{"id":23073,"date":"2016-09-19T06:00:42","date_gmt":"2016-09-19T04:00:42","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2016\/09\/19\/worte-sind-nie-genug\/"},"modified":"2025-05-14T16:17:45","modified_gmt":"2025-05-14T14:17:45","slug":"worte-sind-nie-genug","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2016\/09\/19\/worte-sind-nie-genug\/","title":{"rendered":"Worte sind nie genug"},"content":{"rendered":"<p><i><b>Hinweis: <\/b>Dieser Artikel ist ein Beitrag zum <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2016\/07\/19\/der-scienceblogs-blog-schreibwettbewerb-2016\/\">ScienceBlogs Blog-Schreibwettbewerb 2016<\/a>. Hinweise zum Ablauf des Bewerbs und wie ihr dabei Abstimmen k\u00f6nnt <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/?p=22936\">findet ihr hier<\/a>.<br \/>\n<a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/sb-wettbewerb.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/sb-wettbewerb.png\" alt=\"sb-wettbewerb\" width=\"500\" height=\"172\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-15702\" \/><\/a><\/i><\/p>\n<p><b>Das sagt die Autorin des Artikels, <b>Lisa Leander<\/b> \u00fcber sich:<\/b><\/p>\n<p>Ich bin gelernte Wissenschaftsjournalistin, arbeite aber jetzt am KIT. Im Studium und beruflich habe ich schon ab und zu an verschiedenen Stellen gebloggt.<\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;<\/p>\n<p>Worte sind nie genug<\/p>\n<p>Es gibt diese Menschen, die gar nichts B\u00f6ses wollen. Sie glauben nicht an Verschw\u00f6rungen, verteufeln keine Impfungen oder Ma\u00dfnahmen f\u00fcr den Klimaschutz. Sie wollen einfach nur die Welt erkl\u00e4ren. Aber genau an dieser Stelle l\u00e4uft alles schief. Die theoretische Physikerin Sabine Hossenfelder kennt solche Menschen. Sie hat Emails bekommen, in denen der Absender erkl\u00e4rt, er habe wahrscheinlich die neue Weltformel entdeckt, ob sie seine Theorie nicht eben pr\u00fcfen k\u00f6nne. Er (es  ist komischerweise immer ein er) ist selbst kein Physiker. Doch anstatt die H\u00e4nde \u00fcber dem Kopf zusammenzuschlagen, bot Hossenfelder einen neuen Service an: \u201cTalk to a physicist. Call me on Skype. $50 per 20 minutes\u201c. <\/p>\n<p>Was dann geschah, <a href=\"https:\/\/aeon.co\/ideas\/what-i-learned-as-a-hired-consultant-for-autodidact-physicists\">erkl\u00e4rt sie in einem Blogpost<\/a>. Sie hatte Erfolg mit ihrer Idee und hat f\u00fcr ihren Bericht im Netz viel Anerkennung bekommen. Denn diese Emails kennen nicht nur Physiker, sondern auch Wissenschaftsjournalisten und Mitarbeiter aus der \u00d6ffentlichkeitsarbeit. Ich habe sie auch erhalten, und nicht nur Emails, sondern schriftliche Abhandlungen, die per Post kamen, viele Seiten, aufwendig gestaltet und gebunden. Es sollte um Physik gehen, doch die Texte enthielten keine einzige Formel. Ich finde es toll, dass Sabine Hossenfelder die \u201eautodidaktischen Physiker\u201c,  wie sie sie nennt, ernst nimmt und sich als Ansprechpartnerin anbietet. Doch die Frage bleibt: Wie kommen die Leute eigentlich darauf, immense Zeit und M\u00fche in, nun ja, gedankliche Luftschl\u00f6sser zu stecken? Viele von ihnen haben anscheinend echtes Interesse an den Geheimnissen des Universums, warum steuern sie zielsicher an bestehenden wissenschaftlichen Erkenntnissen vorbei?