{"id":25784,"date":"2020-10-23T06:00:36","date_gmt":"2020-10-23T04:00:36","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2020\/10\/23\/sternengeschichten-folge-413-wie-die-sonne-nicht-leuchtet\/"},"modified":"2025-05-14T16:52:18","modified_gmt":"2025-05-14T14:52:18","slug":"sternengeschichten-folge-413-wie-die-sonne-nicht-leuchtet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2020\/10\/23\/sternengeschichten-folge-413-wie-die-sonne-nicht-leuchtet\/","title":{"rendered":"Sternengeschichten Folge 413: Wie die Sonne nicht leuchtet"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/SG_Logo.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/SG_Logo-150x150.png\" alt=\"SG_Logo\" width=\"150\" height=\"150\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-12938\" \/><\/a><i>Das ist die Transkription einer Folge meines <a href=\"https:\/\/sternengeschichten.org\">Sternengeschichten-Podcasts<\/a>. Die Folge gibt es auch als <a href=\"https:\/\/cdn.podigee.com\/media\/podcast_7374_sternengeschichten_episode_305567_sternengeschichten_folge_413_wie_die_sonne_nicht_leuchtet.mp3?v=1603189129\">MP3-Download<\/a> und <a href=\"https:\/\/youtu.be\/6DxwgaUV8UM\">YouTube-Video<\/a>.<\/i> Und den ganzen Podcast findet ihr auch bei <b><a href=\"https:\/\/open.spotify.com\/show\/0ikLkbZTH9yjuwetyBheXX\">Spotify<\/a><\/b>.<\/p>\n<p><b>Mehr Informationen: [<a href=\"https:\/\/feeds.feedburner.com\/sternengeschichten\">Podcast-Feed<\/a>][<a href=\"https:\/\/itunes.apple.com\/de\/podcast\/sternengeschichten\/id583344780\">iTunes<\/a>][<a href=\"https:\/\/bitlove.org\/astrodicticum\">Bitlove<\/a>][<a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/sternengeschichten\">Facebook<\/a>] [<a href=\"https:\/\/twitter.com\/@sternenpodcast\">Twitter<\/a>]<\/i><\/b><\/p>\n<p><span style=\"font-size: xx-small;\">\u00dcber Bewertungen und Kommentare freue ich mich auf allen Kan\u00e4len.<\/span><br \/>\n<script class=\"podigee-podcast-player\" src=\"https:\/\/cdn.podigee.com\/podcast-player\/javascripts\/podigee-podcast-player.js\" data-configuration=\"https:\/\/sternengeschichten.podigee.io\/413-sternengeschichten-folge-413-wie-die-sonne-nicht-leuchtet\/embed?context=external&#038;token=UhVeukeZNWgg8DDrEgUXIw\"><\/script><br \/>\n&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;<br \/>\n<b>Sternengeschichten Folge 413: Wie die Sonne nicht leuchtet<\/b><\/p>\n<p>In dieser Folge der Sternengeschichten erfahrt ihr, wie die Sonne <i>nicht<\/i> leuchtet. <i>Wie<\/i> die Sonne ihre Energie produziert habe ich ja schon in den Folgen 168 und 169 erkl\u00e4rt; sehr ausf\u00fchrlich. Sie tut das durch Kernfusion, aber darum soll es ja heute nicht gehen. Sondern darum, wie sie ihre Energie nicht produziert. Und nein, das ist bei weitem keine so bl\u00f6de Idee f\u00fcr ein Thema wie es klingt. Denn es hat erstaunlich lange gedauert bis wir herausgefunden haben, wie unser Stern funktioniert und auch wenn der Weg dorthin voll mit falschen Ideen ist, ist es ein sehr interessanter Weg auf dem man jede Menge lernen kann.