{"id":23075,"date":"2016-09-19T11:00:51","date_gmt":"2016-09-19T09:00:51","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2016\/09\/19\/verschollen-im-bermuda-dreieck\/"},"modified":"2025-05-14T16:17:45","modified_gmt":"2025-05-14T14:17:45","slug":"verschollen-im-bermuda-dreieck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2016\/09\/19\/verschollen-im-bermuda-dreieck\/","title":{"rendered":"Verschollen im Bermuda-Dreieck"},"content":{"rendered":"<p><i><b>Hinweis: <\/b>Dieser Artikel ist ein Beitrag zum <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2016\/07\/19\/der-scienceblogs-blog-schreibwettbewerb-2016\/\">ScienceBlogs Blog-Schreibwettbewerb 2016<\/a>. Hinweise zum Ablauf des Bewerbs und wie ihr dabei Abstimmen k\u00f6nnt <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/?p=22936\">findet ihr hier<\/a>.<br \/>\n<a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/sb-wettbewerb.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/sb-wettbewerb.png\" alt=\"sb-wettbewerb\" width=\"500\" height=\"172\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-15702\" \/><\/a><\/i><\/p>\n<p><b>Das sagt der Autor des Artikels, <b>Rainer Massmann<\/b> \u00fcber sich:<\/b><\/p>\n<p>Hallo! Ich hei\u00dfe Rainer Massmann und habe vor knapp zwanzig Jahren an der Uni Bielefeld mein Bio-Diplom gemacht. Seit kurzem schreibe ich in meinem Blog <a href=\u201chttps:\/\/www.zooskop.de\u201c>\u201cZooskop\u201c<\/a>, \u00fcber Themen wie Biodiversit\u00e4t, Artenschutz, Tier\u00f6kologie und Evolution.<br \/>\n&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;<br \/>\nVerschollen im Bermuda-Dreieck<\/p>\n<figure id=\"attachment_23117\" aria-describedby=\"caption-attachment-23117\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Bermuda-map-1676-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Bermuda-map-1676-scaled.jpg\" alt=\" Via Wikipedia. Public Domain.\" width=\"500\" height=\"325\" class=\"size-medium wp-image-23117\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-23117\" class=\"wp-caption-text\"><a href=\u201chttps:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Somers_Isles_Map_-_John_Speed_1676.jpg\u201c> Via Wikipedia. Public Domain.<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p>Mitten in einem Hurrikan krachte am 28. Juli des Jahres 1609 die Sea Venture, ein englisches Segelschiff, auf ein Riff vor der K\u00fcste der Bermuda-Inseln. Alle 153 Menschen an Bord, Siedler f\u00fcr die neuen Kolonien in Amerika, sowie der Schiffshund gelangten wie durch ein Wunder unversehrt an Land, wo sie die n\u00e4chsten neun Monate verbrachten. Aus den Tr\u00fcmmern ihres alten Schiffes und dem Holz des damals noch reichlich vorhandenen Bermuda-Wacholders bauten sie sich zwei neue, kleinere Gef\u00e4hrte und segelten weiter, nach Jamestown, der jungen Kolonie in Virginia, wo weitere schreckliche Erlebnisse auf sie warteten. Die Geschichte dieses Schiffbruchs, und der Geschehnisse danach, ist eine der spannendsten Episoden der gesamten Seefahrtsgeschichte. Wer sie nachlesen will, dem empfehle ich unbedingt, das Buch \u201eA brave vessel\u201c von Hobson Woodward zu lesen. Es ist eine wahre Geschichte, in der W\u00f6rter wie Meuterei, Kannibalismus, Elmsfeuer und Indianer vorkommen, und die die Lebensgeschichte einer Indianerin namens Pocahontas auf