{"id":26233,"date":"2021-08-20T06:00:49","date_gmt":"2021-08-20T04:00:49","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2021\/08\/20\/sternengeschichten-folge-456-der-interstellare-komet-borisov\/"},"modified":"2025-05-14T16:57:01","modified_gmt":"2025-05-14T14:57:01","slug":"sternengeschichten-folge-456-der-interstellare-komet-borisov","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2021\/08\/20\/sternengeschichten-folge-456-der-interstellare-komet-borisov\/","title":{"rendered":"Sternengeschichten Folge 456: Der interstellare Komet Borisov"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/SG_Logo.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/SG_Logo-150x150.png\" alt=\"SG_Logo\" width=\"150\" height=\"150\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-12938\" \/><\/a><i>Das ist die Transkription einer Folge meines <a href=\"https:\/\/sternengeschichten.org\">Sternengeschichten-Podcasts<\/a>. Die Folge gibt es auch als <a href=\"https:\/\/cdn.podigee.com\/media\/podcast_7374_sternengeschichten_episode_460774_sternengeschichten_folge_456_der_interstellare_komet_borisov.mp3?v=1622306869\">MP3-Download<\/a> und <a href=\"https:\/\/youtu.be\/VgDng1G629U\">YouTube-Video<\/a>.<\/i> Und den ganzen Podcast findet ihr auch bei <b><a href=\"https:\/\/open.spotify.com\/show\/0ikLkbZTH9yjuwetyBheXX\">Spotify<\/a><\/b>.<\/p>\n<p><b>Mehr Informationen: [<a href=\"https:\/\/sternengeschichten.podigee.io\/feed\/mp3 \">Podcast-Feed<\/a>][<a href=\"https:\/\/itunes.apple.com\/de\/podcast\/sternengeschichten\/id583344780\">iTunes<\/a>][<a href=\"https:\/\/bitlove.org\/astrodicticum\">Bitlove<\/a>][<a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/sternengeschichten\">Facebook<\/a>] [<a href=\"https:\/\/twitter.com\/@sternenpodcast\">Twitter<\/a>]<\/i><\/b><\/p>\n<p><span style=\"font-size: xx-small;\">\u00dcber Bewertungen und Kommentare freue ich mich auf allen Kan\u00e4len.<\/span><script class=\"podigee-podcast-player\" src=\"https:\/\/player.podigee-cdn.net\/podcast-player\/javascripts\/podigee-podcast-player.js\" data-configuration=\"https:\/\/sternengeschichten.podigee.io\/456-sternengeschichten-folge-456-der-interstellare-komet-borisov\/embed?context=external&#038;token=xNKI6ihRqF-fqr23YV8LKQ\"><\/script><br \/>\n&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;<br \/>\n<strong>Sternengeschichten Folge 456: Der interstellare Komet Borisov<\/strong><\/p>\n<p>Am 30. August 2019 beobachtete der russische Hobby-Astronom Gennadi Borissow den Himmel. Obwohl die Astronomie bei ihm mehr als nur ein Hobby ist. Borissow hatte nie Astronomie studiert, aber er kannte sich am Nachthimmel aus. Sein Job am Sternberg-Institut f\u00fcr Astronomie der Moskauer Lomonossow-Universit\u00e4t war zwar nicht die Forschung, aber die technische Betreuung der Teleskope. Das Ger\u00e4t, mit der an diesem Abend den Himmel beobachtete, stand aber nicht in Moskau und geh\u00f6rte auch nicht der Lomonossow-Universit\u00e4t. Es war ein selbstgebautes Teleskop mit einem 65 Zentimeter gro\u00dfen Spiegel und es stand in seiner eigenen, kleinen Sternwarte auf der Halbinsel Krim. Von dort aus sah er einen Lichtpunkt, der sich zwischen den anderen Lichtpunkten \u00fcber den Himmel bewegte. Nur sehr langsam, es war kein Flugzeug oder Satellit. Au\u00dferdem wusste Borissow, nach was er suchte. Immerhin hatte er bis dahin schon neun Kometen und einen Schwung Asteroiden entdeckt. Er berechnete die Koordinaten des unbekannten Dings am Himmel, sah in den entsprechenden Datenbanken nach und stellte fest: Er war der erste, der es gesehen hatte. Die Entdeckung eines bis dahin noch unentdeckten Himmelsk\u00f6rpers ist immer etwas besonderes; egal ob man die Suche nur als Hobby oder als Beruf betreibt. WIE au\u00dfergew\u00f6hnlich die Entdeckung von Borrisow war, sollte sich aber erst noch zeigen.