{"id":23163,"date":"2016-10-10T06:00:28","date_gmt":"2016-10-10T04:00:28","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2016\/10\/10\/auf-der-suche-nach-dem-geborenen-verbrecher\/"},"modified":"2025-05-14T16:17:58","modified_gmt":"2025-05-14T14:17:58","slug":"auf-der-suche-nach-dem-geborenen-verbrecher","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2016\/10\/10\/auf-der-suche-nach-dem-geborenen-verbrecher\/","title":{"rendered":"Auf der Suche nach dem geborenen Verbrecher"},"content":{"rendered":"<p><i><b>Hinweis: <\/b>Dieser Artikel ist ein Beitrag zum <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2016\/07\/19\/der-scienceblogs-blog-schreibwettbewerb-2016\/\">ScienceBlogs Blog-Schreibwettbewerb 2016<\/a>. Hinweise zum Ablauf des Bewerbs und wie ihr dabei Abstimmen k\u00f6nnt <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/?p=22936\">findet ihr hier<\/a>.<br \/>\n<a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/sb-wettbewerb.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/sb-wettbewerb.png\" alt=\"sb-wettbewerb\" width=\"500\" height=\"172\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-15702\" \/><\/a><\/i><\/p>\n<p><b>Das sagt die Autorin des Artikels, <b>Esther<\/b> \u00fcber sich:<\/b><br \/>\nIch bin Esther und studiere Rechtswissenschaft mit dem Schwerpunkt \u201eKriminalit\u00e4t und Kriminalit\u00e4tskontrolle\u201c.<\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;<br \/>\n<strong>Auf der Suche nach dem geborenen Verbrecher<\/strong><br \/>\nWarum werden Menschen zu Verbrechern? Unterscheiden sich Kriminelle von Natur aus von Nicht-Kriminellen? Und kann man Kriminelle wom\u00f6glich an ihrem \u00c4u\u00dferen erkennen?<br \/>\nEiner der Ersten, der sich mit diesen Fragen besch\u00e4ftigte, war der italienische Mediziner Cesare Lombroso. Beeinflusst durch Darwins Evolutionstheorie, stellte er im Jahr 1876 die Theorie auf, dass Kriminelle auf einer fr\u00fcheren, primitiveren Entwicklungsstufe stehen geblieben seien. Ob jemand zum Verbrecher werde oder nicht, sei durch seine genetischen Anlagen festgelegt. Der Kriminelle k\u00f6nne sich also nicht f\u00fcr oder gegen die Begehung einer Straftat entscheiden, sondern werde aus biologischen Gr\u00fcnden zu kriminellem Verhalten bestimmt.<\/p>\n<figure id=\"attachment_23361\" aria-describedby=\"caption-attachment-23361\" style=\"width: 449px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Bild-Nr.-1-Lombroso.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Bild-Nr.-1-Lombroso.jpg\" alt=\"Cesare Lombroso (1835-1909) (Bild: Public Domain)\" width=\"449\" height=\"599\" class=\"size-full wp-image-23361\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-23361\" class=\"wp-caption-text\">Cesare Lombroso (1835-1909) (<a href=\"https:\/\/it.wikipedia.org\/wiki\/File:C_Lombroso.jpg\">Bild: Public Domain<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Lombroso glaubte \u00fcberdies, dass sich die kriminelle Natur des Verbrechers in seinem \u00c4u\u00dferen wiederspiegele. Er f\u00fchrte Untersuchungen an zahlreichen Strafgefangenen durch und gelangte zu der \u00dcberzeugung, dass sich Kriminelle von Nicht-Kriminellen durch physische Merkmale wie eine flache Stirn, ein fliehendes Kinn, schielende oder blutunterlaufene Augen, eine auff\u00e4llige Nasenform oder ungew\u00f6hnlich gro\u00dfe oder kleine Ohren unterschieden. Allerdings machte Lombroso bei seinen Studien einen entscheidenden Fehler: Er verwendete keine Kontrollgruppe. Seine Untersuchungen beschr\u00e4nkten sich auf Strafgefangene, sodass er nicht wissen konnte, wie h\u00e4ufig die von ihm entdeckten Merkmale in der Normalbev\u00f6lkerung auftraten.