unerwartete Weise mit der eines gewissen William Shakespeare verkn\u00fcpft. <\/p>\n<p>Doch sie ist auch der Beginn einer g\u00e4nzlich anderen Geschichte, die aber nicht minder spannend ist. Als im Sp\u00e4therbst des Jahres 1609 die Lebensmittelvorr\u00e4te der Schiffbr\u00fcchigen schwanden, trafen gro\u00dfe Schw\u00e4rme eines Meeresvogels auf den Bermudas ein. Die V\u00f6gel lie\u00dfen sich auf einer kleinen vorgelagerten Insel namens Cooper&#8217;s Island nieder, wo sie begannen, in H\u00f6hlen unter der Erde zu br\u00fcten, die die Siedler an Kaninchenbauten erinnerten. Nachts, wenn die V\u00f6gel ihre Brutpl\u00e4tze anflogen und die Luft \u00fcber der Kolonie mit ihrem Geschrei erf\u00fcllt war, f\u00fchlten sich die Leute an das Treiben von Gespenstern erinnert. Das hielt sie aber nicht davon ab, nahezu t\u00e4glich die Kolonie zu besuchen, um die V\u00f6gel, die sie nach ihren Schreien \u201eCahow\u201c nannten, bei der Landung vor ihren Bruth\u00f6hlen mit Kn\u00fcppeln totzuschlagen und ganze Bootsladungen davon als Nahrung zur\u00fcck in ihr Camp zu bringen. Auch als ein paar Jahre sp\u00e4ter die erste feste Siedlung auf den Bermudas gegr\u00fcndet wurde, und die neuen Siedler bald darauf unter einer Hungersnot zu leiden hatten, bedienten sie sich bei den unersch\u00f6pflich scheinenden Mengen an Cahows. Doch sehr schnell wurden die V\u00f6gel seltener und immer seltener, woran auch eines der ersten Artenschutzgesetze der Welt nichts \u00e4nderte. Schlie\u00dflich verlor sich ihre Spur. Keine zwanzig Jahre nach dem Schiffbruch galten sie als ausgestorben.<\/p>\n<p>Zeitsprung. Es ist der 22. Februar 1906. Ob der junge Louis L. Mowbray die Geschichten \u00fcber den Cahow kennt, als er auf dem winzigen Felsen Gurnet Rock vor der Insel Castle Island Felsl\u00f6cher inspiziert, die sich nur wenige Meter \u00fcber dem Meeresspiegel befinden, ist nicht \u00fcberliefert, genausowenig wie der genaue Zweck seiner Exkursion. Es ist aber anzunehmen, dass er bestens Bescheid wusste. Mowbray hatte keine formale Ausbildung als Biologe erhalten, war aber ein begeisterter Naturbeobachter und Mitarbeiter der Bermuda Biological Station, die erst drei Jahre zuvor gegr\u00fcndet worden war. Noch ein Jahr fr\u00fcher hatte der amerikanische Zoologe A. E. Verrill alles bisher bekannte \u00fcber den Cahow zusammengetragen, von dem noch immer niemand wusste, um was f\u00fcr eine Vogelart es sich eigentlich gehandelt hatte. Verrill glaubte, der Cahow m\u00fcsse ein Alk gewesen sein, also ein Verwandter von Tordalk und Papageitaucher. Doch so weit s\u00fcdlich hatte man noch nie Alken entdeckt. Andere Ornithologen sahen im Cahow eher einen Vetreter der Sturmv\u00f6gel und Sturmtaucher, doch die Beschreibung passte auf keine bekannte Art. Als Mowbray an jenem Februartag in eines der Felsl\u00f6cher sp\u00e4ht, blickt ihm ein Sturmvogel entgegen. Er f\u00e4ngt den Vogel ein, welcher kurz darauf stirbt und in die Sammlung des Bermuda Museum of Natural History gelangt. <\/p>\n<figure id=\"attachment_23120\" aria-describedby=\"caption-attachment-23120\" style=\"width: 499px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Pterodroma-hasitata.