{"id":23971,"date":"2017-07-27T06:00:27","date_gmt":"2017-07-27T04:00:27","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2017\/07\/27\/newtons-regenbogen-romantik-und-die-feinde-der-wissenschaft\/"},"modified":"2025-05-14T16:33:58","modified_gmt":"2025-05-14T14:33:58","slug":"newtons-regenbogen-romantik-und-die-feinde-der-wissenschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2017\/07\/27\/newtons-regenbogen-romantik-und-die-feinde-der-wissenschaft\/","title":{"rendered":"Newtons Regenbogen: Romantik und die Feinde der Wissenschaft"},"content":{"rendered":"<p><i>[Dieser Artikel entstammt der Recherche zu meinem <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2017\/03\/13\/mein-neues-buch-newton-wie-ein-arschloch-das-universum-neu-erfand\/\">Newton-Buch<\/a>, haben dann aber aus verschiedensten Gr\u00fcnden keinen Platz mehr im fertigen Werk gefunden. Der erste Teil dieser Serie <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/?p=25143\">findet sich hier<\/a>]<\/i><\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht, was sich Isaac Newton und seine Nachfolger damals gedacht haben als sie ihre <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/?p=25143\">Entdeckungen \u00fcber die Bestandteile des Lichts gemacht<\/a> haben von denen ich gestern berichtet habe. Aber ich wei\u00df, was ich mir jedes mal aufs Neue denke, wenn ich die Ergebnisse der modernen Astronomie betrachte. Ich bin zutiefst beeindruckt von der Tatsache, dass wir heute so viel mehr sehen k\u00f6nnen, als die Menschen vor uns. <\/p>\n<p>Wir vergessen angesichts der F\u00fclle an Wissen ja gerne, wie au\u00dfergew\u00f6hnlich es ist, dass wir \u00fcberhaupt etwas \u00fcber all die unvorstellbar weit entfernten Himmelsk\u00f6rper im Universum wissen k\u00f6nnen. <\/p>\n<p><i>\u201eWir haben die M\u00f6glichkeit, ihre Formen, Entfernungen, Gr\u00f6\u00dfen und Bewegungen zu bestimmen, w\u00e4hrend wir niemals durch irgendein Mittel ihre chemische Zusammensetzung [bestimmen k\u00f6nnen]\u201c<\/i> hat der franz\u00f6sische Philosoph Auguste Comte noch 1835 \u00fcber die Sterne behauptet. Und auch wenn man es eigentlich besser wissen und bei Vorhersagen \u00fcber die Zukunft Worte wie \u201eniemals\u201c vermeiden sollte, kann man Comte eigentlich keinen Vorwurf machen. Jahrtausendelang konnten Astronomen nicht viel mehr tun, als die Positionen und Helligkeiten all der Lichtpunkte am Himmel aufzuzeichnen. Sp\u00e4ter erlaubten die Teleskope genauere Messungen und man konnte auch noch die Bewegung und die Entfernung der Sterne bestimmen. Aber das war es dann auch. Im Gegensatz zu all den anderen Wissenschaftlern, die ihre Forschungsobjekte direkt vor sich haben und sie abwiegen, angreifen oder aufschneiden k\u00f6nnen um zu sehen, was darin ist k\u00f6nnen die Astronomen wirklich nichts anderes als schauen. <\/p>\n<figure id=\"attachment_25150\" aria-describedby=\"caption-attachment-25150\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Fraunhofer_spectroscope.