{"id":23346,"date":"2016-12-19T07:02:15","date_gmt":"2016-12-19T06:02:15","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2016\/12\/19\/moderne-astronomie-mit-2700-jahre-alten-daten\/"},"modified":"2025-05-14T16:28:33","modified_gmt":"2025-05-14T14:28:33","slug":"moderne-astronomie-mit-2700-jahre-alten-daten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2016\/12\/19\/moderne-astronomie-mit-2700-jahre-alten-daten\/","title":{"rendered":"Moderne Astronomie mit 2700 Jahre alten Daten"},"content":{"rendered":"<p>Wissenschaft ist gro\u00dfartig. Sie <i>schafft<\/i> neues Wissen &#8211; und dieses Wissen ist immer wertvoll. Und bleibt das auch, selbst nach langer Zeit. Das demonstriert kaum etwas besser als eine aktuelle Forschungsarbeit britischer Astronomen. Francis Richard Stephenson von der Universit\u00e4t Durham und seine Kollegen haben untersucht wie sich die Rotation der Erde im Laufe der Zeit ver\u00e4ndert. Dass sie das tut, wissen wir. Zum Beispiel weil die vom Mond auf die Erde ausge\u00fcbte Gezeitenkraft <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2008\/05\/07\/der-mond-die-gezeiten\/?all=1\">ihre Rotation langsam aber stetig bremst<\/a>. Aber sie \u00e4ndert sich aufgrund anderer Effekte; Massen im Erdinneren k\u00f6nnen sich verlagern; gro\u00dfe Str\u00f6me z\u00e4hfl\u00fcssigen Gesteins und Metalls k\u00f6nnen sich ver\u00e4ndern und so zu einer Abbremsung oder Beschleunigung der Rotation f\u00fchren, was auch der Grund ist, warum wir ab und zu mal Schaltsekunden einf\u00fchren damit die Uhrzeit nicht zu weit von der Dauer der Erdrotation abweicht. Wie schnell sich die Erde <i>heute<\/i> dreht l\u00e4sst sich sehr genau messen. Aus der Ver\u00e4nderung die man in der Gegenwart bestimmen kann, kann man auch R\u00fcckschl\u00fcsse auf die Dauer der Rotation in der Vergangenheit ziehen. Ob das aber wirklich stimmt, l\u00e4sst sich nur mit Daten aus der Vergangenheit \u00fcberpr\u00fcfen. Aber woher soll man die kriegen? Zum Beispiel aus 2700 Jahre alten astronomischen Beobachtungen der Babylonier! Genau das haben Stephenson und seine Kollegen getan (<a href=\"https:\/\/rspa.royalsocietypublishing.org\/content\/472\/2196\/20160404.article-info\">&#8222;Measurement of the Earth&#8217;s rotation: 720 BC to AD 2015&#8220;<\/a>).<\/p>\n<figure id=\"attachment_23832\" aria-describedby=\"caption-attachment-23832\" style=\"width: 1280px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/1280px-Babylon_1932.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/1280px-Babylon_1932.jpg\" alt=\"Ruinen von Babylon (Bild: gemeinfrei)\" width=\"1280\" height=\"929\" class=\"size-full wp-image-23832\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-23832\" class=\"wp-caption-text\">Ruinen von Babylon (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Datei:Babylon,_1932.jpg\">Bild: gemeinfrei<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Es ist nat\u00fcrlich nicht einfach, aus so alten Daten konkrete Informationen f\u00fcr die moderne Forschung zu erhalten. Aber es geht. Viele der alten astronomischen Beobachtungen sind datiert und mit den n\u00f6tigen historischen Informationen kann man die alten Datumsangaben in moderne Zeitangaben umrechnen. Das geht nat\u00fcrlich nicht beliebig genau, vor allem weil man damals nat\u00fcrlich nicht so genau messen konnte wie heute. Hat man genug Daten gesammelt kann man aber \u00fcber eine statistische Auswertung trotzdem zu Ergebnissen kommen. Man kann aber auch Informationen verwenden, bei denen keine konkreten Daten vorliegen. Wenn man zum Beispiel wei\u00df, dass im Jahr 136 v.Chr. eine Sonnenfinsternis in Babylon beobachtet wurde und die Sonnenfinsternis dort total zu sehen war, dann ist das eine wichtige Information.