{"id":22910,"date":"2016-06-20T06:05:16","date_gmt":"2016-06-20T04:05:16","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2016\/06\/20\/der-walisische-wetzstein-des-wissens-und-das-gleichheitszeichen\/"},"modified":"2025-05-14T16:17:20","modified_gmt":"2025-05-14T14:17:20","slug":"der-walisische-wetzstein-des-wissens-und-das-gleichheitszeichen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2016\/06\/20\/der-walisische-wetzstein-des-wissens-und-das-gleichheitszeichen\/","title":{"rendered":"Der walisische Wetzstein des Wissens und das Gleichheitszeichen"},"content":{"rendered":"<p>Die Vorrunde der Fu\u00dfball-Europameisterschaft neigt sich dem Ende zu. In meiner <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/category\/wissenschafts-em\/\">Serie \u00fcber interessante Wissenschaft aus den Teilnehmerl\u00e4ndern<\/a> habe ich schon Irland, Ungarn, Russland und Italien ausf\u00fchrlich behandelt. Aber es gibt ja noch viel mehr L\u00e4nder bei der EM. Sogar L\u00e4ndern, die abseits des Fu\u00dfballplatzes gar keine richtigen L\u00e4nder sind. Wales zum Beispiel! Dort wohnen und wohnten jede Menge interessante Menschen die interessante Dinge herausge- und erfunden haben. Wie etwas das <i>Gleichheitszeichen<\/i>.<\/p>\n<p>Heute ist das simple &#8222;=&#8220; ein Standardsymbol der Mathematik, das man schon als kleines Kind in der Schule lernt. Aber auch wenn die Menschen schon immer gerechnet haben, hat es doch ein wenig gedauert, bis sich die f\u00fcr uns heute \u00fcbliche und vertraute Symbolik entwickelt haben. Es erscheint irgendwo komisch, dass es das Gleichheitszeichen nicht schon von Anfang an gegeben hat. Aber genau so war es. Fr\u00fcher hat man Mathematik <i>beschrieben<\/i>; also nicht mit abstrakten Symbolen sondern den ganz normalen W\u00f6rtern. <\/p>\n<figure id=\"attachment_22576\" aria-describedby=\"caption-attachment-22576\" style=\"width: 400px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Robert_Recorde_uncropped.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Robert_Recorde_uncropped.jpg\" alt=\"Robert Recorde (Bild: gemeinfrei)\" width=\"400\" height=\"606\" class=\"size-full wp-image-22576\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-22576\" class=\"wp-caption-text\">Robert Recorde (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Datei:Robert_Recorde_(uncropped).jpg\">Bild: gemeinfrei<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Das ist nat\u00fcrlich aus heutiger Sicht ein wenig umst\u00e4ndlich, aber fr\u00fcher kam man damit klar. In mittelalterlichen mathematischen Texten hat man statt eines Zeichens die komplette Phrase (zum Beispiel <i>&#8222;est egale&#8220;<\/i>) benutzt und voll ausgeschrieben. Sp\u00e4ter hat man Variationen des Zeichens <i>\u00e6<\/i> (f\u00fcr &#8222;aequalis&#8220;) verwendet &#8211; aber das erste echte Gleichheitszeichen findet sich in einem Buch aus dem Jahr 1557. Geschrieben hat es der im Jahr 1510 geborene Waliser <i>Robert Recorde<\/i>. Er war Arzt und Mathematiker und eines seiner mathematischen B\u00fccher tr\u00e4gt den sch\u00f6nen Titel <i>&#8222;The Whetstone of Witte&#8220;<\/i> (&#8222;Der Wetzstein des Wissens&#8220;). Genauer gesagt lautet der vollst\u00e4ndige Titel: &#8222;The Whetstone of Witte, whiche is the seconde parte of Arithmeteke: containing the extraction of rootes; the cossike practise, with the rule of equation; and the workes of Surde Nombers&#8220; (irgendwie finde ich diese alten Buchtitel ja super &#8211; ich finde, diesen Trend sollte man wiederbeleben).