<\/p>\n<p>Die ersten Berechnungen der Bahn des Himmelsk\u00f6rpers deuteten darauf hin, dass es sich um einen erdnahen Asteroid oder Kometen handeln k\u00f6nnte. Ein Objekt also, dass sich in der N\u00e4he der Erdbahn befindet; in diesem Fall sogar eines, das die Bahn der Erde kreuzt. Was nat\u00fcrlich das Interesse an dem Ding deutlich erh\u00f6hte. Jede Menge andere Menschen begannen es zu beobachten, um m\u00f6glichst schnell m\u00f6glichst gut \u00fcber die Umlaufbahn Bescheid zu wissen. Immerhin bestand ja die M\u00f6glichkeit, dass es vielleicht mit der Erde kollidiert. Je mehr Daten bekannt wurden, desto seltsamer wurde die Sache. Im Herbst 2019 war die Sache dann klar: Das Objekt hatte keine &#8222;Umlaufbahn&#8220;. Es bewegt sich nicht um die Sonne herum. Beziehungsweise tut es das nur einmal. Es kam von au\u00dferhalb des Sonnensystems, w\u00fcrde im Dezember 2019 sich der Sonne maximal angen\u00e4hert haben um sich dann wieder auf den Weg hinaus und zur\u00fcck in den interstellaren Raum zu machen, aus dem es gekommen war.<\/p>\n<figure id=\"attachment_33828\" aria-describedby=\"caption-attachment-33828\" style=\"width: 2397px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/SDesch-Sketch_-2_15_21.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/SDesch-Sketch_-2_15_21.jpg\" alt=\"\" width=\"2397\" height=\"1865\" class=\"size-full wp-image-33828\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-33828\" class=\"wp-caption-text\">Geschichte von &#8218;Oumuamua (<a href=\"https:\/\/news.agu.org\/press-release\/interstellar-object-oumuamua-is-likely-a-piece-of-a-pluto-like-planet\">S. Selkirk\/ASU<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Gennadi Borissow hatte etwas gefunden, was erst ein einziges Mal vorher jemand gefunden hatte: Einen interstellaren Himmelsk\u00f6rper, der auf einen kurzen Besuch in unser Sonnensystem gekommen war. Am 9. Oktober 2017 hatte der Astronom Robert Weryk von der Universit\u00e4t Hawaii den interstellaren Asteroid &#8218;Oumuamua gefunden, von dem ich in Folge 349 der Sternengeschichten mehr erz\u00e4hlt habe. Die Entdeckung damals war eine Sensation. Man hatte zwar damit gerechnet, dass es solche Himmelsk\u00f6rper geben muss. Und auch damit, dass man sie fr\u00fcher oder sp\u00e4ter finden wird. Aber die Realit\u00e4t ist dann doch immer aufregender als man sie sich vorstellt. &#8218;Oumuamua war ganz anders als die Asteroiden die wir aus unserem Sonnensystem kennen. Seine Form war ungew\u00f6hnlich, ebenso wie die Art seiner Bewegung durch das Sonnensystem. Manche lie\u00dfen sich sogar dazu hinrei\u00dfen, ihn zu einem au\u00dferirdischen Raumschiff oder einer Alien-Raumsonde zu erkl\u00e4ren. Daf\u00fcr gibt es nat\u00fcrlich keine Belege; stattdessen deuten die Daten darauf hin, dass es sich um ein Bruchst\u00fcck eines dem Pluto \u00e4hnlichen Himmelsk\u00f6rpers handelt der einen anderen Stern umkreist. So wie unser Pluto muss sich auch dieser andere eisige Himmelsk\u00f6rper fern von seinem Stern befinden und so wie Pluto muss er von einer dicken Schicht aus gefrorenem Stickstoff bedeckt sein. Bei den chaotischen Prozessen in der Fr\u00fchzeit eines Sonnensystems ist durch eine Kollision ein St\u00fcck dieses Eises ins All und in den interstellaren Raum geschleudert worden. Bei seiner langen Reisen durch die Galaxie haben die Verwitterungsprozesse durch die kosmische Strahlung aus dem Stickstoffeisberg das seltsam geformte Ding gemacht, das schlie\u00dflich durch unser Sonnensystem geflogen ist. Und als sich &#8218;Oumuamua dann der Sonne gen\u00e4hert hat, ist der Stickstoff aufgetaut, als Gas davon gestr\u00f6mt und hat so einen zus\u00e4tzlichen Schub erzeugt, der die Bewegung des Asteroids ver\u00e4ndert hat. Weil es sich um gefrorenen Stickstoff gehandelt hat und nicht um das Eis, das normalerweise in Asteroiden und Kometen zu finden ist, konnten wir das mit unseren darauf ausgelegten Beobachtungen nicht sehen.