{"id":26160,"date":"2021-05-07T06:00:36","date_gmt":"2021-05-07T04:00:36","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2021\/05\/07\/sternengeschichten-folge-441-die-bonner-durchmusterung\/"},"modified":"2025-05-14T16:55:05","modified_gmt":"2025-05-14T14:55:05","slug":"sternengeschichten-folge-441-die-bonner-durchmusterung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2021\/05\/07\/sternengeschichten-folge-441-die-bonner-durchmusterung\/","title":{"rendered":"Sternengeschichten Folge 441: Die Bonner Durchmusterung"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/SG_Logo.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/SG_Logo-150x150.png\" alt=\"SG_Logo\" width=\"150\" height=\"150\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-12938\" \/><\/a><i>Das ist die Transkription einer Folge meines <a href=\"https:\/\/sternengeschichten.org\">Sternengeschichten-Podcasts<\/a>. Die Folge gibt es auch als <a href=\"https:\/\/cdn.podigee.com\/media\/podcast_7374_sternengeschichten_episode_442542_sternengeschichten_folge_441_die_bonner_durchmusterung.mp3?v=1620129776\">MP3-Download<\/a> und <a href=\"https:\/\/youtu.be\/l_-6Mg1j4g8\">YouTube-Video<\/a>.<\/i> Und den ganzen Podcast findet ihr auch bei <b><a href=\"https:\/\/open.spotify.com\/show\/0ikLkbZTH9yjuwetyBheXX\">Spotify<\/a><\/b>.<\/p>\n<p><b>Mehr Informationen: [<a href=\"https:\/\/sternengeschichten.podigee.io\/feed\/mp3 \">Podcast-Feed<\/a>][<a href=\"https:\/\/itunes.apple.com\/de\/podcast\/sternengeschichten\/id583344780\">iTunes<\/a>][<a href=\"https:\/\/bitlove.org\/astrodicticum\">Bitlove<\/a>][<a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/sternengeschichten\">Facebook<\/a>] [<a href=\"https:\/\/twitter.com\/@sternenpodcast\">Twitter<\/a>]<\/i><\/b><\/p>\n<p><span style=\"font-size: xx-small;\">\u00dcber Bewertungen und Kommentare freue ich mich auf allen Kan\u00e4len.<\/span><br \/>\n<script class=\"podigee-podcast-player\" src=\"https:\/\/player.podigee-cdn.net\/podcast-player\/javascripts\/podigee-podcast-player.js\" data-configuration=\"https:\/\/sternengeschichten.podigee.io\/441-sternengeschichten-folge-441-die-bonner-durchmusterung\/embed?context=external&#038;token=Xdu215zWeTKAUwPkMGqRNw\"><\/script><br \/>\n&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;<br \/>\n<b>Sternengeschichten Folge 441: Die Bonner Durchmusterung<\/b><\/p>\n<p>Der Himmel ist voller Sterne. Als Astronom werde ich immer wieder mal gefragt, ob ich auch schon mal einen neuen Stern entdeckt habe. Habe ich nicht. Das tut man in der Astronomie so gut wie nie. Ab und zu findet man einen Stern, der au\u00dfergew\u00f6hnlich ist, zum Beispiel die Sterne, die ich in den Folgen 433, 437 oder 438 vorgestellt habe. Aber die &#8222;entdeckt&#8220; man nicht im eigentlichen Sinn. Man erforscht sie, und findet unter Umst\u00e4nden etwas cooles \u00fcber sie raus! Es gibt schlicht und einfach zu viele Sterne um sie entdecken zu k\u00f6nnen. Unsere Milchstra\u00dfe besteht aus circa 200 Milliarden Sterne. Man muss nur mit einem ausreichend guten Teleskop ausreichend genau zum Himmel blicken, und hat mit einem Schlag mehr Sterne im Blick, als man \u00fcberhaupt sinnvollerweise erforschen kann. <\/p>\n<p>Die Sterne sind da, wir m\u00fcssen einfach nur hinschauen, um sie zu sehen. Das hat mit &#8222;Entdecken&#8220; nichts zu tun. Wir wollen die Sterne _verstehen_, wir wollen mehr \u00fcber sie wissen, als nur dass sie da sind. Daf\u00fcr m\u00fcssen wir die unz\u00e4hligen Sterne irgendwie sinnvoll organisieren, sortieren und vor allem katalogisieren. Das erste, was man von einem Stern wissen muss, ist seine Position am Himmel und seine Helligkeit. Auf diesen Daten baut der ganze Rest unseres Wissens \u00fcber das Universum auf. Ohne diese absolut fundamentalen Informationen kann man keine seri\u00f6se astronomische Forschung angehen. Deswegen WAR die Astronomie die l\u00e4ngste Zeit ihrer Existenz \u00fcber auch genau das: Der Versuch, Positionen und Helligkeiten von so vielen Sternen wie m\u00f6glich so genau wie m\u00f6glich zu bestimmen.