{"id":26129,"date":"2021-04-23T05:18:56","date_gmt":"2021-04-23T03:18:56","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2021\/04\/23\/sternengeschichten-folge-439-nancy-roman\/"},"modified":"2025-05-14T16:54:55","modified_gmt":"2025-05-14T14:54:55","slug":"sternengeschichten-folge-439-nancy-roman","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2021\/04\/23\/sternengeschichten-folge-439-nancy-roman\/","title":{"rendered":"Sternengeschichten Folge 439: Nancy Roman"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/SG_Logo.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/SG_Logo-150x150.png\" alt=\"SG_Logo\" width=\"150\" height=\"150\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-12938\" \/><\/a><i>Das ist die Transkription einer Folge meines <a href=\"https:\/\/sternengeschichten.org\">Sternengeschichten-Podcasts<\/a>. Die Folge gibt es auch als <a href=\"https:\/\/cdn.podigee.com\/media\/podcast_7374_sternengeschichten_episode_426646_sternengeschichten_folge_439_nancy_roman.mp3?v=1618481224\">MP3-Download<\/a> und <a href=\"https:\/\/youtu.be\/bEa9fwQri-A\">YouTube-Video<\/a>.<\/i> Und den ganzen Podcast findet ihr auch bei <b><a href=\"https:\/\/open.spotify.com\/show\/0ikLkbZTH9yjuwetyBheXX\">Spotify<\/a><\/b>.<\/p>\n<p><b>Mehr Informationen: [<a href=\"https:\/\/sternengeschichten.podigee.io\/feed\/mp3 \">Podcast-Feed<\/a>][<a href=\"https:\/\/itunes.apple.com\/de\/podcast\/sternengeschichten\/id583344780\">iTunes<\/a>][<a href=\"https:\/\/bitlove.org\/astrodicticum\">Bitlove<\/a>][<a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/sternengeschichten\">Facebook<\/a>] [<a href=\"https:\/\/twitter.com\/@sternenpodcast\">Twitter<\/a>]<\/i><\/b><\/p>\n<p><span style=\"font-size: xx-small;\">\u00dcber Bewertungen und Kommentare freue ich mich auf allen Kan\u00e4len.<\/span><br \/>\n<script class=\"podigee-podcast-player\" src=\"https:\/\/player.podigee-cdn.net\/podcast-player\/javascripts\/podigee-podcast-player.js\" data-configuration=\"https:\/\/sternengeschichten.podigee.io\/439-sternengeschichten-folge-439-nancy-roman\/embed?context=external&#038;token=i7sBD9H5plLsLTP7M_MjHg\"><\/script><br \/>\n&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;<br \/>\n<strong>Sternengeschichten Folge 439: Nancy Roman<\/strong><\/p>\n<p>Am 24. April 1990 flog das Weltraumteleskop Hubble an Bord des Space Shuttles Discorvery ins All. Dar\u00fcber habe ich schon in Folge 389 der Sternengeschichten ausf\u00fchrlich gesprochen. Es hat lange gedauert, bis aus der Idee eines Observatoriums im Weltraum die Realit\u00e4t des gro\u00dfen Hubble-Teleskops geworden ist. Den ersten konkreten Vorschlag f\u00fcr ein optisches Teleskop im All gab es immerhin schon 1946. Heute soll es aber nicht um das Hubble-Teleskop gehen, sondern um eine Astronomin, die ma\u00dfgeblich dazu beigetragen hat, es zu realisieren. Und dar\u00fcber hinaus noch sehr viel mehr f\u00fcr die Astronomie im Weltraum gemacht hat.