{"id":24381,"date":"2017-10-30T08:00:05","date_gmt":"2017-10-30T07:00:05","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2017\/10\/30\/dem-volk-aufs-maul-schauen\/"},"modified":"2025-05-14T16:36:54","modified_gmt":"2025-05-14T14:36:54","slug":"dem-volk-aufs-maul-schauen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2017\/10\/30\/dem-volk-aufs-maul-schauen\/","title":{"rendered":"Dem Volk aufs Maul schauen&#8230;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/sb-wettbewerb_klein.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/sb-wettbewerb_klein.jpg\" alt=\"sb-wettbewerb_klein\" width=\"150\" height=\"52\" class=\"alignleft size-full wp-image-25403\" \/><\/a><i>Dieser Artikel ist Teil des <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2017\/07\/01\/der-scienceblogs-blog-schreibwettbewerb-2017\/\">ScienceBlogs Blog-Schreibwettbewerb 2017<\/a>. 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Informationen zu den Autoren der Wettbewerbsartikel finden sich in den jeweiligen Texten.<\/i><br \/>\n&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;<br \/>\n<b>&#8222;Dem Volk aufs Maul schauen&#8230;&#8220;<\/b><\/p>\n<p>von Epikouros<\/p>\n<p>Der Titel dieser kleinen Abhandlung mag bei dem einen oder anderen Leser Stirnrunzeln ausgel\u00f6st haben: Wird hier etwa dem Populismus das Wort geredet? Hat Scienceblogs denn noch kein L\u00f6schteam? Mu\u00df jetzt &#8222;Correctiv&#8220; eingreifen?<\/p>\n<p>Gemach. Mir ist es hier keineswegs um einen Beitrag zur aktuellen Wahldebattenschlacht zu tun und die Frage was und wie b\u00f6se der Populismus eigentlich sei wollen wir f\u00fcr diesmal &#8211; Wahljahr hin oder her &#8211; auf sich beruhen lassen. Dieser Blogbeitrag verfolgt eigentlich nur zwei Ziele: 1. zu erkl\u00e4ren wo das im Titel zitierte gefl\u00fcgelte Wort eigentlich herkommt und 2. daran noch ein paar ganz nebens\u00e4chliche aber nicht uninteressante Betrachtungen anzuschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Diese Zielsetzung erscheint unspektakul\u00e4r, und das ist sie auch. Aber wer Internetpr\u00e4senzen wie scienceblogs.de besucht der verf\u00fcgt zum ersten \u00fcber einige freie Zeit und zum zweiten \u00fcber eine gute Portion gesunde Neugier. Letztere hoffe ich hiermit geweckt zu haben&#8230; \ud83d\ude09<\/p>\n<p>Es ist hinl\u00e4nglich bekannt, da\u00df viele &#8222;gefl\u00fcgelte Worte&#8220;, auch und gerade jene, die sich prononciert volkst\u00fcmlich geben, ihren Ursprung in der sogenannt hohen Literatur haben, oder doch zumindest auf diesem Wege eigentlich erst popularisiert worden sind. Der ungeschlagene Champion in dieser Disziplin ist (im deutschen Sprachraum) Schiller. Die Axt im Hause, welche den Zimmermann erspart; die hohle Gasse, durch die einer kommen mu\u00df; der Mann, dem geholfen werden kann; nicht minder auch die Weiber, welche da zu Hy\u00e4nen werden; desweiteren seine Pappenheimer, die einer zu kennen meint &#8211; sie gehen alle auf das Konto des Autors des &#8222;Tell&#8220;, der &#8222;R\u00e4uber&#8220;, der &#8222;Glocke&#8220;, des &#8222;Wallenstein&#8220;. Des &#8222;Pudels Kern&#8220;, die &#8222;Gretchenfrage&#8220; sowie die Feststellung, der Name sei Schall und Rauch hingegen hat uns Goethe beschert, alle drei im &#8222;Faust&#8220;.