{"id":26018,"date":"2021-02-08T07:00:55","date_gmt":"2021-02-08T06:00:55","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2021\/02\/08\/ein-toter-stern-zerstoert-beringten-planet-und-seine-monde\/"},"modified":"2025-05-14T16:54:08","modified_gmt":"2025-05-14T14:54:08","slug":"ein-toter-stern-zerstoert-beringten-planet-und-seine-monde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2021\/02\/08\/ein-toter-stern-zerstoert-beringten-planet-und-seine-monde\/","title":{"rendered":"Ein toter Stern zerst\u00f6rt beringten Planet und seine Monde"},"content":{"rendered":"<p>Ein gro\u00dfer Gasplanet mit beeindruckend Ringen, so wie Saturn. Viele kleine Monde, die zwischen den Ringen den Planet umkreisen, so wie Saturn. Aber nicht in unserem Sonnensystem sondern knapp 300 Lichtjahre entfernt. Dort, wo einmal ein Stern so \u00e4hnlich wie unsere Sonne existiert hat, aber mittlerweile schon l\u00e4ngst nicht mehr existiert. Der Stern hat seinen Brennstoff verbraucht und die Kernfusion eingestellt. Er ist in sich zusammengefallen; ist nun kaum noch gr\u00f6\u00dfer als die Erde. Der tote Stern gl\u00fcht nur noch hei\u00df vor sich &#8211; er ist zu einem wei\u00dfen Zwerg geworden. Vor seinem Tod hat er sich noch einmal zu enormer Gr\u00f6\u00dfe aufgebl\u00e4ht und dabei auch das ihn umgebende Planetensystem durcheinander gebracht. Der gro\u00dfe, saturn\u00e4hnliche Gasplanet mit seinen Ringen und Monden hat den Prozess nicht \u00fcberlebt. Er ist auf den wei\u00dfen Zwerg gest\u00fcrzt und dabei zerst\u00f6rt worden.<\/p>\n<p>Es ist ein faszinierendes Bild, das <i>Alexandra Doyle<\/i> von der Universit\u00e4t Kalifornien in Los Angeles und ihre Kollegen da pr\u00e4sentieren (<a href=\"https:\/\/arxiv.org\/abs\/2102.01835\">&#8222;Icy Exomoons Evidenced by Spallogenic Nuclides in Polluted White Dwarfs&#8220;<\/a>). Noch faszinierender ist aber der Weg, auf dem sie zu dieser Erkenntnis gelangt sind. Denn man fragt sich ja schon: Woher will man wissen, welche Planeten (und noch dazu welche Monde) einen Stern umkreist haben, den es schon l\u00e4ngst nicht mehr gibt? Hier trifft man wieder auf die gro\u00dfe St\u00e4rke der Astronomie: Wenn es um detektivischen Sp\u00fcrsinn und die Kombination von Indizien geht, dann kann sich selbst ein Sherlock Holmes angesichts der astronomischen F\u00e4higkeiten nur versch\u00e4mt in eine Ecke verziehen.<\/p>\n<p>Alles f\u00e4ngt &#8211; wie immer in der Astronomie &#8211; mit dem Licht an. Denn das Licht sagt uns, wie die Quelle beschaffen ist, das es aussendet. Je nachdem welche chemischen Elemente dort vorhanden sind, fehlen bestimmente Anteile davon (weil die entsprechende Atome genau diese Anteile des Lichts blockieren). Aus der Untersuchung des Lichts des wei\u00dfen Zwergs wissen wir also, welche Elemente sich in seiner \u00e4u\u00dferen Schicht befinden. Da sollte sich normalerweise nicht viel mehr befinden als Wasserstoff und Helium. Aufgrund der hohen Dichte des wei\u00dfen Zwergs (so viel Material wie in unserer Sonne ist dort auf das Volumen der Erde zusammengepresst) ist auch die Anziehungskraft dort und alle schwereren chemischen Elemente sinken schnell in das Innere des Sterns. Aber zwischen einem Viertel und der H\u00e4lfte der wei\u00dfen Zwerge sind &#8222;verschmutzt&#8220;, d.h. dass man dort sehr wohl andere Elemente finden kann. Sie m\u00fcssen nach der Entstehung des Zwergs von au\u00dfen gekommen sein. Zum Beispiel von Kometen, Asteroiden oder Planeten die den Stern fr\u00fcher umkreist haben und nach seinem Tod auf ihn gest\u00fcrzt sind. Es dauert bis das neue Material in das Innere des Sterns gesunken ist und in der Zeit k\u00f6nnen wir die Spuren des planetaren Todes im Teleskop beobachten.