{"id":24671,"date":"2017-12-12T20:07:25","date_gmt":"2017-12-12T19:07:25","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2017\/12\/12\/der-vorteil-der-konservativen\/"},"modified":"2017-12-12T20:07:25","modified_gmt":"2017-12-12T19:07:25","slug":"der-vorteil-der-konservativen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2017\/12\/12\/der-vorteil-der-konservativen\/","title":{"rendered":"Der Vorteil der Konservativen"},"content":{"rendered":"<p><i>Ich bin gerade an der Universit\u00e4t Graz, um dort zu <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2017\/12\/07\/der-humoristische-zugang-zur-wissenschaftskommunikation-wie-unterrichtet-man-bloggen-an-der-uni\/\">erkl\u00e4ren, wie man Wissenschaftsblogs verfasst<\/a>. Der erste Tag ist vorbei und die Studierenden haben ihre ersten Blogartikel verfasst. Morgen werden wir dar\u00fcber diskutieren und schauen, was gut daran ist und was man verbessern k\u00f6nnte. Daf\u00fcr ist echtes Feedback nat\u00fcrlich am besten, weswegen ich einige der Texte hier als Gastbeitrag ver\u00f6ffentlichen werden. Dieser Artikel kommt von <\/i>Norbert Paulo<i> und ich w\u00fcrde mich \u00fcber konstruktive Kritik und Kommentare freuen (aber bleibt bitte nett!)<\/i><br \/>\n&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<\/p>\n<p>Ich bin ein deutscher Philosoph und lebe als Arbeitsmigrant in \u00d6sterreich. Im Vergleich zu Deutschland ist das politische Normalma\u00df in \u00d6sterreich deutlich nach rechts verschoben. Nicht zuf\u00e4llig bastelt der konservative Wahlsieger Sebastian Kurz mit seiner \u201eListe\u201c gerade an einer Regierungskoalition mit der rechtsnationalen FP\u00d6. Hier wie in vielen anderen westlichen Demokratien zeigte der Wahlkampf, dass Personalisierung und Emotionalisierung immer wichtiger werden, w\u00e4hrend die inhaltliche Auseinandersetzung \u00fcber politische Ideen proportional dazu abnimmt. Wichtig scheint vor allem zu sein, dass eine charismatische Figur den Weg weist, egal wohin. So konnte die Kurz-Kampagne ernsthaft \u201eTun, was richtig ist\u201c plakatieren. Als ich dieses Plakat gesehen habe, habe ich meinen Glauben in die Demokratie in \u00d6sterreich verloren. Aber ich wollte verstehen, wie es m\u00f6glich ist, dass so viele W\u00e4hler_innen der Liste Kurz (oder gar der FP\u00d6) ihre Stimme geben. Politik, die man ehemals als links, linksliberal oder sozialdemokratisch beschrieben h\u00e4tte, scheint gegenw\u00e4rtig jedenfalls nicht mehrheitsf\u00e4hig zu sein. Aber warum ist das so? Warum kann man momentan vor allem mit konservativer, rechtskonservativer und nationalistischer Politik punkten?<\/p>\n<p>Der US-amerikanische Psychologe Jonathan Haidt bietet in seinem Buch <i>The Righteous Mind<\/i> eine interessante Erkl\u00e4rung. Eine Vielzahl gro\u00df angelegter Studien legt nahe, dass Menschen mehrere \u201emoralische Rezeptoren\u201c haben. So wie Geschmacksrezeptoren bei bestimmten Reizen anspringen (s\u00fc\u00df, sauer, bitter, salzig\u2026), springen die Moralrezeptoren bei moralischen Reizen an. Wir alle reagieren beispielsweise intuitiv und unmittelbar, wenn wir sehen, wie jemand verletzt oder unfair behandelt wird. Und genau hierauf bezieht sich Politik \u201elinks der Mitte\u201c. Sie konzentriert ihre politischen