<\/p>\n<p>Die Liste lie\u00dfe sich fortsetzen, wenn mir die fraglos noch zahlreich vorhandenen Beispiele nur gerade einfielen&#8230; Darum rasch zur\u00fcck zur Ausgangsfrage: Wer riet uns denn nun als erster, &#8222;dem Volk aufs Maul zu schauen&#8220;?<\/p>\n<p>Auch das war nat\u00fcrlich ein &#8222;Promi&#8220; der deutschen Literaturgeschichte und kein geringerer als der Reformator Martin Luther (womit wir beil\u00e4ufig doch noch einen Bezug zum laufenden Jahre 2017 hergestellt h\u00e4tten&#8230;)<\/p>\n<p>Besagte Aufforderung erging im Jahre des Herrn 1530, in einer Postille betitelt &#8222;Ein sendbrieff D.M. Lutthers. Von Dolmetzschenn&#8220; und lautet dort wie folgt:<\/p>\n<p>  &#8222;[&#8230;] den man mus nicht die buchstaben inn der lateinischen sprachen fragen \/ wie man sol Deutsch reden \/ wie diese esel thun \/ sondern \/ man mus die mutter jhm hause \/ die kinder auff der gassen \/ den gemeinen man auff dem marckt drumb fragen \/ vnd den selbigen auff das maul sehen \/ wie sie reden \/ vnd darnach dolmetzschen \/ so verstehen sie es den \/ vnd mercken \/ das man Deutsch mit jn redet.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Die Kinder auf der Gasse&#8220;? Der &#8222;gemeine Mann&#8220; gar? Sollte hier nicht am Ende doch so etwas wie Populismus <i>avant la lettre<\/i> im Spiel sein&#8230;?<\/p>\n<p>Ach iwo. Der eigentliche Hintergrund ist ein ganz anderer, und hier wird es jetzt interessant. Luther hatte bekanntlich schon 1522, f\u00fcnf Jahre nach den 95 Thesen, acht Jahre vor dem &#8222;Sendbrief&#8220;, seine deutsche \u00dcbersetzung des Neuen Testaments ver\u00f6ffentlicht, das sogenannte &#8222;Septembertestament&#8220;. Das war zwar nicht, wie immer noch oft kolportiert wird, die <i>erste<\/i> deutsche Bibel\u00fcbersetzung, sollte aber f\u00fcr Jahrhunderte die einflu\u00dfreichste ihrer Art werden.<\/p>\n<p>Wirkung entfaltete das Septembertestament sowohl direkt, wie auch auf eine eher indirekte Weise. Die katholische &#8211; oder besser: die romtreue kirchliche Partei, denn eine protestantische Kirche gab es noch nicht und Luther war selbstverst\u00e4ndlich Katholik, wenn auch aus Sicht des R\u00f6mischen Stuhles ein ganz verflucht ketzerischer &#8211; f\u00fchlte sich n\u00e4mlich durch Luthers Vorsto\u00df in Zugzwang gesetzt und einer der romtreuen Landesf\u00fcrsten, Georg der B\u00e4rtige, Herzog von Sachsen-Mei\u00dfen, hatte seinerseits bei Hieronymus Emser eine &#8222;unreformierte&#8220; deutsche Bibel in Auftrag gegeben.<\/p>\n<p>Das Neue Testament von Emser erschien 1527, war indes keine wirklich eigenst\u00e4ndige \u00dcbersetzungsleistung sondern eher eine \u00dcberarbeitung des Septembertestaments &#8211; in der Vorrede erkl\u00e4rte Emser gewunden, er habe den Text des NT &#8222;emendirt [&#8230;] vnd widerumb zu recht gebracht&#8220;.  Gleichzeitig warf Emser dem Verfasser seiner Vorlage vor, dieser habe nicht getreu der Vulgata (d.h. der als verbindlich geltenden lateinischen \u00dcbersetzung des Kirchenvaters Hieronymus) \u00fcbersetzt und das auch sonst fehlerhaft.