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Fraunhofer_spectroscope.jpg\" alt=\"Fraunhofer und sein Spektroskop (Bild: gemeinfrei)\" width=\"500\" height=\"393\" class=\"size-medium wp-image-25150\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-25150\" class=\"wp-caption-text\">Fraunhofer und sein Spektroskop (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Datei:Fraunhofer_spectroscope.JPG\">Bild: gemeinfrei<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Aber Isaac Newton hat uns gezeigt, dass im Licht viel mehr Information steckt, als man dachte. Und seine Nachfolger haben Dinge in seinem Regenbogen entdeckt, die uns \u2013 buchst\u00e4blich \u2013 die Augen f\u00fcr das Universum ge\u00f6ffnet haben. Der deutsche Optiker Joseph von Fraunhofer <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2013\/09\/06\/die-zeitreise-teil-vi-der-optiker-und-die-moderne-zeitmessung-in-straubing\/?all=1\">entdeckte 1814 dutzende dunkle Linien im Spektrum<\/a> des Sonnenlichts, die heute \u201eFraunhofersche Linien\u201c genannt werden. Diese Linien waren schon 1802 vom Engl\u00e4nder William Hyde Wollaston gefunden worden. Davon wusste Fraunhofer aber nichts und au\u00dferdem hatte Wollaston auch keine Ahnung, was er da gefunden hatte und interpretierte die schwarzen Striche f\u00e4lschlicherweise als Trennlinien zwischen den Farben. Darum sind die Linien heute eben nach Fraunhofer benannt und nicht nach Wollaston. Der muss sich aber auch nicht \u00e4rgern, immerhin hat er die chemischen Elemente Palladium und Rhodium entdeckt und einen See in Kanada, der nach ihm benannt wurde. 1859 fanden dann Gustav Kirchhoff und Robert Bunsen heraus, dass diese Linien entstehen, wenn Licht aus dem Inneren des Sterns auf die Atome trifft, aus denen er besteht. Jedes chemische Element blockiert einen ganz bestimmten Teil des Lichts und erzeugt ganz charakteristische Linien im Spektrum. Wir m\u00fcssen die Linien nur vermessen und wissen so, woraus ein Stern besteht. Auguste Comte hatte sich mit seiner Aussage spektakul\u00e4r geirrt und die Astronomen nun einen Weg gefunden, die Sterne zu verstehen. <\/p>\n<p>Und als wir dann in der zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts Teleskope ins Weltall schickten, wo sie au\u00dferhalb der st\u00f6renden Erdatmosph\u00e4re auch all die neuentdeckten Arten des Lichts sehen konnten, zeigte sich das Universum in seiner ganzen Pracht. Heute k\u00f6nnen wir Bilder betrachten, auf denen ansonsten unsichtbare schwarze L\u00f6cher ihre Umgebung mit R\u00f6ntgenlicht erleuchten. Wir sehen Millionen Lichtjahre lange Str\u00f6me aus hei\u00dfem Gas die sich um ferne Galaxien winden. Mit ihren Infrarotaugen blicken die Astronomen durch kosmische Staubwolken und sehen zu, wie neue Sterne geboren werden. Die Ultraviolettstrahlung zeigt uns Polarlichter auf Jupiter und die Materie, die sich im fast leeren Raum zwischen den Sternen befindet. Das Universum leuchtet nicht nur in allen Farben des Regenbogens sondern in unz\u00e4hligen Farben, die wir erst sehen k\u00f6nnen, seit wir angefangen auch mit unserem Geist zu sehen und nicht nur mit unseren Augen. <\/p>\n<figure id=\"attachment_25151\" aria-describedby=\"caption-attachment-25151\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Jupiter.Aurora.HST_.UV_.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Jupiter.Aurora.HST_.UV_.jpg\" alt=\"Polarlichter des Jupiter im UV-Licht \" width=\"500\" height=\"285\" class=\"size-medium wp-image-25151\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-25151\" class=\"wp-caption-text\">Polarlichter des Jupiter im UV-Licht<\/figcaption><\/figure>\n<p>Newton hat uns gezeigt, wo wir suchen m\u00fcssen und seine Nachfolger sind f\u00fcndig geworden. Aber nicht alle waren davon begeistert. 