{"id":23627,"date":"2017-05-03T06:00:56","date_gmt":"2017-05-03T04:00:56","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2017\/05\/03\/der-eisplanet-der-ultrakuehle-stern-und-das-zentrum-der-galaxis\/"},"modified":"2025-05-14T16:30:18","modified_gmt":"2025-05-14T14:30:18","slug":"der-eisplanet-der-ultrakuehle-stern-und-das-zentrum-der-galaxis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2017\/05\/03\/der-eisplanet-der-ultrakuehle-stern-und-das-zentrum-der-galaxis\/","title":{"rendered":"Der Eisplanet, der ultrak\u00fchle Stern und das Zentrum der Galaxis"},"content":{"rendered":"<p>Astronomen aus den USA und Korea haben einen extrasolaren Planeten entdeckt. Das ist mittlerweile eigentlich l\u00e4ngst keine Neuigkeit mehr (und das allein ist eigentlich schon h\u00f6chst bemerkenswert!). Planeten bei anderen Sternen werden heute fast t\u00e4glich gefunden und nur die ganz besonderen Exemplare schaffen es in die Nachrichten. Meistens sind es die <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2016\/08\/13\/sensation-medien-haben-das-mit-der-zweiten-erde-immer-noch-nicht-kapiert\/\">&#8222;zweiten Erden&#8220; die aber keine zweiten Erden sind<\/a>. Nun, bei dem Planeten um den es hier geht hat von Anfang an niemand behauptet, es k\u00f6nnte eine &#8222;zweite Erde&#8220; sein. Interessant ist die Entdeckung aber trotzdem.<\/p>\n<p>Der Himmelsk\u00f6rper tr\u00e4gt den Namen <i>OGLE-2016-BLG-1195Lb<\/i> und wer sich ein wenig mit extrasolaren Planeten auskennt, dem wird die Bezeichnung &#8222;OGLE&#8220; auffallen. Das steht f\u00fcr &#8222;Optical Gravitational Lensing Experiment&#8220; und ist eine Beobachtungskampagne die sich auf den &#8222;Mikrogravitationslinseneffekt&#8220; konzentriert. Was das ist habe ich <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2013\/04\/05\/die-wunderbare-welt-der-exoplaneten-vii-planeten-sind-uberall\/?all=1\">hier ausf\u00fchrlich erkl\u00e4rt<\/a>. Kurz gesagt: Massive Objekte wie Sterne kr\u00fcmmen den Raum und Licht folgt der Kr\u00fcmmung. Licht das sich an einem Stern vorbei bewegt kann abgelenkt werden und der Stern kann wie eine optische Linse wirken. Nur ist es hier eben eine &#8222;Gravitationslinse&#8220; und die kann Sternenlicht kurzfristig verst\u00e4rken. Handelt es sich um das Licht eines Sterns, der von einem Planeten umkreist wird, dann gibt das einen ganz charakteristischen Helligkeitszuwachs der R\u00fcckschl\u00fcsse auf die Existenz und die Eigenschaften zul\u00e4sst. <\/p>\n<figure id=\"attachment_24579\" aria-describedby=\"caption-attachment-24579\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/iceball-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/iceball-scaled.jpg\" alt=\"K\u00fcnstlerische Darstellung des neu entdeckten &quot;Eisball&quot;-Planeten (Bild: NASA\/JPL)\" width=\"500\" height=\"281\" class=\"size-medium wp-image-24579\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-24579\" class=\"wp-caption-text\">K\u00fcnstlerische Darstellung des neu entdeckten &#8222;Eisball&#8220;-Planeten (<a href=\"https:\/\/www.jpl.nasa.gov\/spaceimages\/details.php?id=PIA21430\">Bild: NASA\/JPL<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n<p>56 Planeten wurden bisher mit dieser Methode entdeckt; bei weitem nicht so viele wie mit den anderen Detektionsmethoden. Aber mit &#8222;microlensing&#8220; kann man auch Planeten entdecken, die sehr weit entfernt sind. Mit den klassischen Methoden kann man Planeten detektieren, die sich ein paar hundert Lichtjahre weit von der entfernt befinden. <i>OGLE-2016-BLG-1195Lb<\/i> dagegen ist ganze 13.000 Lichtjahre weit weg! Das ist beeindruckend; vor allem auch weil der Planet selbst nur ungef\u00e4hr so schwer ist wie unsere Erde. Damit ist er der kleinste Planet der bis heute mit der Gravitationslinsenmethode entdeckt worden ist.