<\/p>\n<p>In der Tat hatte Luther nicht die lateinische Vulgata als Vorlage genommen, sondern die griechisch-lateinische Ausgabe des Erasmus von 1516, welche damals textkritisch &#8222;state of the art&#8220; war. Das war aus moderner Sicht die richtige Entscheidung, mu\u00dfte den Traditionalisten aber sauer aufsto\u00dfen. Was uns aber im Zusammenhang mit Volk und Mund interessiert ist der Vorwurf der Falsch\u00fcbersetzung, und hier genauer der &#8222;Fall&#8220; R\u00f6mer 3,28: die Frage der Rechtfertigung des Christen durch den Glauben.<\/p>\n<p>Diese Causa war in besonderem Ma\u00dfe delikat und zwar aus folgendem Grund: Luther hatte seit 1517 ein dogmatisches System ausgearbeitet, das auf drei S\u00e4ulen ruhte. <i>Sola scriptura<\/i> (nur durch die [heilige] Schrift), <i>sola gratia<\/i> (nur durch die [g\u00f6ttliche] Gnade) sowie <i>sola fide<\/i> (nur durch den Glauben), so lehrte der <i>doctor theologiae<\/i> aus Wittenberg, konnte die g\u00f6ttliche Wahrheit erkannt bzw. der Christ &#8222;gerechtfertigt werden&#8220; (iustificari). Diese &#8222;Rechtfertigung&#8220; war f\u00fcr die Christen des Mittelalters und der fr\u00fchen Neuzeit keine Kleinigkeit: hier ging es f\u00fcr die unsterbliche Seele um jenseitiges Heil oder Fegefeuer, wo nicht gar ewige Verdammnis &#8211; kurz gesagt: ums Ganze.<\/p>\n<p>Luther lehrte nun, wie gesagt, da\u00df die Rechtfertigung des Christen <i>ganz alleine<\/i> durch den Glauben an Christus bewirkt werde; gute Werke seien l\u00f6blich, ja notwendig f\u00fcr den Erhalt der diesseitigen Welt &#8211; aber ohne jeden Einflu\u00df auf das Seelenheil. Die &#8222;goldene Clubkarte&#8220;, welche den hochbegehrten Einla\u00df ins Paradies gew\u00e4hrte, die konnte man sich weder erkaufen <i>noch erarbeiten<\/i>. Heil war allein bei Gott und nur durch den Glauben allein zu erlangen.<\/p>\n<p>In diesem Sinne hatte Luther denn auch R\u00f6m 3,28 \u00fcbersetzt:<\/p>\n<p>  &#8222;So halten wyrs nu \/ das der mensch gerechtfertiget werde \/ On zuthun der werck des gesetzes \/ alleyn durch den glawben&#8220;<\/p>\n<p>Und um das Ma\u00df voll zu machen hatte er dazu folgende eigene Randbemerkung gesetzt:<\/p>\n<p>  &#8222;Denn hie ligt darnyder aller werck verdienst und rhum [&#8230;] vnd bleybt alleyn lautter [= nur] gottis gnad vnd ehre.&#8220;<\/p>\n<p>Und das, nur um kurz darauf in einer Randglosse zu R\u00f6m 4,4 nochmals im gleichen Sinne nachzusetzen:<\/p>\n<p>  &#8222;Hie beweyset er mit zweyen exempel \/ das verdienst nichts sey \/ sondern alleyn gottis gnade.&#8220;<\/p>\n<p>Das war freilich ein starkes St\u00fcck &#8211; und obendrein inhaltlich vollkommen daneben. Denn im Kontext des dritten Kapitels des R\u00f6merbriefes ging es lediglich um die Frage der Weitergeltung spezifisch j\u00fcdischer Gebote &#8211; wie der Beschneidung oder der Speisegesetze &#8211; f\u00fcr &#8222;Judenchristen&#8220; (also getaufte vormalige Juden), von denen etliche z.B. die Tischgemeinschaft mit &#8222;Heidenchristen&#8220; unter Hinweis auf j\u00fcdische Reinheitsgebote ablehnte. Gegen diese Auslegung bezieht Paulus hier Stellung, die j\u00fcdischen Religionsgesetze hatten f\u00fcr Christen keine Bedeutung, auch nicht f\u00fcr getaufte Juden.  Weshalb in R\u00f6m 3 denn auch ausdr\u00fccklich von <i>opera legis<\/i>, bzw gut Griechisch <i>\u00e9rga n\u00f3mou<\/i> die Rede ist, von &#8222;Werken des [j\u00fcdischen Religions-]Gesetzes&#8220;.