<\/p>\n<p>Hossenfelder hat dazu folgende Erkl\u00e4rung: Die Wissenschaft wird zu anschaulich dargestellt. Journalisten w\u00fcrden  oft Metaphern oder Illustrationen benutzen, um komplizierte Zusammenh\u00e4nge und Ph\u00e4nomene zu erkl\u00e4ren, ohne deutlich zu machen, wie unzureichend solche Umschreibungen sind. Mich \u00fcberzeugt dieses Argument nicht ganz, \u00e4hnlich sieht es <a href=\"https:\/\/blogs.helmholtz.de\/augenspiegel\/2016\/08\/augenspiegel-32-16\/\">Henning Krause von der Helmholtz-Gemeinschaft in seiner Augenspiegel-Kolumne<\/a> (im Absatz: &#8222;Wie sollen ForscherInnen kommunizieren?&#8220;). Ich musste spontan an einen <a href=\"https:\/\/www.meta-magazin.org\/2016\/07\/11\/was-fliesst-hier-eigentlich\/\">Beitrag von Axel Bojanowski<\/a> denken, in dem er sich damit auseinandersetzt, wie gut oder wie sch\u00e4dlich Metaphern im Wissenschaftsjournalismus sein k\u00f6nnen. Er schreibt \u00fcber Geologie und wenn er Vereinfachungen benutzt, ist ihm klar, dass sie nicht exakt sind. Doch wenn er einen lesenswerten Artikel verfassen will, muss er diese Ungenauigkeit in Kauf nehmen. Zugespitzter \u2013 daf\u00fcr sehr am\u00fcsant \u2013 ist es in diesem GIF zur Entdeckung des Higgs-Bosons dargestellt. <a href=\"https:\/\/achintyarao.in\/2014\/05\/journalists-vs-scientists-summarised-by-an-animated-gif\/\">Doch auch hier macht der Autor klar<\/a>, dass er der Presse nicht vorwirft, alles zu verf\u00e4lschen. Vielmehr m\u00f6chte er zeigen, wie schwer es ist, die Fachsprache zu \u201e\u00fcbersetzen\u201c.<\/p>\n<p><!-- Place this tag in your head or just before your close body tag. --><br \/>\n<script type=\"text\/javascript\" src=\"https:\/\/apis.google.com\/js\/plusone.js\"><\/script><br \/>\n<!-- Place this tag where you want the widget to render. --><\/p>\n<div class=\"g-post\" data-href=\"https:\/\/plus.google.com\/+AchintyaRao\/posts\/fx2BAfLd98b\"><\/div>\n<p>Ich denke, die meisten Wissenschaftsjournalisten kennen den Nutzen und die Gefahren von Metaphern sehr wohl. Ein gro\u00dfer Teil von ihnen hat selbst ein wissenschaftliches Studium hinter sich &#8211; wie Bojanowski. Sie kennen beide Welten, die der (fr\u00fcheren) Fachkollegen und die des Publikums, f\u00fcr das sie berichten. Auch diejenigen, die keine Wissenschaftler sind, m\u00fcssen das runterbrechen, was ihnen der Experte im Interview so ausf\u00fchrlich dargestellt hat. Das Gleiche gilt f\u00fcr Pressesprecher, die diesen Balanceakt zum Beispiel bei Pressemitteilung bew\u00e4ltigen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Es gibt nat\u00fcrlich Ausnahmen, vor allem wenn unbedacht schlechte Vergleiche gezogen werden oder eine ohnehin schon schiefes Bild immer wieder \u00fcbernommen wird. In der Berichterstattung zur Entdeckung des Higgs Bosons war das sicher der Fall (Gottesteilchen!). Trotzdem musste ich nach Hossenfelders Blogbeitrag an etwas anderes denken. Ich wei\u00df nicht mehr genau, wann ich zum ersten Mal die \u201eKurze Geschichte der Zeit\u201c von Stephen Hawking in der Hand hatte. Es war auf jeden Fall lange bevor ich selbst den Berufsweg Wissenschaftsjournalist eingeschlagen habe. Es war eine illustrierte Ausgabe und ich fand sie fantastisch! Die vielen Bilder halfen \u00fcber die schwierigen Textstellen hinweg, selbst wenn man nur durch die Abbildungen bl\u00e4tterte, gab es eine Menge zu entdecken. Genau das muss Sabine Hossenfelder meinen, wenn sie von den bunten Illustrationen spricht, von den manche Leute denken m\u00f6gen: \u201eGenau so ist das, so funktioniert das.