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Pterodroma-hasitata.jpg\" alt=\"Teufelssturmvogel (Pterodroma hasitata , eine mit dem Cahow eng verwandte Art. Foto: Patrick Coin, via Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.5\" width=\"499\" height=\"512\" class=\"size-full wp-image-23120\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-23120\" class=\"wp-caption-text\">Teufelssturmvogel (<i>Pterodroma hasitata<\/i> , eine mit dem Cahow eng verwandte Art. Foto: <a href=\u201chttps:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Pterodroma_hasitataPCCA20070623-3608B.jpg\u201c>Patrick Coin, via Wikimedia Commons<\/a>, <a href=\u201chttps:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/2.5\/deed.de\u201c>CC BY-SA 2.5<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p>Wenn es so etwas wie die ultimativen Meeresv\u00f6gel gibt, dann sind es die Sturmv\u00f6gel und ihre Verwandten, die Sturmschwalben, Sturmtaucher und Albatrosse. Weit drau\u00dfen auf dem Ozean verbringen sie den Gro\u00dfteil ihres Lebens. Bei Sturmwindst\u00e4rken, zwischen meterhohen Wellen, sind sie erst richtig in ihrem Element. War der Anblick von M\u00f6wen, Seeschwalben, T\u00f6lpeln und Tropikv\u00f6geln f\u00fcr die fr\u00fchen Seefahrer ein Anlass zur Freude, weil sie nun wussten, dass Land in der N\u00e4he war, galten Sturmv\u00f6gel als Ungl\u00fccksbringer, als Sturmboten oder gar als Verk\u00f6rperung der Seelen ertrunkener Seeleute. Die R\u00f6hrennasen, wie sie wegen ihrer merkw\u00fcrdigen Schnabelaufs\u00e4tze auch genannt werden, sind V\u00f6gel der Superlative. Zu ihnen geh\u00f6ren mit dem Wanderalbatross (<i>Diomedea exulans<\/i>) der gr\u00f6\u00dfte, und mit der nur spatzengro\u00dfen Zwergsturmschwalbe (<i>Oceanodroma microsoma<\/i>) der kleinste aller Meeresv\u00f6gel. Auf ihren Wanderungen legen sie zigtausende von Kilometern zur\u00fcck, um mit erstaunlicher Pr\u00e4zision in immer dieselbe Brutkolonie zur\u00fcckzukehren, die fast jedesmal auf einer kleinen, abgelegenen Insel liegt. Dort zeigen viele der kleineren Arten dann Seiten, die man von derart extremen Meeresv\u00f6geln nicht erwarten w\u00fcrde. Die Brutpl\u00e4tze mancher Arten liegen 1.500 &#8211; 3.000 m \u00fcber dem Meeresspiegel, oft mehr als 10 km von der K\u00fcste entfernt. Andere br\u00fcten in dichtem Wald oder unter Farnen, wo sie sich bis zu 5 m tiefe G\u00e4nge ins Erdreich graben. Zudem sind fast alle der kleineren Arten am Brutplatz nachtaktiv, um den Attacken hungriger M\u00f6wen und Fregattv\u00f6gel zu entgehen. Mit lautem Geschrei machen die Brutpartner dort auf sich aufmerksam, um einander in der Dunkelheit zu finden. In der Dunkelheit der H\u00f6hle br\u00fcten die Partner, die ein Leben lang zusammen bleiben, dann ein einziges Ei aus und ziehen das Junge gro\u00df.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst schien Mowbray nicht ganz klar zu sein, was f\u00fcr einen Fang er da gemacht hatte. Immerhin hatte seit fast 300 Jahren kein Mensch mehr einen leibhaftigen Cahow gesehen. Ein Kollege von ihm identifizierte den Vogel im Bermuda Museum daher zun\u00e4chst als einen verirrten Regensturmvogel (<i>Pterodroma inexpectata<\/i>), eine Art, die eigentlich im Indischen und Pazifischen Ozean heimisch ist. Doch zehn Jahre sp\u00e4ter \u00e4nderte Mowbray seine Meinung und beschrieb dieses Exemplar zusammen mit John T. Nichols unter dem Namen <i>Aestrelata<\/i> (heute: <i>Pterodroma<\/i>) <i>cahow<\/i> als eigenst\u00e4ndige Art. Auch