{"id":23043,"date":"2016-09-13T06:00:11","date_gmt":"2016-09-13T04:00:11","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2016\/09\/13\/die-wahrscheinlich-teuerste-illusion-der-welt\/"},"modified":"2025-05-14T16:17:36","modified_gmt":"2025-05-14T14:17:36","slug":"die-wahrscheinlich-teuerste-illusion-der-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2016\/09\/13\/die-wahrscheinlich-teuerste-illusion-der-welt\/","title":{"rendered":"Die wahrscheinlich teuerste Illusion der Welt"},"content":{"rendered":"<p><i><b>Hinweis: <\/b>Dieser Artikel ist ein Beitrag zum <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2016\/07\/19\/der-scienceblogs-blog-schreibwettbewerb-2016\/\">ScienceBlogs Blog-Schreibwettbewerb 2016<\/a>. Hinweise zum Ablauf des Bewerbs und wie ihr dabei Abstimmen k\u00f6nnt <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/?p=22936\">findet ihr hier<\/a>.<br \/>\n<a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/sb-wettbewerb.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/sb-wettbewerb.png\" alt=\"sb-wettbewerb\" width=\"500\" height=\"172\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-15702\" \/><\/a><\/i><\/p>\n<p><b>Das sagt der Autor des Artikels, <b>Marc Schanz<\/b> \u00fcber sich:<\/b><br \/>\nIch habe Diplom-Psychologie studiert und mein Nebenwach war BWL. Seit der Krise streite ich mich im Netz des \u00f6fteren mit \u00d6konomen. Mein Hobby l\u00e4sst sich daher am besten mit &#8222;Therapeut f\u00fcr den krisengeplagten homo oeconomicus&#8220; beschreiben. Aufgrund meines Studiums habe ich einen verzerrten Blick auf die \u00d6konomie, den man meinen Artikeln anmerken soll. <\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;<br \/>\nDie wahrscheinlich teuerste Illusion der Welt<\/p>\n<p>&#8222;Jedes Angebot schafft sich seine Nachfrage selbst!&#8220; &#8211; das ist die klare Aussage des Sayschen Theorems, einem der stabilsten und bedeutendsten Pfeiler der angebotsorientierten \u00d6konomie. Probleme auf der Nachfrageseite? Kann es nicht geben! Eine weitere St\u00fctze dieser Sichtweise ist der abnehmende Grenznutzen. Er besagt, wir h\u00f6ren auf, G\u00fcter zu erwerben, wenn unsere Nutzenbed\u00fcrfnisse ausreichend befriedigt sind. Die Leute kaufen nichts mehr? Kein Problem, sie sind alle ges\u00e4ttigt! Auf diesem breiten Fundament bauen die allgemeinen Gleichgewichtsmodelle auf, die generelle Aussagen \u00fcber das Wirtschaften erlauben. Dar\u00fcber befindet sich das Dach aus dem volkswirtschaftlichen Pareto-Optimum, einem Zustand, in dem s\u00e4mtliche G\u00fcter optimal verteilt sind. Dieses imposante Gedankengeb\u00e4ude gipfelt in der Aussage: Allein die angebotsorientierte Wirtschaftspolitik erm\u00f6gliche das f\u00fcr die Gesamtwirtschaft beste Ergebnis und sei daher der einzige Weg f\u00fcr einen nahezu perfekten Wohlstand f\u00fcr alle.<br \/>\nDieses so wuchtige und scheinbar stabile Geb\u00e4ude, welches die Wirtschaftswissenschaften die \u00fcberwiegende Zeit dominiert, hat einen erheblichen Makel. Nachfragekrisen d\u00fcrfte es niemals geben, doch es gab sie in Form der Weltwirtschaftskrisen in den Jahren ab 1929 bis Ende der 30er und seit 2007. Einige Geb\u00e4udeteile m\u00fcssen daher fehlerhaft sein, es hat also eine Fassade mit einigen Illusionsfragmenten. Ich m\u00f6chte die Frage kl\u00e4ren, welche das genau sind.