<\/p>\n<p>Auch kommt wirklich in keiner erhaltenen Fassung, weder des griechischen noch des lateinischen Bibeltextes an diese Stelle das Wort &#8222;nur&#8220; oder &#8222;allein&#8220; (solus, m\u00f3nos o.\u00e4.) vor.<\/p>\n<p>Beides hatte sich Luther von Emser und anderen sagen lassen m\u00fcssen.  Und man kann nicht behaupten, da\u00df diese Kritik unberechtigt war.<\/p>\n<p>Inzwischen aber schreiben wir das Jahr 1530; Emser war bereits 1527 gestorben, dennoch &#8211; oder vielleicht: deshalb &#8211; beschlo\u00df Luther, jetzt in der Angelegenheit R\u00f6m 3,28 nochmals nachzutreten. Er verfa\u00dft zu diesem Zweck eine Art Responsum, vorgeblich in Beantwortung zweier an Luther gerichteter theologischer Fragen an einen Gesinnungsgenossen in Christo, Wenzeslaus Linck, gerichtet &#8211; doch von diesem umgehend der \u00d6ffentlichkeit gewisserma\u00dfen &#8222;\u00fcber Bande&#8220; zugespielt (wie Luther es ihm in dem nat\u00fcrlich nicht ver\u00f6ffentlichten Begleitschreiben vorgeschlagen hatte). Passenderweise war der Gegenstand der ersten Frage just Luthers \u00dcbersetzung vom R\u00f6m 3,28, was diesem Gelegenheit zu einer Apologie in eigener Sache gab.<\/p>\n<p>Wie ging Luther dabei zu Werke? Nun ja, ein wenig so wie Norman Lewis im f\u00fcnften Kapitel von Tom Wolfes &#8222;Back to Blood&#8220;, nur einige Grade gr\u00f6ber; nicht ironisch scheinbar anbiedernd sondern immer feste druff. Seine rhetorische Strategie l\u00e4\u00dft sich auf zwei griffige Formeln bringen: 1. Angriff ist die beste Verteidigung und 2. rede \u00fcber alles m\u00f6gliche, nur m\u00f6glichst wenig \u00fcber die Sache selbst.<\/p>\n<p>Und so geht er denn gleich zu Anfang in die Vollen: Er erkl\u00e4rt die &#8222;Papisten alle auff einen hauffen&#8220; f\u00fcr unf\u00e4hig, die Bibel zu \u00fcbersetze; erkl\u00e4rt dann weiter, er k\u00f6nne ja wohl seine eigene \u00dcbersetzung nach seinem eigenen Gusto gestalten und wem die nicht gefalle, der m\u00f6ge doch bitte seine eigene machen. Den Papisten aber stehe in der Sache ohnehin kein Urteil zu, da sie dazu &#8222;zu lange ohren&#8220; h\u00e4tten und davon weniger verst\u00fcnden &#8222;denn des M\u00fclners [=M\u00fcllers] thier&#8220;, d.h. er erkl\u00e4rt seine Gegner kurzerhand zu Grautieren mit vier Buchstaben, um dem Leser gleich zu verstehen zu geben, da\u00df sich damit eigentlich jede weitere Diskussion er\u00fcbrigt.<\/p>\n<p>Was aber nicht hei\u00dft, da\u00df die Diskussion damit beendet ist. Luther beklagt wortreich, alle Welt wolle ihm dreinreden (&#8222;Wer am wege bawet \/ der hat viel meister&#8220;) ohne vom \u00dcbersetzen das mindeste zu verstehen, wie dies ja schon dem Kirchenvater Hieronymus widerfahren sei. Dann kn\u00f6pft er sich den unl\u00e4ngst verstorbenen Emser vor und bezichtigt ihn nicht minder wortreich des Plagiats (ein Vorwurf an dem, wie wir gesehen haben, immerhin einiges dran war).<\/p>\n<p>Dann kommt er doch kurz auf den eigentlichen Gegenstand, seine Wiedergabe von R\u00f6m 3,28, zu sprechen, geht aber auf den Streitpunkt gar nicht ein sondern erkl\u00e4rt vollmundig, er wolle es nunmal so haben und die Papisten seien halt alle Esel. Und er zitiert Juvenal. [1]<\/p>\n<p>Darauf folgt dann noch ein reichlich hyperbolischer Katalog all der Bildungsg\u00fcter, \u00fcber die er, Luther, &#8222;ein Doctor vber alle Doctor jm gantzen Bapstum&#8220; gebiete, ganz im Gegensatz zu &#8222;Doctor Schmidt \/ vnd doctor Rotzl\u00f6ffel&#8220; und all den anderen papistischen &#8211; Sie ahnen es bereits: Eseln.