{"id":26169,"date":"2021-05-14T06:00:32","date_gmt":"2021-05-14T04:00:32","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2021\/05\/14\/sternengeschichten-folge-442-numerische-astronomie\/"},"modified":"2025-05-14T16:55:07","modified_gmt":"2025-05-14T14:55:07","slug":"sternengeschichten-folge-442-numerische-astronomie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2021\/05\/14\/sternengeschichten-folge-442-numerische-astronomie\/","title":{"rendered":"Sternengeschichten Folge 442: Numerische Astronomie"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/SG_Logo.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/SG_Logo-150x150.png\" alt=\"SG_Logo\" width=\"150\" height=\"150\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-12938\" \/><\/a><i>Das ist die Transkription einer Folge meines <a href=\"https:\/\/sternengeschichten.org\">Sternengeschichten-Podcasts<\/a>. Die Folge gibt es auch als <a href=\"https:\/\/cdn.podigee.com\/media\/podcast_7374_sternengeschichten_episode_448789_sternengeschichten_folge_442_numerische_astronomie.mp3?v=1620823188\">MP3-Download<\/a> und <a href=\"https:\/\/youtu.be\/rNGrTPujUIs\">YouTube-Video<\/a>.<\/i> Und den ganzen Podcast findet ihr auch bei <b><a href=\"https:\/\/open.spotify.com\/show\/0ikLkbZTH9yjuwetyBheXX\">Spotify<\/a><\/b>.<\/p>\n<p><b>Mehr Informationen: [<a href=\"https:\/\/sternengeschichten.podigee.io\/feed\/mp3 \">Podcast-Feed<\/a>][<a href=\"https:\/\/itunes.apple.com\/de\/podcast\/sternengeschichten\/id583344780\">iTunes<\/a>][<a href=\"https:\/\/bitlove.org\/astrodicticum\">Bitlove<\/a>][<a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/sternengeschichten\">Facebook<\/a>] [<a href=\"https:\/\/twitter.com\/@sternenpodcast\">Twitter<\/a>]<\/i><\/b><\/p>\n<p><span style=\"font-size: xx-small;\">\u00dcber Bewertungen und Kommentare freue ich mich auf allen Kan\u00e4len.<\/span><br \/>\n<script class=\"podigee-podcast-player\" src=\"https:\/\/player.podigee-cdn.net\/podcast-player\/javascripts\/podigee-podcast-player.js\" data-configuration=\"https:\/\/sternengeschichten.podigee.io\/442-sternengeschichten-folge-442-numerische-astronomie\/embed?context=external&#038;token=jIn-uWPfShJEEIHhoZ7oCg\"><\/script><br \/>\n&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;<br \/>\n<b>Sternengeschichten Folge 442: Numerische Astronomie<\/b><\/p>\n<p>In dieser Folge der Sternengeschichten geht es um eines der wichtigsten Instrumente der modernen Astronomie. Ein Instrument, \u00fcber das ich erstaunlicherweise in den bisherigen 440 Folgen noch nie ausf\u00fchrlich geredet habe und dieses Vers\u00e4umnis muss dringend behoben werden. Denn ohne dieses Instrument geht in der modernen Forschung gar nichts. Und ich spreche nicht von einem speziellen Teleskop oder einem Satellit. Sondern von dem, was vermutlich die meisten von uns zuhause oder am Arbeitsplatz stehen haben: Einen Computer. <\/p>\n<p>Den benutzt man in der Astronomie nat\u00fcrlich genau so, wie wir ihn alle benutzen. Die Forscherinnen und Forscher schreiben damit ihre Fachartikel; sie rufen ihre Emails ab und recherchieren damit in Literaturdatenbanken. Vermutlich schaut man damit auch zwischendurch mal das eine oder andere YouTube-Video, das nichts mit Forschung zu tun hat, liest die Zeitung oder spielt vielleicht sogar zwischendurch mal ein Computerspiel. Man kann ja nicht immer nur arbeiten&#8230; Aber WENN man arbeitet, dann ist der Computer in der Astronomie weit mehr als ein organisatorisches Hilfsmittel. In der &#8222;numerischen Astronomie&#8220; steht der Computer gleichberechtigt neben dem Teleskop als Quelle f\u00fcr relevante Daten.