{"id":25706,"date":"2020-08-31T09:22:31","date_gmt":"2020-08-31T07:22:31","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2020\/08\/31\/vagabundierende-planeten-im-interstellaren-raum-und-das-roman-space-telescope\/"},"modified":"2025-05-14T16:51:31","modified_gmt":"2025-05-14T14:51:31","slug":"vagabundierende-planeten-im-interstellaren-raum-und-das-roman-space-telescope","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2020\/08\/31\/vagabundierende-planeten-im-interstellaren-raum-und-das-roman-space-telescope\/","title":{"rendered":"Vagabundierende Planeten im interstellaren Raum und das Roman Space Telescope"},"content":{"rendered":"<p>Es passiert so viel in der Wissenschaft; da f\u00e4llt es schwer den \u00dcberblick zu behalten. Ich tue zwar mein bestes um auf dem Laufenden zu bleiben &#8211; aber ab und zu rutscht nat\u00fcrlich auch mir etwas durch. Diesmal war es ein ausgewachsenes Weltraumteleskop, auf das mich aber zum Gl\u00fcck k\u00fcrzlich ein <a href=\"https:\/\/www.derstandard.at\/story\/2000119562124\/ziehen-billionen-verirrte-planeten-durch-die-milchstrasse\">Artikel im Online-Standard<\/a> hingewiesen hat. Es geht um das &#8222;Roman Space Telescope (RST)&#8220;, das allerdings nicht von den R\u00f6mern gebaut wird, sondern von der NASA. Und mit vollem Namen <i>&#8222;Nancy Grace Roman Space Telescope&#8220;<\/i>, benannt nach der Astronomin <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Nancy_Roman\">Nancy Roman<\/a>. Was sie zu einer w\u00fcrdigen Patin f\u00fcr ein Teleskop macht, erz\u00e4hle ich gleich. Vorher schauen wir aber noch kurz auf das, worauf das Teleskop schauen wird.<\/p>\n<p>Eine der Aufgaben des RST wird die Erforschung der <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2009\/11\/05\/was-ist-dunkle-energie\/?all=1\">dunklen Energie<\/a> sein. Das war auch der urspr\u00fcngliche Forschungsauftrag aus dem sich das RST-Projekt entwickelt hat. Aber mittlerweile sind die extrasolaren Planeten in den Fokus des RST ger\u00fcckt. Von denen haben wir ja in den letzten 25 Jahren mehr als 4000 St\u00fcck; wir wissen aber, dass da drau\u00dfen noch viel, viel mehr sind. Und das RST soll dabei helfen, unser Wissen \u00fcber die Planeten anderer Sterne zu vervollst\u00e4ndigen. Und nicht nur die: Auch die Planeten, die <i>ohne<\/i> Stern durch die Gegend fliegen soll das RST untersuchen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_32852\" aria-describedby=\"caption-attachment-32852\" style=\"width: 1000px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Wfirst_beauty1_prores_1920x1080.mov_.00_00_17_16.still003_crop.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Wfirst_beauty1_prores_1920x1080.mov_.00_00_17_16.still003_crop.jpg\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"600\" class=\"size-full wp-image-32852\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-32852\" class=\"wp-caption-text\">Modell des RST (Bild: NASA)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die gibt es tats\u00e4chlich, auf deutsch hei\u00dfen sie &#8222;vagabundierende Planeten&#8220;; der Fachbegriff lautet &#8222;rogue planets&#8220;. Diese Himmelsk\u00f6rper die sich im dunklen, kalten interstellaren Raum weitab aller Sterne befinden, sind nat\u00fcrlich nicht dort entstanden. Dort gibt es viel zu wenig Material als dass sich gro\u00dfe Planeten bilden k\u00f6nnten. Auch die vagabundierenden Planeten haben ihren Ursprung in Planetensystemen die sich um einen Stern herum gebildet haben. Aber nicht alles, was um einen Stern herum entsteht, bleibt auch dort. Gerade die Entstehungszeit eines Planetensystems ist eine sehr chaotische Periode. Es bilden sich im Allgemeinen viel mehr Himmelsk\u00f6rper als &#8211; zumindest dynamisch gesehen &#8211; Platz haben. Die jungen Planeten kommen sich gegenseitig in die Quere und &#8222;schubsen&#8220; sich regelrecht aus dem Planetensystem hinaus. Manche landen auch in der Sonne oder sto\u00dfen mit anderen Planeten zusammen. Ein paar werden aber eben auch in den interstellaren Raum geschleudert und verbringen fortan ihr Leben sternlos. <\/p>\n<p>Solche Planeten sind nat\u00fcrlich schwer zu entdecken. Planeten