{"id":25834,"date":"2020-11-18T07:00:43","date_gmt":"2020-11-18T06:00:43","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2020\/11\/18\/streit-um-phosphin-was-ist-jetzt-mit-dem-ausserirdischen-leben-auf-der-venus\/"},"modified":"2025-05-14T16:52:38","modified_gmt":"2025-05-14T14:52:38","slug":"streit-um-phosphin-was-ist-jetzt-mit-dem-ausserirdischen-leben-auf-der-venus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2020\/11\/18\/streit-um-phosphin-was-ist-jetzt-mit-dem-ausserirdischen-leben-auf-der-venus\/","title":{"rendered":"Streit um Phosphin: Was ist jetzt mit dem au\u00dferirdischen Leben auf der Venus?"},"content":{"rendered":"<p>Vor knapp zwei Monaten gab es jede Menge medialen Wirbel um eine wissenschaftliche Entdeckung. Zu Recht, denn was man entdeckt hatte war ein sehr starker Hinweis darauf, dass auf unserem Nachbarplaneten Venus vielleicht Leben existieren k\u00f6nnte. Man hatte das Gas <i>Phosphin<\/i> in der Atmosph\u00e4re der Venus nachgewiesen und zwar in einer Menge die sich nach dem aktuellen Stand des Wissens nur durch die Anwesenheit von Bakterien erkl\u00e4ren lassen die es bei ihrem Stoffwechsel freisetzen. Zumindest war das die spektakul\u00e4rste M\u00f6glichkeit &#8211; die nicht ganz so spektakul\u00e4re alternative Erkl\u00e4rung w\u00e4re irgendeine Art von Messfehler gewesen. Ich habe damals <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2020\/09\/14\/ausserirdisches-leben-auf-der-venus-entdeckt\/\">ausf\u00fchrlich \u00fcber die Geschichte berichtet<\/a>. <\/p>\n<p>In den Medien ist es ein wenig ruhig um das Thema geworden; die Wissenschaft hat sich aber nat\u00fcrlich weiter damit besch\u00e4ftigt. Und wie das so ist bei spektakul\u00e4ren Behauptungen: Da wird ganz genau hingeschaut. Die Entdeckung von au\u00dferirdischem Leben verk\u00fcndet man nicht einfach so! Obwohl die Forscherinnen und Forscher um <i>Jane Greaves<\/i> von der Uni Cardiff die das damals ver\u00f6ffentlicht haben (<a href=\"https:\/\/www.nature.com\/articles\/s41550-020-1174-4\">&#8222;Phosphine gas in the cloud decks of Venus&#8220;<\/a>) das auch nicht getan haben sondern nur vom Nachweis des Phosphin berichtet und auf den Zusammenhang mit m\u00f6glichen Lebewesen hingewiesen haben. Aber trotzdem wird gerade so eine Entdeckung nat\u00fcrlich besonders intensiv \u00fcberpr\u00fcft. Das haben <i>Geronimo Villanueva<\/i> von der NASA und sein Team getan und Ende Oktober eine Arbeit mit einem sehr eindeutigen Titel ver\u00f6ffentlicht: <a href=\"https:\/\/arxiv.org\/abs\/2010.14305\">&#8222;No phosphine in the atmosphere of Venus&#8220;<\/a>. Sie sind \u00fcberzeugt, dass da kein Phosphin in der Atmosph\u00e4re der Venus zu finden ist. Was man stattdessen gemessen habe, w\u00e4re Schwefeldioxid und das ist weder eine gro\u00dfe \u00dcberraschung (Schwefel gibt es auf der Venus mehr als genug), noch irgendein Hinweis auf Leben.<\/p>\n<figure id=\"attachment_28762\" aria-describedby=\"caption-attachment-28762\" style=\"width: 820px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/CSIRO_ScienceImage_4350_CSIROs_Parkes_Radio_Telescope_with_moon_in_the_background.