<\/p>\n<p>&#8218;Oumuamua war ein au\u00dfergew\u00f6hnlicher Besucher und leider so schnell verschwunden wie er aufgetaucht war. Wir hatten keine Chance, ihn genauer zu beobachten. Umso gespannter haben alle auf den n\u00e4chsten interstellaren Asteroiden beziehungsweise Kometen gewartet. W\u00fcrde der auch so seltsam sein? Oder vielleicht noch seltsamer? Nun, zuerst einmal bekam das Ding, das Gennadi Borissow gefunden hatte, seine offizielle Bezeichnung &#8222;2I\/Borisov&#8220;. &#8222;2I&#8220; f\u00fcr das zweite interstellare Objekt das entdeckt wurde und &#8222;Borisov&#8220; nach der Person, die es gefunden hat. Man hat diese Klassifizierung nach der Entdeckung von &#8218;Oumuamua eingef\u00fchrt; einerseits um die interstellaren Besucher von denen unseres eigenen Sonnensystems abzugrenzen. Und andererseits, weil es nicht so einfach ist, sie in die bisherigen Klassen der &#8222;Asteroiden&#8220; und &#8222;Kometen&#8220; einzusortieren. Das ist ja schon in unserem Sonnensystem nicht so einfach. Beide Arten von Himmelsk\u00f6rpern sind auf die gleiche Weise entstanden; aus dem Staub und Gas in der urspr\u00fcnglichen Materialscheibe die die gerade erst geborene Sonne vor 4,6 Milliarden Jahren umgeben hat. Die Kometen haben sich ein bisschen weiter weg von ihr gebildet, dort wo es k\u00fchler war. Sie haben deswegen mehr gefrorene Gase mitbekommen als die Asteroiden, die sich n\u00e4her an der Sonne gebildet haben. Wenn ein Komet der Sonne nahe kommt, dann k\u00f6nnen diese gefrorenen Gase auftauen, sich ausdehnen und Staub von der Oberfl\u00e4che mit sich ins All rei\u00dfen. Das erzeugt dann die hell leuchtende Kometenwolke mit dem langen Schweif. Bei Asteroiden dagegen passiert nix, wenn sie in der N\u00e4he der Sonne vorbei fliegen. Manchmal aber eben schon, wenn so ein Asteroid zuf\u00e4llig auch mehr Eis enth\u00e4lt. Und manchmal passiert auch bei Kometen nix, wenn sie ihr Eis schon verloren haben. &#8218;Oumuamua aber hat sich von Anfang an weder wie ein klassischer Asteroid, noch wie ein typischer Komet verhalten. <\/p>\n<p>Bei Borissow dagegen war die Sache klar: Er sah genau so aus, wie wir uns einen typischen Kometen vorstellen. Zuerst einmal war er deutlich gr\u00f6\u00dfer als &#8218;Oumuamua. Der war knapp 200 Meter gro\u00df und vermutlich sehr lang und flach; Borisov dagegen ein ann\u00e4hernd rundes Objekt mit einem Durchmesser von 500 bis 1000 Metern. Genau so wie es auch die Kometen in unserem Sonnensystem \u00fcblicherweise sind. Als er sich der Sonne gen\u00e4hert hat, fing Eis an seiner Oberfl\u00e4che an aufzutauen; man konnte beobachten wie die Umgebung von Borisov immer staubiger wurde; in unmittelbarer N\u00e4he der Sonne ist sogar ein kleines St\u00fcck abgebrochen. Diese entkommende Gas hat die Bahn des Kometen ein wenig ver\u00e4ndert &#8211; alles so wie bei den Kometen in unserem Sonnensystem. Ein paar Dinge waren dann aber doch sehr anders.