{"id":23177,"date":"2016-10-13T11:00:03","date_gmt":"2016-10-13T09:00:03","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2016\/10\/13\/kohl-the-gang\/"},"modified":"2025-05-14T16:18:00","modified_gmt":"2025-05-14T14:18:00","slug":"kohl-the-gang","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2016\/10\/13\/kohl-the-gang\/","title":{"rendered":"Kohl &#038; The Gang"},"content":{"rendered":"<p><i><b>Hinweis: <\/b>Dieser Artikel ist ein Beitrag zum <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2016\/07\/19\/der-scienceblogs-blog-schreibwettbewerb-2016\/\">ScienceBlogs Blog-Schreibwettbewerb 2016<\/a>. Hinweise zum Ablauf des Bewerbs und wie ihr dabei Abstimmen k\u00f6nnt <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/?p=22936\">findet ihr hier<\/a>.<br \/>\n<a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/sb-wettbewerb.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/sb-wettbewerb.png\" alt=\"sb-wettbewerb\" width=\"500\" height=\"172\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-15702\" \/><\/a><\/i><\/p>\n<p><b>Das sagt die Autorin des Artikels, <b>Nina Schlotz<\/b> \u00fcber sich:<\/b><br \/>\nIch hei\u00dfe Nina Schlotz, bin promovierte Biologin und arbeite momentan als Postdoc an der Uniklinik Freiburg und taste mich langsam an verschiedene Formen der Wissenschaftskommunikation heran.<\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;<br \/>\nKohl &#038; The Gang<\/p>\n<p>Genau wie Birkenstock-Latschen und Stricken ist auch der Kohl seiner muffigen Oma-\u00d6ko-Ecke entflohen und hat sich ein neues, cooles Image zugelegt. In Form von gr\u00fcnen Smoothies und Kale Chips ist er wieder in aller Munde. Rohkostfans und Hipster finden ihn fresh, exciting. Was ist dran am Hype um das Superfood?<br \/>\nImmer wieder werden vermeintliche Wundergew\u00e4chse \u201eentdeckt\u201c und als Superfood, die \u00fcberdurchschnittlich viele sekund\u00e4re Pflanzenstoffe, Vitamine oder Mineralien enthalten, vermarktet. Neben den schillernden Vertretern wie der A\u00e7ai-Beere, Graviola-Frucht oder Chia-Saat gibt es auch heimische Gew\u00e4chse, die dieses Pr\u00e4dikat verdienen. Kohl, das hei\u00dft Pflanzen, die zur Gattung Brassica geh\u00f6ren, und ihre weitere Verwandschaft (Ordnung Brassicales) sind schon eine ganze Weile f\u00fcr ihre gesundheitsf\u00f6rdernde Wirkung bekannt.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Kohl_and_the_gang_Bild1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Kohl_and_the_gang_Bild1.jpg\" alt=\"Kohl_and_the_gang_Bild1\" width=\"500\" height=\"375\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-23403\" \/><\/a><\/p>\n<p>So hat schon Hippokrates sein erstes Krankenhaus nur deshalb in der N\u00e4he eines Baches errichtet, damit er stets frische Brunnenkresse ernten konnte. Das war mehr als 400 Jahre v. Chr. Auch Paracelsus empfahl diese seinen Patienten. Albertus Magnus (1200-1280) war ebenfalls von den Heilkr\u00e4ften des Kohl \u00fcberzeugt. Nur Hildegard von Bingen war keine Freundin von Kohl, den sie als \u201eK\u00fcchengift\u201c bezeichnete. Wer wei\u00df, vielleicht war sie besonders vom Ph\u00e4nomen des \u201eLaubfresserbauches\u201c geplagt, den die meisten nach einer Mahlzeit mit Kohlgem\u00fcse schon mal selbst erlebt haben d\u00fcrften. Oder sie besa\u00df eine ung\u00fcnstige Variante des Bitterrezeptors. Aber das ist eine andere Geschichte (https:\/\/www.philly.com\/philly\/blogs\/evolution\/Why-we-hate-broccoli.html).<br \/>\nTats\u00e4chlich gibt es heutzutage wissenschafliche Belge daf\u00fcr, das Kohl &#038; Co. gesund sind. Wie so oft kommt es auf die inneren Werte an, die Inhaltstoffe, die alle Brassicales-Angeh\u00f6rigen einen: die Senf\u00f6lglykoside oder Glukosinolate.