{"id":23514,"date":"2017-03-30T18:22:53","date_gmt":"2017-03-30T16:22:53","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2017\/03\/30\/placebo-alkohol-fortpflanzung-unter-menschen-und-sex-mit-toten-enten-die-grandiose-ig-nobelpreis-show-in-graz\/"},"modified":"2025-05-14T16:29:37","modified_gmt":"2025-05-14T14:29:37","slug":"placebo-alkohol-fortpflanzung-unter-menschen-und-sex-mit-toten-enten-die-grandiose-ig-nobelpreis-show-in-graz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2017\/03\/30\/placebo-alkohol-fortpflanzung-unter-menschen-und-sex-mit-toten-enten-die-grandiose-ig-nobelpreis-show-in-graz\/","title":{"rendered":"Placebo-Alkohol, Fortpflanzung unter Menschen und Sex mit toten Enten: Die grandiose Ig-Nobelpreis-Show in Graz"},"content":{"rendered":"<p>Wer am 29. M\u00e4rz 2017 nicht in der Aula der Universit\u00e4t Graz war, hat etwas gro\u00dfartiges verpasst. Denn dort fand die <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2017\/03\/15\/sex-ducks-alcohol-die-ig-nobelpreis-show-kommt-nach-graz\/\">Ig-Nobelpreis-Show &#8222;Sex, Ducks &#038; Alcohol&#8220;<\/a> statt; das erste Mal \u00fcberhaupt in \u00d6sterreich. Ich war anwesend und ich bin froh dar\u00fcber. Es war ein gro\u00dfartiger, informativer und enorm am\u00fcsanter Abend.<\/p>\n<p>In Graz herrschte bestes Sommerwetter. <\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/20170329_165228.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/20170329_165228.jpg\" alt=\"20170329_165228\" width=\"500\" height=\"300\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-24403\" \/><\/a><br \/>\n<a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/20170329_165325.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/20170329_165325.jpg\" alt=\"20170329_165325\" width=\"500\" height=\"300\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-24396\" \/><\/a><\/p>\n<p>Das hielt aber knapp 300 Leute nicht davon, die Aula der Universit\u00e4t zu besuchen. Dort warteten diese vier Personen:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/20170329_170737.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/20170329_170737.jpg\" alt=\"20170329_170737\" width=\"500\" height=\"300\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-24404\" \/><\/a><\/p>\n<p>Marc Abrahams, Elisabeth Oberzaucher, Laurent B\u00e8gue und Kees Moeliker. Namen, die nicht unbedingt jeder im Publikum kannte &#8211; die aber nach diesem Abend niemand mehr vergessen wird!<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/20170329_181436.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/20170329_181436.jpg\" alt=\"20170329_181436\" width=\"500\" height=\"300\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-24405\" \/><\/a><\/p>\n<p><i>&#8222;This presentation contains facts&#8220;<\/i> machte Marc Abrahams gleich zu Beginn klar. Und kl\u00e4rte auf, um was es geht: N\u00e4mlich den <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ig-Nobelpreis\">&#8222;Ig Nobel Prize&#8220;<\/a>. Das klingt wie &#8222;Nobelpreis&#8220;, ist aber was ganz anderes. Jedes Jahr werden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den verschiedensten Disziplinen ausgezeichnet. F\u00fcr ihre Forschung, so wie sich das bei einem Wissenschaftspreis geh\u00f6rt. Aber nicht einfach <i>irgendwelche<\/i> Forschung. Obwohl es, wie Abrahams erkl\u00e4rt, auch egal ist, ob es sich um &#8222;wichtige&#8220; oder &#8222;unwichtige&#8220; Forschung handelt. Oder um &#8222;gute&#8220; oder &#8222;b\u00f6se&#8220; Forschung. Es kommt nur auf eines an: Die Forschungsarbeit muss die Menschen zuerst zum Lachen bringen und danach zum Nachdenken. <\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/20170329_181938.