{"id":23962,"date":"2017-07-25T06:00:31","date_gmt":"2017-07-25T04:00:31","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2017\/07\/25\/die-grenzen-des-himmels-die-langsame-revolution-der-welt\/"},"modified":"2025-05-14T16:33:55","modified_gmt":"2025-05-14T14:33:55","slug":"die-grenzen-des-himmels-die-langsame-revolution-der-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2017\/07\/25\/die-grenzen-des-himmels-die-langsame-revolution-der-welt\/","title":{"rendered":"Die Grenzen des Himmels: Die langsame Revolution der Welt"},"content":{"rendered":"<p><i>[Dieser Artikel entstammt der Recherche zu meinem <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2017\/03\/13\/mein-neues-buch-newton-wie-ein-arschloch-das-universum-neu-erfand\/\">Newton-Buch<\/a>, haben dann aber aus verschiedensten Gr\u00fcnden keinen Platz mehr im fertigen Werk gefunden. Den ersten Teil dieser Serie <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2017\/07\/24\/die-grenzen-des-himmels-johannes-kepler-und-isaac-newton\/\">gibt es hier<\/a>]<\/i><\/p>\n<p>April 2015, Jena<\/p>\n<p>Die Fahrt mit dem Zug von Wien nach Jena war lang und ich freue mich immer, wenn ich wieder zur\u00fcck nach Hause komme. Und so wie jeden Tag werfe ich erst einmal einen Blick aus dem Fenster meines Arbeitszimmers. Von dort aus kann ich genau Richtung Osten und die Sonne \u00fcber den Kernbergen von Jena aufgehen sehen. Sehr oft h\u00e4ngt aber auch dichter Nebel \u00fcber dem Tal der Saale in meiner Heimatstadt und ich sehe dann kaum weiter als bis zur anderen Seite der Stra\u00dfe, wo sich das Hauptgeb\u00e4ude der Universit\u00e4t befindet. Meistens verzieht sich der Nebel im Laufe des Vormittags schnell wieder und der Tag wird dann doch noch sch\u00f6n. Ich hoffe sehr, dass das auch heute passiert, denn momentan ist der Nebel besonders dicht. Und wenn ich dem Wetterbericht der morgendlichen Nachrichtensendung im Fernsehen vertrauen kann, dann wird das auch so sein.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/skylimit.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/skylimit.jpg\" alt=\"skylimit\" width=\"500\" height=\"497\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-25126\" \/><\/a><\/p>\n<p>Wetterbericht, Fernsehen, Nachrichten: Der Blick hinaus durch den Nebel erinnert mich daran, das nicht einfach f\u00fcr selbstverst\u00e4ndlich zu halten. Ich kann die Universit\u00e4t im getr\u00fcbten Morgenlicht gerade noch so erkennen und erinnere mich an das Plakat, <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2017\/07\/24\/die-grenzen-des-himmels-johannes-kepler-und-isaac-newton\/\">das ich gestern in Wien gesehen haben<\/a>. Die Hochschule in Jena ist nicht ganz so alt wie ihre \u00f6sterreichische Vorg\u00e4ngerin. Aber auch bei ihrer Gr\u00fcndung im Jahr 1558 waren die \u201eGrenzen des Himmels\u201c weit davon entfernt, durchbrochen zu werden. In der Mitte des 16. Jahrhunderts war der Blick der ersten Jenaer Professoren auf die Welt mindestens ebenso tr\u00fcb wie der Nebel vor meinem Fenster. All die gro\u00dfen wissenschaftlichen Erkenntnisse mussten damals erst noch gemacht werden; all die gro\u00dfen wissenschaftlichen Revolutionen standen noch bevor. Die \u201eAstronomia Nova\u201c von Johannes Kepler, die ich gestern in Wien betrachten durfte, ist noch lange nicht geschrieben und ihr Autor w\u00fcrde erst in 13 Jahren geboren werden. Nikolaus Kopernikus war damals erst seit 15 Jahren gestorben und das von ihm vertretene Weltbild in der sich die Erde um die Sonne dreht und nicht umgekehrt war noch weit davon entfernt, allgemein anerkannt zu werden. Noch fast ein halbes Jahrhundert w\u00fcrde vergehen, bevor die Beobachtungen des Galileo Galilei (dessen B\u00fccher ich in Wien \u00fcbrigens ebenfalls sehen konnte) mit dem ersten Teleskop und die Berechnung von Kepler die Gelehrten davon \u00fcberzeugen w\u00fcrde, dass die Erde tats\u00e4chlich nur ein normaler Planet und nicht das Zentrum des Universums ist.  