{"id":25528,"date":"2020-06-17T09:01:18","date_gmt":"2020-06-17T07:01:18","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2020\/06\/17\/die-sache-mit-den-36-ausserirdische-zivilisation-in-der-milchstrasse\/"},"modified":"2025-05-14T16:50:39","modified_gmt":"2025-05-14T14:50:39","slug":"die-sache-mit-den-36-ausserirdische-zivilisation-in-der-milchstrasse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2020\/06\/17\/die-sache-mit-den-36-ausserirdische-zivilisation-in-der-milchstrasse\/","title":{"rendered":"Die Sache mit den &#8222;36 au\u00dferirdische Zivilisation in der Milchstra\u00dfe!&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>In unserer Milchstra\u00dfe gibt es 36 au\u00dferirdische Zivilisationen (35, wenn man uns nicht mitz\u00e4hlt)! Haben Wissenschaftler berechnet. Mit echter Mathematik und so. Steht \u00fcberall in gro\u00dfen Schlagzeilen in den Medien. Es gibt sogar eine wissenschaftliche Facharbeit dazu &#8211; <a href=\"https:\/\/arxiv.org\/abs\/2004.03968\">&#8222;The Astrobiological Copernican Weak and Strong Limits for Extraterrestrial Intelligent Life&#8220;<\/a> &#8211; die 47 Seiten lang und voll mit Formeln und Zahlen ist. Wo auch tats\u00e4chlich genau das drin steht: Dass es in unserer Milchstra\u00dfe mindestens 36 au\u00dferirdische Zivilisationen geben sollte die f\u00e4hig w\u00e4ren, mit uns zu kommunizieren. Was aus all dem aber definitiv nicht folgt, ist dass es diese 36 Zivilisationen tats\u00e4chlich gibt. Um das festzustellen muss man aber zumindest ein klein wenig genauer auf die Forschungsarbeit schauen und nicht nur immer wieder diese eine spektakul\u00e4r klingende Zahl von &#8222;36 au\u00dferirdischen Zivilisationen!!&#8220; wiederholen.<\/p>\n<p>Sich \u00fcber au\u00dferirdisches Leben Gedanken zu machen ist absolut nicht verwerflich und durchaus Teil der seri\u00f6sen Astronomie. Selbst dann, wenn man sich \u00fcber <i>intelligentes<\/i> au\u00dferirdisches Leben macht und dar\u00fcber, ob und wie man mit solch einer Zivilisation Kontakt aufnehmen oder sie entdecken kann. Und nat\u00fcrlich kann man auch Statistik betreiben und versuchen zu sch\u00e4tzen, wie h\u00e4ufig (intelligentes) Leben im Universum sein k\u00f6nnte. Das Problem an der Sache mit der Statistik ist allerdings das wir als Grundlage f\u00fcr s\u00e4mtliche Sch\u00e4tzungen bis jetzt nur genau einen einzigen Datenpunkt haben (n\u00e4mlich die Existenz unserer eigenen Zivilisation) und den noch nicht mal vern\u00fcnftig verstanden haben. Und wenn man aus einem einzigen Datenpunkt Vorhersagen ableiten will, muss man ganz genau darauf aufpassen, was man tut.<\/p>\n<p><script class=\"podigee-podcast-player\" src=\"https:\/\/cdn.podigee.com\/podcast-player\/javascripts\/podigee-podcast-player.js\" data-configuration=\"https:\/\/sternengeschichten.podigee.io\/304-sternengeschichten-folge-304-die-drake-gleichung\/embed?context=external\"><\/script><\/p>\n<p>Tom Westby und Christopher J. Conselice von der Universit\u00e4t Nottingham die die aktuelle Arbeit verfasst haben, haben das getan. Ich m\u00f6chte jetzt nicht die komplette, sehr ausf\u00fchrliche Facharbeit nacherz\u00e4hlen. Im Prinzip geht es um die bekannte &#8222;Drake-Gleichung&#8220;. Die stammt aus dem Jahr 1961 und mit ihr soll es m\u00f6glich sein, exakt zu berechnen wie viele andere Zivilisationen in unserer Milchstra\u00dfe existieren. Was in der Theorie sogar stimmt. In der Praxis aber nicht, wie ich <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2018\/09\/21\/sternengeschichten-folge-304-die-drake-gleichung\/\">zum Beispiel hier ausf\u00fchrlich erkl\u00e4rt habe<\/a>. Denn um die Rechnung durchf\u00fchren zu k\u00f6nnen muss man zum Beispiel wissen, wie viele Planeten in der Milchstra\u00dfe lebensfreundliche Bedingungen aufweisen. Oder auf wie vielen Planeten Leben entstanden ist. Und das wissen wir eben nicht. Das k\u00f6nnen wir nur sch\u00e4tzen und nicht mal das k\u00f6nnen wir vern\u00fcnftig. Die Drake-Gleichung kann daher beliebige Ergebnisse liefern, je nachdem welche Sch\u00e4tzwerte man da einsetzt.