<\/p>\n<p>Was dem Kaiser Vespasian der Erl\u00f6s aus der Toilettenbenutzungsgeb\u00fchr, das war dem Doctor Luther offenbar das Eigenlob (in dem zumindest insofern ein K\u00f6rnchen Wahrheit steckte, als Luther im Gegensatz zu den meisten Theologen seiner Zeit Griechisch und Hebr\u00e4isch lesen und seine \u00dcbersetzung so mit dem Urtext abgleichen konnte) &#8211; sachliche Argumente scheint der Herr Doktor aber nicht wirklich zur Hand zu haben.<\/p>\n<p>Doch halt! Diese ganze polemische Diatribe, welche alleine ein gutes Viertel des Gesamttextes ausmacht &#8211; sie enthielt, wie Luther zu Anfang kurz erw\u00e4hnte und jetzt erneut betont, doch nur das, was seine getreuen Anh\u00e4nger den &#8222;Papisten&#8220; entgegnen sollten (&#8222;w\u00f6llet solchen Eseln ja nicht anders noch mehr antworten auff yhr vnn\u00fctze geplerre vom wort Sola&#8220;): krude Beschimpfungen und Selbstlob n\u00e4mlich. Seine romtreuen Gegner, das will der gro\u00dfe Reformator in spe hier sagen, sind vern\u00fcnftige Argumentation einfach nicht wert.<\/p>\n<p>Nachdem er so der Herabw\u00fcrdigung seiner Kontrahenten rhetorisch die Krone aufgesetzt hat &#8211; die Zeiten waren aufgeregt, der Einsatz um den gepokert wurde hoch und man schenkte sich nichts &#8211; kommt er aber doch noch auf den Punkt, auch wenn er vorgeblich nur zu seinen Anh\u00e4ngern spricht und will ihnen, und nur ihnen (&#8222;Euch aber vnd den vnsern wil ich anzeigen&#8220;) erkl\u00e4ren warum er in R\u00f6m 3,28 das Wort &#8222;alleine&#8220; eingef\u00fcgt h\u00e4tte, obwohl es keine Entsprechung im Urtext habe.<\/p>\n<p>Seine Argumentation l\u00e4uft darauf hinaus, da\u00df die Einf\u00fcgung n\u00f6tig sei, um den <i>Sinn<\/i> des griechischen bzw. lateinischen Textes angemessen wiederzugeben. Nun ist es in der Tat eine Binsenweisheit, da\u00df eine w\u00f6rtliche \u00dcbersetzung von einer Sprache in die andere den Sinn u.U. erheblich verf\u00e4lschen kann. So bedeutet, um mal ein plakatives Beispiel aus der Gegenwartssprache herzunehmen, der englische Ausdruck &#8222;it&#8217;s a shame&#8220; heutzutage so gut wie nie &#8222;es ist eine Schande&#8220; sondern fast immer &#8222;das ist schade&#8220; (der urspr\u00fcngliche Sinn von <i>shame<\/i> hat sich in dieser Floskel abgeschliffen). Will man im Englischen unmi\u00dfverst\u00e4ndlich ausdr\u00fccken, da\u00df etwas eine Schande sei, dann mu\u00df man schon &#8222;it&#8217;s a <i>crying<\/i> shame&#8220; sagen (oder &#8222;it&#8217;s a disgrace&#8220;), womit wir ein sch\u00f6nes Beispiel f\u00fcr einen Fall h\u00e4tten, wie Luther ihn f\u00fcr sich bei R\u00f6m 3,28 reklamiert.