Und der gr\u00f6\u00dfte von ihnen allen, Isaac Newton, w\u00fcrde erst 85 Jahre nach der Gr\u00fcndung der Universit\u00e4t Jena geboren werden. <\/p>\n<p>Ein paar der ersten Studenten der Jenaer Universit\u00e4t werden die Forschung von Kepler von Galilei vielleicht noch selbst miterlebt haben. Aber sie werden nicht mehr dabei gewesen sein, als Isaac Newton die Welt aus den Angeln hob und auf v\u00f6llig neue Fundamente stellte. Wenn ich, so wie jetzt gerade in meiner Wohnung am Fenster stehen und auf meinem Smartphone (Ich hole mir doch lieber noch eine zweite Meinung, sicher ist sicher) den Wetterbericht lesen kann, dann verdanke ich das der Arbeit von Isaac Newton. Wenn ich mir danach in der K\u00fcche mein Fr\u00fchst\u00fcck zubereite, dann kann ich das, weil Isaac Newton sich vor fast 400 Jahren Gedanken \u00fcber die Funktionsweise der Welt gemacht hat. Wenn ich nach dem Fr\u00fchst\u00fcck meinen Computer einschalte und meine Arbeit mache, dann k\u00f6nnte ich das nicht, wenn Newton nicht damals seine Arbeit gemacht h\u00e4tte. Mein Alltag und der von so gut wie allen anderen Menschen basiert auf den Erkenntnissen, die Isaac Newton und seine Kollegen vor vier Jahrhunderten gewonnen haben. <\/p>\n<figure id=\"attachment_25140\" aria-describedby=\"caption-attachment-25140\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/20170703_204421-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/20170703_204421-scaled.jpg\" alt=\"Die Uni Jena\" width=\"500\" height=\"375\" class=\"size-medium wp-image-25140\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-25140\" class=\"wp-caption-text\">Die Uni Jena<\/figcaption><\/figure>\n<p>Nat\u00fcrlich kam Newton nicht aus dem Nichts und hat ebenso auf den Arbeiten seiner Vorg\u00e4nger aufgebaut wie er selbst zum Vorg\u00e4nger f\u00fcr die moderne Wissenschaft wurde. Aber keiner markiert den \u00dcbergang zu dieser modernen Wissenschaft so gut wie der britische Naturforscher. Damals probierten er und seine Kollegen die Welt auf eine v\u00f6llig neue Art und Weise zu sehen und zu systematisieren. Und die Ergebnisse ihrer Arbeit bildeten das Fundament unserer heutigen Gesellschaft. Aber wie das mit Fundamenten manchmal so ist, sind sie schwer zu sehen. Bei einem Hochhaus liegen sie unter der Erde und bis auf ein paar Architekten macht sich keiner Gedanken \u00fcber ihre Existenz. Genauso neigen wir heute dazu, die Wissenschaft zu \u00fcbersehen, die die Grundlage von so gut wie allem bildet, was uns in unserem Alltag umgibt.<br \/>\nDie Erkenntnisse der Wissenschaft haben unsere Gesellschaft so fundamental umgestaltet und sich so tief in unserem Leben vergraben, dass wir sie mittlerweile gar nicht mehr wahrnehmen. So gut wie jeder von uns hat ein Handy, aber wer wei\u00df schon, warum es funktioniert? Und es muss ja nicht einmal ein Smartphone sein: Wer k\u00f6nnte heute genau erkl\u00e4ren, wie ein Telefon prinzipiell funktioniert? Oder ein Fernsehapparat? Der Mikrowellenherd in der K\u00fcche? Oder einfach nur irgendeines der vielen Ger\u00e4te, die uns st\u00e4ndig umgeben?