<\/p>\n<figure id=\"attachment_23362\" aria-describedby=\"caption-attachment-23362\" style=\"width: 384px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Bild-Nr.-2-LUomo-Delinquente.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Bild-Nr.-2-LUomo-Delinquente.jpg\" alt=\"So sehen Kriminelle nach Lombroso aus - Eine Seite aus seinem Werk \u201eL\u2019Uomo Delinquente\u201c (Bild: Public Domain)\" width=\"384\" height=\"600\" class=\"size-full wp-image-23362\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-23362\" class=\"wp-caption-text\">So sehen Kriminelle nach Lombroso aus &#8211; Eine Seite aus seinem Werk \u201eL\u2019Uomo Delinquente\u201c (<a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Lombroso_1.jpg?uselang=de\">Bild: Public Domain<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Der englische Psychiater Charles Buckman Goring (1870-1919) machte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts daran, Lombrosos Theorie unter Verwendung einer Kontrollgruppe zu \u00fcberpr\u00fcfen. \u00dcber einen Zeitraum von 12 Jahren hinweg untersuchte er 3.000 verurteilte Straft\u00e4ter und verglich sie mit 1.000 Studenten der Universit\u00e4ten Cambridge und Oxford sowie mit Soldaten der britischen Armee. Bis auf eine leicht geringere K\u00f6rpergr\u00f6\u00dfe und ein geringeres Gewicht der Strafgefangenen konnte er jedoch keine signifikanten k\u00f6rperlichen Unterschiede feststellen.<\/p>\n<p><strong>Zwillings- und Adoptionsstudien<\/strong><br \/>\nLobrosos Lehre vom Verbrecher, dem man seine kriminelle Natur ansieht, war damit zwar widerlegt. Der Gedanke, dass Verbrechen angeboren und vererblich sein k\u00f6nnte, war aber keineswegs aus der Welt geschafft. Insbesondere von Zwillings- und Adoptionsstudien wurden sich diesbez\u00fcglich Erkenntnisse erhofft.<br \/>\nDie Zwillingsforschung vergleicht eineiige und zweieiige Zwillinge miteinander. Ausgangspunkt ist folgender Gedanke: Wenn Verbrechen tats\u00e4chlich biologisch bedingt ist, m\u00fcssten sich eineiige Zwillinge auf Grund ihres identischen Erbgutes hinsichtlich ihrer kriminellen Verhaltensweisen mehr \u00e4hneln als zweieiige Zwillinge, die nur 50% ihrer genetischen Ausstattung teilen.\u2028Zwillingsstudien wurden bereits seit Ende der 1920er Jahre durchgef\u00fchrt. Und tats\u00e4chlich verzeichneten sie eine weit h\u00f6here \u00dcbereinstimmung straff\u00e4lligen Verhaltens (man spricht hier von einer h\u00f6heren Konkordanzrate) bei eineiigen Zwillingen als bei zweieiigen Zwillingen. Anders ausgedr\u00fcckt ist danach eine Person, deren eineiiger Zwilling kriminell ist, mit einer h\u00f6heren Wahrscheinlichkeit ebenfalls kriminell, als dies bei zweieiigen Zwillingen zu erwarten ist.