wenn die beiden es nur andeuten: mit der Namenswahl lie\u00dfen sie keinen Zweifel daran, dass sie \u00fcberzeugt waren, nach fast 300 Jahren Unterbrechung einen lebenden Cahow aufgesp\u00fcrt zu haben! <\/p>\n<p>Doch das brachte ein Problem mit sich: ein einzelner Vogel macht noch keine Art. Wo ein Cahow oder Bermuda-Sturmvogel, wie die Art im Deutschen hei\u00dft, \u00fcberlebt hatte, da mussten doch noch weitere sein!? Doch das war nicht der Fall. Das Auftauchen dieses einzelnen Vogels war so unwirklich, dass die Ornithologen auf den Bermudas nicht wussten, wie sie darauf reagieren sollten. Waren sie doch noch Zeugen des Aussterbens dieser Art geworden? War das von Mowbray gesammelte Exemplar tats\u00e4chlich der letzte Cahow gewesen, der je existierte? Falls nicht: wo br\u00fcteten die V\u00f6gel dann?<\/p>\n<p>Es dauerte qu\u00e4lend lange 30 Jahre, bis im Sommer 1935 wie aus dem Nichts ein gerade fl\u00fcgge gewordener weiblicher Cahow gegen den Leuchtturm St. David&#8217;s Light in der N\u00e4he von Cooper&#8217;s Island prallte. Der bekannte Zoologe William Beebe (der mit der Tauchkugel!) hatte erst wenige Monate zuvor vergeblich versucht, lebende Cahows aufzusp\u00fcren, und beschrieb nun den neuen Fund. Ein weiterer Vogel prallte 1941 gegen eine Funkantenne in St. George&#8217;s, wurde zwei Tage lang gepflegt und wieder freigelassen. 1945 dann wurde ein weiterer tot angesp\u00fclt. Es schien, als sei die Zeit endlich (wieder) reif f\u00fcr den Cahow.<\/p>\n<p>Im Jahr 1951 taten sich dann der Zoologe und Spezialist f\u00fcr Sturmv\u00f6gel, Robert C. Murphy aus New York und Mowbrays Sohn Louis S. Mowbray zusammen, um endlich die Brutpl\u00e4tze des Cahows zu finden. Ihnen war klar, dass auf den Hauptinseln keine Sturmv\u00f6gel zu finden sein w\u00fcrden. Die Spanier, die die Bermudas entdeckt hatten, hatten schon Jahrzehnte vor dem Schiffbruch der Sea Venture Schweine als lebenden Proviant auf den Inseln ausgesetzt, die die Eier und hilflosen Jungv\u00f6gel aus ihren H\u00f6hlen ausgruben. Schon die englischen Siedler hatten die Cahows nur noch auf vorgelagerten Inseln angetroffen. Inzwischen gab es auch noch Hunde, Katzen und Ratten auf Bermuda. Nur kleine bis kleinste Inseln, die von den Lands\u00e4ugern nicht erreicht werden konnten, boten Aussicht auf Erfolg. Alle Funde seit 1906 waren in der Umgebung von Castle Harbor gelungen. Cooper&#8217;s Island war im 2. Weltkrieg durch Aufsch\u00fcttungen mit St. David&#8217;s Island verbunden worden, so dass die Insel ebenfalls ausschied. Murphy und Mowbray jr., begleitet von Murphys Frau und dem erst 15-j\u00e4hrigen Sch\u00fcler David Wingate, konzentrierten sich auf die winzig kleinen Felsinseln vor Castle Roads, der Meerenge, die die Zufahrt zu Castle Harbor bildet. Und am 28. Januar 1951 wurde ihre M\u00fche belohnt. Im Schein einer Taschenlampe sahen sie einen Vogel in einer Bruth\u00f6hle sitzen, knapp 2 m vom Eingang entfernt. Sie holten ihn mit einer Schlinge heraus, machten ein paar Fotos und Notizen und lie\u00dfen ihn dann frei. Es war der langersehnte Cahow! Er kehrte sofort in die H\u00f6hle zur\u00fcck, wo die Forscher ein Ei erkennen konnten.<\/p>\n<figure id=\"attachment_23119\" aria-describedby=\"caption-attachment-23119\" style=\"width: 445px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Pterodroma_cahow.