<\/p>\n<p>Mein kleines Handy enth\u00e4lt jedenfalls fast die gesamten 400 Jahre der modernen Wissenschaft; die Ergebnisse der Quantenmechanik und der Relativit\u00e4tstheorie ebenso wie die Jahrhunderte lang gef\u00fchrte Diskussion \u00fcber die wahre Natur des Lichts die mit Isaac Newton zwar nicht ihren Anfang genommen hat, aber durch ihn auf eine seri\u00f6se experimentelle Grundlage gestellt worden ist. Bevor ich mit meinem Telefon den heutigen Wetterbericht abrufen konnte, mussten zuvor erst ganze Weltbilder gest\u00fcrzt und die fundamentale Struktur von Raum und Zeit entr\u00e4tselt werden. Das, was Isaac Newton und all seine Kollegen im Lauf der Zeit geleistet haben und ihre Nachfolger heute immer noch leisten, umgibt uns \u00fcberall und gerade weil die Wissenschaft so allgegenw\u00e4rtig ist, k\u00f6nnen wir es uns offensichtlich leisten, sie v\u00f6llig zu \u00fcbersehen.<\/p>\n<p>Und das ist schade. Das f\u00fchrt nicht nur dazu, dass die viele Menschen der Wissenschaft immer kritischer gegen\u00fcber stehen. Wenn man nicht mehr erkennt, was die best\u00e4ndige Suche nach neuer Erkenntnis der vielen Forscherinnen und Forscher in der Vergangenheit geleistet hat und in der Gegenwart f\u00fcr die Zukunft leisten wird; wenn man nicht mehr bemerkt, wie sehr unsere Welt eine durch und durch von der Wissenschaft gepr\u00e4gte Welt ist: Dann kann man auch leicht so tun, als br\u00e4uchte man die Wissenschaft gar nicht. Dann kann man sie als unn\u00fctze Geldverschwendung abtun, als sinnlosen Zeitvertreib f\u00fcr Leute, die \u201enicht richtig\u201c arbeiten wollen oder Verschw\u00f6rungstheorien \u00fcber die angeblich r\u00fccksichtslosen, unmenschlichen, gemeingef\u00e4hrlichen oder geheimen Machenschaften der Wissenschaftler entwickeln. <\/p>\n<p>Fr\u00fcher hatte ich mit solchen Reaktionen kaum etwas zu tun. Ich war ein ganz normaler Forscher und bin zuerst an der Universit\u00e4t Wien und danach an den Universit\u00e4ten von Jena und Heidelberg meiner Arbeit nachgegangen. Ich habe als Astronom gearbeitet, probiert die Bewegung von Asteroiden und Planeten zu verstehen, habe ab und zu Vorlesungen vor Studenten gehalten und auf Fachkonferenzen mit Kolleginnen und Kollegen diskutiert. Im Laufe der Zeit wurde mir aber <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2012\/02\/01\/wie-ich-wissenschaftler-wurde-und-warum-ich-heute-keiner-mehr-bin\/\">immer mehr bewusst<\/a>, dass ich nicht nur einfach in der Gesellschaft von anderen Wissenschaftlern forschen m\u00f6chte, sondern auch die \u00d6ffentlichkeit an den Ergebnissen dieser Forschung teilhaben lassen will. Wem n\u00fctzt die ganze Wissenschaft, wenn niemand au\u00dferhalb der Universit\u00e4ten davon erf\u00e4hrt? Diese \u00d6ffentlichkeit ist es ja auch, die die meiste Forschung durch ihre Steuergelder finanziert. Schon allein aus ganz egoistischen Gr\u00fcnden sollten die Wissenschaftler Neugierde und  Aufmerksamkeit f\u00fcr ihre Arbeit wecken. Denn wenn die Gesellschaft nicht mehr an der Forschung interessiert ist, dann wird sie vielleicht irgendwann auch nicht mehr bereit sein, das Geld daf\u00fcr bereit zu stellen. <\/p>\n<p>Die Vermittlung der Wissenschaft ist aber auch \u00fcber die rein finanziellen Aspekte hinaus meiner Meinung nach mindestens ebenso wichtig die wissenschaftliche Arbeit selbst. Die Welt in der wir heute leben ist komplett von den Erkenntnissen der Wissenschaft durchdrungen und eine Gesellschaft, die sich dessen nicht bewusst ist, ist auch nicht mehr in der Lage, die bestm\u00f6glichen Entscheidungen f\u00fcr die Zukunft zu treffen. Gentechnik, erneuerbare Energie, Stammzellenforschung, Klimawandel, Umweltschutz, und so weiter: All das sind h\u00f6chst relevante und aktuelle wissenschaftliche Themen, \u00fcber die gesellschaftliche und politische Entscheidungen getroffen werden m\u00fcssen. Wenn diese Fragen aber ohne das entsprechende Wissen entschieden werden, dann besteht die Gefahr, dass Populismus und nackte Emotionen die Entscheidungen bestimmen. <\/p>\n<figure id=\"attachment_22813\" aria-describedby=\"caption-attachment-22813\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/SB_50_08.