\u2028Die Aussagekraft dieser Studien ist jedoch begrenzt. Zum einen war die Anzahl der Versuchsteilnehmer, da es naturgem\u00e4\u00df nicht allzu viele kriminelle Zwillinge gibt, bei den einzelnen Studien durchweg eher klein. Zum anderen muss die h\u00f6here Konkordanzrate bei eineiigen Zwillingen nicht unbedingt auf deren Veranlagung zur\u00fcckzuf\u00fchren sein: Eineiige Zwillinge werden wegen ihrer \u00c4hnlichkeit von ihrem sozialen Umfeld h\u00e4ufig in st\u00e4rkerem Ausma\u00df gleich behandelt als zweieiige Zwillinge. Beispielsweise finden es Eltern oft lustig, den identisch aussehenden Nachwuchs auch gleich zu kleiden. Daher l\u00e4sst sich nicht mit Sicherheit sagen, ob die h\u00f6here Konkordanzrate bei eineiigen Zwillingen nun auf der gleichen Veranlagung oder den gleichen Umwelteinfl\u00fcssen beruht. Die Enge der zwischenmenschlichen Beziehung k\u00f6nnte ebenfalls eine Rolle spielen, da sich eineiige Zwillinge oft besonders nahe stehen und mehr Zeit miteinander verbringen als zweieiige Zwillinge.<br \/>\nBesser geeignet zur \u00dcberpr\u00fcfung der These, dass Verbrechen anlagebedingt ist, sind Adoptionsstudien. Hinter diesen steckt die Idee, dass Adoptivkinder, was ihr straff\u00e4lliges Verhalten betrifft, ihren leiblichen Eltern mehr \u00e4hneln als ihren Adoptiveltern, sofern tats\u00e4chlich eine biologische Ursache f\u00fcr Kriminalit\u00e4t besteht. Da die Adoptivkinder getrennt von ihren leiblichen Eltern aufwachsen, lassen sich biologische und \u00e4u\u00dfere Einfl\u00fcsse besser trennen als bei Zwillingsstudien.\u2028In einer sehr umfassenden Adoptionsstudie aus D\u00e4nemark wurden \u00fcber 6 000 Adoptivs\u00f6hne mit ihren Adoptiveltern und leiblichen Eltern verglichen. Das Ergebnis zeigt folgende Tabelle:<\/p>\n<figure id=\"attachment_23363\" aria-describedby=\"caption-attachment-23363\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Bild-Nr.-3-Tabelle.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Bild-Nr.-3-Tabelle.jpg\" alt=\"Nach Mednick, Gabrielli &amp; Hutchings 1984. Als \u201ekriminell\u201c wurden diejenigen Eltern eingestuft, bei denen entweder die Mutter oder der Vater wegen einer Straftat verurteilt worden war\" width=\"500\" height=\"168\" class=\"size-medium wp-image-23363\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-23363\" class=\"wp-caption-text\">Nach Mednick, Gabrielli &#038; Hutchings 1984. Als \u201ekriminell\u201c wurden diejenigen Eltern eingestuft, bei denen entweder die Mutter oder der Vater wegen einer Straftat verurteilt worden war<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Adoptivkinder, deren leibliche Eltern kriminell waren, begingen also in h\u00f6herem Ma\u00dfe Straftaten als die Adoptivkinder nicht-krimineller (leiblicher) Eltern. Waren nur die Adoptiveltern kriminell, wirkte sich das hingegen kaum auf die Delinquenz der Adoptivs\u00f6hne aus. Die h\u00f6chste Kriminalit\u00e4tsbelastung zeigten diejenigen Adoptivkinder, bei denen sowohl die biologischen als auch die Adoptiveltern kriminell waren.\u2028Dies legt nahe, dass die biologische Komponente im Zusammenhang mit Kriminalit\u00e4t in der Tat eine Rolle spielt. Zugleich macht die Adoptionsforschung aber deutlich, dass Verbrechen nicht in dem Sinne angeboren ist, wie Lombroso und seine Anh\u00e4nger sich das vorgestellt haben. Ein F\u00fcnftel der Adoptivkinder delinquenter leiblicher Eltern wurde zwar ebenfalls kriminell, die weit \u00fcberwiegende Mehrheit wurde es jedoch nicht! Zudem zeigt sie, dass sich eine Kombination aus ung\u00fcnstiger Veranlagung und Umwelteinfl\u00fcssen am st\u00e4rksten auf kriminelles Verhalten auswirkt.<\/p>\n<p><strong>Von M\u00f6rderchromosomen und Risikofaktoren<\/strong><br \/>\nUnabh\u00e4ngig davon gab die Adoptionsforschung keinen Aufschluss dar\u00fcber, welche biologischen Faktoren denn nun genau Kriminalit\u00e4t begr\u00fcndeten. Wodurch unterscheidet sich die genetische Ausstattung von Menschen, die Straftaten begehen, von solchen, die es nicht tun? Gibt es bestimmte Dispositionen, die zwangsl\u00e4ufig zu kriminellem Verhalten f\u00fchren?