<\/p>\n<p>Nancy Grace Roman wurde am 16. Mai 1925 geboren, in Nashville, Tennesse. Da hat sie aber nur kurz gelebt; sie zog in ihrer Kindheit oft um. Ihr Vater war ein Geophysiker, der immer wieder an anderen Universit\u00e4ten arbeitete; ihre Mutter war eine Lehrerin. Beide brachten Nancy schon fr\u00fch mit Naturwissenschaft in Kontakt. Sie war vor allem vom Himmel fasziniert; schon als Vierj\u00e4hrige soll ihr Lieblingsmotiv beim Malen der Mond gewesen sein. Vor allem Nancys Mutter hat das Interesse ihrer Tochter f\u00fcr den Nachthimmel geweckt; in den dunklen und klaren N\u00e4chten beobachteten sie gemeinsam die Sternbilder und die damals sichtbaren Polarlichter &#8211; etwas, was an das sich Nancy Roman auch Jahrzehnte sp\u00e4ter immer noch gerne erinnerte. Mit 11 Jahren organisierte sie gemeinsam mit ihre Schulfreunden einen astronomischen Verein und mit 13 Jahren war sie sich sicher, dass sie auf jeden Fall Astronomin werden wollte. Sie besa\u00df allerdings kein Teleskop; einerseits aus finanziellen Gr\u00fcnden, andererseits aber auch, weil sie, wie sie sp\u00e4ter selbst sagte, immer sehr viel daran interessiert war, die Wissenschaft der Astronomie zu verstehen als nur die Himmelsk\u00f6rper zu betrachten.<\/p>\n<figure id=\"attachment_33652\" aria-describedby=\"caption-attachment-33652\" style=\"width: 1920px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Nancy_Roman_Hubblecast.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Nancy_Roman_Hubblecast.jpg\" alt=\"\" width=\"1920\" height=\"1080\" class=\"size-full wp-image-33652\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-33652\" class=\"wp-caption-text\"><a href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/hubble_esa\/44477663304\/in\/photolist-2aLkDHS-Fv3zVg-EFvSN1-FsLfCy-EFQz3n-FbSnmq-Fv3M4D-Fv3Ybt-25eF9YR-22rMwT-Fv443x-FbS6AN-Fv4HN8-EFQy74-AhMGdJ-FbT4rW-FsKTjm-5dopRY-CLDYxA-EFwsXJ-EFQCWp-EFwUuf-EFRava-Fv4H4T-W61rLT-EFQQB8-EFRrGt-Fv4M7n-EFQQg8-YL543f-FsKCaU-Fv3RLe-Fv4nT8-Fv4gpB-EFQSnT-FsLtjq-EFvF49-zoc1cP-A3tCuW-EFwB4o-EFvDuC-EFvYdj-9yrf8K-zo46g3-FbSGbj-EFR8AZ-FbSiHo-FsKSuq-FsL117-EFvDP5\">Bild: Hubble ESA<\/a>, <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by\/2.0\/\">CC-BY 2.0<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Nancy Romans Jugend und Schulzeit war aber nat\u00fcrlich und leider auch von Vorurteilen gepr\u00e4gt. Man sah es damals als absolut unpassend f\u00fcr M\u00e4dchen an, eine Karriere in den Naturwissenschaften anzustreben und Nancy wurde immer wieder dringend geraten, ihre Pl\u00e4ne nicht weiter zu verfolgen. Als sie die Beratungslehrerin in ihrer Highschool fragte, ob sie anstatt weiterer Lateinstunden lieber mehr Mathematikunterricht haben k\u00f6nnte, wurde sie entgeistert gefragt, welches M\u00e4dchen denn Mathematik gegen\u00fcber Latein bevorzugen w\u00fcrde.<br \/>\nRoman lie\u00df sich aber nicht beirren und begann ein Studium am Swarthmore College in Pennsylvania. Auch dort traf sie auch Schwierigkeiten. Die Dekanin versuchte alle M\u00e4dchen aktiv davon abzubringen, sich mit Naturwissenschaft zu besch\u00e4ftigt; andere Professoren sagten ihr, sie solle das Studium doch am besten abbrechen und einfach heiraten.