<\/p>\n<p>Der Abstand des Planeten von seinem Stern betr\u00e4gt ungef\u00e4hr 150 Millionen Kilometer was dem Abstand zwischen Erde und Sonne entspricht. Wir haben also einen Planeten von der Masse der Erde der seinen Stern im gleichen Abstand wie unsere Erde umkreist. Dass es sich dabei aber trotzdem und ganz definitiv nicht um eine &#8222;zweite Erde&#8220; handeln kann zeigt ein Blick auf die Daten des Sterns. Dessen Masse betr\u00e4gt nur das 0,08fache der Sonnenmasse bzw. das 81fache der Jupitermasse. Innerhalb der Fehlergrenzen der Messung l\u00e4sst sich bei dieser geringen Masse nicht einmal sicher sagen, ob es sich tats\u00e4chlich um einen Stern handelt oder eher um einen braunen Zwerg. Der Himmelsk\u00f6rper liegt genau an der Grenze dessen was n\u00f6tig ist, um in seinem Inneren Wasserstoff zu Helium zu fusionieren. Schafft er das, nennen wir ihn &#8222;Stern&#8220; und in diesem Fall einen &#8222;roten Zwerg&#8220;. Schafft er es nicht, dann ist er &#8222;brauner Zwerg&#8220;, der zwar genug Masse hat um das Wasserstoffisotop Deuterium zu fusionieren aber auch das nur f\u00fcr astronomisch kurze Zeitr\u00e4ume.<\/p>\n<p>So oder so: Der Himmelsk\u00f6rper den der Planet umkreist ist sehr k\u00fchl. Es ist ein &#8222;ultrak\u00fchler Zwerg&#8220; und in 150 Millionen Kilometer Entfernung kriegt der Planet kaum was von seiner Energie ab. Der neu entdeckte Planet ist k\u00e4lter als der ferne Pluto in unserem Sonnensystem. <i>OGLE-2016-BLG-1195Lb<\/i> ist ein gefrorener Ball aus Eis der ein d\u00fcrftig leuchtenden Zwergstern\/braunen Zwerg umkreist. Das ist interessant, denn es zeigt uns ein weiteres Mal wie vielf\u00e4ltig die <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2013\/04\/07\/die-wunderbare-welt-der-exoplaneten-die-komplette-serie\/\">Welt der Exoplaneten<\/a> sein kann. Es ist jetzt aber auch nicht wieder sooo interessant das man unbedingt einen langen Blogartikel dar\u00fcber schreiben muss.<\/p>\n<p><i>Wirklich<\/i> interessant ist an der ganzen Sache ein Detail das die Astronomen ganz am Ende ihres Fachartikels (<a href=\"https:\/\/arxiv.org\/abs\/1703.08548\">&#8222;An Earth-mass Planet in a 1-AU Orbit around an Ultracool Dwarf&#8220;<\/a>) erw\u00e4hnen. Sie stellen fest, dass alle bisher per microlensing entdeckten Planeten in der <i>galaktischen Scheibe<\/i> gefunden worden sind. Unsere Milchstra\u00dfengalaxie \u00e4hnelt ja in erster N\u00e4herung einer ungef\u00e4hr 100.000 Lichtjahre durchmessenden und 3000 Lichtjahre dicken Scheiben in deren Zentrum eine etwa 16.000 Lichtjahre durchmessende &#8222;Kugel&#8220; sitzt, der sogenannte <i>Bulge<\/i>. In der Scheibe, in der sich auch die Sonne befindet, sind die Abst\u00e4nde zwischen den Sternen gro\u00df, im zentralen Bulge sind die Sterne dichter gepackt. <\/p>\n<figure id=\"attachment_24578\" aria-describedby=\"caption-attachment-24578\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Artists_impression_of_the_central_bulge_of_the_Milky_Way-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Artists_impression_of_the_central_bulge_of_the_Milky_Way-scaled.jpg\" alt=\"K\u00fcnstlerische Darstellung der Milchstra\u00dfe mit Scheibe und dem Bulge im Zentrum (Bild: ESO\/NASA\/JPL-Caltech\/M. Kornmesser\/R. Hurt)\" width=\"500\" height=\"296\" class=\"size-medium