{"id":26172,"date":"2021-05-17T07:38:46","date_gmt":"2021-05-17T05:38:46","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2021\/05\/17\/die-statistik-der-panspermie-kam-das-leben-aus-dem-all\/"},"modified":"2025-05-14T16:55:08","modified_gmt":"2025-05-14T14:55:08","slug":"die-statistik-der-panspermie-kam-das-leben-aus-dem-all","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2021\/05\/17\/die-statistik-der-panspermie-kam-das-leben-aus-dem-all\/","title":{"rendered":"Die Statistik der Panspermie: Kam das Leben aus dem All?"},"content":{"rendered":"<p>Die Idee der &#8222;Panspermie&#8220; <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2015\/04\/03\/sternengeschichten-folge-123-panspermie-kam-das-leben-aus-dem-weltall\/?all=1\">ist \u00fcber 100 Jahre alt<\/a>. Vereinfacht ausgedr\u00fcckt besagt sie, dass das Leben aus dem Weltall auf die Erde gekommen ist. Es ist irgendwo anders im Universum entstanden, durch den Weltraum gereist und vor ein paar Milliarden Jahren auf unserem Planeten gelandet. Und damit sind KEINE intelligenten Aliens gemeint, die mit Raumschiffen durch die Galaxie fliegen. Es geht um mikrobiologisches Leben, um Bakterien oder andere Mikroorganismen. Die haben sich irgendwo auf einem anderen Planeten entwickelt. Dort sind Asteroiden eingeschlagen und haben Tr\u00fcmmer aus der Kruste dieses Planeten ins All hinaus geschleudert. Eingeschlossen im Gestein waren die Mikroorganismen und mit den Gesteinsbrocken sind sie durch den interstellaren Raum bis zur Erde gelangt. Dort sind sie eingeschlagen und die Alienbakterien haben sich zu dem weiterentwickelt, was wir heute an Leben auf der Erde sehen.<\/p>\n<p><script class=\"podigee-podcast-player\" src=\"https:\/\/player.podigee-cdn.net\/podcast-player\/javascripts\/podigee-podcast-player.js\" data-configuration=\"https:\/\/sternengeschichten.podigee.io\/123-sternengeschichten-folge-123-panspermie-kam-das-leben-aus-dem-weltall\/embed?context=external\"><\/script><\/p>\n<p>Das klingt nach Science Fiction. Ist aber nicht so weit hergeholt, wie es vielleicht aussehen mag. Was also spricht f\u00fcr die Panspermie?<\/p>\n<ul>\n<li>Asteroiden und andere Himmelsk\u00f6rper schlagen immer wieder auf Planeten ein. Das k\u00f6nnen wir ganz konkret beobachten; hier auf der Erde und bei anderen Planeten.<\/li>\n<li>Wir <i>wissen<\/i>, dass bei solchen Einschl\u00e4gen Bruchst\u00fccke der Planeten ins All geschleudert werden. Diese Tr\u00fcmmer k\u00f6nnen auf anderen Planeten landen. Auch das wissen wir, weil wir genau solche Tr\u00fcmmer gefunden haben. Auf der Erde haben wir <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2015\/02\/13\/sternengeschichten-folge-116-meteoriten-vom-mars\/\">St\u00fccke vom Mars<\/a> gefunden, ebenso wie <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2015\/02\/20\/sternengeschichten-folge-117-meteoriten-von-der-erde\/\">St\u00fccke der Erde auf dem Mond<\/a>.<\/li>\n<li>Wir wissen, dass Asteroiden und Kometen von anderen Sternensystems bis ins Sonnensystem gelangen k\u00f6nnen. Wir haben in den letzten Jahren <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2019\/09\/16\/der-interstellare-komet-c-2019-q4-borisov-und-das-problem-der-bahnbestimmung\/\">zwei dieser<\/a> <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2017\/11\/14\/ein-botschafter-aus-dem-raum-zwischen-den-sternen-oumuamua-der-erste-interstellare-asteroid\/\">interstellaren Asteroiden<\/a> gefunden.<\/li>\n<li>Wir wissen, dass manche Mikroorganismen auf der Erde tief im Gestein leben k\u00f6nnen. Wir wissen, dass manche Mikroorganismen extreme Bedingungen aushalten und auch \u00fcberleben k\u00f6nnen, wenn sie dem luftleeren, lebensfeindlichen Weltraum ausgesetzt sind. Wir wissen, dass sie auch die enormen Beschleunigungskr\u00e4fte \u00fcberleben k\u00f6nnen, die bei einem Einschlag auftreten.