<\/p>\n<p>Nehmen wir die Statik des Theoriengeb\u00e4udes etwas genauer unter die Lupe. Betrachten wir zuerst eine etwas kleinere St\u00fctze. Der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Grenznutzen\">abnehmende Grenznutzen<\/a> basiert auf der Annahme, dass sich die Bed\u00fcrfnisse eines Menschen \u00fcber Vergleiche in eine Pr\u00e4ferenzrangordnung bringen lassen. Das ist plausibel, denn es gibt unbestreitbar wichtige Grundbed\u00fcrfnisse, wie Hunger oder Durst, aber auch weniger wichtige wie das Verlangen nach Luxus. Ordnet man diesen unterschiedlichen Bed\u00fcrfnissen Rangwerte zu, lassen sich diese rein subjektiven Bewertungen auf einmal auf einer <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ordinalskala\">Ordinalskala<\/a> messen. Bewertet man nach diesem Schema nicht nur einzelne Produkte, sondern Produktmengenkombinationen, ergibt sich hieraus die sogenannte Nutzenfunktion. Sie erlaubt eine theoretische Beschreibung der Nachfragemenge in Bezug auf einen theoretischen Nutzen. Nach dem <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gossensches_Gesetz\">Gossenschen Gesetz<\/a> aus dem Jahre 1854 nimmt bei steigender Menge der Nutzen ab, bis eine S\u00e4ttigung erreicht wird. Die erste Ableitung dieser Nutzenfunktion ist die Grenznutzenfunktion. Sie beschreibt den Zuwachs an Nutzen, der pro zus\u00e4tzlich konsumierter Einheit entsteht. Diese Grenznutzenkurve soll \u00fcber die Eigenschaft verf\u00fcgen, zu einer Angebotspreis\u00e4nderung die entsprechende Ver\u00e4nderung der Nachfrage zu bestimmen.<br \/>\nSchauen wir kurz bei einem Kiosk vorbei, um die graue Theorie des Grenznutzens an einem leicht verdaulichen Beispiel zu beschreiben: Ich bekomme Hunger und kaufe mir am Kiosk eine Curry Wurst. Mein Hunger ist zumindest teilweise gestillt, aber es hat mir so gut geschmeckt, dass ich noch eine zweite Portion esse. Der zus\u00e4tzliche Nutzen dieser Portion nimmt ab, sie stillt nicht mehr meinen prim\u00e4ren Hunger, sondern nur noch eine gewisse Essenslust. Nach der zweiten Portion habe ich keinen Appetit mehr, ich bin richtig statt. Jede weitere Portion w\u00fcrde mir nun \u00dcbelkeit bereiten, der Grenznutzen der Curry Wurst ist f\u00fcr mich jetzt negativ.<\/p>\n<figure id=\"attachment_22950\" aria-describedby=\"caption-attachment-22950\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/currywurst.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/currywurst.png\" alt=\"Bild: Rainer Z, CC-BY-SA 3.0)\" width=\"500\" height=\"133\" class=\"size-medium wp-image-22950\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-22950\" class=\"wp-caption-text\"><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Datei:Currywurst-1.jpg\">Bild: Rainer Z<\/a>, <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/deed.de\">CC-BY-SA 3.0<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Das Beispiel ist leicht verst\u00e4ndlich und auch richtig. \u00d6konomische Entscheidungen von Lebensmittelk\u00e4ufen werden \u00fcblicherweise aufgrund eines nicht vorhandenen physiologischen S\u00e4ttigungsgef\u00fchls getroffen, das auch unter dem Ph\u00e4nomen Hunger bekannt ist.