<\/p>\n<p>Sein eigenes Beispiel aber wirkt schon etwas weniger \u00fcberzeugend:<\/p>\n<p>  &#8222;Das ist aber die art vnserer deutschen sprache \/ wenn sie ein rede begibt \/ von zweyen dingen \/ der man eins bekennet \/ vnd das ander verneinet \/ so braucht man des worts solum (allein) neben dem wort (nicht oder kein) Als wenn man sagt \/ Der Ba\u00fcr [=Bauer] bringt allein korn und kein geldt&#8220;<\/p>\n<p>Also &#8222;der Bauer bringt Korn, kein Geld&#8220; sei kein gutes Deutsch, man m\u00fcsse schon &#8222;der Bauer bringt <i>nur<\/i> Korn, kein Geld&#8220; sagen. Denn so spr\u00e4chen nun mal die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gasse und der gemeine Mann auf dem Markt, denen man aufs Maul schauen m\u00fcsse, wenn man gutes Deutsch schreiben wolle.<\/p>\n<p>Ich kann nicht behaupten, in der deutschen Sprache des 16. Jahrhunderts hinl\u00e4nglich bewandert zu sein um mir hierzu ein sicheres Urteil bilden zu k\u00f6nnen (und verweise hierzu und zu Luthers anderen Beispielen auf einen sehr lesenswerten Aufsatz von Hans-Wolfgang Schneiders[2], dem dieser Blogbeitrag auch sonst einiges verdankt).<\/p>\n<p>Da\u00df Luther seine \u00dcbersetzung damit angemessen verteidigt h\u00e4tte wird man aber kaum behaupten k\u00f6nnen, umso mehr, als der eigentliche Skandal ja in den, wie wir sahen, sachlich in keiner Weise begr\u00fcndeten Randglossen seines &#8222;Septembertestaments&#8220; lag. Das d\u00fcrfte auch Luther klar gewesen sein und so ergeht er sich in einer F\u00fclle weiterer Beispiele, die man mit einigem guten Willen als Pl\u00e4doyer f\u00fcr eine zieltextorientierte \u00dcbersetzungsmethodik lesen kann, welche aber im vorliegenden Kontext haupts\u00e4chlich der Ablenkung von dem eigentlichen Streitpunkt dienen. Denn da ist Luthers Argumentation wie wir sahen mehr als schwach.<\/p>\n<p>So erweist sich sein &#8222;Sendbrief vom Dolmetschen&#8220; als ein geradezu sophistisches Meisterwerk manipulativer Rhetorik. Luther war eben &#8211; wie alle erfolgreichen Religionsstifter &#8211; einerseits fest, tief und ehrlich von seiner Sache \u00fcberzeugt und zugleich bei der praktischen Durchsetzung derselben von wenig Skrupeln angekr\u00e4nkelt.<\/p>\n<p>Das also ist des Pudels Kern, das steckt hinter Luthers Aufforderung, dem Volk aufs Maul zu schauen. Mir will im \u00fcbrigen &#8211; dieser kleine Exkurs sei noch erlaubt &#8211; scheinen, da\u00df sich in der Wahl des Beispiels &#8222;der Bauer bringt nur Korn und kein Brot&#8220; eine weitere versteckte Bosheit verbirgt. Denn diese Sentenz spricht genau ein wesentliches Hauptproblem an, mit dem die Feudalherren des Mittelalters und der fr\u00fchen Neuzeit seit dem hohen MA zu k\u00e4mpfen hatten: das liebe Geld.<\/p>\n<p>Dieses hatte im fr\u00fchen MA, als sich das Feudalsystem herauszubilden begann, wirtschaftlich noch eine eher untergeordnete Rolle gespielt. Die \u00d6konomie war \u00fcberwiegend lokal und auf Austausch von Sachg\u00fctern ausgerichtet, der ganze zivilisatorische Luxus des r\u00f6mischen Reiches weitgehend dahingeschwunden. Das Korn, das Gem\u00fcse, Milch, Fleisch und andere Lebensmittel, welche die abgabenpflichtigen Bauern den Feudalherrn liefern mu\u00dften, bildeten zusammen mit den Arbeitsverpflichtungen der Frohn eine hinreichende Grundlage f\u00fcr den Bestand vom weltlichen wie geistlichen Herrschaften.