\u2028In den 60er Jahren nahm man an, dass M\u00e4nner mit dem XYY-Syndrom, also solche, die ein zus\u00e4tzliches Y-Chromosom besitzen, eine gesteigerte Aggressivit\u00e4t aufweisen und demzufolge verst\u00e4rkt zu Gewalttaten neigen w\u00fcrden. Gro\u00dfes Aufsehen in der \u00d6ffentlichkeit erregte dabei der Fall um den US-amerikanischen, achtfachen Frauenm\u00f6rder Robert F. Speck, der \u00fcber das sog. \u201eM\u00f6rderchromosom\u201c verf\u00fcgen sollte. Die Diagnose stellte sich jedoch als falsch heraus. Und auch die These, dass ein \u00fcberz\u00e4hliges Y-Chromosom kriminalt\u00e4tsf\u00f6rdernd wirke, ist inzwischen empirisch widerlegt.<br \/>\nDie Suche nach den biologischen Gr\u00fcnden f\u00fcr Kriminalit\u00e4t geht indessen weiter. Ein einzelnes Gen oder eine k\u00f6rperliche Anomalie, die den geborenen Verbrecher auszeichnet, wurde bislang aber nicht gefunden. Und wird es wohl auch nie werden. Kriminalit\u00e4t ist eben komplex, eine einfache Antwort auf die Frage nach der Ursache von Verbrechen gibt es nicht.\u2028Im Laufe der letzten 150 Jahre wurden zahlreiche kriminologische Theorien entwickelt. W\u00e4hrend Lombroso in Italien seine biologische Theorie aufstellte, machten in Frankreich der Mediziner Alexandre Lacassagne (1843-1924) und der Richter Gabriel de Tarde (1843-1904) das soziale Umfeld des Menschen f\u00fcr Verbrechen verantwortlich. Der deutsche Rechtswissenschaftler Franz von Liszt (1851-1919) versuchte die beiden gegens\u00e4tzlichen kriminologischen Lehren in seiner Anlage-Umwelt-Formel zu vereinen: Kriminalit\u00e4t sei sowohl durch die angeborene Eigenart des T\u00e4ters als auch durch gesellschaftliche Einfl\u00fcsse bedingt.<\/p>\n<figure id=\"attachment_23364\" aria-describedby=\"caption-attachment-23364\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Bild-Nr.-4-Lacassagne.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Bild-Nr.-4-Lacassagne.jpg\" alt=\"Alexandre Lacassagne, einer der gr\u00f6\u00dften Kritiker Lombrosos. Von ihm stammt auch der ber\u00fchmte Ausspruch: \u201eDie Gesellschaft hat die Verbrecher, die sie verdient.\u201c (Bild: Public Domain)\" width=\"500\" height=\"587\" class=\"size-medium wp-image-23364\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-23364\" class=\"wp-caption-text\">Alexandre Lacassagne, einer der gr\u00f6\u00dften Kritiker Lombrosos. Von ihm stammt auch der ber\u00fchmte Ausspruch: \u201eDie Gesellschaft hat die Verbrecher, die sie verdient.\u201c (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Datei:Alexandre_Lacassagne_2.jpg\">Bild: Public Domain<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Im 20. Jahrhundert entstanden weitere kriminologische Theorien. Keine hat dabei den Anspruch, alle Formen von Kriminalit\u00e4t zu erkl\u00e4ren. Manche besch\u00e4ftigen sich mit der Frage, warum in bestimmten Gesellschaften oder historischen Epochen vergleichsweise viele Normbr\u00fcche auftreten. Andere versuchen zu kl\u00e4ren, warum der Einzelne kriminell wird, welche Rolle dabei Lernprozesse, die soziale Bindung an die Gesellschaft oder bestimmte Charaktereigenschaften wie Selbstkontrolle spielen, und wieder andere, warum Menschen, die Straftaten begangen haben, ihre kriminelle Laufbahn beenden.