<br \/>\nAus theoretischer Sicht ist das Grenznutzenmodell \u00fcberaus elegant, es basiert auf dem abstrakten Nutzen der G\u00fcter und einem S\u00e4ttigungmechanismus, die sowohl f\u00fcr den Umfang als auch f\u00fcr die Dynamik der Nachfrage sorgen sollen. Die Nachfrage organisiert sich einfach selbst, es m\u00fcssen daher keine weiteren Einfl\u00fcsse oder Faktoren ber\u00fccksichtigt werden. Ich habe keinen Hunger, also kaufe ich kein Essen! Mein Schrank ist voll, also kaufe ich keine Kleidung! Krisen k\u00f6nnen nur durch einen Angebotsmangel entstehen, da jeglicher Nachfrager\u00fcckgang allein auf einer unbedenklichen S\u00e4ttigung beruht.<br \/>\nDer Grenznutzen erscheint in sich schl\u00fcssig zu sein und keine nennenswerten Angriffsfl\u00e4chen zu bieten. Ein tragende St\u00fctze der angebotsorientierten \u00d6konomie, die scheinbar keinen Makel aufweist. Er ist jedoch nur eine Illusion, denn er basiert auf dem gravierenden Denkfehler, das Prinzip der S\u00e4ttigung auf s\u00e4mtliche \u00f6konomische Entscheidungen zu verallgemeinern. Eine auf Konsum getrimmte Gesellschaft kennt keine Begrenzung ihrer Bed\u00fcrfnisse. Wo ist meine pers\u00f6nliche Grenze f\u00fcr meinen Bedarf an B\u00fcchern, Reisen oder Gold? Ich bin ganz ehrlich, ich habe keine! Und dennoch, obwohl ich nicht ges\u00e4ttigt bin, konsumiere ich nicht alles, was ich begehre. Wenn ich k\u00f6nnte, w\u00fcrde ich st\u00e4ndig das neuste Smartphone kaufen, sobald es auf dem Markt erscheint. Weshalb mache ich es nicht? Weil ich es mir nicht leisten kann! Jeder kennt einen Konsumwunsch, den er sich zur Zeit nicht erf\u00fcllen kann, und jeder kennt sehr gut die schmerzlich begrenzende Wirkung des Geldbeutels, welche der Wunscherf\u00fcllung entgegensteht.<br \/>\nIst es denn wirklich so entscheidend, ob die Begrenzung auf der S\u00e4ttigung eines imagin\u00e4ren Nutzens oder schlicht Geldmangel beruht? Ist es vielleicht nur ein kleiner, unbedeutender Riss in der Farbschicht der S\u00e4ule des Grenznutzens, der sich einfach zu spachteln l\u00e4sst? Nein, ist er nicht. Um das zu verstehen, muss man jedoch die Funktion dieses St\u00fctzpfeilers etwas genauer kennen.<\/p>\n<p>N\u00e4hern wir uns von einer anderen Seite der S\u00e4ule und betrachten sie, indem wir uns die Frage stellen: Was soll der Grenznutzen eigentlich sein? Er ist ein Modell f\u00fcr das konkrete Kaufverhalten aller Konsumenten. Die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kaufverhalten\">empirischen Studien zum Kaufverhalten<\/a> folgen keinesfalls immer dem rationalen Nutzenprinzip. Die \u00d6konomie versucht im Grunde, die menschlichen Unw\u00e4gbarkeiten des \u00f6konomischen Handelns durch ein Modell zu ersetzen, dass ohne diese Unw\u00e4gbarkeiten auskommt. Es ist der theoretische Geburtsvorgang des homo oeconomicus. Die Rationalit\u00e4t, die eine abstrakte Nutzenzskala ausstrahlt, hat daher nichts mit der chaotischen Realit\u00e4t des menschlichen Kaufverhaltens zu tun. Eines dieser chaotischen Elemente sind die in sich widerspr\u00fcchlichen, sogenannte <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Transitive_Relation\">intransitiven<\/a> Pr\u00e4ferenzurteile, die zudem zeitlich meist instabil sind und sich leicht beeinflussen lassen, insbesondere durch Werbung. Die Idee eines dominierenden, rationalen Nutzens wird zunehmend zur Illusion.