<\/p>\n<p>Die Sonne geh\u00f6rt ja zu den Himmelsk\u00f6rpern die man nicht erst extra entdecken muss. \u00dcbersehen kann man sie ja kaum wenn sie tags\u00fcber unsere Welt erleuchtet. Aber mehr als dass da ein helles Licht am Himmel ist, das sich \u00fcber diesen Himmel bewegt und immer wieder f\u00fcr eine gewisse Zeit verschwindet, wusste man lange Zeit nicht. Schon gar nicht, was die Ursache f\u00fcr ihr Licht ist. Zuerst &#8211; also in vorhistorischer Zeit; also in der Zeit vor ein paar Tausend Jahren die wir Bronzezeit oder Steinzeit nennen, musste man sich darauf beschr\u00e4nken, den Lauf der Sonne am Himmel der Erde zu verstehen. Dass es in Wahrheit gar nicht die Sonne ist die sich bewegt sondern die Erde, die sich um ihre Achse dreht, wusste damals niemand und es konnte auch niemand wissen. Man konnte nur das wissen, was man direkt sehen konnte. Und das war die Bewegung der Sonne am Himmel, die sich wunderbar daf\u00fcr eignete, einen \u00dcberblick \u00fcber die Zeit zu behalten. Auch darum soll es heute aber nicht gehen; wie das funktioniert hat, habe ich schon mal in Folge 89 erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Ein bisschen sp\u00e4ter, also um die Zeitenwende vor knapp 2000 Jahren herum stellte man im antiken Griechenland erste Vermutungen \u00fcber die Gr\u00f6\u00dfe zur Sonne und ihre Distanz zu Erde auf. Meistens waren die Resultate dieser \u00dcberlegungen weit von der Realit\u00e4t entfernt &#8211; aber immerhin fing man mal damit an, sich solche Gedanken zu machen und die Sonne als Objekt zu betrachten und nicht als Manifestation der G\u00f6tter. <\/p>\n<p>Und hier treffen wir auf Anaxagoras. Der Mann mit dem Namen der klingt wie aus einem Harry-Potter-Roman war ein griechischer Philosoph der im 5. Jahrhundert vor Christus lebte. Er war einer der ersten, der das Universum ohne R\u00fcckgriff auf G\u00f6tter zu erkl\u00e4ren versuchte. Im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen stellte er sich die Sonne schockierenderweise <i>nicht<\/i> als Gottheit vor. Sondern als einen Stein. Einen sehr gro\u00dfen Stein; gr\u00f6\u00dfer als die Peloponnes, also die griechische Halbinsel die Athen gegen\u00fcber liegt. Sie hat eine Fl\u00e4che von circa 22.000 Quadratkilometer; ungef\u00e4hr ein Viertel der Fl\u00e4che von \u00d6sterreich, ein Drittel der von Bayern oder die H\u00e4lfte der Fl\u00e4che der Schweiz. Was aus damaliger Sicht wie ein wirklich gro\u00dfer Stein gewirkt haben muss. Und dieser Stein m\u00fcsste gl\u00fchendhei\u00df sein, deswegen w\u00fcrde die Sonne leuchten. Das klingt ein wenig absurd, aber Anaxagoras war &#8211; zumindest was diese eine Sache angeht &#8211; quasi der erste Sonnenphysiker. Er wollte erkl\u00e4ren wie die Sonne leuchtet und hat daf\u00fcr nicht auf irgendeine religi\u00f6se-magische Erkl\u00e4rung zur\u00fcckgegriffen, sondern auf ein nat\u00fcrliches Ph\u00e4nomen das er auch in seinem Alltag beobachten konnte- Dass er damit v\u00f6llig daneben lag, schm\u00e4lert seine Leistung ein wenig. Aber nicht viel. Man muss sich erst einmal trauen, so einen Gedanken zu haben &#8211; in einer Zeit, in der es allen anderen als vollkommen normal erscheint dass das leuchtende Ding am Himmel eine Gottheit ist, braucht man viel kreativen Erkl\u00e4rungswillen um sich eine andere Ursache auszudenken. Und gef\u00e4hrlich war es au\u00dferdem: Anaxagoras wurde angeklagt, weil er die G\u00f6ttlichkeit der Sonne in Frage stellte und zum Tode verurteilt. Einflu\u00dfreiche Freunde konnten ihn davor bewahren; aber er wurde verbannt und ins Exil geschickt &#8211; bis zu seinem Tod konnte Anaxagoras nicht mehr nach Athen zur\u00fcck kehren.<\/p>\n<figure id=\"attachment_33010\" aria-describedby=\"caption-attachment-33010\" style=\"width: 1920px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/The_Wolves_Pursuing_Sol_and_Mani.