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Pterodroma_cahow.jpg\" alt=\"Cahow. Foto: Bermuda Government via Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0\" width=\"445\" height=\"412\" class=\"size-full wp-image-23119\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-23119\" class=\"wp-caption-text\">Cahow. Foto: <a href=\u201chttps:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Pterodroma_cahow.jpg\u201c>Bermuda Government via Wikimedia Commons<\/a>, <a href=\u201chttps:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/de\/\u201c>CC BY-SA 3.0<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p>In den folgenden Wochen fanden Mowbray jr., die Murphys und Wingate Hinweise auf bis zu 14* besetzte Nistpl\u00e4tze, die sich auf drei der winzigen Inseln verteilten. (Sp\u00e4ter kam noch eine vierte Insel hinzu). Damit hatte sich die Zahl der bekannten Bermuda-Sturmv\u00f6gel seit ihrer Wiederentdeckung schlagartig vervielfacht. Dennoch waren 14 Brutpaare eine erschreckend geringe Zahl f\u00fcr den gesamten Weltbestand einer Vogelart. Es war klar, dass dringend etwas getan werden musste, um die Art zu erhalten. <\/p>\n<p>* Nach anderen (durchaus seri\u00f6sen) Quellen waren es 7, 17 oder 18 Paare. Man kann sich nur wundern, wie solche Widerspr\u00fcche entstehen. Die Zahl 14 stammt aus der Originalarbeit von Murphy &#038; Mowbray (1951).<\/p>\n<p>Die offensichtlichste Herausforderung waren zun\u00e4chst einmal die Tropikv\u00f6gel (<i>Phaethon lepturus<\/i>). Diese wundersch\u00f6nen Meeresv\u00f6gel mit ihrem schneewei\u00dfen Gefieder und den verl\u00e4ngerten Schwanzspie\u00dfen haben auf den Bermudas eine der gr\u00f6\u00dften Kolonien in der Karibik. Leider br\u00fcten sie in denselben H\u00f6hlen in den Kalkfelsen, in die die letzten Cahows ausweichen mussten. Als die Spanier die Inseln entdeckten, waren diese noch von einem dichtem Wald, haupts\u00e4chlich aus Bermuda-Wacholder (<i>Juniperus bermudiana<\/i>), Bermuda olivewood (<i>Cassine laneanum<\/i>) und Bermuda-Palmettos (<i>Sabal bermudana<\/i>) bedeckt. In der dicken Humusschicht des Waldbodens konnten die Cahows ihre Nistr\u00f6hren graben und mussten keine Konkurrenz f\u00fcrchten. Doch je mehr sie auf die kargen, vorgelagerten Inseln abgedr\u00e4ngt wurden, desto schlechter wurden die Nistbedingungen. Dort mussten sie mit Kl\u00fcften und Spalten im Kalkgestein vorlieb nehmen, in denen normalerweise die Tropikv\u00f6gel optimale Nistbedingungen vorfanden. Wenn diese am Brutplatz eintreffen, sitzen die jungen Cahows bereits im Nest. Das h\u00e4lt die Tropikv\u00f6gel aber nicht davon ab, die Cahow-K\u00fcken zu t\u00f6ten und die H\u00f6hlen f\u00fcr sich selbst in Beschlag zu nehmen. Als die Cahows wiederentdeckt wurden, fielen mehr als 60% aller Cahow-K\u00fcken den Tropikv\u00f6geln zum Opfer. Die L\u00f6sung waren k\u00fcnstliche Nistr\u00f6hren aus Beton, die genau so bemessen waren, dass die Cahows hinein konnten, die gr\u00f6\u00dferen Tropikv\u00f6gel aber nicht. Sp\u00e4ter wurden diese H\u00f6hlen auch verwendet, um Cahows an Orten auf den Inseln anzusiedeln, an denen es keine geeigneten Naturh\u00f6hlen gab, die aber sicherer vor \u00dcberflutungen durch Hurrikane waren.<\/p>\n<figure id=\"attachment_23121\" aria-describedby=\"caption-attachment-23121\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/White-tailed-Tropicbird.