Botschaften auf die Hilfe f\u00fcr Opfer und Unterst\u00fctzung f\u00fcr Benachteiligte. Konservative wollen auch helfen und unterst\u00fctzen. Aber nicht nur. Sie wissen n\u00e4mlich, dass Menschen f\u00fcr mehr als diese zwei Themen moralisch empf\u00e4nglich sind. Wir haben n\u00e4mlich auch moralische Rezeptoren f\u00fcr Loyalit\u00e4t (Patriotismus, milit\u00e4rische Tugenden), Autorit\u00e4t (Achtung vor Eltern, Polizei oder Traditionen) und \u201eReinheit\u201c (gesellschaftlich und religi\u00f6s). Konservative appellieren auch an diese moralischen Intuitionen. Linke tun so, als g\u00e4be es diese anderen Rezeptoren nicht. Sie haben nat\u00fcrlich Gr\u00fcnde, warum sie Fairness und Schadensminimierung f\u00fcr wichtiger halten als Loyalit\u00e4t, Autorit\u00e4t und \u201eReinheit\u201c. Und manchmal \u00fcberzeugen sie mit diesen Gr\u00fcnden sogar W\u00e4hler_innen. Einige Menschen schaffen es tats\u00e4chlich, ihre unmittelbaren moralischen Intuitionen dauerhaft zu \u00e4ndern, indem sie sich durch rationale Gr\u00fcnde leiten lassen. Viele von denen, die mit einer traditionellen Abneigung gegen Homosexualit\u00e4t aufgewachsen sind (Autorit\u00e4t), versp\u00fcren wirklich ein Ekelgef\u00fchl (\u201eReinheit\u201c), wenn sie sehen, wie ein schwules P\u00e4rchen sich k\u00fcsst. Einige kommen irgendwann dahinter, dass es f\u00fcr dieses Gef\u00fchl keine guten Gr\u00fcnde gibt und versuchen, sich diese Abneigung abzutrainieren. Nur wenige schaffen es aber, wirklich dauerhaft nicht nur die \u00dcberzeugung, sondern auch die intuitive Reaktion auf einen Kuss abzustreifen und tats\u00e4chlich keinen Ekel mehr zu empfinden. Und \u00e4hnlich ist es bei vielen impliziten \u201eIsmen\u201c. Es ist schlicht anstrengend, sie sich abzugew\u00f6hnen. Und wenn sie noch aktiv sind (wie unbewusst auch immer), dann ist es extrem fordernd, sie rational zu \u00fcberschreiben, also nicht automatisch nach ihnen zu handeln oder Entscheidungen unbewusst durch sie beeinflussen zu lassen.<\/p>\n<p>Die Tatsache, dass wir mit bestimmten moralischen Intuitionen ausgestattet sind, die wir nur schwer umerziehen k\u00f6nnen, erkl\u00e4rt allein noch nicht die aktuellen Wahlvorteile konservativer Politik. Es kommen kognitive Verzerrungen hinzu. Man kann fast die Uhr danach stellen, dass Konservative in jedem Wahlkampf irgendwann sch\u00e4rfere Sanktionen oder Strafen f\u00fcr irgendetwas fordern \u2013 seien es Straft\u00e4ter_innen oder Integrationsverweigerer_innen. Warum fruchten diese Forderungen immer wieder, obwohl Generationen von Kriminolog_innen zu ganz anderen Mitteln raten, um Kriminalit\u00e4t zu reduzieren? Ein Grund ist, dass wir intuitiv auf Sch\u00e4digungen anspringen \u2013 daf\u00fcr ist schlie\u00dflich einer unserer moralischen Rezeptoren zust\u00e4ndig. Au\u00dferdem \u00fcbersch\u00e4tzen wir aber systematisch die Effektivit\u00e4t von Strafen und Sanktionen, weil es die Regression zur Mitte gibt. Angenommen ich will einen Hund abrichten. Ich kann ihn belohnen, wenn er gehorcht, oder bestrafen, wenn er nicht gehorcht. Was passiert aber, wenn er gehorcht und ich ihn daf\u00fcr belohne? Er wird es leider nicht sofort verstehen und fortan immer gehorchen. Weil der Lernprozess noch l\u00e4uft, wird er erstmal wieder in sein