<\/p>\n<p>Das \u00e4nderte sich, als Europa seit der Zeit der Kreuzz\u00fcge sukzessive wieder mit jenen zivilisatorischen Errungenschaften des R\u00f6mischen Reiches vertraut wurde, welche im Orient \u00fcberlebt hatten. Exotische Gew\u00fcrze, feine Gewandstoffe, kostbare M\u00f6bel und Geschirre und was dergleichen Luxusg\u00fcter sonst noch waren &#8211; das konnten die einfachen Bauern nicht liefern. Und als sich in Europa lansam eine Produktion von vielen dieser begehrten G\u00fcter herauszubilden begann, da entstand sie in den St\u00e4dten, nicht auf dem Land, wo die fron- und abgabenpflichtigen Bauern lebten, auf deren Ausbeutung sich das Feudalsystem im wesentlichen st\u00fctzte.<\/p>\n<p>Und so entstand das klassische Dilemma des Feudalismus: die Kosten f\u00fcr den Repr\u00e4sentationsaufwand auf den Burgen und sp\u00e4ter an den H\u00f6fen stiegen munter immer weiter an &#8211; man wollte und mu\u00dfte ja zeigen wer man war; auch die Kriege wurden mit der Entwicklung der Waffentechnik tendentiell teurer. Fernh\u00e4ndler, st\u00e4dtische Handwerker und S\u00f6ldner wollten Bares sehen &#8211; doch der Bauer brachte noch immer (blo\u00df) Korn und kein Geld!<\/p>\n<p>Die Abla\u00dfkr\u00e4merei der Kirche die dagegen gerichtete Polemik von Luther sind nat\u00fcrlich in diesem Kontext zu sehen. Denn was brachte der K\u00e4ufer von Abla\u00dfbriefen? Richtig: Geld. Bares Geld. Klingende M\u00fcnze. Und was war Luthers Lehre von der Rechtfertigung allein durch den Glauben, ganz ohne &#8222;Werkgerechtigkeit&#8220; denn anderes als &#8211; massive Sch\u00e4digung des Gesch\u00e4ftes.<\/p>\n<p>So war etwa der Abla\u00dfprediger Tetzel, dessen Umtriebe einer der Anl\u00e4sse f\u00fcr die 95 Thesen gewesen waren, nicht zuletzt f\u00fcr den Kardinal Albrecht von Mainz t\u00e4tig. Dem hatte die Kurie n\u00e4mlich gro\u00dfm\u00fctig gestattet, die H\u00e4lfte der Einnahmen aus dem Petersabla\u00df einzubehalten, damit er den Fuggern jenen Kredit zur\u00fcckzahlen konnte, mit welchem er den Kauf eben jener Mainzer Bischofsw\u00fcrde finanziert hatte&#8230; (was Luther damals aber wohl nicht wu\u00dfte).<\/p>\n<p>Und wenn die Durchsetzung eines &#8222;Kreuzzugsablasses&#8220; zur Finanzierung eines Abwehrkrieges gegen die von S\u00fcdosten gegen Europa herandr\u00e4ngenden T\u00fcrken 1518 gescheitert war, dann hatte das der Pabst nicht nur, aber eben auch, Luther zu verdanken. (Wesentlicher d\u00fcrfte freilich das finanzielle Eigeninteresse der deutschen F\u00fcrsten gewesen sein, die von den T\u00fcrken einstweilen nicht unmittelbar bedroht waren).<\/p>\n<p>Und so reibt, so will mir scheinen, Luther mit dem Satz &#8222;Der Bauer bringt Korn und kein Geld&#8220; auch noch gen\u00fc\u00dflich Salz in die Wunden, die er dem Pabsttum geschlagen hatte.<\/p>\n<p>Das also waren die eingangs versprochenen, ganz nebens\u00e4chlichen Bemerkungen zu Volkes Mund und Luthers Sendschreiben. Ich hoffe sie waren nicht langweilig.<\/p>\n<p>[1] &#8222;So will ich&#8217;s, so befehle ich, statt einer Begr\u00fcndung (gelte mein) Wille&#8220;.<\/p>\n<p>[2] Hans-Wolfgang Schneiders, &#8222;Luthers Sendbrief vom Dolmetschen. Ein Beitrag zur Entmythologisierung&#8220;, trans-kom 5[2] (2012), S. 254 ff.  https:\/\/www.trans-kom.eu\/ihv_05_02_2012.html<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Artikel ist Teil des ScienceBlogs Blog-Schreibwettbewerb 2017. 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