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Wir wissen also, dass die einzelnen Schritte der Panspermie prinzipiell m\u00f6glich sind. Wir wissen <i>nicht<\/i>, ob sie auch tats\u00e4chlich alle hintereinander stattfinden, um so Leben von einem Planeten zum anderen \u00fcbertragen k\u00f6nnen. Wie man herausfinden k\u00f6nnte, ob Panspermie stattgefunden hat oder nicht, haben sich k\u00fcrzlich Claudio Grimaldi von der Ecole Polytechnique F\u00e9d\u00e9rale de Lausanne und seine Kollegen angesehen (<a href=\"https:\/\/arxiv.org\/abs\/2105.03295\">&#8222;Feasibility of Detecting Interstellar Panspermia in Astrophysical Environments&#8220;<\/a>. Obwohl &#8222;herausfinden&#8220; hier eher theoretisch zu verstehen ist: Was man in dieser Arbeit getan hat, hat eher mit Statistik zu tun, als mit konkreten Beobachtungen.<\/p>\n<p>Die Forscher haben sich \u00fcberlegt, wie sich die Entwicklung von Leben rein statistisch \u00e4u\u00dfern w\u00fcrde; je nachdem ob man davon ausgeht, dass es immer nur einzeln auf den jeweiligen Planeten entsteht oder ob es von einem Planeten auf andere \u00fcbertragen wird. Dazu haben sie ein Konzept entwickelt, das sie &#8222;Lebenssph\u00e4re&#8220; genannt haben (und sie haben tats\u00e4chlich das deutsche Wort verwendet, was ein klein wenig beunruhigend klingt&#8230;). In Abh\u00e4ngigkeit der Verteilung der Geschwindigkeiten, die von einem Planeten ins All fliegende Bruchst\u00fccke haben und der \u00dcberlebensdauer von darin eventuell enthaltenen Mikroorganismen, haben sie einen Radius berechnet, in dem ein Planet sein Leben theoretisch exportieren kann. Nimmt man zum Beispiel an, dass ein Mikroorganismus 1 Million Jahre \u00fcberleben kann, dann kommt man auf eine Lebenssph\u00e4re mit einem Durchmesser von 50 bis 100 Lichtjahren. So eine Sph\u00e4re um die Sonne herum w\u00fcrde ein paar hundert Sterne enthalten; also genug potenzielle Empf\u00e4nger. <\/p>\n<p>Dann folgt in der Arbeit noch jede Menge mehr Statistik, die ich aber nicht im Detail erkl\u00e4ren will, sondern lieber auf diese Grafik verweise:<\/p>\n<figure id=\"attachment_33721\" aria-describedby=\"caption-attachment-33721\" style=\"width: 1384px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/panspermie01.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/panspermie01.jpg\" alt=\"\" width=\"1384\" height=\"462\" class=\"size-full wp-image-33721\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-33721\" class=\"wp-caption-text\"><a href=\"https:\/\/arxiv.org\/abs\/2105.03295\">Bild: Grimaldi et al (2021)<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p>Das Diagramm zeigt eine Verteilung von Planeten auf denen Leben existiert mit ihren jeweiligen Lebenssph\u00e4ren. Links sieht man, wie es aussehen w\u00fcrde, wenn das Leben auf jedem Planeten unabh\u00e4ngig entsteht. Rechts die Verteilung von &#8222;belebten&#8220; Planeten im Fall von stattfindender Panspermie. Die mathematische Funktion g(r) neben der Verteilung ist ein Ma\u00df daf\u00fcr, wie die Zentren der Lebenssph\u00e4ren verteilt sind bzw. zusammenh\u00e4ngen. Die Details sind jetzt nicht so wichtig, aber man sieht deutlich einen Unterschied (der sich eben auch mathematisch exakt ausdr\u00fccken l\u00e4sst).