<\/p>\n<p>Wir haben heute ein v\u00f6llig anderes Bild von der Arbeit in der Astronomie als fr\u00fcher. Heute sehen wir die bunten Bilder der gro\u00dfen Weltraumteleskope. Wir sind fasziniert von der Erforschung schwarzer L\u00f6cher, ferner Galaxien, fremder Planeten. Die Astronomie ist ein gro\u00dfes Abenteuer bei der wir quer durch das gesamte Universum wandern. Die Astronomie war fr\u00fcher auch ein Abenteuer &#8211; aber eines, das aus heutiger Sicht sehr viel weniger aufregend wirkt. Wer fr\u00fcher &#8211; und damit ist alles gemeint, was circa bis zum Ende des 19. Jahrhunderts stattgefunden hat &#8211; ernsthaft astronomisch arbeiten wollte, musste vor allem sehr gut rechnen und beobachten k\u00f6nnen und durfte absolut kein Problem damit haben, \u00fcber lange Zeit hinweg die immer gleichen, sich wiederholenden Arbeitsschritte zu absolvieren. <\/p>\n<p>Man sa\u00df Nacht f\u00fcr Nacht vor dem Teleskop, in K\u00e4lte und in Dunkelheit. Nicht so wie heute, wo man die Beobachtungen vom warmen, hellen Kontrollraum steuert oder \u00fcberhaupt vom Schreibtisch im eigenen B\u00fcro ganz woanders auf der Welt. Damals musste man mit eigenen Augen durchs Teleskop schauen und die Ergebnisse der Beobachtung h\u00e4ndisch irgendwo notieren. Das Resultat so einer Beobachtungsnacht war eine lange Liste an Daten und Zahlen, die man dann untertags mathematisch auswerten musste. So ging es Tag f\u00fcr Tag und Nacht f\u00fcr Nacht. Ja, es gab auch andere T\u00e4tigkeiten; man konnte die Planeten beobachten; man konnte nach Kometen suchen; man konnte philosophisch \u00fcber die Natur des Universum spekulieren, usw. Aber die &#8222;echte&#8220; Astronomie damals war genau das: Die Position von Sternen messen. So viele wie m\u00f6glich und so genau wie m\u00f6glich. Und am Ende einen Katalog mit den Ergebnissen ver\u00f6ffentlichen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_6901\" aria-describedby=\"caption-attachment-6901\" style=\"width: 988px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Center_Milky_Way.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Center_Milky_Way.jpg\" alt=\"\" width=\"988\" height=\"962\" class=\"size-full wp-image-6901\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-6901\" class=\"wp-caption-text\">Sterne entdecken? Simpel! (<a href=\"https:\/\/www.eso.org\/public\/images\/potw1047a\/\">Bild: ESO\/R. Schoedel<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Das klingt aus heutiger Sicht langweilig. Ist es aber nicht. Das ist auch heute noch enorm wichtig. Wir _brauchen_ diese Kataloge. Sie sind immer noch die Grundlage der Astronomie. Ich hab in den Folgen 370 und 395 schon genauer erkl\u00e4rt, warum das so wichtig ist. Kurz gesagt: Was auch immer wir wissen wollen &#8211; wie alt ein Stern ist, wie hei\u00df er ist, wie weit er entfernt ist, ob er von Planeten umkreist wird oder nicht, und so weiter &#8211; was auch immer wir wissen wollen: Wir m\u00fcssen zuerst wissen, wo sich der Stern am Himmel befindet und wie