{"id":27189,"date":"2008-05-16T19:20:27","date_gmt":"2008-05-16T17:20:27","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2008\/05\/16\/der-stern-zum-wochenende-psr-b191921\/"},"modified":"2025-05-14T17:23:54","modified_gmt":"2025-05-14T15:23:54","slug":"der-stern-zum-wochenende-psr-b191921","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2008\/05\/16\/der-stern-zum-wochenende-psr-b191921\/","title":{"rendered":"Der Stern zum Wochenende: PSR B1919+21"},"content":{"rendered":"<p>PSR B1919+21 ist nicht unbedingt ein sch\u00f6ner Name. Das Objekt, dass sich dahinter verbirgt ist daf\u00fcr umso interessanter. Es handelt sich um einen <em>Pulsar<\/em> und zwar den allerersten, der \u00fcberhaupt entdeckt wurde. Und damals verwechselte man die Signale dieses Pulsars sogar kurz mit einer Nachricht von Au\u00dferirdischen.<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\nPSR B1919+21 ist ein Pulsar. So nennt man schnell rotierenden Neutronensterne. Ein Neutronenstern ist ein sehr seltsames Objekt. Ich habe <a href=\"https:\/\/www.scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2008\/05\/jungste-supernova-in-unserer-galaxie-entdeckt.php\">letztens schon beschrieben<\/a>, wie das Leben eines Stern in einer Supernova endet. Das, was von diesem Stern nach der Supernova noch \u00fcbrig bleibt ist ein Neutronenstern (wenn der urspr\u00fcngliche Stern sehr massiv war, dann kollabiert der Neutronenstern auch noch und es entsteht ein schwarzes Loch). Dieses Objekt besteht aus extrem verdichteter Materie. Ein Neutronenstern ist etwa 1.44 bis 3 mal so schwer wie unsere Sonne &#8211; hat aber nur einen Durchmesser von 20 km! Die Dichte eines Neutronensterns ist mit der in einem Atomkern vergleichbar (Neutronensterne werden oft auch als gigantische Atomkerne beschrieben). <\/p>\n<p>Neutronensterne rotieren extrem schnell. Da der Stern so schnell so stark schrumpft, tritt der gleiche Effekt auf wie bei einem Eiskunstl\u00e4ufer der eine Pirouette dreht: zieht er die Arme an, dreht er sich schneller. Neutronensterne drehen sich im allgemeinen mehrmals pro Sekunde um ihre eigene Achse. Sie haben auch \u00e4u\u00dferst starke Magnetfelder. Entlang der Magnetfeldlinien gibt der Neutronenstern elektromagnetische Strahlung ab (meistens sind das Radiowellen). Man kann sich das ein bisschen so wie einen Leuchtturm vorstellen: der Stern dreht sich und strahlt dabei Radiowellen ab. Der &#8222;Lichtkegel&#8220; \u00fcberstreicht dabei in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden die Erde und wir beobachten eine pulsierende Radioquelle. Diese Objekte nennt man Pulsare. Das folgende Bild ( (c) NASA und ESA) zeigt den zentralen Pulsar im Krebsnebel. Man erkennt gut, wie der rotierende Pulsar mit seinem Magnetfeld die Gase des Nebels &#8222;umr\u00fchrt&#8220;:<\/p>\n<form contenteditable=\"false\" mt:asset-id=\"1229\" class=\"mt-enclosure mt-enclosure-image\" style=\"display: inline;\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/i-661a3870c44f4dd6eb606bb127ef9738-crab.jpg\" alt=\"i-661a3870c44f4dd6eb606bb127ef9738-crab.jpg\" \/><\/form>\n<p>Der erste Pulsar wurde am 28. November 1967 entdeckt. Jocelyn Bell, eine Doktorandin und Antony Hewish (ihr Doktorvater) waren auf der Suche nach Radioquellen. Eine dieser Quellen &#8211; PSR B1919+21 &#8211; zeigte dabei ein sehr seltsames Verhalten denn die Radiopulse erfolgten extremst regelm\u00e4\u00dfig! Bell und Hewish vermuteten daher zuerst einen k\u00fcnstlichen Ursprung dieser Signale &#8211; und da sich die Quelle erwiesenerma\u00dfen ausserhalb des Sonnensystems befand lag die Vermutung nahe, dass es sich um Signale von Au\u00dferirdischen handelte. Intern wurde das Objekt daher auch als LGM 1 (&#8222;Little Green Man 1&#8220;) bezeichnet. Diese Vermutung konnte aber bald widerlegt werden: wenn das Signal von Au\u00dferirdischen stammte, dann w\u00fcrde es sehr wahrscheinlich von der Oberfl\u00e4che eines Planeten abgestrahlt werden.Und da dieser Planet (so wie die Erde) um einen Stern rotieren w\u00fcrde, m\u00fcsste man eine periodische spektrale Verschiebung des Signals feststellen (Doppler Effekt). Die konnte aber nicht gemessen werden. Sp\u00e4ter wiesen Thomas Gold und Franco Pacini nach, dass es sich dabei um einen rotierenden Neutronenstern handeln muss.