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/White-tailed-Tropicbird.jpg\" alt=\"Weissschwanz-Tropikvogel. Foto: Yooshau, CC BY-SA 3.0\" width=\"500\" height=\"440\" class=\"size-medium wp-image-23121\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-23121\" class=\"wp-caption-text\">Weissschwanz-Tropikvogel. Foto: <a href=\u201chttps:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:White-tailed_tropicbird.jpg\u201c>Yooshau<\/a>, <a href=\u201chttps:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/de\/\u201c>CC BY-SA 3.0<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p>In den 1960ern machten sich die Auswirkungen von DDT bemerkbar, obwohl dieses Pestizid auf Bermuda gar nicht eingesetzt wurde. Offenbar gelangte es \u00fcber Fl\u00fcsse in die marine Nahrungskette und schlie\u00dflich in den Golfstrom, genau in jene Region, wo die Cahows haupts\u00e4chlich ihrem Nahrungserwerb nachgehen. Die Folge waren br\u00fcchige Eischalen und eine deutlich verminderte Schlupfrate. Erst 1962 hatte Rachel Carson in ihrem Buch \u201eSilent Spring\u201c auf die Auswirkungen dieses Umweltgifts hingewiesen, doch es dauerte bis 1972, bis DDT in den USA verboten wurde. Einige Jahre danach stieg die Schlupfrate der Cahows wieder deutlich an.<\/p>\n<p>Die Probleme wechselten sich ab. Als die NASA und die US-Navy Standorte auf Cooper&#8217;s Island ausbauten, st\u00f6rte die extrem helle Beleuchtung dieser Standorte, kaum 1 km von den Brutpl\u00e4tzen der Cahows entfernt, das n\u00e4chtliche Balzverhalten der V\u00f6gel, bis sie auf Dr\u00e4ngen der Regierung der Bermudas abgestellt wurde und die Standorte kurz danach aufgegeben wurden. Im Winter des Jahres 1987 tauchte dann zu jedermanns Erstaunen eine Schneeeule (!) auf der subtropischen Insel auf und lie\u00df sich ausgerechnet auf den Brutfelsen der Cahows nieder, wo sie innerhalb weniger Wochen mehrere Sturmv\u00f6gel t\u00f6tete und fra\u00df. So sehr sich die Naturfreunde auf den Bermudas auch \u00fcber das Erscheinen dieses \u201eexotischen\u201c Vogels freuten \u2013 die Cahows waren zu kostbar, um mit ihnen einen nordischen Wintergast durchzuf\u00fcttern, der vielleicht auf den Bermudas selten war, auf dem amerikanischen Festland aber nicht. Also wurde die Schneeeule mit einem gezielten Schuss erlegt! <\/p>\n<p>In den letzten 15 Jahren macht man sich nun immer gr\u00f6\u00dfere Sorgen um die Folgen der Klimaerw\u00e4rmung. Die Bermudas wurden zuletzt von mehreren, z.T. sehr heftigen Hurrikanen getroffen, die die kleinen Inseln stark erodieren lie\u00dfen oder sogar \u00fcberfluteten, und etliche Bruth\u00f6hlen zerst\u00f6rten. Zum Gl\u00fcck kamen dabei keine Sturmtaucher ums Leben, denn offenbar ist die Brutperiode so getimt, dass sie au\u00dferhalb der Hurrikansaison liegt. Ver\u00e4nderungen im saisonalen Muster der Wirbelst\u00fcrme k\u00f6nnten den V\u00f6geln aber sehr gef\u00e4hrlich werden, und auch so erfordert es nach jedem Sturm einen enormen Arbeitseinsatz, die zerst\u00f6rten Bruth\u00f6hlen wieder herzurichten.<\/p>\n<figure id=\"attachment_23118\" aria-describedby=\"caption-attachment-23118\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Juniperus_bermudiana.