<br \/>\nF\u00fcr die Pflanze sind sie Schwefelliferant und Fra\u00dfschutz. Knabbert eine Raupe an den Kohlbl\u00e4ttern, werden Senf\u00f6le (Isothiocyanate) frei. Dies geschieht erst bei Bedarf, da das Enzym Myrosinase, dass f\u00fcr diesen Abbau zust\u00e4ndig ist, getrennt von den Glukosinolaten in der Pflanzenzelle gelagert wird. Erst wenn das Gewebes zerst\u00f6rt wird, kommen sie zusammen und die Isothiocyanate entstehen. Wer dieses Ph\u00e4nomen live erleben will, muss nur in ein Radieschen bei\u00dfen.<br \/>\nDer typisch scharfe oder auch bittere Kohlgeschmack beruht also auf dem Vorhandensein von Isothiocyanaten. Und nicht nur der. Der Konsum von Brassica-Gem\u00fcsen ist umgekehrt mit dem Krebsrisiko verkn\u00fcpft. Mehr Kohl, weniger Krebs. Naja, nicht ganz so einfach. Aber eine sch\u00fctzende Wirkung wurde schon mehrfach aufgedeckt und zu einem Gro\u00dfteil ebenfalls den Isothiocyanaten zugschrieben. Am besten untersucht ist Sulphoraphan, dass aus Glucoraphanin entsteht und zum Beispiel im Brokkoli vorkommt, aber auch Allylisothiocyanat, das Abbauprodukt von Sinigrin und verantwortlich f\u00fcr den scharfen Geschmack in Senf und Meerrettich, hat schon sein Potential zur Pr\u00e4vention unter Beweis gestellt.<\/p>\n<figure id=\"attachment_23429\" aria-describedby=\"caption-attachment-23429\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Kohl_and_the_gang_Bild2_neu.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Kohl_and_the_gang_Bild2_neu.jpg\" alt=\"Kohlchips und Gr\u00fcner Smoothie statt Kohlrouladen - bereits im Selbstversuch getestet (Bild: Eigene Arbeit)\" width=\"500\" height=\"338\" class=\"size-medium wp-image-23429\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-23429\" class=\"wp-caption-text\">Kohlchips und Gr\u00fcner Smoothie statt Kohlrouladen &#8211; bereits im Selbstversuch getestet (Bild: Eigene Arbeit)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Pr\u00e4vention? Das ist der Versuch durch Vorsoge etwas Unerw\u00fcnschtes zu verhindern. Wie vorbeugender Brandschutz. Oder eben Krebspr\u00e4vention. Ich k\u00f6nnte jetzt aufz\u00e4hlen, dass Inhaltsstoffe des Brokkoli in verschiedene Phasen der Krebsentstehung eingreifen k\u00f6nnen, also \u201eMulti-Target-Wirkung\u201c besitzen. Dass diese Erkenntnisse in Laborversuchen gewonnen wurden. Dass mittlerweile erste klinische Phase-II-Studien dieses krebspr\u00e4ventive Potential am Menschen untersuchen. Es gibt aber auch Projekte, die sich angewandt mit Pr\u00e4vention durch Ern\u00e4hrung in Entwicklungsl\u00e4ndern besch\u00e4ftigen. Wo Infrastruktur und finanzielle Mittel f\u00fcr eine optimale Behandlung fehlen, sind vorbeugende Ma\u00dfnahmen essentiell.<br \/>\nAus sehr pers\u00f6nlichen Gr\u00fcnden hier ein Beispiel aus Kenia. Zum einen habe ich dort vor einigen Jahren selbst f\u00fcr sechs Monate gelebt und gearbeitet. Zum anderen bin ich momentan beruflich in ein gro\u00dfes Verbundprojekt (www.hortinlea.org) involviert, dass sich unter anderem mit dort heimischen Blattgem\u00fcsen und deren pr\u00e4ventivem Potential besch\u00e4ftigt. Wozu? In ganz Ostafrika sind die Leberkrebsraten hoch. Dies liegt zum einen daran, dass Hepatitis C-Infektionen verbreitet sind. Zum anderen befallen Schimmelpilze Getreide und Mais, Bohnen, N\u00fcsse und andere Grundnahrungsmittel hier besonders h\u00e4ufig. Daher ist die Bev\u00f6lkerung oft hohen, unkontrollierten Mengen von Schimmelpilzgiften ausgesetzt. Als Folge kann akut besonders bei Kindern eine sogenannte Aflatoxikose auftreten. Das gr\u00f6\u00dfte Problem aber ist, dass die Schimmelpilzgifte toxisch f\u00fcr die Leber sind und wiederrum zum geh\u00e4uften Auftreten von Leberkrebs beitragen. Wenn man nun eben hier daf\u00fcr sorgt, dass vermehrt Blattgem\u00fcse mit sch\u00fctzenden Eigenschaften angebaut und gegessen werden, k\u00f6nnte dies nicht nur zur Ern\u00e4hrungssicherung, sondern auch zur Gesunderhaltung der dortigen Bev\u00f6lkerung beitragen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_23431\" aria-describedby=\"caption-attachment-23431\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Kohl_and_the_gang_Bild3_neu.