{"id":22904,"date":"2016-06-15T12:53:06","date_gmt":"2016-06-15T10:53:06","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2016\/06\/15\/sofja-kowalewskaja-das-geniale-scheusal-mit-der-mathematik-tapete\/"},"modified":"2025-05-14T16:17:19","modified_gmt":"2025-05-14T14:17:19","slug":"sofja-kowalewskaja-das-geniale-scheusal-mit-der-mathematik-tapete","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2016\/06\/15\/sofja-kowalewskaja-das-geniale-scheusal-mit-der-mathematik-tapete\/","title":{"rendered":"Sofja Kowalewskaja: Das geniale Scheusal mit der Mathematik-Tapete"},"content":{"rendered":"<p>Gleich startet bei der Fu\u00dfball-Europameisterschaft das Spiel <i>Russland<\/i> gegen die <i>Slowakei<\/i>. Ich habe keine Ahnung, wer gewinnt &#8211; aber ich wei\u00df, dass die beiden L\u00e4nder enorm viel Material f\u00fcr <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/category\/wissenschafts-em\/\">meine Serie \u00fcber Wissenschaft aus den EM-Teilnehmerl\u00e4ndern<\/a> bietet. Zum Beispiel den in der Slowakei geborenen Astronomen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Maximilian_Hell\">Maximilian Hell<\/a>; Direktor der Universit\u00e4tssternwarte Wien und vor allem bekannt f\u00fcr seine Expedition nach Norwegen, wo er 1769 den Venustransit beobachtete und aus diesen Daten den Abstand zwischen Erde und Sonne berechnete. Und Russland ist so voll von gro\u00dfen Wissenschaftlern, dass man kaum wei\u00df, wen man ausw\u00e4hlen soll. <\/p>\n<figure id=\"attachment_22553\" aria-describedby=\"caption-attachment-22553\" style=\"width: 345px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Sofja_Wassiljewna_Kowalewskaja_1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Sofja_Wassiljewna_Kowalewskaja_1.jpg\" alt=\"Sofja Wassiljewna Kowalewskaja: Das &quot;Scheusal&quot; Bild: Public Domain\" width=\"345\" height=\"420\" class=\"size-full wp-image-22553\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-22553\" class=\"wp-caption-text\">Sofja Wassiljewna Kowalewskaja: Das &#8222;Scheusal&#8220; <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Sofja_Wassiljewna_Kowalewskaja_1.jpg\">Bild: Public Domain<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p>Ich hab mich f\u00fcr <i>Sofja Wassiljewna Kowalewskaja<\/i> entschieden. Denn immerhin wurde sie von keinem geringeren als <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/August_Strindberg\">August Strindberg<\/a> als &#8222;Scheusal&#8220; und &#8222;sch\u00e4dliche und unangenehme Erscheinung&#8220; bezeichnet&#8230;<\/p>\n<p>Sofja Wassiljewna Kowalewskaja wurde am 15. Januar 1850 in Moskau geboren. Als eine der ersten Frau erhielt sie einen Lehrstuhl an einer Universit\u00e4t; sie war die erste Frau die nicht nur eine Mathematik-Professur bekam sondern auch Vorlesungen halten konnte; sie war eine der ersten Frauen die eine wissenschaftliche Fachzeitschrift herausgaben. Und alles begann mit einer Tapete.<\/p>\n<p>In Sofjas Kindheit wurde das Anwesen ihrer Eltern renoviert. F\u00fcr das Kinderzimmer war aber zu wenig Tapete vorhanden, also behalf man sich mit ein paar alten Papieren, die man auf dem Dachboden fand. Das waren die Skripten einer Mathematik-Vorlesung aus der Studienzeit ihres Vaters. Wo andere Kinder bunte Bilder von Tieren oder Comicfiguren an ihren W\u00e4nden haben, hatte Sofja Differentialgleichungen und Integrale&#8230; Das hat sie aber nicht abgeschreckt; ganz im Gegenteil. Sie fand die Mathematik immer interessanter und wollte dieses Fach schlie\u00dflich auch studieren. Das war im Russland des 19. Jahrhunderts den Frauen aber verboten. Sofja wollte daher ins Ausland reisen, um dort zu studieren. Aber auch das war schwierig, denn es war russischen Frauen auch verboten einen Reisepass zu besitzen. Sie durften nur in Begleitung eines Ehemanns oder ihres Vaters verreisen. Also ging Sofja eine