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/SB_50_08.jpg\" alt=\"Wissenschaft erkl\u00e4ren macht Spa\u00df! Bild: ORF\/Hubert Mican\" width=\"500\" height=\"326\" class=\"size-medium wp-image-22813\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-22813\" class=\"wp-caption-text\">Wissenschaft erkl\u00e4ren macht Spa\u00df!<br \/>Bild: ORF\/Hubert Mican<\/figcaption><\/figure>\n<p>Und schlie\u00dflich ist Wissenschaft ja auch mehr als nur ein Mittel zum Zweck. Der Wunsch, die Welt zu verstehen ist zutiefst menschlich und unsere Neugier hat uns erst zu dem gemacht, was wir heute sind. Die Erforschung der Natur ist eine ebenso wichtige kulturelle Leistung wie das Komponieren einer Sinfonie, das Verfassen eines Romans oder der Bau einer Kirche und sollte entsprechend behandelt und vermittelt werden. Wir sollten zumindest ein grundlegendes Verst\u00e4ndnis von der Welt haben, in der wir leben anstatt die Erkenntnisse der Forschung einfach nur passiv hinzunehmen ohne zu wissen, was eigentlich passiert. Wenn wir aufh\u00f6ren, uns f\u00fcr die Welt um uns herum zu interessieren, dann h\u00f6ren wir auch auf, Menschen zu sein. Das Universum ist unvorstellbar gro\u00df, unvorstellbar faszinierend und wir sitzen mitten darin! Wie kann man angesichts all dessen, was es zu erfahren und zu wissen gibt, nicht neugierig sein? Wie kann man vor einer Welt voller Wunder einfach so die Augen verschlie\u00dfen? Das ist vermutlich der wichtigste und pers\u00f6nlichste Grund, warum ich Wissenschaft vermitteln m\u00f6chte: Ich bin jeden Tag aufs Neue vom Universum begeistert und m\u00f6chte diese Begeisterung schlicht und einfach teilen. <\/p>\n<p>Aus all diesen Gr\u00fcnden habe ich neben meiner wissenschaftlichen Arbeit auch immer mehr Zeit auf die Vermittlung der Forschung verwendet. Bis ich irgendwann gemerkt habe, dass es nicht m\u00f6glich ist, beides intensiv zu betreiben. Engagement in der \u00d6ffentlichkeitsarbeit spielt in der akademischen Welt leider immer noch ein viel zu geringe Rolle und Karrieren werden in der Wissenschaft immer noch haupts\u00e4chlich nach der Menge an Fachartikeln beurteilt, die man produzieren kann. Wer zu viel Zeit f\u00fcr andere Dinge \u2013 wie die Kommunikation mit der \u00d6ffentlichkeit &#8211; aufwendet, verliert irgendwann den Anschluss. Ich habe mich daher vor einigen Jahren entschieden, mich voll und ganz der Wissenschaftskommunikation zu widmen. Seitdem schreibe ich B\u00fccher, Zeitungsartikel und Texte im Internet; halte Vortr\u00e4ge und trete auf Theaterb\u00fchnen auf und probiere \u00fcberall m\u00f6glichst vielen Menschen zu erkl\u00e4ren, wie die Wissenschaft funktioniert und was wir alles \u00fcber die Welt wissen, in der wir leben.<\/p>\n<p>Ich bin dabei oft selbst immer wieder \u00fcberrascht, was man alles entdecken kann, wenn man es schafft, den gewohnten Blick auf den Alltag abzulegen und mit ganz neuen Augen in die Welt hinaus sieht. Im Jahr 2014 habe ich zum Beispiel die Leserinnen und Leser meines Internet-Blogs <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2014\/07\/08\/auf-der-suche-nach-der-versteckten-astronomie-schickt-mich-auf-die-reise\/?all=1\">aufgefordert<\/a>, f\u00fcr mich einen beliebigen Ort irgendwo in Deutschland auszuw\u00e4hlen. An diesen Ort wollte ich dann reisen um dort nach Wissenschaft zu suchen, die man normalerweise vielleicht \u00fcbersehen w\u00fcrde und dann dar\u00fcber schreiben. Eine leicht riskante Aktion, denn wer wusste