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/20170329_181938.jpg\" alt=\"20170329_181938\" width=\"500\" height=\"300\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-24406\" \/><\/a><\/p>\n<p>Und daf\u00fcr gibt es jede Menge Beispiele, von denen Abrahams in seiner Pr\u00e4sentation einige vorf\u00fchrt. Zum Beispiel die medizinische Untersuchung eines Mannes, der &#8211; aufgrund der Lekt\u00fcre seltsamer M\u00e4nnerzeitschriften &#8211; der Meinung war, man k\u00f6nne Schlangenbisse durch Elektroschocks heilen. Was sich als nicht so erfolgreich herausstellte, wie erwartet. Ebenfalls mit dem Ig-Nobelpreis ausgezeichnet wurde auch die psychologische Studie deren Ergebnis zeigt, dass inkompetente Menschen oft zu bl\u00f6d sind um zu bemerken, wie inkompetent sie sind: Etwas, das heute unter dem Namen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Dunning-Kruger-Effekt\">Dunning-Kruger-Effekt<\/a> bekannt und die Ursache f\u00fcr mehr Unf\u00e4higkeit auf dieser Welt ist, als eigentlich n\u00f6tig w\u00e4re&#8230;<\/p>\n<p>Die gesamte Geschichte der Ig-Nobelpreisw\u00fcrdigen Forschung w\u00e4re zu lang, um an einem Abend vorgetragen zu werden (kann aber <a href=\"https:\/\/www.improbable.com\/ig\/\">im Internet nachgelesen<\/a> werden). Die <a href=\"https:\/\/www.improbable.com\/ig\/winners\/#ig2016\">Gewinner des Jahres 2016<\/a> wurden allerdings ausf\u00fchrlich vorgestellt. Unter anderem die sch\u00f6ne Arbeit japanischer Psychologen die untersucht haben, wie sich unser Eindruck von Gr\u00f6\u00dfe und Distanz von Objekten ver\u00e4ndert, wenn man sie durch seine eigenen Beine betrachtet. Der Titel des Fachartikels lautet <a href=\"https:\/\/www.sciencedirect.com\/science\/article\/pii\/S0042698906002112\">&#8222;Perceived size and perceived distance of targets viewed from between the legs: Evidence for proprioceptive theory&#8220;<\/a> und um die Bedeutung des Wortes &#8222;Propriozeption&#8220; zu kl\u00e4ren, ging Abrahams im Publikum auf die Suche nach kompetenten Personen. Es fand sich tats\u00e4chlich jemand, der es definieren konnte (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Propriozeption\">&#8222;Die Wahrnehmung von K\u00f6rperbewegung und -Lage im Raum&#8220;<\/a>) und als Dank daf\u00fcr durfte er das ganze gleich von der B\u00fchne aus und mit dem Kopf zwischen den Beinen erl\u00e4utern:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/20170329_184801.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/20170329_184801.jpg\" alt=\"20170329_184801\" width=\"500\" height=\"300\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-24407\" \/><\/a><\/p>\n<p>Das ist etwas, das Marc Abrahams wunderbar kann: Daf\u00fcr zu sorgen, dass kein Moment der Langeweile eintritt. Selbst der interessanteste popul\u00e4rwissenschaftliche Vortrag ist irgendwann mal langweilig; dauert zu lange; enth\u00e4lt unverst\u00e4ndliche Passagen, und so weiter. Bei Abrahams passiert st\u00e4ndig was; und trotzdem kommt die Information nicht zu kurz. Das gilt auch f\u00fcr seinen Weg daf\u00fcr zu sorgen, dass die anderen Sprecherinnen und Sprecher die ihnen zugestandene Vortragszeit nicht \u00fcberziehen. Bei normalen wissenschaftlichen Konferenzen ist das ein gro\u00dfes und st\u00f6rendes Problem. So gut wie jede Konferenz an der ich teilgenommen habe, litt unter den st\u00e4ndigen Versp\u00e4tungen. Die Leute konnten oder wollten sich nicht an das Zeitlimit f\u00fcr die Vortr\u00e4ge halten und die Moderatoren konnten oder wollten es nicht durchsetzen. Abrahams ist da &#8211; zu Recht! &#8211; gnadenlos. Bei ihm gibt es &#8222;menschliche Uhren&#8220; &#8211; in diesem Fall sieben Studentinnen und Studenten die prominent auf der B\u00fchne platziert wurden:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/20170329_184948.