hell er ist. <\/p>\n<p>Sternkataloge hat man daher von Anfang an erstellt. Zuerst hat man die Sterne einfach &#8222;so&#8220;, mit freiem Auge beobachtet und die entsprechenden Daten so gut wie m\u00f6glich gesch\u00e4tzt. Sp\u00e4ter hat man Hilfsmittel benutzt, Instrumente aus Stein oder Holz um die H\u00f6he der Sterne \u00fcber dem Horizont zu messen und ihre Bewegung verfolgen zu k\u00f6nnen. Dann kamen die Teleskope, die die Beobachtung einfacher machten &#8211; aber auch sehr viel mehr Sterne sichtbar: Noch mehr Material f\u00fcr noch mehr Beobachtungen&#8230;<\/p>\n<p>In der heutigen Folge der Sternengeschichten m\u00f6chte ich mich einem ganz speziellen Katalog widmen, der im 19. Jahrhundert und dar\u00fcber hinaus von enormer Bedeutung f\u00fcr die Astronomie war. Es geht um die &#8222;Bonner Durchmusterung&#8220;, die &#8211; wie der Name andeutet &#8211; an der Sternwarten von Bonn in Deutschland erstellt wurde. Und zwar von Friedrich Wilhelm August Argelander. Er wurde am 22. M\u00e4rz 1799 in Klaip\u0117da geboren. Das liegt heute in Litauen; war damals aber Teil von Ostpreu\u00dfen und Argelanders Geburtsstadt trug den deutschen Namen &#8222;Memel&#8220;. Er begann ein Studium an der Universit\u00e4t K\u00f6nigsberg; eigentlich um dort Wirtschaft zu studieren. Zu der Zeit hielt dort aber der gro\u00dfe Astronom Friedrich Wilhelm Bessel Vorlesungen und die begeisterten Argelander so, dass er auf Astronomie umstieg. Nach dem Studium arbeitete er zuerst an der finnischen Sternwarte in Turku; sp\u00e4ter wurde er Professor an der Universit\u00e4t Helsinki. In seiner Zeit in Finnland besch\u00e4ftigte sich Argelander vor allem mit der Messung von Helligkeiten der Sterne und mit Untersuchungen zu ihrer Bewegung. 1836 aber beschloss Preu\u00dfen, eine neue Sternwarte in Bonn zu bauen. Und Argelander sollte ihr erster Direktor werden, was ein Jahr sp\u00e4ter auch genau so passierte. Es hat dann aber noch bis 1845 gedauert, bis das Observatorium fertig war. <\/p>\n<figure id=\"attachment_33703\" aria-describedby=\"caption-attachment-33703\" style=\"width: 800px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Sternwarte_Bonn_Karl_Friedrich_Schinkel_Entwurf_1838.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Sternwarte_Bonn_Karl_Friedrich_Schinkel_Entwurf_1838.jpg\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"355\" class=\"size-full wp-image-33703\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-33703\" class=\"wp-caption-text\">Entwurf zur Bonner Sternwarte (1838) (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Datei:Sternwarte_Bonn_Karl_Friedrich_Schinkel_Entwurf_1838.jpg\">Bild: gemeinfrei<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Damals gab es nat\u00fcrlich schon Sternkarten und -kataloge. Argelander selbst hatte sich immer wieder damit besch\u00e4ftigt und Daten gesammelt. Aber wie das so ist mit solchen Projekten: Man verliert leicht den \u00dcberblick. Sterne schauen ja nur wie helle Punkte am Himmel aus; einer wie der andere. Und bei so VIELEN Punkten, macht man leicht mal Fehler. Manche Sterne, die man im Teleskop sehen konnten, fehlten in den Karten; manche waren in der Karte, obwohl es sie am Himmel gar nicht gab. Unterschiedliche Kataloge machten unterschiedliche Angaben. Und je besser die Teleskope wurden, desto mehr Sterne konnte man sehen &#8211; und wenn die neuen nicht bald in den Katalogen landeten, dann war das Potenzial f\u00fcr Verwechslungen und Fehler gro\u00df. Mitte des 19. Jahrhunderts brauchte es dringend einen neuen