<\/p>\n<p>Nancy Roman aber machte weiter. Sie wechselte zur Universit\u00e4t Chicago, um dort ihren Doktortitel in Astronomie zu machen. Dort arbeitete Astronomie-Professor William Wilson Morgan, der sie gleich beim ersten Aufeinandertreffen aufforderte, doch bitte in seine Wohnung zu gehen um sich dort um seine kranke Frau zu k\u00fcmmern. Auch an der Sternwarte der Uni Chicago hielt man nicht viel Frauen: &#8222;Die heiraten ja doch nur und verschwinden dann&#8220;, war die allgemeine Meinung, die Roman immer wieder zu h\u00f6ren bekam. Sie lie\u00df sich nicht unterkriegen und bat drei der Professoren um Projekte, an denen sie arbeiten k\u00f6nne. Sie entschied sich f\u00fcr die Aufgabe, bei der sie selbst auch am Teleskop beobachten konnte. Es ging dabei um die Untersuchung der Sterne im Gro\u00dfen Wagen; die einen sogenannten &#8222;offenen Sternhaufen&#8220; bilden. Roman sollte mit ihren Beobachtungen dazu beitragen, die Entfernung des Haufens zu bestimmen. Aus diesem Projekt entwickelte sich ihre Doktorarbeit und William Morgan wurde ihr offizieller Betreuer. Der aber an Betreuung kein wirkliches Interesse zu haben schien. Er sprach oft monatelang nicht mit ihr, wie Roman in ihrer Autobiografie berichtet; und in den Sitzungen der astronomischen Fakult\u00e4t konnte er daher auch nichts \u00fcber Nancy Romans Arbeit berichten &#8211; was dort nat\u00fcrlich den Eindruck erweckte, sie w\u00fcrde gar nicht arbeiten. Die Unterst\u00fctzung, die eigentlich von ihrem Betreuer kommen sollte, holte sich Roman von Astronomen, die die Sternwarte besuchten. <\/p>\n<p>William Morgan hat es Nancy Roman nicht leicht gemacht, ihr Doktoratsstudium zu beenden. Von nachl\u00e4ssiger bis nichtvorhandender Betreuung bis hin zu k\u00f6rperlicher Bel\u00e4stigung musste Roman alles erleben, was Frauen in der Welt der Naturwissenschaft damals so gut wie immer erleben musste. Aber trotz allem erhielt sie 1949 ihren Doktortitel in Astronomie. Einen Job zu finden war nicht einfach. Morgan wollte sie gerne an der Sternwarte von Chicago halten; immerhin wurden Frauen damals deutlich schlechter bezahlt als M\u00e4nner und Roman konnte viel billiger angestellt werden. Er hielt ihr auch alle Informationen \u00fcber anderweitige Jobangebote vor und Roman blieb vorerst. In den kommenden Jahren machte sie dort allerdings ihre wichtigsten wissenschaftlichen Entdeckungen. Sie konzentrierte sich vor allem auf die Beobachtung der hellen Sterne in der Milchstra\u00dfe. Und fand heraus, dass man sie anhand ihrer chemischen Zusammensetzung in zwei grundlegende Gruppen einteilen konnte. Einmal Sterne, die neben Wasserstoff und Helium kaum andere chemische Elemente enthalten und dann Sterne, bei denen der Anteil dieser anderen Elemente vergleichsweise hoch ist. Die zweite Gruppe, so fand Roman heraus, bewegte sich vor allem in ann\u00e4hernd kreisf\u00f6rmigen Bahnen um das Zentrum der Milchstra\u00dfe und vor allem in der Ebene der Scheibe der Milchstra\u00dfe. Die andere Gruppe an Sternen hatte deutlich geneigtere und langgestrecktere Umlaufbahnen. Dass es Sterne mit diesem unterschiedlichen Verhalten gibt, war auch vorher schon bekannt. Aber Roman konnte dieses Wissen nicht nur erweitern und best\u00e4tigen. Da sie sich auf die Sterne konzentrierte, die auch ohne Teleskop mit freiem Auge sichtbar sind, konnte sie das erste Mal zeigen, dass es diese Unterschiede auch bei den &#8222;gew\u00f6hnlichen&#8220; Sternen gibt und dass sie sich nicht nur unterschiedlich verhalten sondern &#8211; im Gegensatz zu dem was man damals noch dachte &#8211; auch unterschiedlich alt sein m\u00fcssen. Roman konnte als zeigen, dass die Bewegung der Sterne in der Milchstra\u00dfe unter anderem von ihrem Alter abh\u00e4ngt, was zur damaligen Zeit die ersten konkreten Hinweise auf die Entstehung der Milchstra\u00dfe lieferte. Ihre Arbeit \u00fcber dieses Thema, die sie 1950 ver\u00f6ffentlichte, wurde sp\u00e4ter vom Astrophysical Journal zu den 100 wichtigsten Arbeiten der letzten 100 Jahre gez\u00e4hlt.