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/The_Wolves_Pursuing_Sol_and_Mani.jpg\" alt=\"\" width=\"1920\" height=\"1297\" class=\"size-full wp-image-33010\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-33010\" class=\"wp-caption-text\">Die Sonne ist keine g\u00f6ttliche Wagenbeleuchtung (<a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:The_Wolves_Pursuing_Sol_and_Mani.jpg\">Bild: public domain<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n<p>In der Zeit nach der Antike ist jede Menge passiert. Forscher haben Sonnenflecken beobachtet; haben dar\u00fcber spekuliert ob sich die Sonne um die Erde bewegt oder die Erde um die Sonne; sie haben dar\u00fcber nachgedacht wie weit die Sonne weg ist, ob dort G\u00f6tter oder Geister wohnen, und so weiter. Aber so interessant diese Geschichte sind &#8211; wir wollen uns mit der Energie der Sonne besch\u00e4ftigen. Und springen daher gleich in die Neuzeit. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts stellte Johannes Kepler seine Gesetze zur Bewegung der Planeten auf. Und kurz danach ver\u00f6ffentlichte Isaac Newton seine revolution\u00e4re neue und mathematische Beschreibung der Welt, inklusive dem Gravitationsgesetz. Damit konnte Newton auch die Masse der Sonne berechnen. Zumindest im Prinzip. Er konnte auf jeden Fall das Verh\u00e4ltnis zwischen Erdmasse und Sonnenmasse bestimmen; um den absoluten Wert zu berechnen, also um sagen zu k\u00f6nnen dass die Masse der Sonne so und so viel Kilogramm betr\u00e4gt h\u00e4tte Newton den genauen Wert der Gravitationskonstante kennen m\u00fcssen. Das ist eine Zahl die die St\u00e4rke der Gravitationskraft beschreibt; die man aber damals noch nicht gut bestimmen konnte. Newton musste also sch\u00e4tzen und er hat sich leider ein wenig versch\u00e4tzt. Aber immerhin fing man langsam an, der Realit\u00e4t n\u00e4her zu kommen. Die Sonne musste sehr viel gr\u00f6\u00dfer und sehr viel schwerer als die Erde sein. Sie musste au\u00dferdem vermutlich ein <i>Stern<\/i> sein. Oder andersherum: Die vielen leuchtenden Punkte am Nachthimmel mussten \u00e4hnliche Objekte wie unsere Sonne sein &#8211; nur eben weiter weg weswegen wir sie schw\u00e4cher leuchten sehen. Aber warum die Sonne leuchtet wusste man immer noch nicht so wirklich. <\/p>\n<p>Wilhelm Herschel, der gro\u00dfe Astronom der im 18. Jahrhundert den Planeten Uranus entdeckt hat, war der Meinung, die Sonne w\u00e4re erstens eine Kugel mit fester Oberfl\u00e4che, zweitens relativ k\u00fchl und w\u00fcrde nur deswegen leuchten, weil sie von einer Schicht aus leuchtenden Wolken umgeben ist. Dar\u00fcber hinaus war er der Meinung, die Sonne w\u00e4re bewohnt, wie ich in Folge 333 erz\u00e4hlt habe. Warum die Wolken leuchten, konnte er aber auch nicht erkl\u00e4ren. Damals schwirrten jede Menge aus heutiger Sicht seltsame Ideen durch die Welt. Vielleicht enthalten alle Dinge irgendeinen mysteri\u00f6sen &#8222;W\u00e4rmestoff&#8220; der von den Strahlen der Sonne aktiviert wird. Und dort wo viel W\u00e4rmestoff vorhanden ist, wird es hei\u00df; wo es weniger davon gibt, bleibt es k\u00fchl. Die Anh\u00e4nger dieser Theorie bezweifelten stark, dass es auf der Sonne hei\u00df ist oder dass da gar irgendeine Art von Feuer brennen w\u00fcrde. Andere hatten die Idee, dass die Sonne eine elektrische Kugel ist, also quasi eine Gl\u00fchlampe, die den Strom f\u00fcr ihr Leuchten durch ihre schnelle Bewegung durchs All erzeugt. Auch hier w\u00e4re die Sonne eher kalt und kein &#8222;Feuer&#8220;. In einem physikalischen Nachschlagewerk aus dem Jahr 1798 konnte man damals lesen &#8222;Das Beste ist also wohl, aufrichtig zu gestehen, da\u00df man von der Beschaffenheit, dem Stoffe und der Bewohnbarkeit des Sonnenk\u00f6rpers gar nichts zu sagen wisse.