leuchten nicht von selbst und die vagabundierenden Planeten k\u00f6nnen dar\u00fcber hinaus nicht mal das Licht eines Sterns reflektieren. Was sie aber k\u00f6nnen, ist das Licht eines Sterns zu <i>verbiegen<\/i>! Das nennt sich &#8222;Mikrogravitationslinseneffekt&#8220; und ist eigentlich ganz simpel: Masse kr\u00fcmmt, wie wir seit Einstein wissen, den Raum. Lichtstrahlen folgen der Raumkr\u00fcmmung. Wenn Licht in der N\u00e4he einer gro\u00dfen Masse vorbeifliegt, kann die durch diese Masse verursachte Raumkr\u00fcmmung also den Weg des Lichts ver\u00e4ndern. Eine gro\u00dfe Masse im All &#8211; ein Planet, ein Stern, etc &#8211; kann also im Prinzip genau das gleiche tun, wie ein optisches Bauteil aus Glas das wir in Teleskopen oder Mikroskopen verwenden. Diese Linsen nutzen die Eigenschaften des Materials um Lichtstrahlen zu manipulieren; bei den kosmischen Objekten ist es die Gravitation. Weswegen man sie in diesem Zusammenhang auch &#8222;Gravitationslinsen&#8220; nennt.<\/p>\n<p>In der Realit\u00e4t funktioniert das dann so: Wenn sich ein vagabundierender Planet von uns aus gesehen genau vor einem Stern vorbei bewegt, dann kann dieser Planet als Linse wirken und kurzfristig das Sternenlicht verst\u00e4rken. Weil er &#8211; vereinfacht gesagt &#8211; Lichtstrahlen in unsere Richtung &#8222;biegt&#8220;, die ansonsten die Erde nicht erreicht h\u00e4tten. Ein Teleskop kann dann zwar den Planeten selbst nicht sehen, aber beobachten wie das Sternenlicht kurz heller wird. Und aus der Art und Weise <i>wie<\/i> der Stern heller und wieder dunkler wird, kann man Eigenschaften wie die Masse des Planeten berechnen<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" width=\"560\" height=\"315\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/LbJpVHMV1m4\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Wie gut das RST die Suche nach vagabundierenden Planeten erledigen kann, hat eine Studie <a href=\"https:\/\/arxiv.org\/abs\/2006.10760\">k\u00fcrzlich untersucht<\/a>. Gasriesen mit der 100fachen Erdmasse kann das RST finden; aber auch Planeten die nur so viel Masse haben wie der Mars. Mindestens 250 vagabundierende Planeten soll das Teleskopen finden k\u00f6nnen, 60 davon mit einer Masse die kleiner ist als die der Erde. Abgesehen von diesen konkreten Entdeckungen wird man aus den Ergebnissen dann aber auch statistische Hochrechnungen \u00fcber die gesamte Zahl an vagabundierenden Planeten in der Milchstra\u00dfe durchf\u00fchren k\u00f6nnen. Die wird derzeit auf ein einige 100 Milliarden bis zu einer Billion St\u00fcck gesch\u00e4tzt; mit RST werden wir es dann ein wenig genauer wissen.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens: Auch wenn das nach sehr vielen Planeten klingt (und auch sehr viele Planeten <i>sind<\/i>!), muss man sich keine Sorgen machen, dass die Dinger uns gef\u00e4hrlich werden k\u00f6nnen. Zwischen den Sternen ist halt einfach <i>sehr, sehr, sehr, sehr viel Platz<\/i>. Da fallen auch ein paar Billionen Planeten nicht weiter auf &#8211; <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2011\/05\/21\/sind-die-vagabundierenden-planeten-gefahrlich\/?all=1\">die vagabundierenden Planeten sind keine Gefahr f\u00fcr die Erde!<\/a>.<\/p>\n<p>Durch die Ausnutzung des Mikrogravitationslinseneffekts wird das RST nat\u00fcrlich auch Planeten entdecken k\u00f6nnen, die ganz normal Sterne umkreisen. Und soll auch entsprechend ausger\u00fcstet sein, um einige dieser Planeten <i>direkt<\/i> zu beobachten. Also in der Lage sein, Licht zu beobachten, dass der Planet selbst reflektiert. Daraus kann man dann ableiten, welche Bedingungen auf dem Planeten herrschen; welche Temperaturen dort herrschen; ob und welche Atmosph\u00e4re es dort gibt (allerdings wird das eher bei Gasriesen funktionieren und nicht bei erd\u00e4hnlichen Planeten). <\/p>\n<figure id=\"attachment_32851\" aria-describedby=\"caption-attachment-32851\" style=\"width: 993px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/993px-Dr._Nancy_Roman_-_GPN-2002-000212_edited.