<\/p>\n<figure id=\"attachment_33651\" aria-describedby=\"caption-attachment-33651\" style=\"width: 1483px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Nancy_Grace_Roman_at_NASA_Goddard_in_2017_27154772467.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Nancy_Grace_Roman_at_NASA_Goddard_in_2017_27154772467.jpg\" alt=\"\" width=\"1483\" height=\"1920\" class=\"size-full wp-image-33651\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-33651\" class=\"wp-caption-text\">Nancy Roman mit Hubble-Modell (2017), <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Nancy_Grace_Roman_at_NASA_Goddard_in_2017_(27154772467).jpg\">Bild: NASA, public domain<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Aber auch als Astronomin die wichtige Forschungsarbeit leistete, hatte Roman immer noch mit den Vorurteilen zu k\u00e4mpfen. Sie wurde zum Beispiel nicht zu einer Konferenz eingeladen, auf der exakt die Themen ihrer Forschung \u00fcber die Sterne der Galaxie diskutiert wurden. William Morgan, der auf dem gleichen Gebiet arbeitete, entschied sich, Romans Ergebnisse lieber selbst zu pr\u00e4sentieren&#8230; Aber genug von M\u00e4nnern, die Frauen keine wissenschaftlichen Leistungen zutrauen oder g\u00f6nnen wollen. Es geht ja um die Arbeit von Nancy Roman und die f\u00e4ngt jetzt erst so richtig an. Sie beobachtete weiter die Sterne der Milchstra\u00dfe, erforschte ihre Eigenschaften und stie\u00df dabei auf ein Exemplar mit der Bezeichnung AG Draconis. Als Roman ihn im Zuge ihrer Arbeit beobachtete, fiel ihr auf, dass er anders leuchtete, als man damals dachte. Sie schrieb eine kurze Notiz f\u00fcr eine Fachzeitschrift, die 1953 ver\u00f6ffentlicht wurde. Keine gro\u00dfe Sache aus astronomischer Sicht &#8211; aber eine sehr gro\u00dfe Sache f\u00fcr Nancy Romans Karriere. <\/p>\n<p>Zuerst aber einmal wechselte von Chicago an das United States Naval Research Laboratory und begann sich dort im Jahr 1954 mit dem gerade erst entstehenden Gebiet der Radioastronomie zu besch\u00e4ftigen. Auch hier erstellte sie Karten der Milchstra\u00dfe im Radiolicht, kam aber auch das erste Mal in Kontakt mit dem noch j\u00fcngeren Feld der Raumfahrt. Die 1950er Jahre waren immerhin die Zeit, als man das erste Mal ernsthaft versuchte, Satelliten ins All zu schie\u00dfen und auch das Naval Research Laboratory war daran beteiligt. Ein aus Romans Sicht enorm wichtiges Ereignis fand im Jahr 1956 statt. An der Byurakan-Sternwarte in Armenien fand eine astronomische Konferenz statt und der dortige Direktor hatte zuf\u00e4llig ihre kurze Arbeit \u00fcber AG Draconis gelesen, war faszinieret davon und Roman kurzerhand eingeladen. Armenien war damals noch Teil der Sowjetunion und die Welt mitten im kalten Krieg. Das eine Zivilistin wie Roman einfach so aus den USA zum &#8222;Feind&#8220; in die Sowjetunion reist, war ungew\u00f6hnlich und ist bis zu diesem Zeitpunkt eigentlich nicht vorgekommen. Nach ihrer R\u00fcckkehr begannen