{"id":25308,"date":"2020-04-06T10:18:47","date_gmt":"2020-04-06T08:18:47","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2020\/04\/06\/ausserirdisches-gin-tonic-die-wirklich-habitable-zone\/"},"modified":"2025-05-14T16:48:51","modified_gmt":"2025-05-14T14:48:51","slug":"ausserirdisches-gin-tonic-die-wirklich-habitable-zone","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2020\/04\/06\/ausserirdisches-gin-tonic-die-wirklich-habitable-zone\/","title":{"rendered":"Au\u00dferirdisches Gin Tonic: Die *wirklich* habitable Zone"},"content":{"rendered":"<p>\u00dcber die &#8222;habitable Zone&#8220; hab ich schon \u00f6fter geschrieben. Und dieses Konzept auch immer wieder kritisiert. Mit &#8222;Habitabler Zone&#8220; wird normalerweise der Bereich um einen Stern herum bezeichnet, wo auf der Oberfl\u00e4che eines Planeten die Temperaturen weder zu hei\u00df noch zu kalt sein k\u00f6nnen, so dass dort Leben existieren k\u00f6nnte. Eigentlich ein vern\u00fcnftiges Konzept, denn wenn man irgendwo bei einem Stern einen Planeten entdeckt kann man schnell checken, ob es ein potenziell lebensfreundlicher Planet ist oder nicht. Wenn dieses Konzept denn auch funktionieren w\u00fcrde, was es leider nicht immer tut. Zum Gl\u00fcck haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universit\u00e4t nun untersucht, wie man eine &#8222;Wirklich Habitable Zone&#8220; definieren kann!<\/p>\n<p>Das Problem mit dem &#8222;habitabel&#8220; in der habitablen Zone ist ja die Frage nach der Natur des Lebens. Wie k\u00f6nnen wir definieren, ob und wann ein Ort lebensfreundlich ist, wenn wir nicht wissen, wo und wie Leben \u00fcberhaupt entstehen kann? Wenn wir nur den Abstand vom Stern als Parameter nehmen &#8211; wie das in den \u00fcblichen Definition der habitablen Zone der Fall ist &#8211; dann ist das sehr oft irref\u00fchrend. In unserem Sonnensystem etwa w\u00e4ren nach der Definition nicht nur die Erde, sondern auch Venus und Mars &#8222;lebensfreundlich&#8220;. Was f\u00fcr die Erde zwar zutrifft, f\u00fcr die anderen beiden Planeten aber definitiv nicht. Der Mars ist zu klein und konnte keine Atmosph\u00e4re halten weswegen er heute eine lebensfeindliche Eisw\u00fcste ist. Die Venus hat dagegen eine zu dicke Atmosph\u00e4re und Temperaturen von \u00fcber 400 Grad Celsius. Ob ein Ort lebensfreundlich ist h\u00e4ngt eben auch von den Eigenschaften des Himmelsk\u00f6rpers selbst ab. Von dessen Masse, seiner Atmosph\u00e4re und deren Zusammensetzung. Von der St\u00e4rke des planetaren Magnetfeldes, den Himmelsk\u00f6rpern in der Nachbarschaft, der Existenz von Plattentektonik und Vulkanismus, und so weiter. Und selbst der Abstand von der Sonne ist nicht immer relevant. Der Jupitermond Europa etwa liegt weit au\u00dferhalb der habitablen Zone der Sonne. Trotzdem gilt er als guter Kandidat <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2018\/06\/15\/sternengeschichten-folge-290-der-jupitermond-europa\/\">f\u00fcr die Suche nach au\u00dferirdischem Leben<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/gin1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/gin1.jpg\" alt=\"\" width=\"895\" height=\"1173\" class=\"aligncenter size-full wp-image-32202\" \/><\/a><\/p>\n<p>Alles nicht so einfach mit der habitablen Zone! Weswegen <i>Marven Pedbost<\/i> und seine KollegInnen die Frage nach dem, was Leben prinzipiell m\u00f6glich macht einfach ignoriert haben. Und sich stattdessen darauf konzentriert haben, was das Leben <i>lebenswert<\/i> macht. Die Antwort: Gin Tonic! Daraus folgt ihre Definition f\u00fcr die &#8222;Wirklich Habitable Zone&#8220;:<\/p>\n<blockquote><p><i>&#8222;We therefore define the Really Habitable Zone (RHZ) as the region in which a good gin and tonic is possible.