{"id":25692,"date":"2020-08-24T08:22:25","date_gmt":"2020-08-24T06:22:25","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2020\/08\/24\/der-lebenszyklus-der-mikroben-auf-der-venus\/"},"modified":"2025-05-14T16:51:27","modified_gmt":"2025-05-14T14:51:27","slug":"der-lebenszyklus-der-mikroben-auf-der-venus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2020\/08\/24\/der-lebenszyklus-der-mikroben-auf-der-venus\/","title":{"rendered":"Der Lebenszyklus der Mikroben auf der Venus"},"content":{"rendered":"<p>Die Venus ist ein vernachl\u00e4ssigter Planet. Was schade ist. An unserem Nachthimmel ist die Venus mal als Abendstern, mal als Morgenstern sehr prominent pr\u00e4sent. Im Laufe der Jahrtausende haben wir Menschen und jede Menge Mythen und Geschichten \u00fcber den hellen &#8222;Stern&#8220; ausgedacht. Aber im Zeitalter der Raumfahrt hat sich unsere Aufmerksamkeit auf den Mars verschoben. Wir suchen nach Leben auf dem Mars, wir schicken Raumsonden und Rover auf den Mars; wir planen die Besiedelung des Mars. Die Venus dagegen bekommt so gut wie nie Besuch von der Erde. Dabei g\u00e4be es vielleicht dort auch gro\u00dfe Entdeckungen zu machen. Das Leben zum Beispiel, das wir seit Jahrzehnten auf dem Mars finden wollen!<\/p>\n<p>Das ist zumindest die Idee von <i>Sara Seager<\/i> vom Massachusetts Institute of Technology und ihren Kollegen. K\u00fcrzlich haben sie eine Arbeit ver\u00f6ffentlicht, die sich mit dem Lebenszyklus von Mikroben auf der Venus besch\u00e4ftigt (<a href=\"https:\/\/www.liebertpub.com\/doi\/10.1089\/ast.2020.2244\">&#8222;The Venusian Lower Atmosphere Haze as a Depot for Desiccated Microbial Life: A Proposed Life Cycle for Persistence of the Venusian Aerial Biosphere&#8220;<\/a>). Und bevor die Aufregung zu gro\u00df wird: Es handelt sich nat\u00fcrlich um einen mutma\u00dflichen Lebenszyklus von hypothetischen Mikrolebewesen.<\/p>\n<p><script class=\"podigee-podcast-player\" src=\"https:\/\/cdn.podigee.com\/podcast-player\/javascripts\/podigee-podcast-player.js\" data-configuration=\"https:\/\/sternengeschichten.podigee.io\/376-sternengeschichten-folge-376-die-atmosphare-der-venus\/embed?context=external\"><\/script><\/p>\n<p>Auf den ersten Blick sieht die Venus ja wie ein lebensfeindliches H\u00f6llenloch aus. Temperaturen von fast 500 Grad Celsius auf der Oberfl\u00e4che; dar\u00fcber eine enorm dicke Atmosph\u00e4re aus unfreundlichen Gasen wie Kohlendioxid, Stickstoff und Schwefeldioxid. Nicht unbedingt der Ort, auf dem man nach Leben suchen w\u00fcrde. Aber wenn man ein wenig genauer hinschaut, dann sieht die Sache nicht mehr ganz so hoffnungslos aus. Je weiter man sich von der Venusoberfl\u00e4che entfernt, desto k\u00fchler und weniger dicht wird die Atmosph\u00e4re. In einer H\u00f6he von etwa 50 bis 60 Kilometer hat man ungef\u00e4hr erd\u00e4hnliche Temperaturen die zwischen 0 und 60 Grad Celsius liegen und einen Druck der in etwa dem der Erdatmosph\u00e4re an der Erdoberfl\u00e4che entspricht. Also im Prinzip Bedingungen die Leben m\u00f6glich machen k\u00f6nnte.<\/p>\n<figure id=\"attachment_15331\" aria-describedby=\"caption-attachment-15331\" style=\"width: 928px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Venera_13_-_venera13-left.