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Kohl_and_the_gang_Bild3_neu.jpg\" alt=\"Auch in Kenia kam traditionell Kohlgem\u00fcse auf den Tisch - und soll der Bev\u00f6lkerung nun wieder schackhaft gemacht werden (Bild: Eigene Arbeit)\" width=\"500\" height=\"416\" class=\"size-medium wp-image-23431\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-23431\" class=\"wp-caption-text\">Auch in Kenia kam traditionell Kohlgem\u00fcse auf den Tisch &#8211; und soll der Bev\u00f6lkerung nun wieder schackhaft gemacht werden (Bild: Eigene Arbeit)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Und hier bei uns? Auch die gr\u00f6\u00dften Kohlmuffel verm\u00f6gen das \u201enoch eine Gabel, das ist gesund!\u201c unserer M\u00fctter nicht wegzudiskutieren. Neben den Senf\u00f6lglykosiden enthalten Kohlgem\u00fcse auch Polyphenole, Carotenoide, Balaststoffe, Vitamine und Mineralstoffe. Au\u00dferdem wichtig wenn man kein jugendlicher Schnellverbrenner mehr ist: sie sind kalorienarm. In der Praxis gilt es Folgendes zu beachten.Ihr erinnert euch an die Myrosinase? Das Enzym, das die gesunden Isothiocyanate bildet? Sie ist hitzeempfindlich und mag es eher lau. Bei Temperaturen \u00fcber 80 \u00b0C arbeitet sie nicht mehr und wird zerst\u00f6rt. Schlecht: langes Kochen wie fr\u00fcher bei Oma. Gut: ein bis drei Minuten dampfgaren im fancy K\u00fcchenger\u00e4t. Die Menge der in den Pflanzen enthaltenen Glukosinolate kann stark schwanken, je nach Anzucht und Erntezeitpunkt. Schlecht: Gem\u00fcse, das in fernen L\u00e4ndern unreif geerntet oder in Gew\u00e4chsh\u00e4usern auf m\u00f6glichst schnelles Wachstum getrimmt wird. Gut: Freilandgem\u00fcse vom regionalen Bauern, dann, wenn es halt w\u00e4chst. Wochenmarkt ist ja eh wieder in.<br \/>\nUnd wer sich immer noch unsicher ist, ob er dem Kohl trotz Fra\u00dfschutz noch eine Chance gibt, sollte sich \u00fcberlegen, zu welcher Gruppe von Leuten er geh\u00f6ren m\u00f6chte. George H. W. Bush mag keinen Brokkoli, ebenso sein Sohnemann. Die Obamas hingegen antworten auf die frage nach ihrem Lieblingsessen \u2013 genau \u2013 Brokkoli! Noch Fragen?<br \/>\nLiteratur \u2013 ein winziger Auszug:<br \/>\nBingham S, Riboli E (2004). Diet and cancer \u2013 the European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition. Nat Rev Cancer 4, 206\u2013215.<br \/>\nVerkerk R, Schreiner M, Krumbein A et al. Glucosinolates in Brassica vegetables: the influence of the food supply chain on intake, bioavailability and human health. Mol Nutr Food Res 2009; 53: p 219<br \/>\nWattenberg LW, Hanley AB, Barany G, Sparrins VL, Lam LKT, Fenwick GR (1986). Inhibition of carcinogenesis by some minor dietary constituents. In: Hayashi Y (ed). Diet, Nutrition and Cancer, pp 193\u2013203. Japan Scientific Society Press: Tokyo.<br \/>\nVerhoeven DT, Verhagen H, Goldbohm RA, van den Brandt PA, van Poppel G (1997). A review of mechanisms underlying anticarcinogenicity by brassica vegetables. Chem Biol Interact 103, 79\u2013129.<br \/>\nLamy E, Garcia-K\u00e4ufer M, Prinzhorn J, Mersch-Sundermann, V. (2012). Antigenotoxic action of isothiocyanate-containing mustard as determined by two cancer biomarkers in a human intervention trial. European Journal of Cancer Prevention 21, p 400\u2013406<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hinweis: Dieser Artikel ist ein Beitrag zum ScienceBlogs Blog-Schreibwettbewerb 2016. Hinweise zum Ablauf des Bewerbs und wie ihr dabei Abstimmen k\u00f6nnt findet ihr hier. 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