<\/p>\n<p>F\u00fcr unsere Fehleranalyse der Geb\u00e4udestatik betrachten wir einen der fundamentalen \u00f6konomischen Faktoren, den Einfluss des Budgets auf die Pr\u00e4ferenzurteile. Wie viel Geld steht uns zur Wunscherf\u00fcllung zur Verf\u00fcgung? Machen wir hierzu einen kleinen Selbstversuch: Einem fiktiven Lottogewinn. Weder \u00e4ndert sich das Marktangebot oder der -preis, noch \u00e4ndern sich irgendwelche Produktnutzen, noch verschieben sich irgendwelche S\u00e4ttigungsgrenzen. Die Schlussfolgerung aus dem abnehmenden Grenznutzen lautet: Wir w\u00fcrden trotz des Lottogewinns unser altes Nachfrageverhalten beibehalten. Diese Implikation ist grotesk. Jedes zus\u00e4tzliche Einkommen bietet die Chance, unsere unbefriedigten W\u00fcnsche zu erf\u00fcllen. Mein Kaufverhalten ist eindeutig vom vorhandenen Geld abh\u00e4ngig, ich h\u00e4tte am n\u00e4chsten Tag dem Gewinn ein neues Smartphone in der Hand &#8211; ein solcher Gewinn w\u00fcrde nicht nur mein Konsumverhalten schlagartig \u00e4ndern.<br \/>\nWenn die Pr\u00e4ferenzentscheidungen durch das individuell zur Verf\u00fcgung stehende Budget wesentlich beeinflusst wird, wie wir an unserem leider nur imagin\u00e4ren Lottogewinn sehen k\u00f6nnen, dann heisst das nichts anderes, als das Budget\u00e4nderungen die Nachfrage entscheidend beeinflussen, und diese Nachfrage\u00e4nderung wirkt wiederum auf den Gleichgewichtspreis. Somit ist eine der wichtigen Thesen der klassischen \u00d6konomie, die Nachfrage beruhe allein auf rationalen Nutzenpr\u00e4ferenzen und deren S\u00e4ttigung, nicht mehr haltbar.<\/p>\n<p>Jetzt, nachdem wir eine tragende S\u00e4ule entfernt haben, schauen wir uns das zentrale St\u00fctzelement an. Um den Denkfehler im <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Saysches_Theorem\">Sayschen Theorem<\/a> zu erkennen, m\u00fcssen wir die gerade gefundene L\u00f6sung etwas Ausdifferenzieren. Die meisten Budgets zeigen ein relativ klar erkennbares Muster. Es gibt Budgets, die das meiste Geld von der Anbieterseite in Form von Lohn empfangen und einen gro\u00dfen Teil f\u00fcr Konsumg\u00fcter ausgeben und es gibt andere Budgets, die ihre Einnahmen aus Verk\u00e4ufen generieren und f\u00fcr Lohn und Produktion ausgeben. Daraus entsteht eine Budgetstruktur mit klar identifizierbaren Mustern: Die meisten Budgets lassen sich nahezu eindeutig der Anbieter- oder der Nachfrageseite zuordnen. Daher unterscheiden sich Budgets sowohl in ihren \u00f6konomischen Eigenschaften, indem sie zum Beispiel eine individuelle Nachfragewirkung haben, als auch in ihren Beziehungen untereinander, die auf Gewohnheiten oder Zuf\u00e4lligkeiten basieren k\u00f6nnen, zunehmend jedoch vertraglich fixiert werden und den <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Saldenmechanik\">saldenmechanischen Effekten<\/a> unterliegen.