Scheinehe mit dem (sp\u00e4teren) Pal\u00e4ontolgen Wladimir Onufrijewitsch Kowalewski ein. <\/p>\n<p>Sie reiste also nach Westeuropa, nach Wien, Heidelberg und Berlin und schaffte es, eine halbwegs gute mathematische Ausbildung zu erhalten (obwohl sie kaum irgendwo wirklich studieren konnte sondern auf Privatstunden der Professoren angewiesen war). Karl Weierstrass, einer der ber\u00fchmtesten Mathematiker der damaligen Zeit, setzte sich daf\u00fcr ein, dass Sofja an der Uni G\u00f6ttingen promovieren durfte, was sie 1874 auch erfolgreich tat (unter anderem mit einer Arbeit \u00fcber die Struktur der Saturnringe). Arbeit an einer Universit\u00e4t gab es f\u00fcr eine Frau aber selbst mit Doktortitel nicht. Erst 1883 erhielt sie eine Stelle als Privatdozentin an der Universit\u00e4t Stockholm, was den schon oben erw\u00e4hnten August Strindberg zu seiner Schimpftirade inspirierte, in der er meinte das<\/p>\n<blockquote><p><i>&#8222;eine Frau als Mathematikprofessor eine sch\u00e4dliche und unangenehme Erscheinung sei, ja, dass man sie sogar ein Scheusal nennen k\u00f6nnte. Die Einladung dieser Frau nach Schweden, das an und f\u00fcr sich m\u00e4nnliche Professoren genug habe, die sie an Kenntnissen bei weitem \u00fcbertr\u00e4fen, sei nur durch die H\u00f6flichkeit der Schweden dem weiblichen Geschlecht gegen\u00fcber zu erkl\u00e4ren.&#8220;<\/i><\/p><\/blockquote>\n<p>Nun, besonders &#8222;h\u00f6flich&#8220; klingt das, was Strindberg da schrieb nicht. Sofja Kowalewskaja irritierte das nicht, sie forschte weiter und leistete wichtige Beitr\u00e4ge zur Mathematik (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Satz_von_Cauchy-Kowalewskaja\">zum Beispiel \u00fcber Differentialgleichungen<\/a>). Ihre Mathematikerkollegen in ganz Europa hatten kaum Probleme mit der Professorin aus Stockholm und waren entsprechend ersch\u00fcttert, als sie im Alter von nur 41 Jahren an einer Lungenentz\u00fcndung starb.<\/p>\n<p>Sofja Kowalewskaja schrieb in einem Brief einmal, dass sie froh \u00fcber die Existenz der Mathematik war, denn sie sei <i>&#8222;eine Welt so ganz au\u00dferhalb unser selbst&#8220;<\/i> in die man sich zur\u00fcckziehen k\u00f6nne, wenn die Realit\u00e4t uninteressant sei. Das klingt ein wenig traurig &#8211; aber beschreibt auch irgendwie sehr sch\u00f6n die Faszination der Wissenschaft an sich: Eine v\u00f6llig andere Welt, die man trotz allem erforschen und verstehen kann.<\/p>\n<p>Wer mehr \u00fcber Sofja Kowalewskaja erfahren will, kann das in ihrem empfehlenswerten biografischen Text <a rel=\"nofollow\" href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3842491387\/ref=as_li_tl?ie=UTF8&#038;camp=1638&#038;creative=19454&#038;creativeASIN=3842491387&#038;linkCode=as2&#038;tag=astrodisimple-21\">&#8222;Jugenderinnerungen&#8220;<\/a><a href=\"#amazoninfo\">*<\/a> tun. Sehr interessant ist auch der Roman &#8222;Die Nihilistin&#8220;, den Sofja Kowaleskaja geschrieben hat. Ob er irgendwo noch im Handel erh\u00e4ltlich ist, wei\u00df ich nicht &#8211; aber <a href=\"https:\/\/daten.digitale-sammlungen.de\/~db\/0001\/bsb00012759\/images\/index.html?id=00012759&#038;groesser=&#038;fip=fsdrxdsydyztsewqeayaxdsydxdsydeayaxdsydw&#038;no=7&#038;seite=4\">hier gibt es eine digitale Version<\/a>.<\/p>\n<p><i>P.S. Hinweise und Vorschl\u00e4ge f\u00fcr andere interessante Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den EM-L\u00e4ndern nehme ich gerne in den Kommentaren entgegen!<\/i><\/p>\n<p><span style=\"font-size: xx-small;\"><a name=\"amazoninfo\">*Affiliate-Links<\/a><\/span><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg03.met.vgwort.de\/na\/86f534b546ed4cd4875f304c44a8d05f\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gleich startet bei der Fu\u00dfball-Europameisterschaft das Spiel Russland gegen die Slowakei. 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