<\/p>\n<figure id=\"attachment_33829\" aria-describedby=\"caption-attachment-33829\" style=\"width: 750px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/A_comparison_of_two_interstellar_objects_passing_through_our_solar_system.gif\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/A_comparison_of_two_interstellar_objects_passing_through_our_solar_system.gif\" alt=\"\" width=\"750\" height=\"619\" class=\"size-full wp-image-33829\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-33829\" class=\"wp-caption-text\">Bahnen von &#8218;Oumuamua und Borisov (<a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:A_comparison_of_two_interstellar_objects_passing_through_our_solar_system.gif\">Bild: Tony873004<\/a>, <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/4.0\/deed.en\">CC-BY-SA 4.0<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Nat\u00fcrlich zuerst einmal die Umlaufbahn: Borisov bewegte sich nicht in der Ebene, in der sich die Planeten und die meisten anderen Himmelsk\u00f6rper im Sonnensystem bewegen. Er kam in einem Winkel von 45 Grad zu dieser Ebene. Was aber auch noch nicht so au\u00dfergew\u00f6hnlich ist; auch unsere eigenen Kometen kommen aus allen Richtungen angeflogen; sie stammen ja aus der Oortschen Wolke, die das Sonnensystem kugelf\u00f6rmig begrenzt, wie ich in Folge 321 erz\u00e4hlt habe. Sie tun das aber wesentlich langsamer als Borisov: Der war mit einer Geschwindigkeit von 32 Kilometern pro Sekunde unterwegs! Bei dem Tempo reicht die Gravitationskraft der Sonne nicht aus, um ihn festzuhalten. Nachdem Borisov also im September 2019 die Bahn des Jupiter passiert hatte, ging sein Flug unaufhaltsam weiter. Am 26. Oktober kreuzte er die Ebene der Ekliptik, also die vorhin erw\u00e4hnte Ebene in der sich die Erde und die anderen Planeten um die Sonne bewegen. Am 8. Dezember 2019 hat er den sonnenn\u00e4chsten Punkt seiner Bahn erreicht &#8211; war dabei aber noch knapp 300 Millionen Kilometer von ihr entfernt. Am 28. Dezember 2019 erreichte er auf seiner Bahn den erdn\u00e4chsten Punkt; ebenfalls bei einem Abstand von fast 300 Millionen Kilometern. Und seitdem entfernt er sich von uns. Bis er das Sonnensystem komplett verl\u00e4sst, werden zwar noch ein Jahrhundert oder zwei vergehen. Aber aus dem Blickfeld unserer Teleskope ist er schon viel fr\u00fcher verschwunden, circa ein Jahr nach seiner Entdeckung war es auch schon wieder vorbei. <\/p>\n<p>Auch hier hat die Zeit nicht gereicht, so viele Daten zu sammeln, wie man wollte. Aber die Daten, die man sammeln konnte, waren dennoch beeindruckend. Man konnte zum Beispiel nachweisen, dass Borisov sehr viel gefrorenes Kohlenstoffmonoxid enth\u00e4lt. Das ist ein Zeichen daf\u00fcr, dass er dort, wo er entstanden ist, nie recht nahe an seinen Stern gekommen sein kann. Er muss sich in den \u00e4u\u00dfersten, sehr kalten Regionen der Materialscheibe gebildet haben, die den Stern umgeben hat, von dem er kommt. Nur dort kann das Kohlenstoffmonoxid in dieser Form und Menge existieren. Und von dort ist es auch nicht schwer, durch irgendwelche gravitative St\u00f6rungen in den interstellaren Raum zu gelangen. Wie viel Zeit er dort verbracht hat, wissen wir nicht. Aber es ist wahrscheinlich, dass die Sonne der erste Stern in seinem Leben ist, dem Borisov eine nahe Begegnung abgestattet hat. Das zeigen Beobachtungen die an der Europ\u00e4ischen S\u00fcdsternwarte in Chile durchgef\u00fchrt worden sind. Dort hat man sich angeschaut, wie sehr das Licht polarisiert wird, das von der Staubh\u00fclle reflektiert wird, in die Borisov sich bei der Ann\u00e4herung an die Sonne geh\u00fcllt hat. Die Polarisation gibt an, in welche Richtung die Lichtwellen schwingen und wie stark sich diese Richtung \u00e4ndert. Das wiederum h\u00e4ngt von den Eigenschaften der Staubteilchen ab und die werden unter anderem durch den Grad der Verwitterung bestimmt. Nat\u00fcrlich gibt es im All keinen Wind oder kein flie\u00dfendes Wasser; aber es gibt Erosion, wie ich in Folge 130 schon mal erkl\u00e4rt habe. Die wird zum Beispiel durch die kosmische Strahlung verursacht, die in der N\u00e4he von Sternen besonders stark ist oder durch Einschl\u00e4ge