<\/p>\n<p>Eine Sonnenfinsternis ist nur von ganz bestimmten Orten der Erde aus zu sehen. Der Bereich in dem die Sonne komplett verfinstert zu sehen ist, ist eng begrenzt. Mit dem modernen Wissen \u00fcber die Bewegung der Himmelsk\u00f6rper ist es heute kein Problem zu berechnen, wie Erde, Sonne und Mond damals konfiguriert waren und wo auf der Erde damals eine totale Finsternis zu sehen war. Um das <i>genau<\/i> zu berechnen muss man aber auch ber\u00fccksichtigen, dass sich die Erde damals ein klein wenig schneller um ihre Achse gedreht hat als heute. Geht man von der aktuellen Verlangsamungsrate der Erdrotation aus und rechnet damit zur\u00fcck in die Vergangenheit, erh\u00e4lt man einen bestimmten Zeitpunkt f\u00fcr die Sonnenfinsternis und einen bestimmten Bereich in dem sie total sichtbar ist. Tut man das f\u00fcr die Finsternis f\u00fcr 136 v.Chr. dann zeigt sich, dass Babylon <i>nicht<\/i> in diesem Bereich liegt! Wenn nun aber alte Tontafeln zeigen, dass sie damals dort doch zu sehen war, muss irgendwo ein Fehler gemacht worden sein. Die Rate der Verlangsamung der Erdrotation muss sich in den letzten paar Jahrtausenden ge\u00e4ndert haben. Sie muss sich weniger stark verlangsamt haben als bisher angenommen wurde, denn nur so sind die alten Aufzeichnungen mit den modernen Berechnungen vereinbar.<\/p>\n<figure id=\"attachment_23833\" aria-describedby=\"caption-attachment-23833\" style=\"width: 412px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Mulapin.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Mulapin.jpg\" alt=\"Keilschrifttafel mit astronomischen Aufzeichnungen (Bild: gemeinfrei)\" width=\"412\" height=\"575\" class=\"size-full wp-image-23833\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-23833\" class=\"wp-caption-text\">Keilschrifttafel mit astronomischen Aufzeichnungen (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Datei:Mulapin.jpg\">Bild: gemeinfrei<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Stephenson und seine Kollegen haben aber nat\u00fcrlich nicht nur eine alte Aufzeichnung aus Babylon f\u00fcr ihre Arbeit verwendet. Sie haben hunderte Texte aus Babylonien, Griechenland, China, Arabien und dem mittelalterlichen Europa ausgewertet. Das Ergebnis: Nicht um 2,3 Millisekunden pro Jahrhundert hat sich die Erdrotation in den letzten Jahrtausenden ver\u00e4ndert sondern um 1,8 Millisekunden. <\/p>\n<p>Ich finde das h\u00f6chst gro\u00dfartig. Nat\u00fcrlich; f\u00fcr die Gegenwart ist das jetzt nicht dramatisch relevant. Die genaue Geschwindigkeit der Erdrotation und ihre Ver\u00e4nderung zu kennen nat\u00fcrlich schon. Das m\u00fcssen wir wissen, um die Bewegung der Himmelsk\u00f6rper m\u00f6glichst genau zu berechnen, um unsere Uhren genau einzustellen und aus vielen anderen Gr\u00fcnden. Wie schnell sich die Erde vor knapp 3000 Jahren gedreht hat spielt daf\u00fcr aber keine Rolle. Aber es ist gro\u00dfartig, dass so altes Wissen heute immer noch seinen Nutzen hat. Die babylonischen Astronomen geh\u00f6rten zu den ersten Menschen die so etwas \u00e4hnliches wie systematische Wissenschaft durchgef\u00fchrt haben. Aus ihrer Arbeit entstand die moderne Astronomie. Dort wo heute im Irak nur noch Ruinen stehen haben damals neugierige Menschen den Himmel beobachtet und ihre Beobachtungen aufgeschrieben. Und Jahrtausende sp\u00e4ter nutzen andere neugierige Menschen diese alten Aufzeichnungen um mehr \u00fcber die Welt herauszufinden, auf der wir leben. Wie gesagt: Wissenschaft ist gro\u00dfartig!<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg09.met.vgwort.de\/na\/a7eec64f5d5b498386f113174147d4b1\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wissenschaft ist gro\u00dfartig. Sie schafft neues Wissen &#8211; und dieses Wissen ist immer wertvoll. Und bleibt das auch, selbst nach langer Zeit. Das demonstriert kaum etwas besser als eine aktuelle Forschungsarbeit britischer Astronomen. 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