normales Verhalten verfallen (Regression zur Mitte), also nicht aufs Wort h\u00f6ren, bis er heraus hat, wof\u00fcr er eigentlich belohnt wird. Ich habe also den Eindruck, dass meine Belohnungen nicht zum Ziel f\u00fchren. Was passiert aber, wenn ich ihn bestrafe? Auch dann wird er, weil der Lernprozess noch l\u00e4uft, erstmal wieder in sein normales Verhalten verfallen, also nicht aufs Wort h\u00f6ren. Aber weil ich ihn f\u00fcr besonders schlechtes Verhalten bestrafe, kommt mir das normale Verhalten vor wie eine Verbesserung. Bestrafen ist also nicht notwendig effektiver als Belohnen, es wirkt aber so. Diesen Effekt gibt es in vielen Lebensbereichen. Der israelische Psychologe und Wirtschafts-Nobelpreistr\u00e4ger Daniel Kahneman sagt es so: \u201eweil wir dazu neigen, andere zu belohnen, wenn sie gut handeln, und zu bestrafen, wenn sie schlecht handeln, und weil es die Regression zur Mitte gibt, ist es Teil der <i>conditio humana<\/i>, dass wir statistisch daf\u00fcr bestraft werden, andere zu loben, aber daf\u00fcr belohnt, sie zu bestrafen.\u201c<\/p>\n<p>Solche kognitiven Verzerrungen wissenschaftlich festzustellen und einem gebildeten und aufmerksamen Publikum eines Wissenschaftsblogs nahezubringen ist das eine. Eine Mehrheit der Bev\u00f6lkerung davon zu \u00fcberzeugen und ihr darauf aufbauende \u2013 also kontraintuitive \u2013 politische Vorschl\u00e4ge plausibel zu machen, ist eine ganz andere Herausforderung. Linke haben diese Herausforderung in vielen Politikfeldern permanent zu meistern: Sie m\u00fcssen erkl\u00e4ren, dass es richtig w\u00e4re, mehr Fl\u00fcchtlinge aufzunehmen, h\u00f6here Steuern zu zahlen, gegen globale Ungerechtigkeit zu k\u00e4mpfen, f\u00fcrs Klima aufs Auto und auf Flugreisen zu verzichten, deutlich weniger Fleisch zu essen, Kinder mit Lernschw\u00e4chen in normale Schulklassen zu integrieren, etc. Die allermeisten Menschen finden nichts davon intuitiv einleuchtend. Man m\u00fcsste die Gr\u00fcnde daf\u00fcr ausf\u00fchrlich mit ihnen diskutieren. Aber daf\u00fcr gibt es weder im normalen Leben noch in der Politik gute Rahmenbedingungen. Es gibt schlicht keinen sozialen Kontext au\u00dferhalb expliziter Lehr- und Lernst\u00e4tten wie Schulen und Universit\u00e4ten, in dem es nicht als unangemessen oder sogar unh\u00f6flich gilt, \u00fcber mehrere Minuten ein komplexes Thema zu erl\u00e4utern. Aber selbst wenn man davon \u00fcberzeugt wird, dass wir mehr Fl\u00fcchtlinge aufnehmen sollten, wird dies wahrscheinlich nicht zu einer intuitiven Gewissheit werden, einfach weil man nicht bereits damit aufgewachsen ist. Man muss sich also immer und immer wieder davon \u00fcberzeugen (lassen), und zwar bei jedem kontraintuitiven politischen Vorschlag.<\/p>\n<p>Konservative dagegen k\u00f6nnen bei vielen ihrer Kernthemen (Sicherheit, Familie, Nationalismus, Traditionspflege etc.) darauf verlassen, dass die allermeisten B\u00fcrger_innen sie intuitiv f\u00fcr richtig halten. Man muss die Kernpositionen nicht erkl\u00e4ren, weil sie den meisten schon intuitiv klar sind. Und sie werden auch nicht vergessen oder verlernt. Das war nat\u00fcrlich auch in den vergangenen Jahrzehnten schon so. Aber warum scheint es neuerdings noch schwerer geworden zu sein, bei Wahlen mit einer Politik, die nicht konservativ ist, erfolgreich zu sein? Ein recht offensichtlicher Grund daf\u00fcr ist, dass sich die Rahmenbedingungen immer weiter zu Gunsten der Konservativen ver\u00e4ndert haben. Nicht nur allt\u00e4gliche soziale Situationen bieten nur \u00e4u\u00dferst selten die M\u00f6glichkeit f\u00fcr ausf\u00fchrlichere Erkl\u00e4rungen oder rationale Diskussionen. Auch Politik wird immer weniger als argumentatives Unternehmen dargestellt und wahrgenommen. Viele Fernseh- und Zeitungsnachrichten versuchen gar nicht mehr, politische Auseinandersetzungen als solche darzustellen, in denen es um die besseren Argumente ginge. Stattdessen werden relativ unverbunden Positionen und Meinungen gegen\u00fcbergestellt, die Politiker_innen oder Parteien eben haben \u2013 so wie man zuf\u00e4llig eine Vorliebe f\u00fcr <i>After-Eight-Eis<\/i> hat. Auch Debatten im Parlament und Diskussionssendungen im Fernsehen imitieren oft nur noch einen echten Diskurs. Vor allem sind sie Gelegenheiten, Parolen und <i>talking points<\/i> anzubringen und wieder und wieder zu wiederholen. Alle Beteiligten wissen, dass es nicht darauf ankommt, wie sie eine Frage beantworten, sondern allein darauf, was als Ausschnitt von wenigen Sekunden h\u00e4ngen bleibt, in die Nachrichten kommt und immer wiederholt wird, weil es die \u00fcblichen Schleifen durch die \u201esozialen Medien\u201c zur\u00fcck in die Nachrichten durchl\u00e4uft. Eine Stunde \u201eDiskussion\u201c, maximal 10 Sekunden Botschaft, ein 140\/280-Zeichen-Statement auf Twitter. Und nat\u00fcrlich tun sich Konservative mit solchen Kurzbotschaften leichter, weil man, wie gesagt, ihre Kernpositionen nicht erkl\u00e4ren muss, was in der K\u00fcrze auch gar nicht ginge. Und so erscheinen Positionen, f\u00fcr die gute Gr\u00fcnde sprechen und solche, f\u00fcr die keine Gr\u00fcnde sprechen, als gleichwertig. Schlie\u00dflich treten beide nur als Statement auf, ohne Begr\u00fcndung.<\/p>\n<p>Die Aussichten f\u00fcr rationalere Politik sind also d\u00fcster. Die Menschen werden wir kaum \u00e4ndern k\u00f6nnen. Wir haben alle moralischen Rezeptoren, ob wir nun wollen oder nicht. Und mit staatlich gesteuerter Umerziehung hat die Menschheit bisher keine guten Erfahrungen gemacht. Auch das Internet und soziale Medien werden uns weiterhin begleiten. Der kanadische Philosoph Joseph Heath schl\u00e4gt deswegen in seinem sehr klugen Buch <i>Enlightenment 2.0<\/i> vor, dass der politische Diskurs durch Verfahrens\u00e4nderungen, Konsultationspflichten etc. bewusst verlangsamt und so umgestaltet werden sollte, dass rationalere Entscheidungen wahrscheinlicher werden. Viele Mittel daf\u00fcr sind aus der \u00f6konomischen Verhaltensforschung bekannt \u2013 nur werden sie vor allem f\u00fcr das gegenteilige Ziel eingesetzt, n\u00e4mlich unsere Umgebung so zu gestalten, dass wir m\u00f6glichst wenig nachdenken und m\u00f6glichst viel kaufen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich bin gerade an der Universit\u00e4t Graz, um dort zu erkl\u00e4ren, wie man Wissenschaftsblogs verfasst. Der erste Tag ist vorbei und die Studierenden haben ihre ersten Blogartikel verfasst. Morgen werden wir dar\u00fcber diskutieren und schauen, was gut daran ist und was man verbessern k\u00f6nnte. 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