und besseren Katalog. Nicht nur der Sterne wegen: 1801 hatte man den ersten Asteroid im Sonnensystem entdeckt; in den n\u00e4chsten Jahrzehnten einen ganzen Schwung mehr dieser Himmelsk\u00f6rper. Im Gegensatz zu Kometen schauen Asteroiden im Teleskop aber auch nur aus wie helle Punkt. Anders gesagt: Sie sehen aus wie Sterne und wenn man sie beobachten und entdecken will, schafft das nat\u00fcrlich Probleme. Nur wenn man ganz genau wei\u00df, wo am Himmel \u00fcberall die Sterne sind, kann es einem auffallen, dass da ein weiterer Lichtpunkt ist, der nicht dazu passt und der kein Stern, sondern ein Asteroid ist.<\/p>\n<p>Es gab noch jede Menge andere Gr\u00fcnde, einen neuen Katalog zu erstellen und Argelander nahm sich vor, einen Katalog zu machen, der nicht nur umfangreicher war als die bisherigen, sondern auch genauer und vor allem ohne Fehler. Dazu musste er sich aber erst einmal ein entsprechendes Verfahren \u00fcberlegen. Wenn man so des Nachts in der Sternwarte sitzt und durchs Teleskop schaut, sollte es ja dunkel sein. Nur wenn die Augen v\u00f6llig an die Dunkelheit angepasst sind, kann man auch noch die schwachen Sterne am Himmel erkennen. Wenn man aber gleichzeitig die Position der Sterne im Teleskop mit denen von Sternen auf einer Sternkarte vergleichen muss, wird es schwierig. Dann braucht man Licht und wenn man st\u00e4ndig von Hell nach dunkel wechselt, sieht man nichts mehr. Es ist auch problematisch, wenn man immer wieder zum Himmel schaut, dann den Blick wieder vom Teleskop l\u00f6st, wieder durch schaut, und so weiter. Auch da kommt es leicht zu Verwechslungen; man \u00fcbersieht Sterne, die man eigentlich notieren sollte oder tr\u00e4gt andere doppelt in die Liste ein. Die bisherigen Methoden &#8211; so Argelander &#8211; waren nicht ausreichend f\u00fcr einen wirklich GUTEN Katalog. <\/p>\n<p>Nach viel probieren sah seine Methode am Ende dann so aus: Beobachtet wird an der Sternwarte Bonn, mit einem vergleichsweise kleinem Teleskop. Das von Joseph von Fraunhofer hergestellte Instrument hat nur eine \u00d6ffnung von 7,8 Zentimeter &#8211; aber ein 6 Grad gro\u00dfes Gesichtsfeld. Damit w\u00fcrde man 12 Vollmonde nebeneinander am Himmel im Teleskop sehen k\u00f6nnen &#8211; oder eben einen entsprechend gro\u00dfen Ausschnitt des Sternenhimmels. Beobachtet werden sollten alle Sterne mit einer Deklination von -2 Grad bis +90 Grad. Die Deklination ist eine der beiden Koordinaten die man am Himmel braucht, um die Position eines Sterns anzugeben. Sie ist am Himmel das, was auf der Erde die geografische Breite ist. Ein Stern mit einer Deklination von +90 Grad w\u00fcrde genau im Himmelsnordpol stehen, einer mit -90 Grad entsprechend am Himmelss\u00fcdpol und bei 0 Grad ist der Himmels\u00e4quator; also der an den Himmel projizierte \u00c4quator der Erde. Anders gesagt: Argelander wollte die gesamte n\u00f6rdliche H\u00e4lfte des Sternenhimmels kartografieren und einen kleinen Teil des s\u00fcdlichen. Dabei sollten alle Sterne bis zur 9 Gr\u00f6\u00dfenklasse katalogisiert werden. Also nicht nur die, die man ohne Teleskop sehen kann &#8211; das sind grob die Sterne von erster bis zur sechsten Gr\u00f6\u00dfenklasse &#8211; sondern auch die, die noch ein bisschen schw\u00e4cher leuchten. Der konkrete Beobachtungsablauf funktionierte dann so: Eine Person sa\u00df &#8211; oder besser gesagt: lag halbwegs bequem &#8211; unter dem Teleskop. Sie hatte ihr Auge immer am Objektiv und blickte auf die Sterne. Im Teleskop war eine Glasplatte mit Markierungen eingebaut. Einmal waagrechte