sich deswegen auch Medien und wissenschaftliche Einrichtungen f\u00fcr Roman zu interessieren; sie wurde zu diversen Vortr\u00e4gen eingeladen, lernte Kolleginnen und Kollegen kennen und bekam endlich auch die Wertsch\u00e4tzung, die ihr wegen ihrer wissenschaftlichen Arbeit l\u00e4ngst zugestanden h\u00e4tte. <\/p>\n<p>Dann kam das Jahr 1958 und mit ihm die Gr\u00fcndung der NASA. Das Naval Research Laboratory steuerte einen Teil seiner Belegschaft f\u00fcr die wissenschaftliche Abteilung der Weltraumorganisation bei und Nancy Roman, jetzt durch ihre Armenienreise \u00fcberall bekannt &#8211; wurde gefragt, ob sie jemanden kenne, der bei der NASA ein Programm f\u00fcr Weltraumastronomie gr\u00fcnden und leiten k\u00f6nne. Roman nahm das als Anlass, sich einfach selbst daf\u00fcr zu bewerben und begann dort im Jahr 1959 ihren Job als Leiterein der Abteilung f\u00fcr Beobachtende Astronomie.<\/p>\n<p>Sie selbst weist immer wieder auf das Gl\u00fcck hin, dass sie dank des seltsamen Sterns AG Draconis hatte. Heute wissen wir, dass es sich um einen ver\u00e4nderlichen Stern handelt; zwei Sterne eigentlich. Einen Riesenstern und einen wei\u00dfen Zwerg, die sich umkreisen, aber so weit von der Erde entfernt sind, dass sie wie ein Stern aussehen. Schaut man aber ganz genau hin, dann scheinen sich die chemischen Eigenschaften dieses einen Sterns, der ja eigentlich zwei Sterne ist, zu ver\u00e4ndern; je nachdem ob die beiden gerade hintereinander oder nebeneinander stehen. Die Ver\u00e4nderungen die Roman entdeckt hatte, zeigt AG Draconis aber nur alle 10 bis 15 Jahre f\u00fcr etwa 100 Tage. Roman hatte also Gl\u00fcck, gerade zum richtigen Zeitpunkt hingeschaut zu haben. Aber, und auch das sagt sie selbst explizit, so wichtig das Gl\u00fcck war: Es war auch wichtig, dass sie erkannte, dass da etwas ungew\u00f6hnliches und interessantes abl\u00e4uft und dass sie die Gelegenheiten auch ergriffen hat, die ihr der gl\u00fcckliche Zufall brachte. <\/p>\n<figure id=\"attachment_33653\" aria-describedby=\"caption-attachment-33653\" style=\"width: 993px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Dr._Nancy_Roman_-_GPN-2002-000212_edited-Mittel.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Dr._Nancy_Roman_-_GPN-2002-000212_edited-Mittel.jpg\" alt=\"\" width=\"993\" height=\"768\" class=\"size-full wp-image-33653\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-33653\" class=\"wp-caption-text\">Nancy Roman mit einem Modell des OSO (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Datei:Dr._Nancy_Roman_-_GPN-2002-000212_edited.jpg\">Bild. NASA, public domain<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Jetzt jedenfalls war Roman bei der NASA angekommen. Das erste wichtige Projekt unter ihrer Leitung war OSO, das &#8222;Orbiting Solar Observatory&#8220;. Zwischen 1962 und 1975 schickte die NASA neun Satelliten ins All, um die Sonne zu erforschen. Unter anderem auch in den Bereichen, die von der Erdoberfl\u00e4che aus nicht beobachtbar sind, also zum Beispiel im R\u00f6ntgen- und Ultraviolettlicht. Das lieferte wichtige Erkenntnisse \u00fcber das Verhalten unseres Sterns, unter anderem auch \u00fcber den Sonnenwind und seinen Einfluss auf die Erde. Mit den vier Weltraumteleskopen die im Rahmen der &#8222;Orbiting