<br \/>\nDie Aussage des Sayschen Theorems, das Geld f\u00fcr die Nachfrage sei vorhanden, ist logisch richtig. Das investierte Geld, das ein Unternehmen zur Produktion ausgeben musste, verbleibt abz\u00fcglich der Kredittilgungen im Umlauf und kann daher die Nachfrage f\u00fcr die produzierten G\u00fcter erzeugen. Aber das Saysche Theorem macht keine Aussage dar\u00fcber, ob das Geld auch zu den Budgets gelangt, die mit hoher Wahrscheinlichkeit Nachfrage generieren. In anderen Worten: Geld allein generiert keine Nachfrage, das Geld muss auch in die H\u00e4nde derjenigen gelangen, die ein hohes Nachfragebed\u00fcrfnis haben.<br \/>\nBudget\u00e4nderungen haben, je nachdem welches Budget sie konkret betreffen, messbar unterschiedliche Wahrscheinlichkeiten ihrer \u00f6konomischen Wirkung. Da das Saysche Theorem blind f\u00fcr diese Budgetdynamiken ist, scheint es unerheblich zu sein, wohin das Geld flie\u00dft. In der Realit\u00e4t gibt es jedoch Budgetpfade, die unterschiedliche <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Umlaufgeschwindigkeit_(Geld)\">Umlaufgeschwindigkeiten des Geldes<\/a> erzeugen. Ein Pfad kann direkt zu einem hortenden Konto oder einem Auslandskonto f\u00fchren und so keinerlei Binnennachfrage generieren, ein anderer Pfad f\u00fchrt durch zahlreiche realwirtschaftliche Anbieter- und Nachfragekonten und ist somit am realwirtschaftlichen Wachstum beteiligt. Die Aussage des Sayschen Theorems, dass das Geld f\u00fcr die Nachfrage aufgrund der Ausgaben f\u00fcr die Angebotsproduktion vorhanden sei, bleibt richtig, dass Geld an sich jedoch zwingend zu einer tats\u00e4chlichen Nachfrage f\u00fchrt, ist falsch. <\/p>\n<p>Worin liegen nun genau die Unterschiede in der neo-klassischen und der budgetbasierten Betrachtungsweisen der Nachfrage? Am besten l\u00e4sst sich das zeigen, in dem wir ein abstraktes Beispiel konstruieren. Wir haben die Geldmenge 1 und einen einzigen Markt mit einem einzigen Produkt, vielen Anbietern und zahlreichen Kunden. Die y-Achse erfasst einen hypothetischen Marktumsatz. Auf der linken Seite des Schaubildes befindet sich bei x = -1 s\u00e4mtliches Geld bei den Kunden, bei x = 0 verf\u00fcgen beide Seiten je \u00fcber die H\u00e4lfte der Geldmenge und auf der rechten Seite bei x = 1 ist s\u00e4mtliches Geld bei den Anbietern. Die blaue Gerade zeigt die Perspektive der klassischen \u00d6konomie. Wenn sich die Bedingungen der Angebotsseite durch st\u00e4ndige Budgetvergr\u00f6\u00dferung verbessern, werden diese in Form von Investitionen zu einer Steigerung der Angebotsmenge f\u00fchren. Eine Rolle der Nachfragebudgets wird in dieser Phase negiert.<br \/>\nIm ersten, hellen Abschnitt \u00fcberlagern sich beide Kurven. Die rote Kurve zeigt sich erst, wenn aufgrund der K\u00fcrzungen der Nachfragebudgets beginnen sich die Pr\u00e4ferenzen zu \u00e4ndern. Bereits weit vor dem Erreichen einer Budgetrestriktion sinkt die Kaufbereitschaft deutlich.<\/p>\n<figure id=\"attachment_22951\" aria-describedby=\"caption-attachment-22951\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/neoclassic-vs-budgets.