<\/p>\n<p>Westby und Conselice haben die Drake-Gleichung ein wenig modifiziert so dass man weniger sch\u00e4tzen muss. Aber auch da kommen Zahlen drin vor, die wir schlicht und einfach (noch) nicht kennen, zum Beispiel die Menge an Planeten die sich in der sogenannten &#8222;habitablen Zone&#8220; um ihren Stern befinden und lebensfreundliche Bedingungen aufweisen. Ich will gar nicht auf die Details dieser &#8222;neuen Drake-Gleichung&#8220; eingehen. Viel wichtiger sind n\u00e4mlich die Annahmen die Westby und Conselice treffen um ihre Berechnungen durchf\u00fchren zu k\u00f6nnen. Das sind im wesentlichen zwei unterschiedliche Annahmen: 1) das &#8222;Weak Astrobiological Copernican scenario&#8220; das besagt, dass intelligents Leben auf einem Planeten mit entsprechend lebensfreundlichen Bedingungen fr\u00fchestens nach 5 Milliarden Jahren entstehen kann. Und 2) das &#8222;Strong Astrobiological Copernican scenario&#8220; laut dem sich intelligentes Leben auf einem Planeten mit entsprechend lebensfreundlichen Bedingungen immer 4,5 bis 5,5 Milliarden Jahren nach der Entstehung so eines Planeten bilden kann.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/aliencat.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/aliencat.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"340\" class=\"aligncenter size-full wp-image-15345\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die Begr\u00fcndung f\u00fcr beide Annahmen lautet: Bei uns auf der Erde ist genau das passiert. So was kann man nat\u00fcrlich machen. Wenn es auf der Erde intelligentes Leben und auf der Erde dieses intelligente Leben circa 5 Milliarden Jahre nach der Entstehung des Planeten entstanden ist, dann kann man das zum allgemeinen Prinzip erheben und sagen, dass es so wie bei uns auch \u00fcberall anders abl\u00e4uft. Denn warum sollten wir ein Spezialfall sein?  Wie gesagt: Das kann man machen. Man muss sich aber auch dar\u00fcber im Klaren sein, dass man hier sehr viel auf sehr wenig aufbaut. Klar, es w\u00e4re seltsam, wenn wir ein Spezialfall w\u00e4ren. Aber was hei\u00dft schon &#8222;Spezialfall&#8220;? Wir wissen zum Beispiel, dass ein Stern mit Planeten absolut nichts besonderes ist. Jede Menge Sterne haben Planeten. Aber wir haben in den letzten Jahrzehnten auch gelernt, dass da eine gro\u00dfe Vielfalt gibt. Wir haben bei anderen Sternen Planetentypen gefunden, die es bei uns <i>nicht<\/i> gibt &#8211; riesige Gasplaneten in unmittelbarer N\u00e4he des Sterns (&#8222;hei\u00dfe Jupiter&#8220;), Gesteinsplaneten die gr\u00f6\u00dfer als die Erde sind (&#8222;Supererden&#8220;), usw &#8211; und trotz langer Suche haben wir noch kein Planetensystem entdeckt dass so aussieht wie unser Sonnensystem. Planeten an sich sind also nicht speziell. Aber vielleicht ist die konkrete Struktur unseres Sonnensystems etwas, was man nicht sehr oft findet? Wissen wir momentan schlicht und einfach nicht&#8230;<\/p>\n<p>Genau so ist es mit dem Leben. Auf der Erde ist definitiv Leben entstanden; vor circa 3,5 Milliarden Jahren. Und nachdem dieses Leben 3,5 Milliarden Jahren recht zufrieden damit war, als Mikroorganismen und simple Einzeller zu existieren, ist vor &#8211; aus astronomischer Sicht &#8211; kurzer Zeit komplexer geworden und quasi erst gestern ist dann auch intelligentes Leben entstanden. Warum? Und warum erst so sp\u00e4t? Wissen wir nicht&#8230; Wir wissen nicht, was genau alles f\u00fcr Bedingungen erf\u00fcllt sein m\u00fcssen, damit \u00fcberhaupt Leben entsteht und wir wissen nicht, was konkret passieren muss, damit aus Leben intelligentes Leben wird. Ebenso wissen wir nicht, auf welchen Zeitr\u00e4umen sich das abspielt und ob die 3,5 Milliarden Jahre &#8222;Wartezeit&#8220; auf die irdische Intelligenzt typisch sind oder nicht.