Astronomical Observatory&#8220;-Missionen zwischen 1966 und 1972 ins All gebracht wurden, konnte Roman die Bedeutung der Ultraviolettastronomie weiter ausbauen. Das erste Mal war es m\u00f6glich, den Himmel in diesem Wellenl\u00e4ngebereich in guter Qualit\u00e4t zu beobachten. Von der Erdoberfl\u00e4che aus ist das nicht m\u00f6glich, da diese Strahlung zum gr\u00f6\u00dften Teil von der Atmosph\u00e4re blockiert wird. Wenn man aber verstehen will, wie Sterne funktionieren, muss man auch dieses Licht beobachten.<\/p>\n<p>Mindestens genau so wichtig wie die wissenschaftlichen Erkenntnisse war f\u00fcr die NASA aber auch das technische Wissen, dass sie w\u00e4hrend der Orbiting Astronomical Observatory Missionen erlangten. Es waren die ersten echten Weltraumteleskope und die Astronom:innen \u00fcberall auf der Welt konnten aus erster Hand sehen, wie enorm effektiv es sein kann, ein Teleskop ins All zu bringen anstatt es von der Erde aus durch die st\u00f6rende Atmosph\u00e4re schauen zu lassen. Nancy Roman war seit 1971 intensiv damit besch\u00e4ftigt, das schon lange existierende Projekt eines wirklich gro\u00dfen Weltraumteleskops real werden zu lassen. Sie stellte Gruppen zusammen, die verschiedene Missionen entwarfen; reiste durchs Land um finanzielle und politische Unterst\u00fctzung zu gewinnen und konnte am Ende das fertig stellen, was die Grundlage f\u00fcr das heutige Hubble-Teleskop werden sollte.<\/p>\n<p>Ende 1979 zog sie sich aber von der NASA zur\u00fcck. Komplett in den Ruhestand gehen wollte sie aber noch nicht. Sie wollte nach all der Zeit im Wissenschaftsmanagement wieder zur\u00fcck in die Forschung. Dazu musste sie ihr Wissen in Sachen Computerprogrammierung auffrischen, was sie tat und daf\u00fcr noch einmal gemeinsam mit jungen Studierenden Vorlesungen an der Uni besuchte. In den kommenden Jahren arbeitet sie mit diesem neuen Wissen um Datenverarbeitung an der Erstellung aktueller astronomischer Kataloge. Und kehrte dann doch noch einmal zur NASA zur\u00fcck: Von 1995 bis 1997 war sie Leiterin des Astronomischen Datenzentrums am Goddard Space Flight Center der NASA. <\/p>\n<p>1997 lie\u00df sie die Welt der NASA und der Universit\u00e4ten aber endg\u00fcltig hinter sich. Eine Zeit lang k\u00fcmmerte sie sich noch als Beraterin um die Einrichtung des Space Telescope Science Institute, also der wissenschaftlichen Einrichtung die extra geschaffen wurde, um die Arbeit mit dem Hubble-Teleskop zu organiseren. Sie unterrichtete Sch\u00fcler:innen und Student:innen und bildete Lehrer:innen aus. Ihren echten Ruhestand verbrachte sie damit, astronomische Lehrb\u00fccher vorzulesen, um auch blinden Menschen und Menschen mit Leseschw\u00e4che einen Zugang zur Astronomie zu erm\u00f6glichen. <\/p>\n<p>Nancy Roman starb am 25. Dezember 2018, im Alter von 93 Jahren. F\u00fcr ihre Arbeit an der Organisation des Hubble-Teleskops wird sie heute immer noch als &#8222;Mother of Hubble&#8220; bezeichnet. Ihr selbst war allerdings der 1978 ins All geflogene &#8222;International Ultraviolet Explorer&#8220; am wichtigsten. Diese Weltraumteleskop f\u00fcr den Ultraviolettbereich arbeitete bis 1996 und untersuchte die aktiven Kerne ferner Galaxien; Kometen im Sonnensystem, Sterne und die Zusammensetzung von Sternen; das Gas zwischen