&#8220;. <\/p>\n<p>Tja. Dann kam das 19. Jahrhundert und es kamen der Physiker Gustav Robert Kirchhoff und der Chemiker Robert Wilhelm Bunsen. Zwischen 1857 und 1863 entwickelten die beiden in Heidelberg das, was wir heute &#8222;Spektralanalyse&#8220; nennen. Also eine Methode, wie man Licht so untersuchen kann um herauszufinden, aus welchem Material das besteht, was das Licht aussendet und &#8211; unter anderem &#8211; welche Temperatur dieses Material haben muss. In der Realit\u00e4t ist es nat\u00fcrlich ein wenig komplizierter. Aber Kirchhoff und Bunsen stellten auf jeden Fall fest, dass das Sonnenlicht aus einer hei\u00dfen, gl\u00fchenden Umgebung kommen muss. Und stellten sich die Sonne als festes oder fl\u00fcssiges, extrem hei\u00dfes Objekt vor dessen gl\u00fchende Oberfl\u00e4che wir leuchten sehen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts konnte man die Sonne dann auch im Teleskop immer genauer beobachten; unter anderem die Sonnenflecken. Und aus der Untersuchung ihrer Bewegung konnte man feststellen: Die Sonne muss gasf\u00f6rmig sein.<\/p>\n<figure id=\"attachment_33011\" aria-describedby=\"caption-attachment-33011\" style=\"width: 1280px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Augsburger_Wunderzeichenbuch_\u2014_Folio_164-_Nebensonnen_und_Schwert_28._Oktober_1549.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Augsburger_Wunderzeichenbuch_\u2014_Folio_164-_Nebensonnen_und_Schwert_28._Oktober_1549.jpg\" alt=\"\" width=\"1280\" height=\"954\" class=\"size-full wp-image-33011\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-33011\" class=\"wp-caption-text\">Hier stimmt ja nicht mal die Anzahl der Sonnen&#8230; (<a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Augsburger_Wunderzeichenbuch_%E2%80%94_Folio_164-_Nebensonnen_und_Schwert_28._Oktober_1549.jpg\">Bild: gemeinfrei<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Also eine sehr gro\u00dfe, sehr schwere, sehr hei\u00dfe Kugel aus Gas. Das ist schon ein wenig besser als ein gl\u00fchender Stein der so gro\u00df wie eine griechische Halbinsel ist. Aber die Frage nach der Energie bleibt immer noch offen. Der deutsche Arzt Julius Robert Mayer hatte in der Mitte des 19. Jahrhunderts eine ziemlich gute Idee. Mayer war zwar Arzt &#8211; aber trotzdem einer der ersten, der den so enorm wichtigen &#8222;Ersten Hauptsatz der Thermodynamik&#8220; formuliert hat. Der in seiner einfachsten Version besagt: Energie muss immer erhalten bleiben. Energie kann sich zwar von einer Form in eine andere Form umwandeln. Aber nicht einfach verschwinden. Diese Idee wandte er auch auf die Sonne an und behauptete: St\u00e4ndig fallen Asteroiden, Kometen und anderer Kleinkram in die Sonne. Diese Objekte sausen mit hohem Tempo durchs Sonnensystem. Sie haben also jede Menge Bewegungsenergie. Wenn sie auf die Sonne treffen, dann kann diese Bewegungsenergie nicht einfach verschwinden. Sie muss umgewandelt werden und zwar in W\u00e4rmenergie. Genau deswegen ist die Sonne so hei\u00df und genau deswegen leuchtet sie auch! <\/p>\n<p>Das ist keine bl\u00f6de