<\/p>\n<p>Klassisch l\u00e4sst sich die Astronomie in zwei gro\u00dfe Bereiche einteilen. Da ist einmal das, an das man sofort denkt, wenn man &#8222;Astronomie&#8220; h\u00f6rt: Die Beobachtung! In der beobachtenden Astronomie schaut man &#8211; wenig \u00fcberraschend &#8211; zum Himmel und analysiert die Himmelsk\u00f6rper die man sieht. Fr\u00fcher fand diese Beobachtung mit den Augen statt; sp\u00e4ter hat man immer mehr technische Hilfsmittel wie Teleskope oder Satelliten genutzt. Ebenso lange wie die beobachtende Astronomie gibt es aber auch die theoretische Astronomie. Hier probiert man auf mathematischem Weg die Himmelsk\u00f6rper zu verstehen. Als etwa Johannes Kepler zu Beginn des 17. Jahrhunderts berechnet hat, wie man die Bewegung der Planeten beschreiben kann und seine ber\u00fchmten Keplerschen Gesetze aufgestellt hat, war das theoretische Astronomie. Als Urbain LeVerrier im 19. Jahrhundert aus Unregelm\u00e4\u00dfigkeiten in der Bewegung des Planeten Uranus auf die Existenz eines weiteren, damals noch unbekannten Planeten geschlossen hat, war das theoretische Astronomie. Entdecken musste diesen Planeten dann nat\u00fcrlich jemand, der durch ein Teleskop schaut (was in dem Fall auch passiert ist und zum Fund von Neptun gef\u00fchrt hat). Beobachtung und Theorie sind unterschiedliche Gebiete, die dennoch fest zusammenh\u00e4ngen. Das eine kommt nicht ohne das andere aus. Lange Zeit \u00fcber bestand die Arbeit der theoretische Astronomie zum Beispiel aus der Berechnung von Sternpositionen und der Erstellung entsprechender Himmelskarten. Und aus dem Berechnen und Verfassen langer Tabellen, die die Position der Planeten f\u00fcr konkrete Zeitpunkte der Zukunft vorhersagen. Ohne solche Kataloge, Karten und Tabellen kommt man bei der Beobachtung nat\u00fcrlich nicht aus. Fr\u00fcher haben die meisten Astronom:innen auch beobachtet UND gerechnet. Heute hat sich die Wissenschaft sehr viel mehr spezialisiert.<\/p>\n<p>Ein bisschen rechnen muss man nat\u00fcrlich immer k\u00f6nnen, wenn man Astronomie betreiben will. Aber mittlerweile hat sich zwischen Theorie und Beobachtung ein komplett neues Gebiet etabliert: Die numerische Astronomie. Die wird immer ein wenig vernachl\u00e4ssigt, wenn man \u00fcber die Forschung spricht. Das finde ich ungerecht. Denn erstens ist sie enorm wichtig und zweites war die numerische Astronomie auch mein eigenes Arbeitsgebiet. Es wird also Zeit, mal ein wenig ausf\u00fchrlicher dar\u00fcber zu reden!<\/p>\n<figure id=\"attachment_6069\" aria-describedby=\"caption-attachment-6069\" style=\"width: 1000px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/31561-galkol2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/31561-galkol2.jpg\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"563\" class=\"size-full wp-image-6069\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-6069\" class=\"wp-caption-text\">So k\u00f6nnte der Himmel der fernen Zukunft aussehen, wenn die Andromeda-Galaxie sich anschickt, mit der Milchstra\u00dfe zu kollidieren. Aber woher wei\u00df man das? (<a