\u2028Dass eine bestimmte genetische Veranlagung einen Menschen zwangsl\u00e4ufig zum Verbrecher macht, glaubt heute niemand mehr. Es gibt Faktoren, die Kriminalit\u00e4t wahrscheinlicher machen und die sowohl biologisch als auch durch Umwelteinfl\u00fcsse bedingt sein k\u00f6nnen. Man nennt diese interne und externe Risikofaktoren. Interne Risikofaktoren k\u00f6nnen zum Beispiel neurologische Beeintr\u00e4chtigungen und daraus folgende Lern- und Aufmerksamkeitsdefizite sein, zu externen Risikofaktoren z\u00e4hlen etwa famili\u00e4re Konflikte, fehlende Zuwendung, Misshandlung oder eine delinquente Peergroup. Diesen stehen jedoch auch interne und externe Schutzfaktoren gegen\u00fcber, die vorhandene Risikofaktoren ausgleichen k\u00f6nnen. Die aktuelle kriminologische Forschung versucht unter anderem herauszufinden, welche inneren und \u00e4u\u00dferen Risiko- und Schutzfaktoren es gibt und wie sie aufeinander wirken.<br \/>\nDemgegen\u00fcber ist Lombrosos biologische Theorie nicht nur \u00fcberholt, sie hat heute auch einen sehr negativen Beigeschmack. Zu Recht, denn sie erm\u00f6glicht es, Menschen auf Grund ihrer Anlagen vorzuverurteilen und Straft\u00e4ter aus der Gesellschaft auszugrenzen, anstatt ihnen die Chance auf Resozialisierung und Wiedergutmachung zu geben. So griffen die Nationalsozialisten im Dritten Reich auf Lombrosos Lehre zur\u00fcck und missbrauchten sie als Rechtfertigung f\u00fcr die Durchf\u00fchrung von Zwangssterilisationen und die Verh\u00e4ngung von Sippenhaft.\u2028Lombrosos Verdienst ist trotz allem darin zu sehen, dass er erstmals die wissenschaftliche Suche nach den Ursachen von Kriminalit\u00e4t in den Vordergrund r\u00fcckte. Er stellte die kriminalpolitische Forderung, strafrechtliche Entscheidungen an empirischen Befunden auszurichten. Und letztendlich war es Lobrosos Ziel &#8211; wie das aller anderen auch, die sich intensiv mit den Ursachen von Verbrechen besch\u00e4ftigten &#8211; Kriminalit\u00e4t zu verstehen und so einen Weg zu finden, sie zu verhindern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hinweis: Dieser Artikel ist ein Beitrag zum ScienceBlogs Blog-Schreibwettbewerb 2016. Hinweise zum Ablauf des Bewerbs und wie ihr dabei Abstimmen k\u00f6nnt findet ihr hier. Das sagt die Autorin des Artikels, Esther \u00fcber sich: Ich bin Esther und studiere Rechtswissenschaft mit dem Schwerpunkt \u201eKriminalit\u00e4t und Kriminalit\u00e4tskontrolle\u201c. &#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212; Auf der Suche nach dem geborenen Verbrecher Warum werden [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":953,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[235,764],"tags":[2666,8619,12221],"class_list":["post-23163","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-geistes-sozialwissenschaften","category-schreibwettbewerb","tag-blog-schreibwettbewerb","tag-kriminalitat","tag-rechtswissenschaft"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23163","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=23163"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23163\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":23164,"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23163\/revisions\/23164"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media\/953"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=23163"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=23163"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=23163"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}