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/20170329_184948.jpg\" alt=\"20170329_184948\" width=\"500\" height=\"300\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-24408\" \/><\/a><\/p>\n<p>Sie sollten daf\u00fcr sorgen, dass niemand l\u00e4nger als 15 Minuten spricht. Daf\u00fcr gibt es nach 5, 10 und 14 Minuten entsprechende Signale. Und zwar kein dezentes Winken oder ein unauff\u00e4lliger Hinweis jetzt langsam zum Ende zu kommen. Nein: Die menschlichen Uhren wurden angewiesen nach 5 Minuten f\u00fcnfmal laut und deutlich zu &#8222;M\u00e4h!en&#8220; (wie eine Ziege, als Hommage an IgNobelpreis-Gewinner Thomas Thwaites der mit Hilfe entsprechender Prothesen <a href=\"https:\/\/www.thomasthwaites.com\/\">als Ziege unter Ziegen lebte<\/a>). Nach 10 Minuten gab es dann 10 &#8222;M\u00e4hs&#8220; und nach vierzehn Minuten vierzehn. Und wenn dann auch die 15. Minute um ist, wird durchgem\u00e4ht, solange bis der Sprecher oder die Sprecherin aufh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Dieses Konzept stammt von der offiziellen Preisverleihungszeremonie die jedes Jahr stattfindet und bei der die Preistr\u00e4gerinnen und Preistr\u00e4ger nur eine Minute f\u00fcr ihre Dankesrede Zeit habe. Bei dieser Preisverleihung gibt es noch jede Menge andere nette Extras, wie Abrahams berichtet. Die Ig-Nobelpreise werden zum Beispiel von Nobelpreistr\u00e4gern \u00fcberreicht. Publikum und Preistr\u00e4ger bewerfen sich exzessiv mit Papierfliegern, die sich schnell und hoch auf der B\u00fchne stapeln und vom &#8222;Keeper of the Broom&#8220; st\u00e4ndig entfernt werden m\u00fcssen. Diesen Hausmeisterjob hat <i>Roy Glauber<\/i> inne &#8211; bis zum Jahr 2005, in dem <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Roy_Jay_Glauber\">der Quantenphysiker mit dem Physik-Nobelpreis<\/a> ausgezeichnet wurde. Seitdem geh\u00f6rt er auch zu denjenigen, die den Ig-Nobelpreistr\u00e4gern ihre Urkunde \u00fcberreichen d\u00fcrfen. Den Job als Besenmeister macht er aber immer noch&#8230;<\/p>\n<p>Nachdem nun allen im Saal mehr als klar war, was man von Ig-Nobelpreisw\u00fcrdiger Forschung zu halten hat, war es an der Zeit diese auch live kennen zu lernen. Den Anfang machte die \u00f6sterreichische Biologin <i>Elisabeth Oberzaucher<\/i>, die 2015 mit dem Ig-Nobelpreis f\u00fcr Mathematik ausgezeichnet wurde. <\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/20170329_185919.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/20170329_185919.jpg\" alt=\"20170329_185919\" width=\"500\" height=\"300\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-24409\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/20170329_191053.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/20170329_191053.jpg\" alt=\"20170329_191053\" width=\"500\" height=\"300\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-24410\" \/><\/a><\/p>\n<p>Sie beantwortete damals mit ihren Kollegen eine scheinbar simple Frage: Wo liegen die Grenzen der m\u00e4nnlichen Fortpflanzungsf\u00e4higkeit? In vielen Lehrb\u00fcchern kann man lesen, diese sei &#8222;unbegrenzt&#8220;: Solange ein Mann genug Frauen findet die er schw\u00e4ngern kann, kann er beliebig viele Nachkommen zeugen. Aber stimmt das wirklich? Am Fall des <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Mulai_Ismail\">marokkanischen Herrschers Mulai Ismail<\/a> wurde die Frage untersucht. Der soll n\u00e4mlich im 17. Jahrhundert 888 Nachkommen mit 500 Frauen gezeugt haben&#8230; <\/p>\n<p>Mit einem mathematischen Modell wurde gepr\u00fcft, ob die m\u00e4nnlichen Fortpflanzungsorgane das tats\u00e4chlich hergeben. Denn &#8211; und das war das erste interessante Ergebnis der Studie &#8211; auf die kommt es haupts\u00e4chlich an. Nat\u00fcrlich auch darauf, wie viele Frauen zur Verf\u00fcgung stehen, wie oft und wann die fruchtbar sind, und so weiter. Aber betrachtet man die Abh\u00e4ngigkeit der Anzahl der Nachkommen von der Gr\u00f6\u00dfe des Herrscher-Harems, dann ist das kein linearer Zusammenhang sondern es stellt sich bei ~150 Frauen eine S\u00e4ttigung ein. Mehr bringt nichts, wenn es um die Nachkommen geht.