{"id":22792,"date":"2016-05-07T09:15:30","date_gmt":"2016-05-07T07:15:30","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2016\/05\/07\/die-flucht-vor-dem-ziel-und-ein-marathon-unter-zwei-stunden-running-research-denken-beim-laufen-13\/"},"modified":"2025-05-14T16:17:02","modified_gmt":"2025-05-14T14:17:02","slug":"die-flucht-vor-dem-ziel-und-ein-marathon-unter-zwei-stunden-running-research-denken-beim-laufen-13","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2016\/05\/07\/die-flucht-vor-dem-ziel-und-ein-marathon-unter-zwei-stunden-running-research-denken-beim-laufen-13\/","title":{"rendered":"Die Flucht vor dem Ziel und ein Marathon unter zwei Stunden (Running Research &#8211; Denken beim Laufen 13)"},"content":{"rendered":"<p><i>Dieser Artikel ist Teil der blog\u00fcbergreifenden Serie &#8222;Running Research &#8211; Denken beim Laufen&#8220;, bei der es um die Verbindung von Laufen und Wissenschaft geht. Alle Artikel der Serie findet ihr <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/running-research-denken-beim-laufen\/\">auf dieser \u00dcbersichtseite<\/a><\/i><br \/>\n&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;-<br \/>\nMorgen werden ich an einem ganz besonderen Lauf teilnehmen. Und m\u00f6chte das als Anlass nehmen, um ein ganz besonderes Buch \u00fcber Wissenschaft und Laufen vorzustellen. Am 8. Mai 2016 findet der <a href=\"https:\/\/www.wingsforlifeworldrun.com\/at\/de\/\">3. Wings For Life Run<\/a> statt. Dieses Rennen ist einerseits au\u00dfergew\u00f6hnlich, weil die kompletten Startgelder der R\u00fcckenmarksforschung zukommen; mit dem Ziel, Querschnittsl\u00e4hmungen zu heilen. Aus sportlicher Sicht ist der Lauf aber auch besonders, weil er ganz anders organisiert wird als man das normalerweise gew\u00f6hnt ist. <\/p>\n<p>Bei einem \u00fcblichen Wettkampf wei\u00df man vorher genau, wie gro\u00df die zur\u00fcckzulegende Distanz ist. Man l\u00e4uft 10 Kilometer, einen Halbmarathon, einen Marathon \u00fcber 42,195 Kilometer oder irgendeine andere klar definierte Strecke. Man beginnt am Start und probiert das vor einem liegende Ziel so schnell wie m\u00f6glich zu erreichen. Nicht so beim Wings For Life Run: Hier befindet sich die Ziellinie <i>hinter<\/i> einem und man muss m\u00f6glichst schnell vor ihr davon laufen. <\/p>\n<figure id=\"attachment_22268\" aria-describedby=\"caption-attachment-22268\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/huerden.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/huerden.jpg\" alt=\"Hinten der Start, vorne das Ziel. Beim Wings for Life Run ists andersrum! (Bild: gemeinfrei)\" width=\"500\" height=\"375\" class=\"size-medium wp-image-22268\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-22268\" class=\"wp-caption-text\">Hinten der Start, vorne das Ziel. Beim Wings for Life Run ists andersrum! (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Datei:20070701-nk2007-100m-horden.jpg\">Bild: gemeinfrei<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n<p>30 Minuten nachdem die L\u00e4uferinnen und L\u00e4ufer gestartet sind, f\u00e4hrt hinter ihnen ein Auto los. Dieses &#8222;Catcher Car&#8220; ist die Ziellinie. Es f\u00e4hrt mit 15 km\/h und damit schon deutlich schneller als die meisten Hobby-L\u00e4ufer laufen k\u00f6nnen. Mit jeder weiteren vergangenen Stunde wird es um ein km\/h schneller; 3 Stunden und 30 Minuten nach dem Start beschleunigt es auf 20 km\/h und nach 5,5 Stunden schlie\u00dflich auf 35 km\/h. Wird man w\u00e4hrend des Laufs vom Catcher Car \u00fcberholt, ist das Rennen vorbei.