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/993px-Dr._Nancy_Roman_-_GPN-2002-000212_edited.jpg\" alt=\"\" width=\"993\" height=\"768\" class=\"size-full wp-image-32851\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-32851\" class=\"wp-caption-text\">Nancy Roman (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Datei:Dr._Nancy_Roman_-_GPN-2002-000212_edited.jpg\">Bild: NASA<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Das RST soll 2025 starten &#8211; und ich die Abk\u00fcrzung &#8222;RST&#8220; erinnert nicht umsonst an &#8222;HST&#8220;. Was ja bekanntlich f\u00fcr &#8222;Hubble Space Telescope&#8220; steht, das bis jetzt ber\u00fchmteste Weltraumteleskop. Und Nancy Roman, nach der das kommende Weltraumteleskop benannt wurde, hat durchaus einiges mit dem HST zu tun. Geboren wurde sie 1925; 1949 erhielt sie ihren Doktortitel in Astronomie (obwohl ihr w\u00e4hrend des Studiums st\u00e4ndig ausgeredet wurde, sich mit Naturwissenschaft zu besch\u00e4ftigen). In ihrer Forschung untersuchte sie die unterschiedlichen Eigenschaften von Sternen in unterschiedlichen Regionen der Milchstra\u00dfe und konnte damit die Entwicklungsgeschichte unserer Galaxis besser verstehen. 1960 wurde sie bei der frisch gegr\u00fcndeten NASA &#8222;Chief of Astronomy&#8220;; eine der ersten Frauen \u00fcberhaupt die dort eine F\u00fchrungsposition innehatten. Sie war an der Entwicklung diverser Satelliten und Weltraumteleskope beteiligt und hat von Anfang an die Idee von Lyman Spitzer unterst\u00fctzt, <a href=\"http:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2020\/05\/08\/sternengeschichten-folge-389-das-hubble-weltraumteleskop\/\">ein wirklich gro\u00dfes Weltraumteleskop zu bauen<\/a>. Ohne ihre Arbeit und Unterst\u00fctzung w\u00e4re das Hubble-Teleskop nicht in der Form ins All geflogen, in der es heute immer noch dort seine Runden zieht. Weswegen sie immer wieder als &#8222;Mutter von Hubble&#8220; bezeichnet wird. <\/p>\n<figure id=\"attachment_32853\" aria-describedby=\"caption-attachment-32853\" style=\"width: 1280px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/1280px-Nancy_Grace_Roman_with_Scale_Model_of_Hubble_27257304197.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/1280px-Nancy_Grace_Roman_with_Scale_Model_of_Hubble_27257304197.jpg\" alt=\"\" width=\"1280\" height=\"853\" class=\"size-full wp-image-32853\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-32853\" class=\"wp-caption-text\">Nancy Roman und Hubble, 2017 (<a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Nancy_Grace_Roman_with_Scale_Model_of_Hubble_(27257304197).jpg\">Bild: NASA<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Ein neues Weltraumteleskop nach Nancy Roman zu benennen ist also absolut gerechtfertigt. Der Spiegel des RST wird 2,4 Meter gro\u00df sein; die Bildqualit\u00e4t wird in etwa so gut sein wie die von Hubble; das Bildfeld des RST wird allerdings 100 mal gr\u00f6\u00dfer als das von Hubble sein. Beobachten wird es das Universum im Infrarotlicht und wenn es tats\u00e4chlich startet kommt das gerade noch rechtzeitig zum 100 Geburtstag von Nancy Roman (die allerdings schon 2018 starb). Und es bleibt nur zu hoffen, dass das Teleskop ins All fliegen kann. Nachdem das RST im <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Astronomy_and_Astrophysics_Decadal_Survey\">&#8222;Astronomy and Astrophysics Decadal Survey<\/a> von 2010 die h\u00f6chste Priorit\u00e4t zugewiesen bekam, wollte Donald Trump das Projekt 2018 canceln. Die Proteste waren gro\u00df und der Kongress genehmigte dann doch ein entsprechendes Budget. 2019 wollte Trump dann der NASA erneut die n\u00f6tigen Gelder nicht genehmigen. Ob und wann das Teleskop nun fliegen wird, wird sich zeigen. Aber es w\u00e4re schade, wenn so ein tolles Projekt am Boden bleiben m\u00fcssten. Es gibt noch so viel da drau\u00dfen, das wir noch nicht gesehen haben!<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/e6847b5f8a854bad9a4fec9713c0ae47\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es passiert so viel in der Wissenschaft; da f\u00e4llt es schwer den \u00dcberblick zu behalten. Ich tue zwar mein bestes um auf dem Laufenden zu bleiben &#8211; aber ab und zu rutscht nat\u00fcrlich auch mir etwas durch. 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