Striche, um direkt die Deklination ablesen zu k\u00f6nnen, auf 6 Bogensekunden genau, also mit einer Genauigkeit von 0,0016 Grad. Es braucht aber noch eine zweite Koordinate, die Rektaszension. Die wird in der Astronomie in Stunden gemessen. Sie entspricht der geografischen L\u00e4nge auf der Erde. Vereinfacht gesagt kann man sich das so vorstellen: Der Sternenhimmel dreht sich &#8211; scheinbar, weil sich ja die Erde um ihre Achse dreht &#8211; in 24 Stunden einmal komplett herum. Markiert man die Position eines Sterns zu einem bestimmten Zeitpunkt, dann wird er 24 Stunden sp\u00e4ter wieder an diesem Punkt sein (wie gesagt, das ist eine vereinfachte Darstellung; ich hab das in Folge 307 genauer erkl\u00e4rt). Man hat nun einen bestimmten Punkt am Himmel ausgew\u00e4hlt &#8211; den Fr\u00fchlingspunkt, also der Punkt am Himmel, in dem die Sonne genau zu Fr\u00fchlingsanfang zu finden ist &#8211; und misst die Rektaszension von dort aus (so wie man auf der Erde die geografische L\u00e4nge von Greenwich in London aus misst). Der Fr\u00fchlingspunkt dreht sich mit dem Himmel mit, darum bleibt die Rektaszension eines Sterns gleich. In der Praxis beobachtet man den Sternenhimmel in einem Teleskop, das fix montiert ist. Man sieht darin also, wie die Sterne sich mit der Drehung des Himmels bewegen. Sobald sie eine bestimmte Grenze \u00fcberschreiten &#8211; Argelander hatte dazu eine vertikale Linie auf der Glasplatte in seinem Teleskop markiert &#8211; schreibt man den exakten Zeitpunkt auf. Aus dieser Zeit kann man sp\u00e4ter berechnen, welche Rektaszension der Stern hat. <\/p>\n<figure id=\"attachment_33702\" aria-describedby=\"caption-attachment-33702\" style=\"width: 476px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Friedrich_Wilhelm_August_Argelander_1868_von_August_Bausch.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Friedrich_Wilhelm_August_Argelander_1868_von_August_Bausch.jpg\" alt=\"\" width=\"476\" height=\"599\" class=\"size-full wp-image-33702\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-33702\" class=\"wp-caption-text\">Herr Argelander (<a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Friedrich_Wilhelm_August_Argelander_1868_von_August_Bausch.jpg\">Bild: gemeinfrei<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die eine Person, die unter dem Teleskop liegt, tut also nichts anders, als die durch das Blickfeld ziehenden Sterne zu beobachten. Sobald ein Stern die Vertikale Linie passiert, ruft sie laut die von ihr gesch\u00e4tzte Helligkeit in den Raum. Dort sitzt eine zweite Person, die st\u00e4ndig eine astronomische Uhr im Blick hat. Sie schreibt die Uhrzeit und die Helligkeit in eine Liste w\u00e4hrend die erste Person die Deklination notiert (ohne dabei den Blick vom Himmel zu l\u00f6sen). Das kann durchaus stressig werden; bei Argelanders Beobachtungen mussten manchmal bis zu 30 Sterne pro Minute notiert werden. Sicherheitshalber machte man deshalb immer zwei Durchl\u00e4ufe und nur dort, wo beide \u00fcbereinstimmten, nahm man die Daten in den Katalog auf. Die beobachtenden Personen waren auch meistens nur zwischen einer und eineinhalb Stunden bei der Arbeit. W\u00e4hrend ein frisches Team die Arbeit weiterf\u00fchrte, wurden die gerade gemachten Beobachtungen sofort verglichen und nach Unstimmigkeiten gesucht, solange man noch alles was man gesehen hatte, frisch im Ged\u00e4chtnis war. <\/p>\n<p>Argelander selbst \u00fcbernahm vor allem die Organisation des ganzen; die Beobachtungen wurden haupts\u00e4chlich von seinen Assistenten Eduard