von Mikrometeoriten, die man auch vor allem innerhalb von Planetensystemen findet. Den Grad der Verwitterung kann man an der Polarisation ablesen und bei Borisov waren die Daten au\u00dferordentlich. Seine Oberfl\u00e4che ist so gut wie gar nicht verwittert; es ist der urspr\u00fcnglichste Himmelsk\u00f6rper den wir bis jetzt beobachtet haben. Seit er &#8211; wann auch immer &#8211; entstanden ist, ist im quasi nichts zugesto\u00dfen, dass ihn ver\u00e4ndert hat. Auch die Asteroiden und Kometen in unserem Sonnensystem sind sehr urspr\u00fcngliches Material aus der Zeit der Planetenentstehung vor 4,5 Milliarden Jahren. Deswegen erforschen wir sie ja auch so intensiv. Aber sie sind eben nicht GANZ urspr\u00fcnglich, weil sie den Bedingungen im Sonnensystem ausgesetzt waren. Borisov aber war so frisch, wie ein Komet nur sein kann. <\/p>\n<figure id=\"attachment_33830\" aria-describedby=\"caption-attachment-33830\" style=\"width: 1106px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Comet-2IBorisov-HubbleST-20191016-compass.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Comet-2IBorisov-HubbleST-20191016-compass.png\" alt=\"\" width=\"1106\" height=\"1106\" class=\"size-full wp-image-33830\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-33830\" class=\"wp-caption-text\">Hubble sieht Borisov (<a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Comet-2IBorisov-HubbleST-20191016-compass.png?uselang=de\">Bild:  NASA, ESA, and D. Jewitt (University of California, Los Angeles)<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n<p>So lange zumindest, bis ihn die Sonne kaputt gemacht hat. Auf sp\u00e4ter gefundenen alten Aufnahmen die den Kometen zeigen konnte man ableiten, dass er irgendwann Anfang Dezember 2018 angefangen haben muss, ein wenig aufzutauen. Von da an verlor er ungef\u00e4hr 2 Kilogramm Staub pro Sekunde ans All und ein paar Dutzend Kilo Eis. Das ging so weiter bis dann im M\u00e4rz 2020 &#8211; wie oben schon erw\u00e4hnt &#8211; sogar ein ganzes St\u00fcck vom Kometen abgebrochen ist. Nach seinem Besuch im Sonnensystem ist Borisov also nicht mehr so urspr\u00fcnglich wie zuvor. Trotzdem w\u00e4re es sch\u00f6n gewesen, ihn ein bisschen besser erforschen zu k\u00f6nnen. Aber ihm eine Raumsonde nachzuschicken, ist quasi unm\u00f6glich. Daf\u00fcr ist er viel zu schnell. Und wir haben ihn zu sp\u00e4t entdeckt, um eine Mission vorzubereiten. Um Objekte wie Borisov oder &#8218;Oumuamua aus der N\u00e4he zu erforschen, br\u00e4uchten wir eine Raumsonde, die quasi schon im Standby-Modus im All wartet und sofort losfliegt, wenn wir einen neuen interstellaren Besucher entdecken. <\/p>\n<p>Und das werden wir! Wir wissen, dass es Milliarden von ihnen zwischen den Sternen geben muss. \u00dcberall dort wo sich Planeten bilden, werden auch Asteroiden und Kometen &#8211; und Eisberge, wie bei &#8218;Oumuamua &#8211; in den interstellaren Raum geschleudert. Der Weltraum ist zwar gro\u00df. Aber ab und zu kommen sie zu uns auf Besuch. Mit etwas Gl\u00fcck sind wir bei den n\u00e4chsten Malen besser vorbereitet.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/d2b61a3984f14934863e126ebebcf45e\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das ist die Transkription einer Folge meines Sternengeschichten-Podcasts. Die Folge gibt es auch als MP3-Download und YouTube-Video. Und den ganzen Podcast findet ihr auch bei Spotify. Mehr Informationen: [Podcast-Feed][iTunes][Bitlove][Facebook] [Twitter] \u00dcber Bewertungen und Kommentare freue ich mich auf allen Kan\u00e4len. &#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212; Sternengeschichten Folge 456: Der interstellare Komet Borisov Am 30. 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