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Juniperus_bermudiana.jpg\" alt=\"Alte Bermuda-Wacholder in einem Garten auf Bermuda. Foto: Aodhdubh via Wikipedia, CC BY-SA 3.0\" width=\"500\" height=\"410\" class=\"size-medium wp-image-23118\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-23118\" class=\"wp-caption-text\">Alte Bermuda-Wacholder in einem Garten auf Bermuda. Foto: <a href=\u201chttps:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/File:Juniperus_Bermudiana_09.jpg\u201c>Aodhdubh via Wikipedia<\/a>, <a href=\u201chttps:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/de\/\u201c>CC BY-SA 3.0<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p>Trotz alledem wuchs der Bestand der Cahows durch die intensiven Schutzbem\u00fchungen von 18 Brutpaaren mit 8 Jungv\u00f6geln im Jahr 1960 auf 85 Paare mit 40 Jungv\u00f6geln im Jahr 2008 an. Inzwischen war aber allm\u00e4hlich deutlich geworden, dass die vier winzigen Brutinseln, die zusammen eine Fl\u00e4che von gerade einmal 1 ha besa\u00dfen, den V\u00f6geln keine langfristige Perspektive boten. Doch schon 1963 hatte David Wingate \u2013 inzwischen promovierter Biologe \u2013 ein Projekt initiiert, das den Sturmv\u00f6geln neuen Lebensraum versprach: das Projekt \u201eNonsuch Island Living Museum\u201c. Auf dieser Insel, die mit 5 ha deutlich gr\u00f6\u00dfer war als die anderen Brutinseln, rekonstruierte Wingate mit Hilfe vieler Unterst\u00fctzer ein St\u00fcck Bermuda, wie es vor Ankunft der Menschen einmal ausgesehen haben k\u00f6nnte. Tausende einheimische B\u00e4ume wurden gepflanzt, die Ratten ausgerottet, ein Programm zur Bek\u00e4mpfung invasiver Pflanzenarten gestartet, und k\u00fcnstliche Brutr\u00f6hren installiert. Vor allem aber gab es dort Erdboden, in dem die Cahows selber H\u00f6hlen graben konnten. Nachdem aus den Pflanzungen ein richtiger Wald geworden war, konnte es los gehen. Von 2004 bis 2008 wurden insgesamt \u00fcber 100 Cahow-K\u00fcken aus ihren H\u00f6hlen auf den vier kleinen Inseln entnommen und nach Nonsuch Island gebracht. Hier wurden sie mit Anchovies und Tintenfischen gef\u00fcttert, bis sie schlie\u00dflich fl\u00fcgge wurden und die Insel verlie\u00dfen. Im Jahr 2008 kehrten die ersten der umgesiedelten Sturmv\u00f6gel nach Nonsuch zur\u00fcck, und ein Jahr sp\u00e4ter br\u00fctete \u2013 zum ersten Mal seit 400 Jahren! \u2013 ein P\u00e4rchen Cahows auf Nonsuch Island und zog erfolgreich einen Jungvogel gro\u00df. Seitdem ist auf der Insel eine kleine Kolonie entstanden, und die Natursch\u00fctzer planen bereits die Gr\u00fcndung einer weiteren. Um die Ansiedlungen zu f\u00f6rdern, hat man sogar eine solarbetriebene, zeitgesteuerte Soundanlage installiert, die den V\u00f6geln Balzrufe ihrer Artgenossen vorspielt, um sie zur Landung zu bewegen.<\/p>\n<p>Auch die Erforschung der Lebensweise des Cahow kommt voran. In einer <a href=\u201chttps:\/\/www.nonsuchisland.com\/live-cahow-cam\/\u201c>H\u00f6hle auf Nonsuch Island hat man eine Webcam<\/a> installiert, die w\u00e4hrend der Brutzeit l\u00fcckenlose Beobachtungen der Jungenaufzucht erm\u00f6glicht (Da im Moment keine Brutsaison ist, gibt es dort ersatzweise Videos zu sehen). Au\u00dferdem wurden einige V\u00f6gel mit Datenloggern ausger\u00fcstet, mit denen man die V\u00f6gel auch auf ihren langen, ein bis zwei Wochen dauernden Nahrungsfl\u00fcgen verfolgen kann. Seitdem wei\u00df man, dass einzelne Cahows bis zu 7.000 km am St\u00fcck fliegen und dabei sogar den Packeisrand im Nordatlantik erreichen k\u00f6nnen. Im Jahr legen Cahows bis zu 100.000 km zur\u00fcck!