Sch\u00f6nfeld und Adalbert Kr\u00fcger durchgef\u00fchrt. Das Projekt startete am 25. Februar 1852 und die letzten Beobachtungen wurden am 27. M\u00e4rz 1859 gemacht. In dieser Zeit hatte man 324.198 Sterne vermessen. Bis der Katalog fertig war, dauerte es aber noch. Der erste Teil konnte gleich 1859 ver\u00f6ffentlicht werden; die Teile 2 und 3 folgten 1861 und 1862. Damit war der beste, umfangreichste und genaueste Sternenkatalog der damaligen Zeit fertig. Er wurde schnell unter dem Namen &#8222;Bonner Durchmusterung&#8220; bekannt. Heute gibt es nat\u00fcrlich wesentlich bessere Kataloge; das Weltraumteleskop GAIA hat 2018 eine Datenbank mit Informationen \u00fcber 1,7 Milliarden Sterne ver\u00f6ffentlicht. Aber f\u00fcr das sp\u00e4te 19. Jahrhundert war die Bonner Durchmusterung absolut hervorragend. Und ihre Spuren findet man heute noch: Zum Beispiel in der Bezeichnung mancher Sterne. Viele, die keinen prominenten Namen haben, werden manchmal immer noch mit ihrer Katalognummer aus der Bonner Durchmusterung klassifiziert. Zum Beispiel &#8222;BD+19\u00b02777&#8220;: Das ist der 2777te Stern im Katalog in der Zone am Himmel, die zwischen 19 und 20 Grad Deklination liegt. In dem Fall hat der Stern \u00fcbrigens einen prominenten Namen, es handelt sich um Arcturus, im Sternbild B\u00e4renh\u00fcter. <\/p>\n<figure id=\"attachment_33704\" aria-describedby=\"caption-attachment-33704\" style=\"width: 2048px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/druckplatte-bonner-durchmusterung.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/druckplatte-bonner-durchmusterung.jpg\" alt=\"\" width=\"2048\" height=\"1536\" class=\"size-full wp-image-33704\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-33704\" class=\"wp-caption-text\">Druckplatte der Bonner Durchmusterung (Eigenes Bild)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Bonner Durchmusterung wurde bald nach ihrer Fertigstellung erweitert. Eduard Sch\u00f6nfeld, der nach Argelanders Tod im Jahr 1875 selbst Direktor der Sternwarte in Bonn wurde, katalogisierte bis 1881 immerhin 133.659 Sterne am S\u00fcdhimmel; noch ein bisschen sp\u00e4ter wurde &#8211; diesmal unabh\u00e4ngig von Bonn &#8211; die &#8222;Cape Photographic Durchmusterung&#8220; f\u00fcr den S\u00fcdhimmel von S\u00fcdafrika aus durchgef\u00fchrt. Diesmal schon fotografisch und man schaffte es, knapp eine halbe Million Sterne in den Katalog aufzunehmen. Gleichzeitig machten sich Astronomen der Argentinischen Nationalsternwarte daran, den kompletten s\u00fcdlichen Himmel auf die gleiche Weise wie Argelander zu katalogisieren und das Resultat war die &#8222;Cordoba Durchmusterung&#8220;, die 1930 mehr als 600.000 Sterne umfasste.<\/p>\n<p>Heute macht man solche Katalogprojekte mit Weltraumteleskopen; die erforderliche Genauigkeit ist so gro\u00df geworden, dass es von der Erde aus nicht mehr vern\u00fcnftig machbar ist. Aber die alten Daten haben immer noch ihren Wert; oft braucht man alte Informationen um die neuen besser einordnen zu k\u00f6nnen. Bonn mag nicht mehr die Hauptstadt von Deutschland sein. In der Astronomie ist der Name der Stadt aber immer noch bestens bekannt.  <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/d79b24ed878247fcbcfc4a76d5c195ec\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das ist die Transkription einer Folge meines Sternengeschichten-Podcasts. Die Folge gibt es auch als MP3-Download und YouTube-Video. Und den ganzen Podcast findet ihr auch bei Spotify. 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