schon, wo ich am Ende landen w\u00fcrde. Zum Gl\u00fcck fiel die Wahl der Leserschaft aber auf die kleine Insel Neuwerk in der Helgol\u00e4nder Bucht. Eine knappe Entscheidung, nur wenige Stimmen haben mich von einer Reise nach Soest in Nordrhein-Westfalen getrennt. Obwohl ich nat\u00fcrlich speziell f\u00fcr alle potentiellen Leserinnen und Leser aus Soest festhalten muss: Dort w\u00e4re es sicher auch interessant geworden. Immerhin hat dort der gro\u00dfe Albertus Magnus \u2013 zeitweise \u2013 gewirkt. Der gro\u00dfe (und heiliggesprochene) Gelehrte hat nicht nur daf\u00fcr gesorgt, dass die Kirche die Lehren des Aristoteles \u00fcbernahm (dessen falsche Vorstellungen die moderne Naturwissenschaft lange mit der Kirche in Konflikt gebracht haben) sondern versuchte auch, die Astrologie mit dem christlichen Glauben zu vers\u00f6hnen. Mit ihm h\u00e4tte ich sicher meinen Spa\u00df gehabt&#8230; <\/p>\n<p>Auf der knapp 3 Quadratkilometer gro\u00dfen Insel Neuwerk im Wattenmeer jedenfalls gibt es auf den ersten Blick nicht viel zu sehen. Gr\u00fcne Wiesen, blaues Meer und in der Mitte einen Leuchtturm. Neuwerk bietet dem Besucher ein paar Hotels und einen winzigen Lebensmittelladen. Wer Trubel, Strandleben und Partys sucht, ist dort definitiv falsch. Aber w\u00e4hrend der drei Tage, die ich auf der Insel verbracht habe, ist mir trotzdem nicht langweilig geworden. F\u00fcr einen Astronomen wie mich war dieser Ort geradezu ideal, und das nicht nur, weil der Himmel fernab gro\u00dfer St\u00e4dte klar genug war, um in der Nacht unz\u00e4hlige Sterne und sogar die Milchstra\u00dfe zu sehen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_15996\" aria-describedby=\"caption-attachment-15996\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/IMG_3760-Andere.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/IMG_3760-Andere.jpg\" alt=\"Die Insel Neuwerk\" width=\"500\" height=\"374\" class=\"size-medium wp-image-15996\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-15996\" class=\"wp-caption-text\">Die Insel Neuwerk<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Insel Neuwerk <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2014\/08\/26\/die-astronomie-der-insel-neuwerk\/?all=1\">hat sich als wahre Fundgrube wissenschaftlicher Ph\u00e4nomene und Beobachtungen<\/a> herausgestellt. Schon die Anreise wird nicht nur von den Fahrpl\u00e4nen der \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln bestimmt, sondern den Vorg\u00e4ngen im Kosmos. Je nach Stand von Sonne, Mond und Erde kann man entweder zu Fu\u00df durch das trocken gefallene Wattenmeer zur Insel gelangen oder aber muss mit dem Schiff durch die \u2013 meist hohen \u2013 Wellen der Nordsee fahren. Die Anziehungskraft der anderen Himmelsk\u00f6rper im Sonnensystem beeinflusst die Bewegung des Wassers in den Ozeanen und verursacht Ebbe und Flut. Erst als Wissenschaftler wie Kopernikus, Kepler und nat\u00fcrlich Isaac Newton verstanden hatten, welche fundamentalen Kr\u00e4fte und Regeln die Dynamik der Planeten bestimmen, konnten die Menschen das Auftreten von Ebbe und Flut auch mathematisch genau vorher berechnen. Neuwerk mag nur eine winzige Insel sein, auf der nicht einmal 50 Leute wohnen. Aber trotzdem steht sie mit dem Rest des Universums in einer ganz konkreten Verbindung und man muss nur die Augen und den Geist \u00f6ffnen, um sie zu sehen. <\/p>\n<p>Ich habe auf Neuwerk die Spuren der gro\u00dfen Landvermessung von Carl Friedrich Gau\u00df gesehen, bei der er Methoden verwendete, die er zur Entdeckung von Asteroiden entwickelt hatte. Ich habe das vielf\u00e4ltige Leben im Wattenmeer gesehen, das nicht nur von der Gravitation sondern