\u201c Daraufhin formulieren und konstruieren sie ihre eigene Weltformel. All die Mathematik und die jahrelange Forschungsarbeit, die hinter diesen Theorien steht, sind schlie\u00dflich nicht erkennbar. Ich meine, ich h\u00e4tte einmal gelesen, dass in Hawkings urspr\u00fcnglichem Manuskript eine ganze Menge Formeln erhalten waren. Doch da das Buch eine breite Leserschaft erreichen sollte, flogen sie bei den \u00dcberarbeitungen des Textes wieder raus. Wesentlich besser erinnere ich mich daran, dass mein Physikprofessor solche B\u00fccher als Werke der Naturphilosophie bezeichnete, nicht der Physik \u2013 denn die Sprache der Physik sei die Mathematik, und die fehle hier komplett.<\/p>\n<figure id=\"attachment_23114\" aria-describedby=\"caption-attachment-23114\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Bild_LisaLeander_CCbyncnd-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Bild_LisaLeander_CCbyncnd-scaled.jpg\" alt=\"Quelle: Lisa Leander, CC by-nc-nd\" width=\"500\" height=\"534\" class=\"size-medium wp-image-23114\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-23114\" class=\"wp-caption-text\">Quelle: Lisa Leander, CC by-nc-nd<\/figcaption><\/figure>\n<p>Hatte ich beim Lesen damals die Vorstellung, das Universum lie\u00dfe sich in ein paar bunten Bildern erkl\u00e4ren? Fest steht, dass ich bei dem Buch von Hawkings Physikerkollegen Kip Thorne \u2013 ein W\u00e4lzer mit mathematischem Anhang namens \u201eGekr\u00fcmmter Raum und verbogene Zeit\u201c \u2013 nie \u00fcber das einleitende Kapitel hinauskam. Mittlerweile bin ich mir sicher, dass man wissenschaftliche Sachverhalte in Worten niemals so pr\u00e4zise ausdr\u00fccken kann, wie es in Formeln m\u00f6glich ist \u2013 das gilt zumindest f\u00fcr die Naturwissenschaften. Die \u00dcbersetzung in geschriebene Sprache ist immer eine Ann\u00e4herung, eine Umschreibung, ein Ausschnitt des Ganzen. Selbst an die einfachsten, grundlegendsten Gesetze kann man nur dann wirklich erfassen und auf ihnen aufbauen, wenn man die Formeln vor sich hat. Geht es nur nach der fachlichen Genauigkeit, hat der Journalist, Autor oder wer auch immer im Grunde schon verloren, sobald er die ersten Worte aufs Papier bringt.<\/p>\n<p>Ich werde trotzdem nicht aufh\u00f6ren, solche B\u00fccher zu lesen. Neben denen, die sich ebenfalls gerne in solchen Texten vertiefen, gibt es andere, die sie nicht m\u00f6gen, oft aus den oben genannten Gr\u00fcnden. Ich fand es allerdings interessant, dass Sabine Hossenfelder auf nicht explizit auf diesen Punkt eingegangen ist. Die gro\u00dfen Unterschiede zwischen journalistischen Produkten und Sachb\u00fcchern lasse ich jetzt au\u00dfen vor, doch k\u00f6nnen nicht beide das Weltbild beeinflussen, dass die wissenschaftlichen Autodidakten sich aufbauen? Oder braucht man nur \u201epopul\u00e4rwissenschaftlich\u201c davor zu schreiben, damit die Sache scheinbar klar ist? Wie gehen die Autoren solcher B\u00fccher damit um, haben sie einfach Lust am sprachlichen Formulieren oder hadern sie auch mit den Worten? <\/p>\n<p>So, das waren einige offene Fragen zum Schluss \ud83d\ude42 Was meint ihr? Ohne die eine oder die andere Seite verteufeln zu wollen, was und vor allem wie lest ihr, wenn es um Wissenschaft geht?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hinweis: Dieser Artikel ist ein Beitrag zum ScienceBlogs Blog-Schreibwettbewerb 2016. Hinweise zum Ablauf des Bewerbs und wie ihr dabei Abstimmen k\u00f6nnt findet ihr hier. Das sagt die Autorin des Artikels, Lisa Leander \u00fcber sich: Ich bin gelernte Wissenschaftsjournalistin, arbeite aber jetzt am KIT. 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