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Venera_13_-_venera13-left.jpg\" alt=\"\" width=\"928\" height=\"385\" class=\"size-full wp-image-15331\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-15331\" class=\"wp-caption-text\">Eines der wenigen Bilder von der Venusoberfl\u00e4che; aufgenommen von der sowjetischen Sonde Venera 13, im Jahr 1982 (<a href=\"https:\/\/nssdc.gsfc.nasa.gov\/photo_gallery\/photogallery-venus.html\">Bild: NASA<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Aber Leben mitten in der Luft? Sowas geht &#8211; und sowas gibt es auch bei uns auf der Erde. Beziehungsweise eben <i>\u00fcber<\/i> der Erde. Die irdischen Mikrolebewesen sind \u00fcberall; auch in der Luft. Bakterien, Viren und andere kleine Lebewesen fliegen in fast allen Schichten der Atmosph\u00e4re herum. Um die Mikroben bilden sich Wassertropfen; mit diesen Tropfen k\u00f6nnen sie um die halbe Welt herumfliegen. Aber irgendwann werden die Tropfen zu gro\u00df und zu schwer und die kleinen Dinger fallen im Inneren von Regentropfen, Hagelk\u00f6rnern oder Schneeflocken zu Boden. <\/p>\n<p>Was auf der Venus eher unpraktisch w\u00e4re, weil der Boden dort eben lebensfeindlich hei\u00df ist. Aber Seager und ihre Kollegen haben sich die Sache nochmal genau angesehen. Und vor allem die Schichten der Venusatmosph\u00e4re detailliert betrachtet. Wasserdampf gibt es in der Venusatmosph\u00e4re zwar auch, aber die Wolken dort bestehen eher aus Schwefels\u00e4ure. Was unangenehm klingt, auch unangenehm ist &#8211; aber haupts\u00e4chlich f\u00fcr uns Menschen. In der Welt der Bakterien zum Beispiel gibt es die <i>Sulfurikanten<\/i>, die auch mit Schwefel wunderbar klar kommen. Und es ist nicht unplausibel sich Bakterien oder andere Mikroben vorzustellen, die in und von Schwefels\u00e4uretropfen leben k\u00f6nnen. Die wurden dann in der Venusatmosph\u00e4re so leben wie die Bakterien in den Wassertropfen den irdischen Wolken. Wenn diese Tropfen jetzt langsam nach unten fallen, erreichen sie irgendwann die extrem hei\u00dfen Schichten der Venuswolken. Dort wo es zwischen 100 und 200 Grad hat und was dazu f\u00fchrt, dass die fl\u00fcssigen Tropfen aus Schwefels\u00e4ure verdampfen. Wenn diese sch\u00fctzende Schicht entfernt ist, k\u00f6nnten sich die Mikroben in eine Art &#8222;Winterschlaf&#8220;-Zustand versetzen. <\/p>\n<figure id=\"attachment_32831\" aria-describedby=\"caption-attachment-32831\" style=\"width: 750px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/baertierchen.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/baertierchen.jpg\" alt=\"\" width=\"750\" height=\"999\" class=\"size-full wp-image-32831\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-32831\" class=\"wp-caption-text\">Ein B\u00e4rtierchen! (<a href=\"https:\/\/www.nasa.gov\/connect\/chat\/summer_science_chat.html\">Bild: NASA\/ESA<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n<p>So wie das auf der Erde etwa die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/B%C3%A4rtierchen\">>B\u00e4rtierchen<\/a> tun. Wenn denen die passenden Bedingungen zum Leben fehlen &#8211; weil zum Beispiel die Moose in denen sie gerne leben austrocknen, gehen sie in einen Zustand \u00fcber den man &#8222;Kryptobiose&#8220; nennt. Kurz gesagt: Die B\u00e4rtierchen rollen sich ein, fahren ihren Stoffwechsel runter und k\u00f6nnen dann quasi tot aber noch nicht gestorben, extreme Temperaturen, radioaktive Strahlung, das Vakuum des Weltalls und auch sonst fast alles an lebensfeindlichen Bedingungen \u00fcberleben die ihnen entgegen geworfen werden &#8211; Jahre und sogar Jahrzehnte lang. Sobald dann aber wieder Bedingungen herrschen die dem B\u00e4rtierchen zusagen, nimmt es den normalen Lebensablauf wieder auf!