auch dem Licht des Mondes beeinflusst wird. Ich habe gro\u00dfe Kolonien von Zugv\u00f6geln beobachtet, die sich auf ihren langen Reisen unter anderem an den Sternen orientieren und das Magnetfeld der Erde sp\u00fcren k\u00f6nnen. Das Magnetfeld, das vom rotierenden Eisenkern im Inneren unseres Planeten erzeugt wird, der von der W\u00e4rme der tief unter der Erdoberfl\u00e4che zerfallenden radioaktiven Elemente fl\u00fcssig gehalten wird. Jeder Zugvogel, der Neuwerk erreicht hat, hat eine deutlich fassbare Verbindung zu den Vorg\u00e4ngen im Inneren unseres Planeten und es liegt nur an uns, diese Verbindung zu erkennen und davon fasziniert zu sein. <\/p>\n<p>Neuwerk hat mir einen Blick hinaus in das Universum und hinein in die Tiefen der Erde erm\u00f6glicht. All das, was wir Menschen in den letzten Jahrhunderten \u00fcber unsere Welt gelernt haben, konnte man auf dieser kleinen Insel mitten im Nirgendwo beobachten und erfahren. Aber nat\u00fcrlich \u00fcberall sonst! Mein Besuch im Wattenmeer war nur ein Beispiel daf\u00fcr, dass es sich immer lohnt, die Augen offen zu halten und \u00fcber das nachzudenken, was einen umgibt. <\/p>\n<p>Wenn man einmal gelernt hat, die Welt auf die richtige Art und Weise zu betrachten, dann spielt es keine Rolle, wo man sich befindet. Oder was man betrachtet. Man muss nicht in die Weiten des Alls oder das Innere der Atome blicken, um faszinierende Ph\u00e4nomene zu finden. Man muss nicht auf irgendwelche deutschen Inseln fahren oder an noch exotischere Orte. Es reicht, sich einfach im eigenen Alltag umzusehen. Wer das aufmerksam tut, wird auch dort immer wieder Neues entdecken. Und wer es wirklich aufmerksam macht, wird nicht nur Neues entdecken, sondern auch versuchen, das Neue zu verstehen und zu erkl\u00e4ren. Das ist es, was Isaac Newton und all seine Vorg\u00e4nger und Nachfolger gemacht haben: Sie haben nie aufgeh\u00f6rt, die Welt zu betrachten und dar\u00fcber nachzudenken. <\/p>\n<p>All die Menschen, die aus welchen Gr\u00fcnden auch immer der Wissenschaft feindlich gegen\u00fcberstehen, verpassen eine ganze Welt! Sie verschlie\u00dfen die Augen vor einem Universum, dass so viel gr\u00f6\u00dfer, sch\u00f6ner und beeindruckender ist als der kleine Mikrokosmos ihres Alltags und lassen sich den Blick von selbst erzeugten Nebelschwaden verstellen.<\/p>\n<p>Aber zumindest die Welt vor meinem Fenster ist jetzt wieder klar und deutlich zu sehen. Mittlerweile hat die aufgehende Sonne den Nebel zerstreut. Ich kann jetzt weit \u00fcber die H\u00e4user der Stadt und die H\u00fcgel des Saaletals blicken. Und wieder zur\u00fcck zu meinen ersten Gedanken des Morgens kommen. Auch Isaac Newton hat vor fast 400 Jahren den Menschen einen neuen und klaren Blick auf die Welt er\u00f6ffnet. Er hat, nicht alleine, aber ganz ma\u00dfgeblich die Grundlage f\u00fcr die kommenden wissenschaftlichen Umw\u00e4lzungen gelegt. Er hat die Wissenschaft auf einen Weg gebracht, der sie bis in den letzten Winkel unseres Alltags gef\u00fchrt hat. Und trotzdem sind wir uns seiner gro\u00dfartigen Leistungen und all den Erkenntnissen seiner Nachfolger heute viel zu wenig bewusst. <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/0dc6b5d486224e4e80d3c96740de9781\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>[Dieser Artikel entstammt der Recherche zu meinem Newton-Buch, haben dann aber aus verschiedensten Gr\u00fcnden keinen Platz mehr im fertigen Werk gefunden. Den ersten Teil dieser Serie gibt es hier] April 2015, Jena Die Fahrt mit dem Zug von Wien nach Jena war lang und ich freue mich immer, wenn ich wieder zur\u00fcck nach Hause komme. 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