{"id":27100,"date":"2022-09-05T07:55:11","date_gmt":"2022-09-05T05:55:11","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2022\/09\/05\/himmelsmechanik-und-tankprobleme-das-startfenster-von-artemis-i\/"},"modified":"2025-05-14T17:23:15","modified_gmt":"2025-05-14T15:23:15","slug":"himmelsmechanik-und-tankprobleme-das-startfenster-von-artemis-i","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2022\/09\/05\/himmelsmechanik-und-tankprobleme-das-startfenster-von-artemis-i\/","title":{"rendered":"Himmelsmechanik und Tankprobleme: Das Startfenster von Artemis I"},"content":{"rendered":"<p>Am 29. August 2022 sollte Artemis I zum Mond fliegen. Der Start musste abgebrochen werden. Der n\u00e4chste Versuch fand am 3. September 2022 statt und wieder wurde der Start verschoben. Der Grund daf\u00fcr waren <a href=\"https:\/\/blogs.nasa.gov\/artemis\/2022\/09\/03\/nasa-to-stand-down-on-artemis-i-launch-attempts-in-early-september-reviewing-options\/\">Probleme mit einer Verbindung die fl\u00fcssigen Wasserstoff in die Rakete tanken<\/a> sollte. Wann der n\u00e4chste Start versucht werden soll, ist aktuell noch nicht fix. Aber klar ist: Man kann nicht nach Lust und Laune zum Mond fliegen; daf\u00fcr gibt es Regeln und die schauen wir uns ein wenig genauer an.<\/p>\n<p>Die meisten Raketenstarts der Vergangenheit haben Satelliten in eine Erdumlaufbahn gebracht oder Menschen zur Raumstation. In beiden F\u00e4llen geht es um vergleichsweise kurze Distanzen; das <a href=\"https:\/\/www.nasa.gov\/specials\/artemis\/\">Artemis-Programm der NASA<\/a> hat aber ein ganz anderes Ziel. Es geht zur\u00fcck zum Mond! Artemis I wird ein Raumschiff in eine Umlaufbahn um den Mond und zur\u00fcck zur Erde schicken; noch ohne Menschen an Bord. Artemis II soll ein bis zwei Jahre sp\u00e4ter folgen und den Flug mit Menschen wiederholen. Um 2026 herum werden Menschen mit Artemis III dann auch tats\u00e4chlich auf dem Mond landen. \u00dcber die Notwendigkeit dieser Missionen, ihren wissenschaftlichen Zweck und die Tatsache, dass wir weniger \u00fcber den Mond wissen, als man landl\u00e4ufig denkt werde ich vielleicht ein anderes Mal erz\u00e4hlen. Heute geht es um die <i>m\u00f6glichen Startfenster<\/i>, also die Frage: Wann kann die Rakete zum Mond fliegen und warum geht das nicht immer?<\/p>\n<p>Der Mond ist 400.000 Kilometer weit weg und es braucht jede Menge Energie, um ein Raumschiff samt Besatzung dorthin zu bringen. Deswegen hat die NASA auch eine v\u00f6llig neue Rakete konstruiert die dazu in der Lage ist. Aber auch sie ist immer noch eine Rakete und kein Science-Fiction-Raumschiff. K\u00f6nnte man einfach aufs Gas steigen ohne an Treibstoff denken zu m\u00fcssen, dann k\u00f6nnte man auch zu jedem beliebigen Zeitpunkt starten und dann halt einfach dorthin lenken, wo man gerne hin will. Aber Raketen haben weder ein Gaspedal noch ein Lenkrad und schon gar nicht unbegrenzt Energie. Man kann die Triebwerke nur kurz anwerfen und das muss zum richtigen Zeitpunkt passieren. Und man muss darauf achten, dass die beteiligten Himmelsk\u00f6rper &#8211; in diesem Fall Erde, Mond und auch die Sonne &#8211; in der richtigen Konfiguration stehen, damit die Wege nicht zu lang werden.<\/p>\n<figure id=\"attachment_35434\" aria-describedby=\"caption-attachment-35434\" style=\"width: 925px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/artemisrollout.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/artemisrollout.jpg\" alt=\"\" width=\"925\" height=\"1280\" class=\"size-full wp-image-35434\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-35434\" class=\"wp-caption-text\"><a href=\"https:\/\/images.nasa.gov\/details-NHQ202203180005\">Bild: NASA\/Joel Kowsky<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p>Beim Start von Artemis I kommt es vor allem auf vier Punkte an:<\/p>\n<ul>\n<li>1) Nach dem Start wird sich das Orion-Raumschiff von der Rakete abtrennen und in einer weiten Umlaufbahn um den Mond herum fliegen. Dazu muss ein &#8222;trans-lunar injection burn&#8220; durchgef\u00fchrt werden, also ein Man\u00f6ver, bei dem Richtung und Geschwindigkeit exakt so angepasst werden, damit am Ende die angepeilte Bahn erreicht wird. Wie viel Masse Orion am Ende zum Mond transportieren kann, h\u00e4ngt unter anderem davon ab, wie gut dieses Man\u00f6ver funktioniert und das h\u00e4ngt unter anderem davon ab, wie Erde und Mond im Verh\u00e4ltnis zueinander stehen.