den Sternen und den Galaxien; kurz: Eigentlich alles, was aus Sicht der Astronomie interessant ist. Es war nur f\u00fcr f\u00fcnf Jahre ausgelegt, h\u00e4tte aber auch nach den 18 Jahren die es tats\u00e4chlich in Betrieb war, weiterbenutzt werden k\u00f6nnen. Man hat es nicht deaktiviert, weil es kaputt gegangen ist, sondern weil man kein Geld mehr f\u00fcr die Mission ausgeben wollte. Der &#8222;International Ultraviolet Explorer&#8220; war nicht nur extrem erfolgreich, sondern auch der direkte Vorl\u00e4ufer des Hubble-Teleskops. Roman war wirklich stolz darauf. Das Hubble-Teleskop, so ihre Ansicht, w\u00e4re so oder so gebaut worden. Wenn sie es nicht organisiert h\u00e4tte, dann eben irgendwer anderes. Der &#8222;International Ultraviolet Explorer&#8220; aber war ihr Projekt und wenn sie nicht daf\u00fcr gek\u00e4mpft h\u00e4tte, dann h\u00e4tte es die Mission nicht gegeben. <\/p>\n<figure id=\"attachment_33654\" aria-describedby=\"caption-attachment-33654\" style=\"width: 776px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Nancy_Grace_Roman_with_Women_of_Hubble_42081749402-Mittel.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Nancy_Grace_Roman_with_Women_of_Hubble_42081749402-Mittel.jpg\" alt=\"\" width=\"776\" height=\"768\" class=\"size-full wp-image-33654\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-33654\" class=\"wp-caption-text\">Nancy Roman mit Astronominnen vom Hubble Telescope Projekt (<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/File:Nancy_Grace_Roman_with_Women_of_Hubble_(42081749402).jpg\">Bild: NASA, public domain<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Nancy Roman bekam schon zu Lebzeiten jede Menge Ehrungen. 1962 wurde sie vom Life Magazine zu den &#8222;100 wichtigsten jungen Menschen&#8220; gez\u00e4hlt. Sie bekam Ehrendoktortitel, Medaillen, wurde in wissenschaftliche Gemeinschaften aufgenommen. Man hat einen Asteroid nach ihr benannt. Im Jahr 2020 hat die NASA beschlossen, das Wide Field Infrared Survey Teleskope &#8211; ein Weltraumteleskop zur Erforschung extrasolarer Planeten und Kosmologie das gegen Ende der 2020er Jahre gestartet werden soll, in &#8222;Nancy Grace Roman Space Telescope&#8220; umzubenennen. Diese Ehre hat Roman nicht mehr erlebt. In ihrer Autobiografie schreibt sie aber, dass sie sowieso eine ganz andere Ehrung am spa\u00dfigsten fand: 2017 brachte LEGO ein Set mit dem Titel &#8222;Women of NASA&#8220; auf den Markt. Neben der Computerwissenschaftlerin Margaret Hamilton und den Astronautinnen Mae Jemison und Sally Ride konnte man dort auch Nanny Roman und ein kleines Hubble-Weltraumteleskop aus den Legosteinen bauen. <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/18e1939a1666463ca742e9451e3dbbe9\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das ist die Transkription einer Folge meines Sternengeschichten-Podcasts. Die Folge gibt es auch als MP3-Download und YouTube-Video. Und den ganzen Podcast findet ihr auch bei Spotify. Mehr Informationen: [Podcast-Feed][iTunes][Bitlove][Facebook] [Twitter] \u00dcber Bewertungen und Kommentare freue ich mich auf allen Kan\u00e4len. &#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212; Sternengeschichten Folge 439: Nancy Roman Am 24. 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