1819 ver\u00f6ffentlichte der britische Poet John Keats sein Gedicht \u201eLamia\u201c. Darin schrieb er unter anderem: <\/p>\n<blockquote><p><i>\u201eDenn flieht nicht aller Zauber vor den T\u00fccken<br \/>\nN\u00fcchterner Denkungsart? Da war einmal<br \/>\nEin Regenbogen hehr am Himmelssaal:<br \/>\nJetzt kennt man sein Gewebe, seinen Bau,<br \/>\nDie Wissenschaft erkl\u00e4rte ihn genau<br \/>\nUnd rubrizierte ihn wie andre Dinge.<br \/>\nPhilosophie wirft ihre kecke Schlinge<br \/>\nUm Engelsschwingen und um Zauberpracht<br \/>\nIn Luft und Bergesscho\u00df und Meeresnacht,<br \/>\nZerrei\u00dft die Wunder.\u201c (\u00dcbertragen von Gisela Etzel, Leipzig: Insel Verlag, [1910].)<\/i><\/p><\/blockquote>\n<p>Im Original klingt das so:<\/p>\n<blockquote><p><i>\u201eDo not all charms fly<br \/>\nAt the mere touch of cold philosophy?<br \/>\nThere was an awful rainbow once in heaven:<br \/>\nWe know her woof, her texture; she is given<br \/>\nIn the dull catalogue of common things.<br \/>\nPhilosophy will clip an Angel\u2019s wings,<br \/>\nConquer all mysteries by rule and line,<br \/>\nEmpty the haunted air, and gnomed mine\u2013<br \/>\nUnweave a rainbow, as it erewhile made.\u201c<\/i><\/p><\/blockquote>\n<p>Keats beschwert sich also dar\u00fcber, dass \u201en\u00fcchterne Denkungsart\u201c den Regenbogen erkl\u00e4rt und \u201erubriziert\u201c hat. Die \u201ePhilosophie\u201c (und damit meint er das, was Newton und seine Kollegen betrieben haben und nicht das, was man heute darunter versteht) h\u00e4tte die \u201eWunder zerrissen\u201c und all der \u201eZauber\u201c w\u00e4re geflohen. Nun, Keats war Romantiker und eine gewisse Dramatik l\u00e4sst sich da wohl nicht vermeiden. Aber wieso er sich so sehr dar\u00fcber aufregt, dass Newton und die ihm nachfolgenden Wissenschaftler nun einen Regenbogen nicht nur betrachten, sondern auch verstehen k\u00f6nnen, erschlie\u00dft sich mir nicht (Und den nach ihm benannten Asteroiden \u201e(4110) Keats\u201c hat er definitiv nicht verdient. Ohne Newtons Arbeit w\u00e4re er niemals entdeckt worden!). Dabei ist Keats Meinung \u00fcber die Erkenntnisse der Wissenschaft keineswegs eine Einzelmeinung aus dem 19. Jahrhundert. Auch heute noch gibt es viele Menschen, die der Meinung sind, die \u201en\u00fcchterne Denkungsart\u201c der Wissenschaft lie\u00dfe keinen Raum f\u00fcr Fantasie, Kreativit\u00e4t, Romantik und Zauber. <\/p>\n<p>Das Vorurteil, Wissenschaft und Wissenschaftler w\u00e4ren kalt, emotionslos und h\u00e4tten keinen Sinn f\u00fcr die Sch\u00f6nheit der Welt h\u00e4lt sich hartn\u00e4ckig. Ich pers\u00f6nlich kann das absolut nicht nachvollziehen. Diese Sicht auf die Welt zeigt eine meiner Meinung nach erschreckende Engstirnigkeit. Ein Regenbogen ist sch\u00f6n und diese Sch\u00f6nheit kann ein Wissenschaftler genau so erkennen, f\u00fchlen und genie\u00dfen wie jeder andere Mensch. Und sie wird definitiv nicht zerst\u00f6rt, nur weil man wei\u00df, wie ein Regenbogen entsteht. <\/p>\n<p>Wie gro\u00df die Vorurteile gegen\u00fcber der wissenschaftlichen Sicht auf die Welt auch heute noch sind, erfahre ich durch die regelm\u00e4\u00dfigen Beschimpfungen und Drohungen, die in meinem Email-Postfach landen. Wer die Wissenschaft als Zerst\u00f6rerin der nat\u00fcrlichen Sch\u00f6nheit ansieht und Wissenschaftlern Emotionen und damit die Menschlichkeit abspricht, hat offensichtlich auch kein Problem mit Morddrohungen: \u201eDu wirst nie wieder ruhig schlafen k\u00f6nnen.WIR wissen wo du wohnst, WIR kennen dein Gesicht. Zieh dich warm an, die Funken werden fliegen!