<\/p>\n<p>In diesem Buch schreibt Recorde, dass es ihm auf die Nerven geht, immer &#8222;ist gleich mit&#8220; zu schreiben wenn irgendwelche Zahlen gleich gro\u00df sind und stattdessen ein Symbol verwendet, das zwei parallele Linien zeigt, da nichts gleicher als zwei solcher Linien sein kann. Oder, in seinen eigenen Worten:<\/p>\n<blockquote><p><i>&#8222;to auoide the tediou\u017fe repetition of the\u017fe woordes : is equalle to : I will \u017fette as I doe often in woorke v\u017fe, a paire of paralleles, or Gemowe lines of one lengthe, thus: =, bicau\u017fe noe .2. thynges, can be moare equalle&#8220; (to avoid the tedious repetition of these words: &#8222;is equal to&#8220;, I will set (as I do often in work use) a pair of parallels, or Gemowe lines, of one length (thus =), because no two things can be more equal.<\/i><\/p><\/blockquote>\n<p>Diese eigentlich gute Idee hat sich aber nicht so rasend schnell durchgesetzt. Die Leute haben weiter das <i>\u00e6<\/i> oder andere W\u00f6rter bzw. Abk\u00fcrzungen benutzt. Von Wales bzw. den britischen Inseln bis nach Europa hat es das Gleichheitszeichen erst im 17. Jahrhundert geschafft; vermutlich durch Gottfried Wilhelm Leibnitz, der in engem Kontakt mit englischen Wissenschaftlern stand. <\/p>\n<figure id=\"attachment_22578\" aria-describedby=\"caption-attachment-22578\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Equals_sign_in_Robert_Recorde_The_Whetstone_of_Witte_London_1557_p.238.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Equals_sign_in_Robert_Recorde_The_Whetstone_of_Witte_London_1557_p.238.png\" alt=\"Recordes Erkl\u00e4rung zum Gleichheitszeichen und die erste Gleichung in der es verwendet wurde: 14x + 15 = 71 (Bild: gemeinfrei)\" width=\"500\" height=\"259\" class=\"size-medium wp-image-22578\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-22578\" class=\"wp-caption-text\">Recordes Erkl\u00e4rung zum Gleichheitszeichen und die erste Gleichung in der es verwendet wurde: 14x + 15 = 71 (<a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Equals_sign_in_Robert_Recorde,_The_Whetstone_of_Witte,_London_1557,_p.238.png\">Bild: gemeinfrei<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Geschichte der Entwicklung der modernen mathematischen Symbole ist erstaunlich komplex und man k\u00f6nnte ganze B\u00fccher dar\u00fcber schreiben (was <a href=\"https:\/\/archive.org\/details\/historyofmathema031756mbp\">nat\u00fcrlich auch geschehen ist<\/a>. Das Gleichheitszeichen hat von Wales aus heute jedenfalls die ganze Welt erreicht. <\/p>\n<p>Eine andere Sch\u00f6pfung von Robert Recorde war nicht ganz so erfolgreich &#8211; obwohl es meiner Meinung nach eine gro\u00dfe Schande ist, dass das Wort <i>Zenzizenzizenzic<\/i> nicht mehr verwendet wird! Mit diesem Begriff hat Recorde das Quadrat eines Quadrates einer Quadratzahl bezeichnet. &#8222;Zenzic&#8220; leitet sich vom italienischen &#8222;censo&#8220; ab, was so viel wie &#8222;quadriert&#8220; bedeutet. Und dreimal <i>zenzic<\/i> sind dann eben drei Quadrierungen. Ok, das moderne \u00c4quivalent &#8211; &#8222;hoch 8&#8220; &#8211; ist ein wenig leichter auszusprechen. Aber es klingt lange nicht so sch\u00f6n!<\/p>\n<p>Wie es beim Fu\u00dfball aussieht und ob die von Wales geschossenen Tore gleich gro\u00df, gr\u00f6\u00dfer oder kleiner als die Zahl der von Russland geschossenen Tore sind, wird sich zeigen. Sollte das Match aber 256 zu 2 f\u00fcr Wales ausgehen, dann wissen die Sportjournalisten hoffentlich, welches Wort sie in den Schlagzeilen zu verwenden haben! \t<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/7b361fc0b0c7442f9381a3cf4c14a147\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Vorrunde der Fu\u00dfball-Europameisterschaft neigt sich dem Ende zu. In meiner Serie \u00fcber interessante Wissenschaft aus den Teilnehmerl\u00e4ndern habe ich schon Irland, Ungarn, Russland und Italien ausf\u00fchrlich behandelt. Aber es gibt ja noch viel mehr L\u00e4nder bei der EM. Sogar L\u00e4ndern, die abseits des Fu\u00dfballplatzes gar keine richtigen L\u00e4nder sind. Wales zum Beispiel! 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