&#8220;<\/i><\/p><\/blockquote>\n<p>Der eine oder die andere wird nun vielleicht denken, dass es sich hier um einen Scherz handelt. Und h\u00e4tte damit Recht: Der Fachartikel wurde am 1. April ver\u00f6ffentlicht (<a href=\"https:\/\/arxiv.org\/abs\/2003.13722\">&#8222;Defining the Really Habitable Zone&#8220;<\/a>) und reiht sich ein in die lange Tradition an diesem Tag nicht ganz ernst gemeinte wissenschaftliche Arbeiten zu publizieren (<a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2018\/04\/11\/sitnikov-in-westeros-how-celestial-mechanics-finally-explains-why-winter-is-coming-in-game-of-thrones\/\">habe ich auch schon mal gemacht<\/a>). Trotz allem aber sind es meist Arbeiten, die durchaus interessante wissenschaftliche Themen auf interessante Art ansprechen &#8211; was auch auf die Arbeit von Pedbots et al zutrifft weswegen ich sie hier vorstellen m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Zuerst einmal muss man sich darauf einigen, dass Gin Tonic tats\u00e4chlich der Ma\u00dfstab f\u00fcr ein lebenswertes Leben ist. Daf\u00fcr bringen Pedbost et al einige astronomische Beispiel und kommen dann zu der Schlussfolgerung:<\/p>\n<blockquote><p><i>&#8222;It is therefore clear that conditions which support the creation of decent beverages will also support astronomers, which is a working definition of civilization.&#8220;<\/i><\/p><\/blockquote>\n<p>Daran kann ich nichts falsches erkennen und im n\u00e4chsten Schritt muss man daher definieren was man ben\u00f6tigt um brauchbaren Gin Tonic zu produzieren:<\/p>\n<blockquote><p><i>&#8222;To proceed, we define the Minimum Acceptable Gin and tonIC, or MAGIC. A MAGIC must contain: gin, tonic, ice and some sort of citrus.&#8220;<\/i><\/p><\/blockquote>\n<p>Die Frage die sich nun stellt lautet also: Wo im Universum findet man diese Zutaten? Und braucht zuvor noch eine weitere Definition, n\u00e4mlich die von Gin. Im Rahmen der Arbeit wird darunter eine Mischung aus Alkohol und Wacholder verstanden. Wo also findet man &#8222;Exowacholder&#8220;? Im Prinzip fast \u00fcberall; Wacholder w\u00e4chst unter einer gro\u00dfen Bandbreite von Umweltbedingungen. Um Fr\u00fcchte zu tragen braucht er aber jahreszeitliche Ver\u00e4nderungen, also einen Planeten dessen Rotationsachse ausreichend geneigt ist (denn diese Achsenneigung sorgt ja f\u00fcr die Jahreszeiten). Die Zitrusfr\u00fcchte sind ein bisschen heikler: Sie brauchen Temperaturen von 21 bis 38 Grad Celsius um zu wachsen und nat\u00fcrlich Wasser. Daraus kann man die Menge an Sternenlicht berechnen, die ein Planet in der &#8222;Really Habitable Zone&#8220; abkriegen muss und so ein Diagramm erstellen:<\/p>\n<figure id=\"attachment_32198\" aria-describedby=\"caption-attachment-32198\" style=\"width: 841px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/exogin.