<\/li>\n<li>2) Orion will ja auch wieder zur\u00fcck zur Erde. Das wird in diesem Fall mit einem neuen Man\u00f6ver passieren, einem sogenannten <a href=\"https:\/\/www.nasa.gov\/feature\/orion-spacecraft-to-test-new-entry-technique-on-artemis-i-mission\">&#8222;skip entry&#8220;<\/a>. Nachdem die Raumkapsel in die Erdatmosph\u00e4re eingetreten ist, kann sie nicht beliebig weit fliegen, bevor sie im Ozean landet. Und idealerweise findet diese Wasserlandung nicht mitten im Pazifik oder im russischen Polarmeer statt &#8211; sondern in der N\u00e4he der amerikanischen K\u00fcste, wo die Bergungsschiffe schnell vor Ort sein k\u00f6nnen. Die Erde aber dreht sich und Orion kann nicht einfach im Weltall stehen bleiben und warten, bis der passende Punkt unter ihr angelangt ist. Die Apollo-Kapsel aus dem ersten Mondprogramm der NASA schafften nach dem Eintritt in die Atmosph\u00e4re eine Distanz von knapp 2400 Kilometern. Bei Orion sollen es bis zu 8800 Kilometer werden. Dazu muss der Flug durch die Atmosph\u00e4re verl\u00e4ngert werden und das macht man, in dem man &#8211; vereinfacht gesagt &#8211; die Atmosph\u00e4re selbst zum bremsen verwendet. Aber nur ein bisschen; man fliegt quasi ein St\u00fcck in die Atmosph\u00e4re hinein, und dann wieder ein St\u00fcck raus, bevor man dann tats\u00e4chlich so weit bremst, dass man landen kann. Und auch das geht nat\u00fcrlich nur, wenn die Erde in der richtigen Position ist.<\/li>\n<li>Orion braucht Energie um zu funktionieren und die kriegt sie durch Solarmodule. Das bedeutet, dass sie nicht zu lange im Schatten sein darf; nicht l\u00e4nger als 90 Minuten. Man muss also ber\u00fccksichtigen, wann aus der Sicht von Orion die Erde oder der Mond gerade die Sonne verdeckt. Und wissen, wie der Ladezustand der Batterie zu dem Zeitpunkt gerade ist. Auch das schr\u00e4nkt die m\u00f6glichen Flugbahnen und damit die Startm\u00f6glichkeiten ein.<\/li>\n<li>Und schlie\u00dflich sollte Orion dann auf der Erde landen, wenn es dort wo die Landung stattfindet, gerade hell ist. Ansonsten wird die Bergung der Kapsel (und der Menschen, wenn sie dann mitfliegen) unn\u00f6tig schwer.<\/li>\n<\/ul>\n<p>All diese Bedingungen sorgen daf\u00fcr, dass ein Start der Rakete nur zu gewissen Zeitpunkten m\u00f6glich ist, wenn die Mission erfolgreich sein soll. Noch komplizierter wird es, wenn ein Start abgebrochen werden muss. Bei einer Rakete schlie\u00dft man nicht einfach die T\u00fcr ab und kommt dann ein paar Tage sp\u00e4ter wieder. Der Treibstoff muss aufwendig und langwierig getankt werden und wenn die Rakete voll ist, kann sie so nicht beliebig lange rumstehen. Der Tank muss nachgef\u00fcllt werden; beziehungsweise muss die Rakete komplett enttankt werden, wenn die Pause zu lange dauert. Und der Treibstoff ist auch nicht beliebig verf\u00fcgbar; den kann man nicht eben von der Tanke nebenan holen. Insgesamt f\u00fchrt das dazu, dass &#8211; neben allem anderen &#8211; nach einem Abbruch mindestens 48 Stunden lang gewartet werden muss, bis ein neuer Versuch stattfinden kann und insgesamt nicht mehr als 3 Startversuche pro Woche m\u00f6glich sind. Ach ja: Das Wetter gibt es auch noch. Wenn es zu st\u00fcrmisch ist oder ein zu starkes Gewitter stattfindet, dann kann auch nicht gestartet werden. <\/p>\n<p>Theoretisch w\u00e4re das n\u00e4chste Startfenster morgen, am 6. September 2022. Aber man kann davon ausgehen, dass die NASA sich nach zwei Abbr\u00fcchen ein wenig mehr Zeit l\u00e4sst. Danach geht es erst am 19. September 2022 wieder weiter; bis 26. September sind dann aber nur &#8222;kurze Missionen&#8220; m\u00f6glich. Also Missionen, bei denen Orion nur eine halbe Runde um den Mond fliegt und nach 26 bis 28 Tagen wieder auf der Erde landet anstatt der eineinhalb Runden und den eigentlich geplanten 38 bis 42 Tagen im All. So eine lange Mission kann erst wieder am 27. und 28. September gestartet werden. Eine komplette \u00dcbersicht \u00fcber alle Startfenster bis Juni 2023 <a href=\"https:\/\/www.nasa.gov\/sites\/default\/files\/atoms\/files\/artemis_i_mission_availability_aug2022.pdf\">kann man sich hier ansehen<\/a>. M\u00f6glichkeiten gibt es noch genug und wir k\u00f6nnen davon ausgehen, dass die NASA nichts \u00fcberst\u00fcrzen wird. Besser man l\u00e4sst sich Zeit, und am Ende klappt dann alles. Denn niemand will explodierende Raketen oder andere Katastrophen sehen, die das Mondprogramm auf unbestimmte Zeit verschieben. <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/3ee434eb423642b48ebe014cecefd8ba\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 29. August 2022 sollte Artemis I zum Mond fliegen. Der Start musste abgebrochen werden. Der n\u00e4chste Versuch fand am 3. September 2022 statt und wieder wurde der Start verschoben. Der Grund daf\u00fcr waren Probleme mit einer Verbindung die fl\u00fcssigen Wasserstoff in die Rakete tanken sollte. 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