wp-image-24578\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-24578\" class=\"wp-caption-text\">K\u00fcnstlerische Darstellung der Milchstra\u00dfe mit Scheibe und dem Bulge im Zentrum (<a href=\"https:\/\/www.eso.org\/public\/germany\/images\/eso1339a\/\">Bild: ESO\/NASA\/JPL-Caltech\/M. Kornmesser\/R. Hurt<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Warum ist das interessant: Mit den anderen Detektionsmethoden kann man sowieso keine Planeten im Bulge entdecken; mit ihnen kann man nur unsere galaktische Nachbarschaft in der Scheibe untersuchen. Die Gravitationslinsenmethode sollte aber auch f\u00fcr den Bulge funktionieren und wenn dort besonders viele Sterne sind: Umso besser. Dann steigt auch die Chance, dass das Licht eines Sterns durch die Gravitation eines anderen Sterns an dem es vorbei l\u00e4uft abgelenkt wird. Man kann nun anhand der Sensitivit\u00e4t der Instrumente, der beobachteten Himmelsregionen, der Beobachtungszeit, der eingesetzten (Weltraum)Teleskope, und so weiter absch\u00e4tzen, wie viele Planeten man in Scheibe und Bulge bisher entdeckt haben sollte. Wenn Planeten in Bulge und Scheibe gleich h\u00e4ufig sind, dann sollten ein Drittel der Entdeckungen im Bulge stattfinden. Dort hat man bisher aber gar nix gefunden was darauf hindeutet, dass Planeten dort deutlich seltener sind als in der Scheibe.<\/p>\n<p>Das k\u00e4me nicht unerwartet denn wenn Sterne dichter beieinander stehen, dann k\u00f6nnen sie sich gegenseitig auch st\u00e4rker durch ihre Gravitationskraft beeinflussen. Das k\u00f6nnte dazu f\u00fchren das nicht genau Staub und Gas in den Scheiben um die jungen Sterne bleibt (weil ein Teil davon durch die St\u00f6rungen ins All geschleudert wird) um daraus Planeten entstehen zu lassen. Oder das Planeten, wenn sie entstehen, durch die St\u00f6rungen aus ihren Systemen und aus dem Bulge geworfen werden. Noch haben wir nicht genug Planeten mit der Gravitationslinsenmethode entdeckt um eine wirklich gute Statistik zu haben. Aber das k\u00f6nnte sich mit den Weltraumteleskopen der Zukunft (zum Beispiel <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Wide_Field_Infrared_Survey_Telescope\">WFIRST<\/a>) \u00e4ndern. Und dann w\u00e4re es \u00e4u\u00dferst interessant diese Hypothese durch konkrete Beobachtungen zu best\u00e4tigen. <\/p>\n<p>Die zentrale Region unserer Milchstra\u00dfe ist eine sehr schwer zug\u00e4ngliche Gegend; eine Gegend in der ganz andere Bedingungen herrschen als in den beschaulich ruhigen Au\u00dfenbezirken in denen sich unsere Sonne bewegt. Wenn man mich bei Interviews fragt, was im Universum ich gerne mal mit eigenen Augen aus der N\u00e4he sehen m\u00f6chte, dann lautet meine Antwort meistens: Das galaktische Zentrum! Ich m\u00f6chte auf einem Planeten im Bulge stehen und dort zu einem Nachthimmel hinaufsehen, an dem die Sterne dicht an dicht stehen. Wo die Nacht durch das Sternenlicht fast ebenso hell ist wie der Tag, wo die Sterne keine flackernden Punkte sind sondern bunte, gro\u00dfe Sph\u00e4ren. <i>Das<\/i> w\u00fcrde ich gerne mit eigenen Augen sehen. Aber wer wei\u00df, ob es \u00fcberhaupt Planeten gibt auf denen man so einen Anblick genie\u00dfen k\u00f6nnte&#8230;<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/dd0128d7b2a4419b8c97248d975e5d47\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Astronomen aus den USA und Korea haben einen extrasolaren Planeten entdeckt. Das ist mittlerweile eigentlich l\u00e4ngst keine Neuigkeit mehr (und das allein ist eigentlich schon h\u00f6chst bemerkenswert!). 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