href=\"https:\/\/hubblesite.org\/newscenter\/archive\/releases\/2012\/20\/image\/\">K\u00fcnstlerische Darstellung: NASA, ESA, Z. Levay and R. van der Marel (STScI), T. Hallas, and A. Mellinger<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Als Naturwissenschaft will die Astronomie nat\u00fcrlich die Natur erforschen. Es geht darum herauszufinden, was da drau\u00dfen im Universum tats\u00e4chlich und real passiert. Die Forschung der Astronomie muss sich also immer an echten Beobachtungsdaten orientieren. Man kann sich nicht einfach irgendwas ausdenken. Oder, etwas anderes gesagt: Man kann sich schon etwas ausdenken. Das muss man aber auf die richtige Weise tun, so dass es als vern\u00fcnftige wissenschaftliche Hypothese durchgeht. So eine Hypothese, so eine Vermutung muss prinzipiell durch Beobachtungen \u00fcberpr\u00fcfbar sein. Manche Dinge lassen sich in der Astronomie nur sehr schwer \u00fcberpr\u00fcfen und manche lassen sich so gut wie nicht beobachten. Genau hier kommt die numerische Astronomie ins Spiel.<\/p>\n<p>Nehmen wir eine ganz klassische Frage: Man hat &#8211; durch Beobachtung &#8211; einen Asteroid entdeckt. Und will jetzt wissen, wo der in Zukunft hinfliegt. Man will vor allem wissen, ob er irgendwann mit der Erde kollidiert. Aus den Beobachtungsdaten kann man nun nat\u00fcrlich seine Umlaufbahn um die Sonne berechnen. Aber das reicht nicht. Denn wie ich in vielen Folgen schon erz\u00e4hlt habe, sind die Umlaufbahnen der Himmelsk\u00f6rper nicht fix. Sie \u00e4ndern sich dauernd, weil alle Himmelsk\u00f6rper im Sonnensystem einander mit ihrer Gravitationskraft beeinflussen. Das kann man nat\u00fcrlich auch alles entsprechend berechnen. Zumindest im Prinzip&#8230; In der Praxis wird das sehr schnell sehr kompliziert. Denn \u00e4ndern sich die Positionen der Himmelsk\u00f6rper, dann \u00e4ndert sich auch die St\u00e4rke der Anziehungskraft, die sie aus\u00fcben. Und dadurch \u00e4ndern sich die Positionen &#8211; wodurch sich die Anziehungskraft wieder \u00e4ndert. Und so weiter, bis in die Unendlichkeit. Man kann zwar mathematisch die Gesetze beschreiben, denen die Bewegung der Himmelsk\u00f6rper folgt. Das ist das, was Menschen wie Johannes Kepler, Isaac Newton oder Albert Einstein getan haben. Man kann diese Gleichungen aber nicht mehr exakt l\u00f6sen, wie ich in Folge 175 schon genauer erkl\u00e4rt habe. Da sich alle Himmelsk\u00f6rper gegenseitig beeinflussen und die St\u00e4rke des Einflusses bestimmt, wie stark der Einfluss ist, kriegt man eine Art unendliche R\u00fcckkopplung die schlicht und einfach mathematisch nicht mehr exakt darstellbar ist. Jetzt hat man zwei M\u00f6glichkeiten. Oder eigentlich drei: Nat\u00fcrlich kann man sich einfach auf den Beobachtungsstandpunkt zur\u00fcckziehen und sagen: Ich SCHAUE einfach, ob der Asteroid mit der Erde kollidiert oder nicht. Das ist aber unpraktisch, denn sowas will man gerne vorher wissen. Und es ist ein weiteres Mal unpraktisch, weil es unter Umst\u00e4nden Jahrzehnte, Jahrhunderte oder Jahrtausende dauert, bis es so weit ist. Und wenn ich nicht an der Bewegung eines Asteroiden interessiert bin, sondern an der Bewegung von zum Beispiel Galaxien, dann dauert es Jahrmilliarden. Das kann man alles zwar im Prinzip beobachten. In der Praxis aber nicht. Von den verbleibenden zwei M\u00f6glichkeiten ist die erste der klassische theoretische Ansatz: Man probiert, die mathematischen Gleichungen so weit zu vereinfachen, dass man trotzdem irgendwelche brauchbaren L\u00f6sungen kriegt. Im Fall der Bewegung der Himmelsk\u00f6rper nennt sich das dann &#8222;St\u00f6rungsrechnung&#8220; und ich habe in Folge 96 ein bisschen was dazu erz\u00e4hlt. Am Ende kriegt man dann eine Ahnung, wie sich der Asteroid bewegt. Aber man hat unterwegs so viele Vereinfachungen machen m\u00fcssen, dass man nicht mehr wirklich gut vorhersagen kann, was in der Zukunft passieren wird. Vor allem muss man wirklich viel rechnen, wenn man das herausfinden wollen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Das war fr\u00fcher nicht m\u00f6glich. Man wusste zwar, was man rechnen muss. Aber es war schlicht und einfach zu viel Arbeit, die Rechnungen auch konkret durchzuf\u00fchren. Wenn man alles h\u00e4ndisch mit Bleistift auf Papier ausrechnen muss, gibt es Grenzen. Man kann die Position der Himmelsk\u00f6rper vielleicht f\u00fcr ein paar Jahre halbwegs genau vorhersagen. Aber es ist praktisch unm\u00f6glich zu wissen, was in ein paar Jahrhunderten passieren wird oder gar in ein paar Millionen Jahren. Bleibt M\u00f6glichkeit drei: Die numerische Astronomie. W\u00fcrde ich jetzt sagen, dass die darin besteht, einfach mit dem Computer zu rechnen, als mit der Hand, der w\u00e4re das zu sehr vereinfacht. Aber im Prinzip geht es genau darum. Eben weil wir seit ein paar Jahrzehnten die M\u00f6glichkeit haben, Rechnungen am Computer durchzuf\u00fchren, k\u00f6nnen wir wesentlich mehr machen als vorher. Wir k\u00f6nnen die Bewegung der Himmelsk\u00f6rper immer noch nicht exakt bestimmen; das verbietet die zugrunde liegende Mathematik. Aber wir k\u00f6nnen sie quasi beliebig exakt ann\u00e4hern. Dazu bauen wir uns im Computer ein Modell des Sonnensystems. Wir kennen aus Beobachtungen die aktuellen Positionen der Himmelsk\u00f6rper. Wir kennen aus der Theorie die Gesetze, die die Bewegung bestimmen. Und aus der Mathematik wissen wir auch, wie wir solche Gleichungen wenn schon nicht exakt, dann zumindest n\u00e4herungsweise l\u00f6sen k\u00f6nnen. Der Fehler unserer L\u00f6sung wird umso gr\u00f6\u00dfer, je weiter wir in die Zukunft schauen wollen. Also schauen wir einfach nur sehr kurz in die Zukunft und berechnen, wie die Position der Planeten morgen sein wird. Das hilft uns vorerst nicht viel weiter. Aber ein Computer kann diese Rechnung sehr schnell anstellen. Und dann nehmen wir den morgigen Zustand einfach als neuen Startpunkt f\u00fcr eine weitere Rechnung und schauen, wie es \u00fcbermorgen aussieht. Und so weiter. Am Ende k\u00f6nnen wir mit diesen numerischen Modellen ein paar Jahrtausende oder Jahrmillionen weit in die Zukunft schauen. <\/p>\n<figure id=\"attachment_4076\" aria-describedby=\"caption-attachment-4076\" style=\"width: 735px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/15381-mercury6_3.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/15381-mercury6_3.jpg\" alt=\"\" width=\"735\" height=\"818\" class=\"size-full wp-image-4076\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-4076\" class=\"wp-caption-text\">Ja, numerische Astronomie ist nicht h\u00fcbsch. Aber wichtig!