<\/p>\n<p>Seine gro\u00dfe Nachkommenschaft kann Mulai Ismail aber laut Modell gerade so erreichen. Es ist allerdings keine leichte Aufgabe: Um das zu schaffen ist zweimaliger Geschlechtsverkehr pro Tag n\u00f6tig. Und wenn das auch f\u00fcr manche eventuell attraktiv klingt relativiert sich das wieder, wenn man erf\u00e4hrt dass man 32 Jahre lang zweimal am Tag Sex haben muss, um eine Chance zu haben Ismails Vorgabe zu erreichen. <\/p>\n<p>Und mehr geht auch nicht: Bei h\u00e4ufigerem Sex kommen die Hoden nicht mit der Produktion von Samenfl\u00fcssigkeit hinterher: Man wird unfruchtbar. Es ist also nix mit &#8222;unbegrenzter&#8220; Fortpflanzungsf\u00e4higkeit&#8230; <\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/20170329_193545.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/20170329_193545.jpg\" alt=\"20170329_193545\" width=\"500\" height=\"300\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-24411\" \/><\/a><\/p>\n<p>Nach Elisabeth Oberzaucher berichtetet der belgische Psychologe <i>Laurent B\u00e8gue<\/i> \u00fcber das, was dem Geschlechtsverkehr oft voran geht: Alkoholkonsum. Dass man sich Menschen mit ausreichend Alkohol &#8222;sch\u00f6n&#8220; trinken kann, ist ja schon l\u00e4nger bekannt. Dass man sich selbst attraktiver findet, wenn man ordentlich getankt hat, ist ebenfalls keine Neuigkeit. Aber ist das wirklich so?, fragten sich B\u00e8gue und seine Kollegen. Den Zusammenhang zwischen der Wahrnehmung der eigenen Attraktivit\u00e4t und dem Alkohollevel kann man statistisch in den Daten finden. Aber ist es wirklich ein kausaler Zusammenhang? Es kann ja auch sein, dass attraktive Menschen einfach mehr Alkohol trinken? Oder das irgendwas anderes vor sich geht.<\/p>\n<p>Also machte sich B\u00e8gue auf die Suche: Er rekrutierte 86 M\u00e4nner \u00fcber eine Annonce in der Zeitung als Geschmackstester einer (nicht existierenden) Firma f\u00fcr die die Versuchspersonen dann auch Werbevideos aufnehmen sollten. Danach wurden sie gefragt, wie gut sie sich in den Videos finden. Das Produkt, das &#8222;getestet&#8220; wurde Alkohol. Dachten die Probanden jedenfalls und bei einigen war auch tats\u00e4chlich Wodka in den Gl\u00e4sern. Andere tranken aber extra von B\u00e8gue und seinen Kollegen entwickelten Placebo-Alkohol, der zwar so roch, aussah und schmeckte wie echter Schnaps aber komplett alkoholfrei war. Und eine Kontrollgruppe die wusste, dass sie keinen Alkohol trank gab es nat\u00fcrlich auch noch.<\/p>\n<p>Am Ende zeigte sich: Man muss gar keinen Alkohol trinken, um sich attraktiver zu finden. Es reicht schon, wenn man <i>glaubt<\/i> das man besoffen ist. Dann glaubt man auch, man s\u00e4he besser aus. Allerdings glaubt man das tats\u00e4chlich nur: Eine externe Pr\u00fcfung der Attraktivit\u00e4t ergab keine objektive Verbesserung der Attraktivit\u00e4t. Egal wie cool man selbst sich findet wenn man dicht ist: Die Umwelt sieht das meist eher anders.<\/p>\n<p>Laurent B\u00e8gue kann aber nicht nur forschen sondern auch musizieren und sang dem Grazer Publikum die wichtigsten Ergebnisse der Studie noch einmal vor (die &#8222;M\u00e4h&#8220;s der menschlichen Uhren baute er dabei wunderbar in den Song ein):<\/p>\n<p><center><iframe loading=\"lazy\" width=\"560\" height=\"315\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/X1dEbArlL94\" frameborder=\"0\" allowfullscreen><\/iframe><\/center><\/p>\n<p>Und dann kam <i>Kees Moeliker<\/i> auf die B\u00fchne!<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/20170329_194337.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/20170329_194337.jpg\" alt=\"20170329_194337\" width=\"500\" height=\"300\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-24397\" \/><\/a><\/p>\n<p>Moeliker ist Ornithologe und der Direktor des Naturhistorischen Museums von Rotterdam. Das hat eine gro\u00dfe Glasfront, die immer wieder ein Hindernis f\u00fcr V\u00f6gel ist. Moeliker erz\u00e4hlt, dass er im Laufe der Zeit schon am Ger\u00e4usch erkennen konnte, welcher Vogel jetzt schon wieder gegen sein Museum gedonnert war. Einmal gab es allerdings einen richtig gro\u00dfen Rumms: Es war eine Stockente und sie hat den Aufprall nicht \u00fcberlebt. Das schien eine andere Ente &#8211; noch lebending &#8211; nicht davon abzuhalten, mit der toten Ente zu kopulieren. Moeliker, ganz Wissenschaftler, beobachtete das Schauspielund machte sich Notizen. Mehrere Dinge fand er interessant: 1) Die lebendige Ente schien sich nicht daran zu st\u00f6ren das die andere tot war. 2) Die lebendige Ente war m\u00e4nnlich &#8211; so wie auch der tote Vogel. 3) Der Sex dauerte 75 Minuten &#8211; obwohl der Entensex normalerweise schon nach ein paar Sekunden vorbei ist.<\/p>\n<p>Homosexuelle Nekrophilie bei Enten. Das hatte noch niemand beobachtet &#8211; aber Moeliker wusste nicht so genau, wo er das publizieren sollte. \u00dcber das Thema gab es keine Literatur. Aber 2001 war es dann soweit und er konnte den Fachartikel <a href=\"https:\/\/www.hetnatuurhistorisch.nl\/fileadmin\/user_upload\/documents-nmr\/Publicaties\/Deinsea\/Deinsea_08\/Deinsea_8_15_Moeliker_.pdf\">&#8222;The First Case of Homosexual Necrophilia in the Mallard Anas platyrhynchos (Aves: Anatidae)&#8220; (pdf)<\/a> ver\u00f6ffentlichen.<\/p>\n<p>Das brachte ihm zuerst den Ig-Nobelpreis und dann jede Menge internationale Aufmerksamkeit ein. Er hat zwei popul\u00e4rwissenschaftliche B\u00fccher geschrieben &#8211; sein letztes tr\u00e4gt den Titel <i>&#8222;De Bilnaad van de Teek&#8220;<\/i> was so viel hei\u00dft wie &#8222;Die Arschritze der Zecke&#8220; (und in den Niederlanden zum Wissenschaftsbuch des Jahres gew\u00e4hlt wurde). Die Ente, die das alles in Rollen gebracht hat, wurde der Vogelsammlung des Museums hinzugef\u00fcgt; ab und zu darf sie aber auch verreisen. Zum Beispiel nach Graz:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/20170329_194800.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/20170329_194800.jpg\" alt=\"20170329_194800\" width=\"500\" height=\"300\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-24398\" \/><\/a><\/p>\n<p>Und wenn so eine ber\u00fchmte Ente schon so nahe ist, dann muss ich mich auch damit fotografieren lassen!<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/20170329_194900.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/20170329_194900.jpg\" alt=\"20170329_194900\" width=\"480\" height=\"270\" class=\"aligncenter size-full wp-image-24399\" \/><\/a><\/p>\n<p>Moeliker bekommt seit seiner Entdeckung auch regelm\u00e4\u00dfig Post von Leuten, die Tiere bei Dingen beobachtet haben, die man normalerweise nicht erwartet. &#8222;Wo auch immer Tiere sich unanst\u00e4ndig benehmen: Ich erfahre davon!&#8220;, versichert er dem Publikum. Und tats\u00e4chlich pr\u00e4sentiert er Fotos von Fr\u00f6schen, die es mit Fischen treiben, von Tieren die Sex mit Tierstatuen haben, von V\u00f6geln die sich nicht daran st\u00f6ren dass die H\u00e4lfte ihres Sexpartners nicht mehr existiert, und so weiter. Die Tierwelt ist wunderbar! Und nicht so pervers, wie man denken m\u00f6chte. Bei uns Menschen ist Nekrophilie tats\u00e4chlich etwas wiederw\u00e4rtiges; bei Tieren spielt das keine Rolle. Wenn das tote Tier gerade in der richtigen Position gestorben ist  und so die \u00fcblichen Signale &#8222;aussendet&#8220; und noch dazu Paarungszeit ist: Dann setzt sich der Trieb durch, egal was sonst los ist. Das kommt nicht so oft vor &#8211; aber wenn es vorkommt, dann wei\u00df Kees Moeliker davon!<\/p>\n<p>Dank Kees Moeliker wei\u00df ich nun auch, dass jedes Jahr am 5. Juni der &#8222;Dead Duck Day&#8220; gefeiert wird; zumindest in Rotterdam (und standesgem\u00e4\u00df mit einem Abendessen beim Chinesen endet).