<\/p>\n<p>Der Fall von GALEX J2339-0424, wie der wei\u00dfe Zwerg um den es geht mit vollem Namen hei\u00dft, ist aber besonders. Dort hat man einen \u00dcberschuss des chemischen Elements Beryllium gefunden. Es ist ein sehr seltenes Element, denn es wird nicht nur nicht durch Kernfusion im Inneren von Sternen erzeugt, sondern dort sogar zerst\u00f6rt. Es kann aber durch sogenannte &#8222;Spallation&#8220; entstehen: Also durch nukleare Prozesse die stattfinden, wenn kosmische Strahlung auf passende Atome trifft. Die kosmische Strahlung besteht haupts\u00e4chlich aus Teilchen, die Sterne mit hoher Geschwindigkeit ins All hinaus schleudern. Sie tun im wesentlichen nichts anders als wir es hier auf der Erde in unseren Teilchenbeschleunigern machen. Auch da beschleunigen wir zum Beispiel Protonen, die Bausteine des Atomkerns, und lassen sie auf andere Atomkerne prallen. Je nach dem wie das abl\u00e4uft, kann der Kern dadurch gespalten werden oder sich auf andere Art umwandeln. Das Resultat ist die Transformation des Kerns in eine neues chemisches Element. Beryllium kann so entstehen, wenn ausreichend viel kosmischen Strahlung auf Gestein oder anderes Material im All trifft; zum Beispiel auf Asteroiden oder auf die Oberfl\u00e4che von Himmelsk\u00f6rpern die nicht durch eine Atmosph\u00e4re gesch\u00fctzt werden.<\/p>\n<figure id=\"attachment_18291\" aria-describedby=\"caption-attachment-18291\" style=\"width: 1056px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Sheperd_moon_Prometheus_at_work.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Sheperd_moon_Prometheus_at_work.jpg\" alt=\"\" width=\"1056\" height=\"1224\" class=\"size-full wp-image-18291\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-18291\" class=\"wp-caption-text\">Der Saturnmond Prometheus inmitten der  Ringe (<a href=\"https:\/\/photojournal.jpl.nasa.gov\/catalog\/PIA06143\">Bild:   NASA\/JPL\/Space Science Institute<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Alexandra Doyle und ihre Kollegen haben sich zuerst einmal angesehen, ob das Beryllium nicht vielleicht doch irgendwie durch Konvektionsstr\u00f6me oder \u00e4hnliche Vorg\u00e4nge aus dem Inneren des wei\u00dfen Zwergs in seine \u00e4u\u00dfere Schichten gelangt sein k\u00f6nnte. Nicht in ausreichender Menge um die Beobachtungen zu erkl\u00e4ren, lautet das Resultat. Gleiches gilt f\u00fcr normale Asteroiden oder Planeten, die auf den wei\u00dfen Zwerg gest\u00fcrzt sind. Es braucht die richtigen Bedingungen, damit das beobachtende Beryllium entstehen kann. Und die findet man in der Umgebung gro\u00dfer Gasplaneten die ein ausreichend starkes Magnetfeld haben. Dieses Magnetfeld kann die Teilchen aus der Strahlung eines Sterns einfangen und quasi fokussieren. Jetzt braucht es dort nur noch Material, auf die sie treffen k\u00f6nnen &#8211; und das findet man bei solchen Planeten in Form der Ringe. Saturns Ringe bestehen aus Eis- und Staubteilchen und es gibt keinen Grund, warum andere Planeten nicht ebenfalls solche Ringe haben. Die werden nun also von Teilchen aus dem &#8222;Strahlungsg\u00fcrtel&#8220; des Planeten bombardiert, dabei entsteht Beryllium und aus den Ringteilchen k\u00f6nnen sich &#8222;Eismonde&#8220; bilden; felsige Himmelsk\u00f6rper mit einer dicken Schicht aus Eis rundherum. Und mit jeder Menge Beryllium.<\/p>\n<p>All das k\u00f6nnen wir auch bei uns beobachten. Saturn hat Ringe, Saturn hat Eismonde; ebenso wie Jupiter und die anderen gro\u00dfen Planeten im \u00e4u\u00dferen Sonnensystem. Wir wissen auch dass es dort starke Magnetfelder gibt <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2010\/03\/30\/radio-jupiter-sendet-mysterioses\/?all=1\">und jede Menge komplexe Wechselwirkungen mit den Monden<\/a>. Es spricht also nichts dagegen (und sehr viel daf\u00fcr), dass das Beryllium das den wei\u00dfen Zwerg verunreinigt hat, tats\u00e4chlich von den Monden eines extrasolaren Ringplaneten stammt.<\/p>\n<p>Mit Sicherheit kann man so etwas nat\u00fcrlich nie wissen. Wir k\u00f6nnen ja nicht in die Vergangenheit reisen. Aber vielleicht mal auf den Saturnmonden landen und dort konkret nachmessen, wie viel Beryllium sie enthalten. Das k\u00f6nnte die Geschichte GALEX J2339-0424 best\u00e4tigen oder widerlegen. Bis dahin bleiben wir aber auf jeden Fall weiter fasziniert von dem, was die Astronomie alles sehen kann.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/4de2d24feea141ecae7eeb09f2257372\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein gro\u00dfer Gasplanet mit beeindruckend Ringen, so wie Saturn. Viele kleine Monde, die zwischen den Ringen den Planet umkreisen, so wie Saturn. Aber nicht in unserem Sonnensystem sondern knapp 300 Lichtjahre entfernt. Dort, wo einmal ein Stern so \u00e4hnlich wie unsere Sonne existiert hat, aber mittlerweile schon l\u00e4ngst nicht mehr existiert. 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