\u201c lautet da noch eine der harmloseren Emails, die ich bekommen habe. Andere drohen mit direkter k\u00f6rperlicher Gewalt, ver\u00f6ffentlichen Hass-Videos \u00fcber mich Internet oder probieren mich mit juristischen Drohungen und Anzeigen von meiner Arbeit abzuhalten. <\/p>\n<figure id=\"attachment_5243\" aria-describedby=\"caption-attachment-5243\" style=\"width: 512px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/25947-regenbogen_grabert.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/25947-regenbogen_grabert.jpg\" alt=\"Ein Regenbogen ist sch\u00f6n, auch wenn man wei\u00df wie er entsteht (Bild: Sebastian Grabert)\" width=\"512\" height=\"228\" class=\"size-full wp-image-5243\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-5243\" class=\"wp-caption-text\">Ein Regenbogen ist sch\u00f6n, auch wenn man wei\u00df wie er entsteht (Bild: Sebastian Grabert)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Wieso die Besch\u00e4ftigung mit der Wissenschaft so viele Menschen so w\u00fctend macht, wird mir immer ein R\u00e4tsel bleiben. Es gibt keinen Grund daf\u00fcr. Dem Physiker und Nobelpreistr\u00e4ger Richard Feynman wurde einmal von einem K\u00fcnstler vorgeworfen, er <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2012\/12\/29\/feynmans-ode-an-die-rose-es-kommt-immer-nur-schonheit-hinzu\/\">k\u00f6nne die Sch\u00f6nheit einer Rose nicht verstehen<\/a>. Seine Antwort darauf lautete: \u201eDie Sch\u00f6nheit, die sie f\u00fcr dich hat, entgeht mir keineswegs. Aber ich sehe auch eine tiefere Sch\u00f6nheit, die sich anderen nicht ohne weiteres erschlie\u00dft. Ich sehe die komplizierte Wechselbeziehungen in der Bl\u00fcte. Die Bl\u00fcte ist rot gef\u00e4rbt. Sie hat eine Farbe \u2013 bedeutet das, dass sie sich in der Evolution entwickelt hat, um Insekten anzulocken? Damit haben wir eine neue Frage. K\u00f6nnen Insekten Farben sehen? Haben sie ein Gesp\u00fcr f\u00fcr \u00c4sthetik? Und so weiter. Ich verstehe nicht, wie eine Bl\u00fcte an Sch\u00f6nheit verlieren soll, wenn wir sie untersuchen. Es kommt immer nur Sch\u00f6nheit hinzu.\u201c<\/p>\n<p>Es ist genau diese tiefere Sch\u00f6nheit, die mich antreibt. Die Wissenschaft ist ein einzigartiger Weg, die Welt zu betrachten und Dinge zu sehen, die ansonsten unsichtbar werden. Die Welt sieht v\u00f6llig anders aus, wenn wir nicht mehr nur unsere Auge zum sehen benutzen, sondern auch unseren Geist. Sie wird vielf\u00e4ltiger, interessanter und sie wird vor allem sch\u00f6ner! Vor mehr als 300 Jahren hat Isaac Newton in einer dunklen Scheune auf einen kleinen Regenbogen gestarrt. Er war in der Lage, die \u201etiefere Sch\u00f6nheit\u201c zu erkennen, die in ihm steckt. Er hat den \u201eZauber\u201c nicht zerrissen. Er hat uns den Blick auf ein faszinierendes Universum er\u00f6ffnet, dass wir heute zugleich ergriffen und neugierig betrachten, immer auf der Suche nach noch tieferen Einblicken und noch tieferer Sch\u00f6nheit.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/380325cc8f18485d9d4f12f0a1dd5878\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>[Dieser Artikel entstammt der Recherche zu meinem Newton-Buch, haben dann aber aus verschiedensten Gr\u00fcnden keinen Platz mehr im fertigen Werk gefunden. 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