<\/p>\n<p>Der Cahow ist nicht die einzige vom Aussterben bedrohte Sturmvogelart. Es gibt mittlerweile Arten, die noch seltener und noch st\u00e4rker bedroht sind als er. Er ist noch nicht einmal die einzige Art, die f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit verschollen war. Die abgelegenen Brutpl\u00e4tze und n\u00e4chtlichen Lebensgewohnheiten der meisten Arten machen die Erfassung von Vorkommen so au\u00dferordentlich schwierig, dass von manchen Arten noch nie Nester gefunden wurden. Gelegentlich werden sogar neue Arten entdeckt, die bis heute der Aufmerksamkeit der Ornithologen v\u00f6llig entgangen waren, erst 2011 z. B. ein Sturmtaucher namens <i>Puffinus bryani<\/i>. Aber keine andere Vogelart war je f\u00fcr einen so langen Zeitraum verschollen wie der Cahow, um dann ein Comeback zu starten. Und auch, wenn die Riesenschw\u00e4rme, die die Schiffbr\u00fcchigen der Sea Venture einst auf Cooper&#8217;s Island antrafen, f\u00fcr immer der Geschichte angeh\u00f6ren werden, so gibt es doch Hoffnung, dass der Bestand des Cahows noch eine Weile weiter w\u00e4chst: Im Jahr 2014 z\u00e4hlten die Artensch\u00fctzer 108 Brutpaare von seiner Art, die zusammen 58 Jungv\u00f6gel erfolgreich aufzogen! <\/p>\n<p>Im Bermuda-Dreieck, so scheint es, verschwinden nicht nur Dinge \u2013 manchmal tauchen sie auch wieder auf!<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" width=\"560\" height=\"315\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/koo9S8dNVIM\" frameborder=\"0\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Dieses Video fasst noch einmal vieles von dem zusammen, was ich hier geschrieben habe. Wer sich weiter informieren will, findet noch viele weitere Infos in den von mir benutzten Quellen. Die wichtigsten sind:<\/p>\n<p>Lee, David S., 2015: Gulf Stream Chronicles. A naturalist explores life in an ocean river. University of North Carolina Press. 304 pp.<\/p>\n<p>Murphy, R.C &#038; Mowbray, L.S., 1951: New light on the Cahow, Pterodroma cahow. The Auk, 68(3): 266-280. <a href=\u201chttps:\/\/sora.unm.edu\/sites\/default\/files\/journals\/auk\/v068n03\/p0266-p0280.pdf\u201c> Download (pdf).<\/a><\/p>\n<p><a href=\u201chttps:\/\/www.biodiversitylibrary.org\/item\/103251#page\/276\/mode\/1up\u201c>Verrill, A.E., 1902: The Bermuda Islands. Privately publ., New Haven. 558 pp. <\/a><\/p>\n<p><a href=\u201chttps:\/\/www.amazon.de\/Brave-Vessel-Castaways-Rescued-Jamestown\/dp\/0143117521\u201c>Woodward, H., 2009: A brave vessel: The true tale of the castaways who rescued Jamestown. Penguin, London. 268 pp.<\/a><\/p>\n<p>sowie die Seite von <a href=\u201chttps:\/\/www.birdlife.org\/datazone\/species\/factsheet\/22698088\u201c> Birdlife International zum Cahow <\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hinweis: Dieser Artikel ist ein Beitrag zum ScienceBlogs Blog-Schreibwettbewerb 2016. Hinweise zum Ablauf des Bewerbs und wie ihr dabei Abstimmen k\u00f6nnt findet ihr hier. Das sagt der Autor des Artikels, Rainer Massmann \u00fcber sich: Hallo! Ich hei\u00dfe Rainer Massmann und habe vor knapp zwanzig Jahren an der Uni Bielefeld mein Bio-Diplom gemacht. 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