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/CSIRO_ScienceImage_4350_CSIROs_Parkes_Radio_Telescope_with_moon_in_the_background.jpg\" alt=\"\" width=\"820\" height=\"1023\" class=\"size-full wp-image-28762\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-28762\" class=\"wp-caption-text\">Radioastronomie ist kompliziert&#8230; <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:CSIRO_ScienceImage_4350_CSIROs_Parkes_Radio_Telescope_with_moon_in_the_background.jpg\">Bild: CSIRO<\/a>, <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by\/3.0\/deed.en\">CC-BY-SA 3.0<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p>Die ganze Diskussion ist sehr technisch. Es ist ja nicht so, als h\u00e4tte man das Gas direkt <i>gesehen<\/i>. Man kann die Molek\u00fcle in der Atmosph\u00e4re der Venus nur indirekt bestimmen indem man Radioteleskope auf den Planeten richtet. Unterschiedliche Molek\u00fcle blockieren &#8211; vereinfacht gesagt &#8211; unterschiedliche Wellenl\u00e4nge im Radiobereich und man muss nur schauen, was fehlt um rauszufinden, was f\u00fcr Molek\u00fcle in der Atmosph\u00e4re vorhanden sind. Allerdings blockiert Phosphin einen Wellenl\u00e4ngenbereich der sehr knapp an dem Bereich liegt, der von Schwefeldioxid blockiert wird. Man muss also in der Lage sein, die Daten wirklich gut aufzul\u00f6sen um zwischen beiden M\u00f6glichkeiten unterscheiden zu k\u00f6nnen. Und genau dazu sind Greaves &#038; Co nicht in der Lage, haben Villanueva und sein Team behauptet. Dazu kommt noch, dass man Beobachtungsdaten ja nicht einfach direkt verwenden kann so wie sie aus dem Teleskop rauskommen. Da gibt es jede Menge Faktoren die rausgerechnet werden m\u00fcssen, das Teleskop muss kalibriert werden, und so weiter. Das kann man auf unterschiedliche Arten tun, sagen Villanueva &#038; Co, und wenn man es so macht wie sie es getan haben, dann sieht man kein Phosphine mehr.<\/p>\n<p>Also alles doch nur ein Beobachtungsfehler? Nicht ganz, antworten Greaves &#038; Co nun in einem Kommentar dazu, der vorgestern erschienen ist (<a href=\"https:\/\/arxiv.org\/abs\/2011.08176\">&#8222;Re-analysis of Phosphine in Venus&#8216; Clouds&#8220;<\/a>). Sie h\u00e4tten die gesamten Daten nochmal neu analysiert und die Kritik von Villanueva ber\u00fccksichtigt. Und man k\u00f6nne zwar einen Teil der Daten durch Schwefeldioxid erkl\u00e4ren, aber nicht alle. Ein bisschen Phosphin muss vorhanden sein. Und auch die Sache mit der Kalibration w\u00e4re komplexer als gedacht. Man w\u00fcrde schon Phosphin sehen, aber weniger als sie zuvor gedacht hatten zu sehen. Und nicht so gleichverteilt, sondern eher nur in bestimmten Bereichen der Atmosph\u00e4re. <\/p>\n<p>Was das f\u00fcrs Leben hei\u00dft ist unklar. Weniger Phosphin lie\u00dfe sich vielleicht auch durch andere Quelle erkl\u00e4ren als durch Mikroorganismen. Es l\u00e4uft am Ende auf das hinaus, was auch vorher schon klar war: Wenn wir wirklich wissen wollen, was in der Venusatmosph\u00e4re abgeht, dann brauchen wir nicht nur mehr und bessere Daten. Wir m\u00fcssen direkt vor Ort nachsehen; wir m\u00fcssen zur Venus fliegen und eine Sonde in die Atmosph\u00e4re schicken! \t<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/f9aef1ef5cf844c09f44846c18c1df86\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor knapp zwei Monaten gab es jede Menge medialen Wirbel um eine wissenschaftliche Entdeckung. 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