<\/p>\n<p>Pulsare sind heute eine wichtige Informationsquelle f\u00fcr Astrophysiker. Die Tatsache, dass sie ihre Pulse periodisch abgeben l\u00e4sst eine Reihe von interessanten Beobachtungen zu. Durch Abweichungen von dieser Periodizit\u00e4t konnte beispielsweise berechnet werden, dass manche Pulsare von Planeten umkreist werden! Um den Pulsar <a href=\"https:\/\/exoplanet.eu\/star.php?st=PSR+1257%2B12\">PSR 1257+12<\/a> kreisen etwa drei bekannte Planeten. In so einem Fall lassen sich sogar sehr kleine Planeten finden; 2 dieser Planeten sind in etwa 4 mal so schwer wie die Erde; der dritte hat sogar nur 0.02 Erdmassen. Und man vermutet in diesem System sogar noch ein viertes Objekt, dass nur 1000 km durchmi\u00dft und deutlich kleiner ist als Pluto &#8211; also eigentlich kein Planet mehr sonder ein Asteroid! (Die Planeten um PSR 1257+12 wurden \u00fcbrigens 1992 entdeckt; 3 Jahre vor der &#8222;ersten&#8220; Entdeckung eines extrasolaren Planeten um einen Hauptreihenstern). <\/p>\n<p>Pulsare sind auch eine M\u00f6glichkeit die G\u00fcltigkeit der allgemeinen Relativit\u00e4tstheorie zu \u00fcberpr\u00fcfen. Das System <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/PSR_1913%2B16\">PSR 1913+16<\/a> besteht aus 2 Pulsaren, die einander umkreisen. Die Periode ihrer Pulse nimmt dabei st\u00e4tig ab. Das l\u00e4\u00dft sich durch die Abstrahlung von Gravitationswellen gem\u00e4\u00df der allgemeinen Relativit\u00e4tstheorie erkl\u00e4ren. <\/p>\n<p>Und erst vor einigen Tagen wurde ein Pulsar entdeckt, der sich besonders r\u00e4tselhaft verh\u00e4lt. J1903+0327 ist <strike>der bisher am schnellsten rotierende<\/strike> einer der am schnellsten rotierenden Pulsare (er dreht sich etwa 500 mal pro Sekunde um sich selbst!) Er umkreist dabei einen anderen Stern &#8211; und normalerweise w\u00fcrde man erwarten dass er das auf einer ziemlich kreisf\u00f6rmigen Bahn macht (das liegt an der Wirkung der Gezeitenkr\u00e4fte). J1903+0327 hat aber eine sehr elliptische Bahn. Man vermutet daher, dass in diesem System eventuell noch ein dritter Stern involviert ist, den man bis jetzt noch nicht beobachten konnte.<\/p>\n<p>Antony Hewish bekam \u00fcbrigens 1974 f\u00fcr die Entdeckung von PSR B1919+21 den Nobelpreis f\u00fcr Physik verliehen. Seine Doktorandin Jocelyn Bell ging &#8211; ungerechterweise &#8211; leer aus.<\/p>\n<p><font style=\"font-size: 1.25em;\"><b>Weiterf\u00fchrende Informationen:<\/b><\/font><\/p>\n<ul>\n<li>Jocelyn Bell <a href=\"https:\/\/www.bigear.org\/vol1no1\/burnell.htm\">beschreibt die Entdeckung<\/a> von PSR B1919+21<\/li>\n<li>hier kann man die <a href=\"https:\/\/www.jb.man.ac.uk\/%7Epulsar\/Education\/Tutorial\/tut\/node3.html\">originalen Messreihen<\/a> ansehen, die zur Entdeckung von PSR B1919+21 gef\u00fchrt haben<\/li>\n<li>mehr zu J1903+0327 gibt es z.B. bei <a href=\"https:\/\/www.focus.de\/wissen\/wissenschaft\/astronomie\/pulsar-rasant-rotierender-stern_aid_301914.html\">Focus.de<\/a> oder bei <a href=\"https:\/\/www.badastronomy.com\/bablog\/2008\/05\/15\/the-odd-couple-and-the-missing-neutron-star\/\">Bad Astronomy<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p><\/p>\n<form contenteditable=\"false\" mt:asset-id=\"1229\" class=\"mt-enclosure mt-enclosure-image\" style=\"display: inline;\"><\/form>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>PSR B1919+21 ist nicht unbedingt ein sch\u00f6ner Name. 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