Idee. Die Sonne <i>k\u00f6nnte<\/i> so leuchten; wir wissen, das Asteroideneinschl\u00e4ge jede Menge W\u00e4rme produzieren. Aber damals wusste man auch noch nicht, wie alt die Sonne eigentlich ist. Und damit wusste man auch nicht, wie viel Energie die Sonne eigentlich ben\u00f6tigt. Wenn die Sonne nur ein paar tausend Jahre alt ist, dann kann man sich theoretisch auch eine gigantische Kugel aus Kohle vorstellen die halt zuf\u00e4llig durch irgendwas angez\u00fcndet worden ist und seitdem vor sich hin brennt. Wenn die Sonne viel \u00e4lter ist, braucht man allerdings eine Energiequelle die l\u00e4nger durchh\u00e4lt als ein bisschen Kohle. Mayers Theorie mit den Meteoriten k\u00f6nnte eine sehr alte Sonne jedenfalls nicht ausreichend mit Energie versorgen. Genau so wenig wie eine andere, ebenfalls nicht so bl\u00f6de Idee, die von verschiedenen Leuten ge\u00e4u\u00dfert wurde; insbesondere aber von Hermann von Helmholtz und William Thompson, dem Lord Kelvin  &#8211; beides sehr ber\u00fchmte Physiker des 19. Jahrhunderts. Das Prinzip wird deswegen auch Kelvin-Helmholtz-Kontraktion genannt. Auch dabei geht es um die Umwandlung von Bewegungsenergie in W\u00e4rme: Wenn eine gro\u00dfe Masse unter ihrer eigenen Schwerkraft in sich zusammenf\u00e4llt, dann wird dabei W\u00e4rmeenergie frei. Das war f\u00fcr Kelvin die einzige plausible Energiequelle f\u00fcr die Sonne. Er hatte Daten \u00fcber die W\u00e4rmemenge in der Erde benutzt um das Alter unseres Planeten abzusch\u00e4tzen. Und ging davon aus, dass Erde und Sonne ungef\u00e4hr gleich alt sein m\u00fcssen. So kam er zu dem Ergebnis, dass die Sonne h\u00f6chstwahrscheinlich ein paar Dutzend Millionen Jahre alt ist. So lange leuchtet keine chemische Energiequelle; also keine Verbrennung. Egal was man anz\u00fcnden w\u00fcrde, nichts w\u00fcrde so lange brennen. Wenn die Sonne aber eine gro\u00dfe Gaskugel ist und unter ihrem eigenen Gewicht langsam immer kleiner wird, w\u00fcrde das ausreichend Energie f\u00fcr ein paar Millionen Jahre liefern.<\/p>\n<p>Was richtig ist. Der Effekt existiert; wir beobachten das zum Beispiel bei den Gasplaneten Jupiter und Saturn die genau mit diesem Mechanismus W\u00e4rme produzieren. Aber f\u00fcr die Sonne reicht es nicht. Denn die ist viel \u00e4lter; genau so wie die Erde. Kelvin wusste damals noch nichts \u00fcber die Radioaktivit\u00e4t des Gesteins im Inneren der Erde, die ebenfalls W\u00e4rme produziert. Deswegen war seine Sch\u00e4tzung falsch und radioaktive Methoden machten es dann im fr\u00fchen 20. Jahrhundert m\u00f6glich, das Alter der Sonne deutlich nach oben zu korrigieren.<\/p>\n<p>Und im 20. Jahrhundert kam dann auch die Person, die uns endlich erkl\u00e4ren konnte, wie die Sonne leuchtet. Albert Einstein und mit ihm die ber\u00fchmteste Formel der Welt: E=mc\u00b2. Energie und Masse k\u00f6nnen ineinander umgewandelt werden. Durch die Fusion von Atomkernen kann man Energie freisetzen, wie ich in Folge 363 der Sternengeschichten genauer erkl\u00e4rt habe. Und genau das macht die Sonne: Sie hat jede Menge Kerne von Wasserstoffatome und genau die fusioniert sie zu Helium. Kernfusion erzeugt JEDE MENGE Energie und die Sonne hat genug Wasserstoff um Milliarden Jahre lang damit zu leuchten. Ganz gel\u00f6st war das Problem aber immer noch nicht. Denn damit die Kernfusion funktioniert muss die Temperatur im Inneren der Sonne hoch genug sein. Das war sie aber nach allem was man damals wusste nicht.