<\/p>\n<p>Warum sollten die hypothetischen Venusmikroben das nicht auch k\u00f6nnen? Diese &#8222;Sporen&#8220; w\u00fcrden dann in der hei\u00dfen Venusatmosph\u00e4re quasi scheintot verbringen bis die atmosph\u00e4rischen Str\u00f6mungen sie wieder in die k\u00fchleren oberen Schichten gepustet haben. Wo sie dann ihr Leben wieder aufnehmen und tun, was Venusmikroben eben so tun.<\/p>\n<figure id=\"attachment_32832\" aria-describedby=\"caption-attachment-32832\" style=\"width: 600px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Venusmicroben.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Venusmicroben.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"406\" class=\"size-full wp-image-32832\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-32832\" class=\"wp-caption-text\">Lebenszyklus der Venusmikroben (<a href=\"https:\/\/www.liebertpub.com\/doi\/10.1089\/ast.2020.2244\">Bild: Seager et al, 2020<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Sara Seager und ihre Kollegen haben das alles in ihrer Arbeit nat\u00fcrlich im astrobiologischen Detail ausgearbeitet. Und die Idee von Leben in der Venusatmosph\u00e4re ist auch nicht neu. Aber es ist gut, dass man nun auch mal konkret den Lebenszyklus solcher hypothetischen Venusmikroben ausgearbeitet hat. Wobei nat\u00fcrlich immer noch die Frage bleibt: Gibt es die Dinger wirklich oder nicht? Aus der Ferne l\u00e4sst sich das nicht bestimmen. Wir m\u00fcssten schon hinfliegen und nachsehen. Was wir sowieso tun sollte, <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2020\/08\/12\/corona-auf-der-venus-tschuldigung\/\">auch aus anderen Gr\u00fcnden<\/a>. Und es w\u00fcrde auch nicht reichen, einfach nur an der Venus vorbei oder um die Venus rum zu fliegen. Wir m\u00fcssten schon auch in die Wolkenschichten eintauchen und dort ein paar Proben nehmen. Vielleicht finden wir dann was; vielleicht nicht unbedingt gleich ausgewachsene Mikrolebewesen. Aber es w\u00e4re schon spannend genug, wenn wir dort komplexe organische Molek\u00fcle finden w\u00fcrden, also die Bausteine des Lebens. Dann w\u00fcrde sich ein detaillierter Blick und eine spezielle Mission in die Venusatmosph\u00e4re auf jeden Fall lohnen!<\/p>\n<p>Der Mars ist der Star der Science-Fiction und Traumziel aller Milliard\u00e4re die nix sinnvolleres mit dem Geld anzufangen wissen das sie auf zweifelhafte Weise verdient haben. Aber so faszinierend der Mars ist: Wir sollten dar\u00fcber die Venus nicht vergessen! \t<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/1e53240ee7cf489ca32a890674ac0f16\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Venus ist ein vernachl\u00e4ssigter Planet. Was schade ist. An unserem Nachthimmel ist die Venus mal als Abendstern, mal als Morgenstern sehr prominent pr\u00e4sent. Im Laufe der Jahrtausende haben wir Menschen und jede Menge Mythen und Geschichten \u00fcber den hellen &#8222;Stern&#8220; ausgedacht. Aber im Zeitalter der Raumfahrt hat sich unsere Aufmerksamkeit auf den Mars verschoben. 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