<\/p>\n<p>Und dann war der gro\u00dfartige Abend in Graz auch schon wieder zu Ende. Marc Abrahams verabschiedete Publikum und Preistr\u00e4ger mit seinem \u00fcblichen Wunsch: <i>Wenn sie dieses Mal keinen Preis gewonnen haben &#8211; und ganz besonders WENN sie einen Preis gewonnen haben: Mehr Gl\u00fcck beim n\u00e4chsten Mal!&#8220;<\/i><\/p>\n<p>Wer selbst einen Ig-Nobelpreis gewinnen will, soll sich aber nicht stressen, r\u00e4t Abrahams. Man kann sich zwar auch selbst nominieren, aber das bringt meistens nichts. Ebensowenig bringt es etwas, gezielt &#8222;absurde&#8220; Forschung zu machen um so an den Preis zu kommen. Das besondere an den Ig-Nobelpreisen ist ja genau das Unerwartete und der ungeplante Humor. Entweder man gewinnt den Ig-Nobelpreis oder man gewinnt ihn nicht, sagt Abrahams. Wogegen man nat\u00fcrlich nichts sagen kann&#8230;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/20170329_200613.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/20170329_200613.jpg\" alt=\"20170329_200613\" width=\"500\" height=\"300\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-24400\" \/><\/a><\/p>\n<p>Am Ende hat Kees Moeliker noch schnell dem Kaiser seine Ente in den Arm gedr\u00fcckt bevor wir dann in der Bar nebenan Laurent B\u00e8gues Studie noch ein weiteres Mal \u00fcberpr\u00fcft haben (sicher ist sicher). <\/p>\n<p>Ich kann mich nur wiederholen: Es war ein gro\u00dfartiger Abend; es war hervorragende Wissenschaftskommunikation; es war unterhaltsam; es war lustig und wer es verpasst hat, sollte sich \u00e4rgern! Aber nicht zu lange: Sp\u00e4testens n\u00e4chstes Jahr wird die Ig-Nobelpreis-Show wieder in Graz Station machen. Und dann habt ihr keine Ausrede mehr&#8230;<\/p>\n<p>Zum Abschluss gibt es von mir noch dieses Foto. Kommentarlos &#8211; aber vielleicht erkennt ja der eine oder die andere, um welche Ig-Nobelpreis-Forschung es sich hier handelt&#8230;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/WP_20170329_23_35_09_Rich-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/WP_20170329_23_35_09_Rich-scaled.jpg\" alt=\"WP_20170329_23_35_09_Rich\" width=\"500\" height=\"281\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-24401\" \/><\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/a00fc5d23aba4a48bb20c28e9d133f92\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer am 29. M\u00e4rz 2017 nicht in der Aula der Universit\u00e4t Graz war, hat etwas gro\u00dfartiges verpasst. Denn dort fand die Ig-Nobelpreis-Show &#8222;Sex, Ducks &#038; Alcohol&#8220; statt; das erste Mal \u00fcberhaupt in \u00d6sterreich. Ich war anwesend und ich bin froh dar\u00fcber. Es war ein gro\u00dfartiger, informativer und enorm am\u00fcsanter Abend. In Graz herrschte bestes Sommerwetter. [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":23515,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11],"tags":[1353,2048,3757,4458,4543,5295,6421,257,7065,7066,8114,8849,9417,10301,11023,11903,13232,15049,16073],"class_list":["post-23514","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-naturwissenschaften","tag-alkohol","tag-attraktivitaet","tag-dead-duck-day","tag-elisabeth-oberzaucher","tag-enten","tag-fortpflanzung","tag-harem","tag-humor","tag-ig-nobel-prize","tag-ig-nobelpreis","tag-kees-moliker","tag-laurent-begue","tag-marc-abrahams","tag-mulai-ismail","tag-ornithologie","tag-psychologie","tag-sex","tag-universitat-graz","tag-wissenschaftskommunikation"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23514","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=23514"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23514\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":23530,"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23514\/revisions\/23530"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media\/23515"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=23514"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=23514"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=23514"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}