<\/p>\n<figure id=\"attachment_20665\" aria-describedby=\"caption-attachment-20665\" style=\"width: 2100px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/sonne_nasa1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/sonne_nasa1.jpg\" alt=\"\" width=\"2100\" height=\"2034\" class=\"size-full wp-image-20665\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-20665\" class=\"wp-caption-text\">SO schaut die Sonne aus&#8230; <a href=\"https:\/\/solarsystem.nasa.gov\/galleries\/handle-on-the-sun\">Bild: NASA\/ESA<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Es brauchte auch noch die zweite gro\u00dfe wissenschaftliche Revolution; ebenfalls mit ausgel\u00f6st durch Albert Einstein: Um die Energiequelle der Sonne zu verstehen war auch noch die Quantenmechanik n\u00f6tig. Und ein komplett absurdes Ph\u00e4nomen das &#8222;Tunneleffekt&#8220; genannt wird. Den erkl\u00e4re ich jetzt nicht im Detail. Aber die Kurzversion geht so: Wenn zwei Wasserstoffatome aufeinander treffen und nicht schnell genug sind, prallen sie einfach voneinander ab. Aber nicht immer! Weil laut Quantenmechanik ein Teilchen eben eigentlich kein Teilchen ist, sondern immer auch ein bisschen eine Welle (oder genauer gesagt: Halt weder Welle noch Teilchen sondern etwas, was keinen konkreten Ort hat), kann es sein, dass es doch mit der Fusion klappt. Man kann sich das so vorstellen wie eine Wand, die \u00fcberwunden werden muss, damit zwei Atome fusionieren k\u00f6nnen. Sind die Atome schnell genug, k\u00f6nnen sie \u00fcber die Wand h\u00fcpfen und sich treffen. Sind sie zu langsam, dann prallen sie von der Wand ab. Aber weil so ein Atom eben keinen konkreten Ort hat sondern immer ein bisschen durch die ganze Gegend &#8222;verschmiert&#8220; ist, ist es immer auch ein bisschen schon hinter der Wand. Das klingt schwer vorstellbar, ist aber so. Genau das besagen die Gesetz der Quantenmechanik und die sind im Experiment mehr als gut best\u00e4tigt. In unserem Bild w\u00fcrde das bedeuten: Wenn ein Atom oft genug auf die Wand zufliegt, wird es irgendwann einmal nicht zur\u00fcckprallen sondern einfach durchfliegen. Die Wahrscheinlichkeit daf\u00fcr ist enorm gering. Im echten Leben k\u00f6nnte man zum Beispiel einen Ball l\u00e4nger gegen eine Wand werfen als das Universum alt ist und h\u00e4tte trotzdem so gut wie keine Chance, dass er irgendwann glatt durchgeht. Bei Atomen stehen die Chancen ein bisschen besser und vor allem gibt es in der Sonne ENORM VIELE Atome. Es passiert zwar nicht oft, aber bei so vielen Atomen ist immer eines dabei, bei dem es gerade klappt, obwohl es eigentlich zu langsam f\u00fcr eine Fusion w\u00e4re. In Summe reicht das, um ausreichend viele Atome fusionieren zu lassen, um die Sonne zum Leuchten zu bringen. Das konnte man 1929 nachweisen &#8211; komplett gel\u00f6st war die Sache aber immer noch nicht. <\/p>\n<p>Denn es gibt verschiedene Wege wie man durch Kernfusion Energie produzieren kann. Auch hier spare ich mir die Details. Aber man wusste zwar, dass die Sonne Energie aus Kernfusion bezieht. Aber nicht, wie <i>genau<\/i> sie das tut, also auf welchem Weg und mit welchen Zwischenschritten sie aus Wasserstoff Helium macht. Man kannte die M\u00f6glichkeiten die in Frage kommen &#8211; wusste aber nicht, welche davon in der Sonne stattfand. Dazu h\u00e4tte man ins Innere der Sonne schauen m\u00fcssen, was nicht m\u00f6glich war. Bis zu den 1960er Jahren: Da gelang es das