auch viele andere Mechanismen identifizieren, die Massensterben verursachen. <a href=\"https:\/\/www.seedmagazine.com\/news\/2008\/04\/suspending_life.php\">Gewaltige Vulkanausbr\u00fcche und Schwefelwasserstoffproduzierende Bakterien<\/a> k\u00f6nnen genauso gef\u00e4hrlich sein wie Asteroiden. Auch gro\u00dfe stellare Explosionen (&#8222;<a href=\"https:\/\/www.scienceblogs.de\/planeten\/2008\/06\/glast-auf-der-suche-nach-den-grossten-explosionen.php\">Gamma-Ray-Bursts<\/a>&#8222;) weit entfernt von unserem Sonnensystem haben in der Vergangenheit vielleicht Massensterben verursacht.<\/p>\n<p>Das Universum ist also auf jeden Fall ein gef\u00e4hrlicher Platz &#8211; auch wenn keine unentdeckte Nemesis um unsere Sonne kreist.<br \/><font style=\"font-size: 0.8em;\"><\/p>\n<hr>\n<p>P.S. Nicht wundern, wenn dieser Beitrag dem entsprechenden <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Nemesis_%28Stern%29\">Artikel in der Wikipedia<\/a> \u00e4hnelt. Den Wikipediaartikel habe ich n\u00e4mlich letztes Jahr gemeinsam mit einigen Studenten im Rahmen einer Vorlesung selbst erstellt. Hier kann man sich ausnahmsweise einmal sicher sein, das dort nicht allzuviel Bl\u00f6dsinn steht \ud83d\ude09<\/font> <\/p>\n<div><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nemesis ist ein Stern, den es eigentlich gar nicht gibt. Besser gesagt: man wei\u00df nicht, ob es ihn gibt oder nicht. Einige Wissenschaftler vermuten n\u00e4mlich das unsere Sonne in Wirklichkeit ein Doppelstern ist. 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