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/neoclassic-vs-budgets.png\" alt=\"Bild: Marc Schanz, CC BY 4.0 \" width=\"500\" height=\"344\" class=\"size-medium wp-image-22951\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-22951\" class=\"wp-caption-text\">Bild: Marc Schanz, CC BY 4.0<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Arrow-Debreu-Gleichgewichtsmodell\">allgemeinen Gleichgewichtsmodelle<\/a> der klassischen \u00d6konomie gesteht den Budgets nur eine nachgeordnete Funktion zu. Es f\u00fchrt dazu, dass sie wie bei einem Monopoly Spiel nur eine Game-Over-Situation kennen, wenn die Budgets bei Null sind. Selbst kurz vor diesem Game Over soll sich die Wirtschaft in einem Pareto-Optimum befinden. Ist das wirklich so oder ist nicht vielmehr gerade das Dach des Theoriengeb\u00e4udes eingest\u00fcrzt? Sowohl die Angebotsmenge als auch die Nachfrage sind in einer modernen Wirtschaft Einfl\u00fcssen zahlreicher Faktoren unterworfen, welche wie im Fall der Verteilung des Geldes mit beiden Seiten interagieren k\u00f6nnen. Die angebotstheoretische Annahme, f\u00fcr das wirtschaftliche Optimum m\u00fcsse nur die maximale Angebotsmenge produziert werden, ist daher offensichtlich falsch.<\/p>\n<p>Es gibt noch einen weiteren Grund, welcher die Bausubstanz in ihren Grundfesten angreift. Nach der klassischen \u00d6konomie besteht zwischen den G\u00fctern kein qualitativer Unterschied. Es gab bisher mehrere \u00d6lpreisschocks, aber es gab noch keinen Segelyachtenschock und es wird ihn auch nicht geben. F\u00fcr klassische Modelle verhalten sich beide G\u00fcter gleich, betrachtet man die Auswirkung aus der Sicht einer Budgetstruktur, wird der \u00f6konomisch entscheidende Unterschied sichtbar: Von \u00d6lpreis\u00e4nderungen sind derzeit nahezu alle Budgets betroffen, von \u00c4nderungen des Segelyachtenpreis hingegen nur wenige.<br \/>\nEin weiterer Faktor der Instabilit\u00e4t ist der zentrale Preisvektor, den allgemeine Gleichgewichtsmodelle zwingend ben\u00f6tigen. Er spannt einen makellosen und vollkommen unverzerrten Raum auf, in dem G\u00fcter leicht ihre optimale Allokation finden k\u00f6nnen. Doch in der aktuellen Krise zeigte sich, als die Notenbanken ihre Geldschleusen mehrfach \u00f6ffnen mussten, dass die Aktienm\u00e4rkte stets sofort und heftig ausschlugen, w\u00e4hrend die Realg\u00fcterm\u00e4rkte verz\u00f6gert bis gar nicht reagierten. Der Preisraum, in dem die Budgetstrukturen eingebettet sind, scheint vielmehr Verzerrungen zu unterliegen, indem Ungleichgewichte in der Verteilung des Geldes auf den Gleichgewichtspreis einwirken. Nur M\u00e4rkte, deren Gewichte sich aufgrund der Notenbankma\u00dfnahmen verschieben, reagieren mit Preissignalen, w\u00e4hrend davon unbeeinflusste M\u00e4rkte keine zeigen. Ein weiteres Indiz sind die unterschiedlichen Preisniveaus, wie es sie zum Beispiel zwischen Stadt und Land gibt. Die Existenz der Preiverzerrungen l\u00e4sst den zentralen Preisvektor zur Illusion werden. In diesem Fall g\u00e4be es marktspezifische, im Grunde sogar nur transaktionsspezifische Preisvektoren.<\/p>\n<p>M\u00e4rkte handeln individuelle G\u00fcter, haben einen eigenen Preisvektor, basieren auf einer komplexen Budgetstruktur und verf\u00fcgen somit \u00fcber einzigartige \u00f6konomische Eigenschaften und Dynamiken. Daher erzeugen \u00c4nderungen des Telekomunikationsmarktes v\u00f6llig andere \u00f6konomische Effekte als es ein Taschent\u00fcchermarkt je k\u00f6nnte. Ein <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Aggregation_(Wirtschaft)\">einfaches Aggregieren<\/a> \u00fcber alle Partialm\u00e4rkte hinweg l\u00e4sst jedoch diese wichtigen \u00f6konomischen Informationen unmerklich verschwinden, indem s\u00e4mtliche marktspezifischen \u00c4nderungen proportional gewichtet werden. Aus diesem wissenschaftlich unsauberen Schritt entsteht die Illusion einer leicht beherrschbaren Welt der Wirtschaft, die auf einer \u00fcberschaubaren Anzahl von Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten basiert und deren Krisen mit klassischen Patentrezepten geheilt werden kann.