erste Mal, Neutrinos zu messen, die aus dem Inneren der Sonne zur Erde gelangt waren. Neutrinos sind Elementarteilchen die ua bei Fusionsreaktionen erzeugt werden. Aber enorm schwer zu messen sind, wie ich in Folge 103 erkl\u00e4rt habe. Als man sie dann in den 1960er und 1970er Jahren doch messen konnte, konnte man auch zwischen den verschiedenen Fusionswegen unterscheiden. Die verschiedenen Arten der Kernfusion produzieren unterschiedliche Neutrinomengen und jetzt wusste man endlich, was in der Sonne abl\u00e4uft (die Proton-Proton-Reaktion, aber das ist wieder eine andere Geschichte).<\/p>\n<p>Vollst\u00e4ndig gekl\u00e4rt ist die Sache immer noch nicht; es gibt noch das eine oder andere offene Detail. Aber im gro\u00dfen und ganzen haben wir ein recht gutes Verst\u00e4ndnis davon wie die Sonne ihre Energie produziert. Zu sehen, wie lang dieser Weg war, ist aber dennoch instruktiv. Heute ist es Standardwissen, dass die Kernfusion die Energiequelle der Sonne ist. Aber die l\u00e4ngste Zeit \u00fcber haben wir genau das NICHT gewusst. Noch in den 1960er Jahren konnten wir nicht genau sagen, warum die Sonne leuchtet! Das kann man ruhig im Ged\u00e4chtnis behalten. Das Wissen das uns heute selbstverst\u00e4ndlich erscheint, mussten wir dem Universum meist m\u00fchsam entrei\u00dfen&#8230; \t<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/30a736dbfbf44be4bbe962fd493da24f\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das ist die Transkription einer Folge meines Sternengeschichten-Podcasts. Die Folge gibt es auch als MP3-Download und YouTube-Video. Und den ganzen Podcast findet ihr auch bei Spotify. Mehr Informationen: [Podcast-Feed][iTunes][Bitlove][Facebook] [Twitter] \u00dcber Bewertungen und Kommentare freue ich mich auf allen Kan\u00e4len. &#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212; Sternengeschichten Folge 413: Wie die Sonne nicht leuchtet In dieser Folge der Sternengeschichten erfahrt [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":11822,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11,767],"tags":[1479,1916,18,4523,20,5848,6283,6683,7871,8129,8184,9139,10580,12464,13492,13612,195,13886,14871,172,15891,15947,28],"class_list":["post-25784","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-naturwissenschaften","category-sternengeschichten","tag-anaxagoras","tag-astrodicticum","tag-astronomie","tag-energieerhaltung","tag-geschichte","tag-geschichte-der-astronomie","tag-gustav-robert-kirchhoff","tag-hermann-von-helmholtz","tag-julius-robert-mayer","tag-kelvin-helmholtz-kontraktio","tag-kernfusion","tag-lord-kelvin","tag-neutrinos","tag-robert-wilhelm-bunsen","tag-sonne","tag-spektralanalyse","tag-sterne","tag-sternengeschichten","tag-tunneleffekt","tag-universum","tag-wilhelm-herschel","tag-william-thompson","tag-wissenschaft"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/25784","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=25784"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/25784\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":25787,"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/25784\/revisions\/25787"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media\/11822"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=25784"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=25784"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=25784"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}