<\/figcaption><\/figure>\n<p>Auch hier gibt es nat\u00fcrlich Grenzen. Die Beobachtungsdaten sind nicht beliebig genau und diese Fehler setzen sich bei den Berechnungen fort. Man kann den aktuellen Zustand des Sonnensystems auch anderweitig nicht beliebig genau festhalten. Man m\u00fcsste zum Beispiel ber\u00fccksichtigen, dass jeder Himmelsk\u00f6rper eine unregelm\u00e4\u00dfige Form hat und seine Masse nicht exakt gleichm\u00e4\u00dfig verteilt ist. Man m\u00fcsste nicht nur den gravitativen Einfluss der gro\u00dfen Planeten ber\u00fccksichtigen, sondern auch den der vielen kleinen Milliarden Asteroiden. Das ist alles prinzipiell m\u00f6glich; aber irgendwann st\u00f6\u00dft man an die Grenzen der aktuellen Computertechnik. Trotzdem lassen sich mit numerischen Modellen sehr gute Aussagen \u00fcber die Zukunft machen, denn die kleinen Fehler fallen nur dann ins Gewicht, wenn man entweder extrem genaue Ergebnisse haben will oder aber sehr weit in die Zukunft blicken m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Numerik ist aber weit mehr, als nur ein paar Zahlen in einen Computer zu tippen. Es gibt in der numerischen Astronomie so gut wie keine vorgefertigte Software. Jede Forschungsfrage ist so speziell, dass man sich so gut wie immer seine eigenen Programme schreiben muss. Man muss die richtige N\u00e4herungsmethode f\u00fcr die vorliegenden Gleichungen finden; die richtige Strategie, wie man diese Gleichungen am Computer l\u00f6st und braucht ein gutes astronomisches Verst\u00e4ndnis um das Modell so aufsetzen zu k\u00f6nnen, dass man am Ende die Antworten auf genau die Frage kriegt, die man gestellt hat. Ein Beispiel: Wenn ich wissen will, wie sich die Asteroiden in der N\u00e4he der Erde bewegen, wie muss ich dann den Zeitschritt der Simulation w\u00e4hlen? Also den &#8222;Sprung&#8220; in die Zukunft, den ich bei jedem Berechnungsschritt mache? Beim meiner Erkl\u00e4rung vorhin habe ich einen Tag gew\u00e4hlt, das aber war rein willk\u00fcrlich. Das muss man immer auf das Problem abstimmen und im Fall der erdnahen Asteroiden muss ich mir zum Beispiel \u00fcberlegen, was mit Merkur und mit Neptun ist. Neptun braucht 165 Jahre f\u00fcr eine Runde um die Sonne. Merkur dagegen nur 88 Tage. Ein erdnaher Asteroid braucht ungef\u00e4hr ein Jahr. Wenn ich jetzt eine Million Jahre in die Zukunft schauen will, und einen Zeitschritt von einem Tag w\u00e4hle, muss ich eine Million mal 365 die gravitative Wechselwirkung zwischen allen beteiligten Himmelsk\u00f6rpern ausrechnen. Das kann einen Computer schnell an seine Grenzen bringen (man hat ja in der Wissenschaft auch nicht immer beliebig viel Geld zur Verf\u00fcgung um bessere Ger\u00e4te zu kaufen). Also nehmen wir vielleicht besser ein halbes Jahr als Zeitschritt? Dann br\u00e4uchten wir nur eine halbe Million Rechenschritte &#8211; w\u00fcrden aber den Merkur in der Simulation verlieren: Wenn ich den Zustand des Sonnensystems nur alle knapp 183 Tage (also ein halbes Jahr) betrachte, der Merkur aber in 88 Tage einmal um die Sonne rum ist, dann kann ich seine Bewegung in der Simulation nicht mehr aufl\u00f6sen. Jetzt ist der Merkur ein recht kleiner Planet mit recht geringer Masse. Sein gravitativer Einfluss ist ebenso gering und man kann sich nun \u00fcberlegen, ob das Ergebnis der Simulation signifikant ungenauer wird, wenn man ihn einfach wegl\u00e4sst. Das muss man nat\u00fcrlich testen und mit den eigenen Anspr\u00fcchen an die von der Simulation gew\u00fcnschten Antworten abstimmen. In manchen F\u00e4llen wird man Merkur