<\/p>\n<p>Die Illusions-Pyramide der klassischen \u00d6konomie:<\/p>\n<ol>\n<li>Das Nicht-Wirtschaften basiert auf einer S\u00e4ttigung eines rationalen Nutzenbed\u00fcrfnisses.<br \/>\n[Illusion des <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Grenznutzen\">abnehmenden Grenznutzens<\/a>]<\/li>\n<li>Die Verteilung des Geldes hat keinen Einfluss auf die relativen Preise. [Illusion der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Neutralit%C3%A4t_des_Geldes\">Geldneutralit\u00e4t<\/a>]<\/li>\n<li>Angebot und Nachfrage sind voneinander unabh\u00e4ngige Faktoren.<br \/>\n[Illusion des <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Saysches_Theorem\">Sayschen Theorems<\/a>]<\/li>\n<li>Zwischen Partialm\u00e4rkten bestehen keinerlei qualitative Unterschiede, sie verhalten sich daher grunds\u00e4tzlich gleich. Liberalisierung des Marktes hilft gegen jede Krise.<br \/>\n[Illusion der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Arrow-Debreu-Gleichgewichtsmodell\">allgemeinen Gleichgewichtsmodelle<\/a>]<\/li>\n<li>Eine angebotsorientierte Wirtschaftspolitik gew\u00e4hrleistet das wirtschaftliche Optimum.<br \/>\n[Illusion des <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Pareto-Optimum\">Pareto-Optimums<\/a>]<\/li>\n<\/ol>\n<p>Die wesentliche Wirkungsebene der Wirtschaft sind M\u00e4rkte mit ihren individuellen Eigenschaften und Dynamiken. Die klassische \u00d6konomie l\u00e4sst sie hinter einem Schleier abstrakter Kennzahlen verschwinden, welche entscheidende Strukturinformationen der Wirkungsebene verloren haben. Das ist, als ob ich den Brandschutz anhand der Geb\u00e4udefassade \u00fcberpr\u00fcfen will. Das Urteil kann nur auf nicht urs\u00e4chliche Faktoren beruhen, da die relevanten verborgen bleiben. Halte ich ein Geb\u00e4ude nur wegen seiner beeindruckenden Fassade f\u00fcr unbedenklich, kann ich aufgrund dieser Illusion sehr leicht ein Fehlurteil f\u00e4llen.<br \/>\nDiese Wirkebene liegt zwischen der Mikro\u00f6konomie, die Unternehmen betrachtet, und der Makro\u00f6konimie, die auf abstrakten volkswirtschaftlichen Aggregate basiert. Beide Sichtweisen sind je auf ihre Weise blind f\u00fcr das tats\u00e4chliche \u00f6konomische Geschehen. Dadurch haben die derzeitigen Modelle aufgrund der Ausdifferenzierung der Moderne und insbesondere bei Nachfragekrisen ihre Aussagekraft verloren.<\/p>\n<p>Wenn ausser der Angebotsmaximierung noch weitere Faktoren das <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Pareto-Optimum\">Pareto-Optimum<\/a> beeinflussen, verliert die angebotsorientierte \u00d6konomie ihren Status als wohlstandsf\u00f6rdernde Alternativlosigkeit. In der Theorie habe ich einige kritische Thesen formuliert, die empririsch \u00fcberpr\u00fcft werden m\u00fcssten. Das ist jedoch nicht notwenig, denn die beiden Weltwirtschaftskrisen k\u00f6nnen als unglaublich \u00fcberteuerte Studien betrachten werden, die den eindeutigen und mehrmaligen Beweis liefern, dass Nachfragekrisen existieren. Die angebotsorientierten Modelle der \u00d6konomie, die einen solchen Fall ausschlie\u00dfen, sind somit realempirisch widerlegt.