<\/p>\n<p>Was folgt jetzt daraus? Nicht viel, vorerst. Wir haben nirgendwo anders im Universum Leben gefunden, nur hier auf der Erde. Um eine statistische Analyse zur Pr\u00fcfung der Panspermie-Hypothese durchf\u00fchren zu k\u00f6nnen, br\u00e4uchten wir mindestens 20 bis 30 Planeten, auf denen Leben existiert. Ganz unn\u00f6tig ist die Arbeit von Grimaldi und seinen Kollegen aber nicht. Am &#8222;einfachsten&#8220; w\u00e4re es ja, wenn wir au\u00dferirdisches Leben nicht nur entdecken, sondern auch im Labor analysieren k\u00f6nnten. Dann k\u00f6nnten wir uns die DNA anschauen und eine m\u00f6gliche Verwandtschaft durch genetische Untersuchungen einwandfrei nachweisen (oder widerlegen). Das wird so schnell aber nicht passieren. Dazu m\u00fcssten wir Mikroorganismen in Asteroiden oder Meteoriten finden; oder auf dem Mars. Das ist zwar nicht unm\u00f6glich, aber sehr unwahrscheinlich. Viel wahrscheinlicher ist es, das wir irgendwann in der Zukunft <i>indirekte<\/i> Spuren von Leben auf den Planeten anderer Sterne finden. Zum Beispiel, wenn wir eindeutige Hinweise auf &#8222;Biomarker&#8220; entdecken; also den Einfluss, den Leben auf die Zusammensetzung der Atmosph\u00e4re eines Planeten hat, nachweisen k\u00f6nnen. Auch das wird nicht so einfach sein, aber mit den Teleskopen der n\u00e4chsten Generation k\u00f6nnten wir das vielleicht schaffen. Dann w\u00fcssten wir, dass da irgendwo anders zumindest mikrobiologisches Leben existiert; k\u00f6nnten es aber nicht genetisch untersuchen. Das einzige was wir in Sachen Panspermie dann machen k\u00f6nnten, w\u00e4re eine statistische Analyse wie in der Arbeit von Grimaldi und seinen Kollegen vorgeschlagen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_20654\" aria-describedby=\"caption-attachment-20654\" style=\"width: 750px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Aristarchus_and_Herodotus_craters_Apollo_15.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Aristarchus_and_Herodotus_craters_Apollo_15.jpg\" alt=\"\" width=\"750\" height=\"675\" class=\"size-full wp-image-20654\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-20654\" class=\"wp-caption-text\">Einschl\u00e4ge k\u00f6nnen Leben bringen (<a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Aristarchus_and_Herodotus_craters_Apollo_15.jpg\">Bild: NASA<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Ob die Panspermie stattgefunden hat oder nicht, werden wir also so schnell nicht herausfinden. Dazu m\u00fcssen wir vor allem auch die Mikroorganismen besser verstehen. Aus astronomischer Sicht ist die Sache recht klar; wir wissen, dass Planeten und Planetensysteme Material austauschen. Wir wissen aber nicht, wie lange Mikroorganismen <i>wirklich<\/i> \u00fcberleben k\u00f6nnen. <i>Bacillus Permians<\/i> soll zwar <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/wissenschaft\/mensch\/nach-250-millionen-jahren-ur-bakterium-zum-leben-erweckt-a-98790.html\">250 Millionen Jahre<\/a> \u00fcberleben k\u00f6nnen; die entsprechenden Forschungsergebnisse sind aber &#8211; vorsichtig ausgedr\u00fcckt &#8211; umstritten. Vielleicht gibt es Mikroorganismen die die vergleichsweisen kurzen Zeitr\u00e4ume einer interplanetaren Reise \u00fcberleben k\u00f6nnen; dann k\u00f6nnten wir irdisches Leben auf dem Mars entdecken (oder umgekehrt). Ob Leben aber auch interstellar (oder gar intergalaktisch?) Reisen \u00fcberleben kann, ist eine ganz andere Frage&#8230;<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/c5bcd6261505427c815f1a2c16f14fd2\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Idee der &#8222;Panspermie&#8220; ist \u00fcber 100 Jahre alt. Vereinfacht ausgedr\u00fcckt besagt sie, dass das Leben aus dem Weltall auf die Erde gekommen ist. Es ist irgendwo anders im Universum entstanden, durch den Weltraum gereist und vor ein paar Milliarden Jahren auf unserem Planeten gelandet. 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