ignorieren k\u00f6nnen, in manchen dagegen nicht. Umgekehrt mit Neptun hat man ein \u00e4hnliches Problem: Wenn man zum Beispiel feststellt, dass man Merkur braucht, wird man den Zeitschritt auf zum Beispiel h\u00f6chstens circa 10 Tage setzen k\u00f6nnen um gute Ergebnisse zu kriegen. Man br\u00e4uchte dann aber auch auf jeden Fall mindestens 6022 Rechenschritte, um damit einen kompletten Umlauf des Neptuns zu simulieren. Will man wirklich wissen, wie der Einfluss des Neptuns ist, reicht aber ein einziger Umlauf nicht; da wird man vielleicht ein paar zehntausend Uml\u00e4ufe oder noch mehr ben\u00f6tigen &#8211; und entsprechend viele Rechenschritte. Also muss man sich \u00fcberlegen, ob man Neptun rauswerfen kann oder nicht.<\/p>\n<p>Wenn man numerische Astronomie betreibt, muss man also definitiv auch die astronomischen Ph\u00e4nomene gut verstehen um die es geht; es reicht nicht, einfach nur ein paar Computerprogramme zu schreiben. Und die Numerik spielt nicht nur bei der Bewegung der Himmelsk\u00f6rper eine Rolle. Man braucht sie \u00fcberall! Zum Beispiel wenn wir Sterne verstehen wollen. Auch da k\u00f6nnen wir nicht direkt reinschauen; auch hier m\u00fcssen wir Computersimulationen und Beobachtungsdaten kombinieren. Und auch hier m\u00fcssen wir wissen, WIE wir rechnen sollen. Reicht vielleicht ein zweidimensionales Modell des Sterns aus oder m\u00fcssen wir die ganzen wirbelnden und str\u00f6menden Gasmassen dreidimensional am Computer simulieren? Was m\u00fcssen wir alles simulieren um an Ende Vorhersagen \u00fcber die Auswirkungen an der Oberfl\u00e4che des Sterns machen zu k\u00f6nnen, die der Beobachtung zug\u00e4nglich ist? Und so weiter &#8211; ohne Numerik geht es nicht. Also 2015 die Entdeckung der ersten Gravitationswellen bekannt gegeben wurde, hat man verk\u00fcndet, man habe die Auswirkungen der Kollision zweier schwarzer L\u00f6cher gemessen. Was auch richtig war, aber nicht die ganze Geschichte. Die entsprechenden Gravitationswellen waren absurd schwach und das Me\u00dfger\u00e4t absurd gro\u00df (mehrere Kilometer lang). Es war auch extrem empfindlich und hat ALLES gemessen; jede kleinste Ersch\u00fctterung in der Umgebung. Will man in all diesem Datenrauschen die Gravitationswellen zweier kollidierender schwarzer L\u00f6cher finden, muss man GENAU wissen, wonach man sucht. Und woher wei\u00df man das? Weil zuvor sehr viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sehr viel Arbeitszeit damit verbracht haben, neue Methoden zu entwickeln, wie man die Kollision von schwarzen L\u00f6chern am Computer berechnen und die dabei entstehenden Gravitationswellen vorhersagen kann!<\/p>\n<p>In der Astronomie geht es immer noch um Sterne, Planeten und Galaxien. Aber wir stehen schon l\u00e4ngst nicht mehr nur Nacht f\u00fcr Nacht am Teleskop und schauen in den Himmel. Das ist weiterhin wichtig. Aber ohne das Universum im Computer w\u00fcssten wir heute l\u00e4ngst nicht so viel \u00fcber das Universum da drau\u00dfen.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/f162001e124542ea9b9cd8aa45b66f1f\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das ist die Transkription einer Folge meines Sternengeschichten-Podcasts. Die Folge gibt es auch als MP3-Download und YouTube-Video. Und den ganzen Podcast findet ihr auch bei Spotify. 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