<\/p>\n<p>Die Annahmen die Westby und Conselice getroffen haben kann man also durchaus treffen. Aber nur <i>weil<\/i> man sie getroffen hat folgt daraus nicht, dass sie auch die Realit\u00e4t beschreiben! Man muss halt <i>irgendwelche<\/i> Annahmen treffen weil man sonst \u00fcberhaupt keine Berechnungen durchf\u00fchren kann. Mit diesen Annahmen (es gibt auch noch ein paar andere F\u00e4lle die in der Arbeit untersucht worden sind) und diversen konkreten astronomischen Daten \u00fcber die H\u00e4ufigkeit und das Alter von Sternen, Planeten, und so weiter; mit Sch\u00e4tzungen \u00fcber die Lebensdauer von Zivilisationen und jeder Menge Statistik kann man dann diverse Zahlen berechnen. Eine davon ist die mit den 36 au\u00dferdirdischen Zivilisationen. Was in den Medien aber meistens nicht erw\u00e4hnt wird, sind die Fehlergrenzen. Denn wir haben die Sterne und Planeten ja nicht St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck abgez\u00e4hlt; die aus den Beobachtungsdaten abgeleiteten Werte sind mit Fehlern behaftet und das f\u00fchrt zu Fehlern beim Ergebnis. Und in dem Fall sind es nicht exakt 36 Zivilisationen. Sondern irgendwas zwischen 4 und 211 Zivilisationen! <\/p>\n<figure id=\"attachment_32591\" aria-describedby=\"caption-attachment-32591\" style=\"width: 1605px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/alienmathe.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/alienmathe.jpg\" alt=\"\" width=\"1605\" height=\"499\" class=\"size-full wp-image-32591\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-32591\" class=\"wp-caption-text\">Selbst komplexe Mathematik ist nur so aussagekr\u00e4ftig wie die Annahmen auf denen sie basiert (<a href=\"https:\/\/arxiv.org\/abs\/2004.03968\">Westby &#038; Conselice (2020)<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Aber hey! Immerhin mindestens 4 Alienzivilisationen! Oder halt 3, weil wir selbst stecken in der Rechnung ja auch drin! Mindestens drei au\u00dferdirdische V\u00f6lker in unserer Galaxis; das ist doch eine sehr coole Information! Im Prinzip schon &#8211; aber selbst dieser untere Wert des Fehlerbalkens basiert auf der Annahme das sich Leben anderswo genau so entwickelt wie es das hier bei uns getan hat. Wenn man an diese Annahme glaubt, kann man auch an die 3 oder 36 oder 211 Zivilisationen glauben. Und wenn man nicht an die Annahme glaubt, dann kann man auch an irgendwelche beliebigen anderen Zahlen zwischen 1 und unendlich glauben.<\/p>\n<p>Ich sage nicht, dass solche Arbeiten wie die von Westby und Conselice unn\u00f6tig oder schlecht sind. Das sind sie definitiv nicht. Man kann durch die Besch\u00e4ftigung mit diesen Themen sehr viel lernen. Was man aber eben nicht lernen kann ist die genaue (oder selbst gesch\u00e4tzte) Anzahl an au\u00dferirdische Zivilisationen. Dazu haben wir schlicht und einfach nicht genug Informationen. Wir m\u00fcssen entweder vern\u00fcnftig verstehen wie und unter welchen Bedingungen (intelligentes) Leben entsteht. Oder mindestens noch einen weiteren Datenpunkt (d.h. eine andere Zivilisation) finden. Beides wird vermutlich nicht so schnell passieren&#8230; \t<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/244b94ae58754452bdcb2d5a449a6b0f\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In unserer Milchstra\u00dfe gibt es 36 au\u00dferirdische Zivilisationen (35, wenn man uns nicht mitz\u00e4hlt)! Haben Wissenschaftler berechnet. Mit echter Mathematik und so. Steht \u00fcberall in gro\u00dfen Schlagzeilen in den Medien. Es gibt sogar eine wissenschaftliche Facharbeit dazu &#8211; &#8222;The Astrobiological Copernican Weak and Strong Limits for Extraterrestrial Intelligent Life&#8220; &#8211; die 47 Seiten lang und [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":16791,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11],"tags":[338,2109,3289,265,4563,55,5024,302,9749,244,14709],"class_list":["post-25528","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-naturwissenschaften","tag-aliens","tag-auserdisches-leben","tag-christopher-j-conselice","tag-drake-gleichung","tag-entstehung-des-lebens","tag-exoplaneten","tag-fehlerbalken","tag-mathematik","tag-medienkritik","tag-statistik","tag-tom-westby"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/25528","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=25528"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/25528\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":25530,"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/25528\/revisions\/25530"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media\/16791"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=25528"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=25528"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=25528"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}