<br \/>\nDas Theoriegeb\u00e4ude der klassischen \u00d6konomie ist zu gro\u00dfen Teilen eingest\u00fcrzt &#8211; jedoch nicht in G\u00e4nze. Einige Teile bleiben bestehen, da nur der Geltungsbereich der Modelle zurecht gestutzt wurde. Historisch betrachtet beschreibt die klassische \u00d6konomie den wirtschaftlichen Spezialfall, wie er vor der Moderne herrschte, als es noch eine einfache, \u00fcberwiegend auf Landwirtschaft basierende \u00d6konomie gab, die den herrschenden Mangel verwalten musste. Die damals recht einfache Budgetstruktur entsprach im Wesentlichen denen der volkwswirtschaftlichen Sektorsalden, so dass die aggregierten Kennzahlen der strukturellen Realit\u00e4t entsprachen und sie keinen nennenswerten Informationsverlust verursachten. Die angebotstheoretische Wirtschaftspolitik funktionierte &#8211; damals.<br \/>\nAuch heute k\u00f6nnen sie noch gute N\u00e4herungen f\u00fcr moderne Partialm\u00e4rkte sein. Bevor man sie jedoch anwenden kann, muss zuerst \u00fcberpr\u00fcft werden, ob die Voraussetzung ihrer Anwendung vorhanden ist. In der heutigen Konsumgesellschaft mit ihren ausdifferenzierten und hochkomplexen Strukturen und ihren eigent\u00fcmlichen Dynamiken sind die Grundannahmen der klassischen \u00d6konomie gerade in Krisenzeiten eine Ausnahmeerscheinung. Eine vern\u00fcnftige Wirtschaftspolitik allein auf klassischen Modellen und Methoden ist f\u00fcr eine moderne \u00d6konomie nicht m\u00f6glich, denn sie verhindern weder Krisen noch findet sie zur notwendigen Stabilit\u00e4t der Wirtschaft zur\u00fcck. Die beste \u00d6konomie kann nicht jede Krise verhindern, aber eine Weltwirtschaftskrise wie 2007 darf nicht mehr m\u00f6glich sein. Die Krisenbew\u00e4ltigung muss daher \u00fcber das Niveau klassischer Patentrezepte hinauswachsen und insbesondere in der Krisenanalyse deutlich verbessert werden. Dies alles ist nur zu leisten, wenn die angebotsorientierte \u00d6konomie ihren Status als wirtschaftliches Dogma verliert und die \u00d6konomie von der hieraus resultierenden Blindheit f\u00fcr Nachfrageeffekte kuriert wird.<br \/>\nDie \u00dcberzeugung, allein die angebotsorientierte \u00d6konomie k\u00f6nne f\u00fcr das wirtschaftliche Wohl aller sorgen, ist eine Illusion, f\u00fcr die wir teuer bezahlen mussten und noch immer teuer bezahlen. Wenn wir uns diese unsinnigen Kosten ersparen wollen, verbleibt nur der alternativlose Weg, den riesigen Tr\u00fcmmerhaufen der neo-klassischen \u00d6konomie beiseite zu r\u00e4umen und beherzt mit dem Bau einer modernen \u00d6konomie zu beginnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hinweis: Dieser Artikel ist ein Beitrag zum ScienceBlogs Blog-Schreibwettbewerb 2016. Hinweise zum Ablauf des Bewerbs und wie ihr dabei Abstimmen k\u00f6nnt findet ihr hier. Das sagt der Autor des Artikels, Marc Schanz \u00fcber sich: Ich habe Diplom-Psychologie studiert und mein Nebenwach war BWL. Seit der Krise streite ich mich im Netz des \u00f6fteren mit \u00d6konomen. 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