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/exogin.jpg\" alt=\"\" width=\"841\" height=\"627\" class=\"size-full wp-image-32198\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-32198\" class=\"wp-caption-text\"><a href=\"https:\/\/arxiv.org\/abs\/2003.13722\">Bild: Pedbost et al, 2020<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p>Man sieht hier die habitable Zone in Abh\u00e4ngigkeit des auf einem Planeten eintreffenden Strahlungsflusses und der effektiven Temperatur des Sterns. In rot die &#8222;BHZ&#8220;, die &#8222;boring habitable Zone&#8220;, also die lebensfreunliche Zone nach der konventionellen Definition. In t\u00fcrkis die neu definitiere &#8222;really habitable Zone&#8220; bzw RHB. Die Punkte zeigen einige bekannte extrasolare Planeten und in gelb die Erde. Die &#8211; darauf wird extra hingewiesen &#8211; am Rand der RHB liegt. Weswegen &#8211; worauf wieder explizit hingewiesen wird &#8211; die Autorinnen und Autoren sicherheitshalber die Existenz von Gin Tonic regelm\u00e4\u00dfig \u00fcberpr\u00fcfen.<\/p>\n<p>Soweit die Definition. Was es jetzt noch braucht sind Methoden um das ganze auch per Beobachtung \u00fcberpr\u00fcfen zu k\u00f6nnen. Die Frage nach dem Nachweis von Wacholderb\u00fcschen auf extrasolaren Planeten wird durch einen <a href=\"https:\/\/arxiv.org\/abs\/2002.10368\">Verweis auf die Literatur<\/a> gel\u00f6st. Ebenso was die Zitrusfr\u00fcchte angeht; dort wurde in einem <a href=\"https:\/\/ui.adsabs.harvard.edu\/abs\/1977A%26AS...28....1V\/abstract\">Galaxienkatalog aus dem Jahr 1977<\/a> ein Objekt identifiziert das &#8211; wie auch im Katalog beschrieben steht &#8211; einer Zitrone \u00e4hnelt:<\/p>\n<figure id=\"attachment_32199\" aria-describedby=\"caption-attachment-32199\" style=\"width: 426px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/exolemin.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/exolemin.jpg\" alt=\"\" width=\"426\" height=\"363\" class=\"size-full wp-image-32199\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-32199\" class=\"wp-caption-text\"><a href=\"https:\/\/articles.adsabs.harvard.edu\/\/full\/1977A%26AS...28....1V\/0000008.000.html\">Bild: Vorontsov-Velyaminov, 1977<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Existenz von Zitrusfr\u00fcchten und deren Beobachtbarkeit ist also auch gekl\u00e4rt; bleibt das Tonic. Das leuchtet ja bekannterma\u00dfen unter UV-Licht was ein Weg zu dessen Beobachtung sein k\u00f6nnte. Sofern man ein passendes Teleskop hat, weswegen die AutorInnen f\u00fcr ein neues, gro\u00dfes UV-Teleskop (wie zum Beispiel <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Large_UV_Optical_Infrared_Surveyor\">LUVOIR<\/a>) pl\u00e4dieren. <\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/gin2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/gin2.jpg\" alt=\"\" width=\"768\" height=\"1135\" class=\"aligncenter size-full wp-image-32201\" \/><\/a><\/p>\n<p>Der Artikel endet mit den Worten:<\/p>\n<blockquote><p><i>&#8222;We have considered the likely universal abundance of gins and tonic, deriving for the first time the &#8218;Really Habitable Zone&#8216; in which life would be worth living. We<br \/>\nsuggest that efforts should be directed in the near future towards investigating only those planets whose orbits lie within the RHZ, and made unverified claims about the possibility of detecting relevant features. We&#8217;re off for a drink.&#8220;<\/i><\/p><\/blockquote>\n<p>Ich kann allen nur empfehlen, den sehr am\u00fcsanten Artikel komplett zu lesen. Am besten mit einem Gin Tonic in der Hand. Prost! \t<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/47a44753ffa94f2e9938943c4407b46e\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber die &#8222;habitable Zone&#8220; hab ich schon \u00f6fter geschrieben. Und dieses Konzept auch immer wieder kritisiert. 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