<\/p>\n<p>Zus\u00e4tzlich zu diesem au\u00dfergew\u00f6hnlichen Rennverlauf findet der Lauf auch zeitgleich an 34 Orten \u00fcberall auf der Welt statt. In Wien &#8211; wo ich teilnehmen werde &#8211; startet das Rennen um 13 Uhr MESZ. Gleichzeitig laufen auch \u00fcberall anders auf der Welt die Menschen los. Manche fr\u00fch am Morgen, manche mitten in der Nacht &#8211; aber alle gleichzeitig. Man l\u00e4uft also nicht nur vor der Ziellinie davon, sondern befindet sich auch noch im Wettkampf mit zehntausenden Konkurrenten anderswo auf dem Planeten.<\/p>\n<p>Seit ich vor zwei Jahren das erste Mal von diesem Rennen geh\u00f6rt hatte, wollte ich unbedingt einmal teilnehmen und jetzt habe ich endlich die Zeit daf\u00fcr gefunden. Ich bin vor allem darauf gespannt, wie ich mir so einen Lauf einteile bzw. vorab plane. Normalerweise ist es ja recht einfach: F\u00fcr einen Marathon oder einen 10-Kilometer-Lauf setze ich mir eine gewisse Zielzeit; wei\u00df dann wie schnell ich daf\u00fcr laufen muss und f\u00fchre mein Training entsprechend durch. W\u00e4hrend des Rennens kann ich die jeweils aktuelle Geschwindigkeit \u00fcberpr\u00fcfen und gegebenenfalls anpassen. Bin ich am Anfang zu langsam unterwegs, kann ich das &#8211; ausreichend Energie vorausgesetzt &#8211; sp\u00e4ter im Rennen wieder aufholen. Beim Wings-For-Life-Run geht  das nicht. Wenn ich am Anfang zu langsam bin, holt mich das Catcher Car aus dem Rennen und ich habe keine Chance mehr, etwas aufzuholen. Bin ich dagegen zu schnell, fehlt mir vielleicht die Energie, sp\u00e4ter im Lauf ausreichend schnell zu sein.<\/p>\n<p>Ich muss also theoretisch nicht nur wissen, wie schnell ich eine gewisse Distanz laufen kann sondern auch noch korrekt einsch\u00e4tzen, wie meine jeweilige Tagesform ist und ob ich Schwierigkeiten haben werde, die n\u00f6tige Geschwindigkeit zu laufen. Eine knifflige Sache&#8230; aber bei weitem nicht so knifflig wie all die Pl\u00e4ne und Vorbereitungen die professionelle Langstreckenl\u00e4ufer brauchen. Ich habe zu dem Thema vor kurzem ein wunderbares Buch gelesen. Es hei\u00dft <a rel=\"nofollow\" href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3710900018\/ref=as_li_tl?ie=UTF8&#038;camp=1638&#038;creative=19454&#038;creativeASIN=3710900018&#038;linkCode=as2&#038;tag=astrodisimple-21\">&#8222;Zwei Stunden: Vom Traum, den Marathon zu laufen&#8220;<\/a> (im Original: <a rel=\"nofollow\" href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/0241186773\/ref=as_li_tl?ie=UTF8&#038;camp=1638&#038;creative=19454&#038;creativeASIN=0241186773&#038;linkCode=as2&#038;tag=astrodisimple-21\">&#8222;Two Hours: The Quest to Run the Impossible Marathon&#8220;<\/a>) und wurde von Ed Caesar geschrieben.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/2hours.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/2hours.jpg\" alt=\"2hours\" width=\"327\" height=\"499\" class=\"aligncenter size-full wp-image-22266\" \/><\/a><\/p>\n<p>Er untersucht darin die Frage, ob es m\u00f6glich ist, einen Marathon in einer Zeit von weniger als zwei Stunden zu laufen. Das ist aber kein Trainingsratgeber sondern ein hervorragendes Sachbuch \u00fcber Sport, die Geschichte des Sports und Sportwissenschaft. Caesar folgt darin dem Leben und der Karriere von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Geoffrey_Kiprono_Mutai\">Geoffrey Kiprono Mutai<\/a>, dem kenianinschen Langstreckenl\u00e4ufer der in den letzten Jahren zur Weltspitze im Marathin geh\u00f6rte. Mutai lief in Boston einen Marathon in 2:03:02 Stunden; da Boston aber kein offizieller Kurs f\u00fcr Rekorde ist, wurde seine Zeit nie als Weltrekord anerkannt. Mutais Leben und sein Versuch, den Marathon-Weltrekord auch offiziell aufstellen, bilden den roten Faden f\u00fcr &#8222;Zwei Stunden&#8220;. Dazwischen erz\u00e4hlt Caesar aber von der Geschichte des Marathons selbst &#8211; nicht nur die \u00fcbliche Story von den alten Griechen sondern vor allem von der modernen Entwicklung des Sports. Was als Nischensport f\u00fcr ein paar verr\u00fcckte Freaks angefangen hatte, ist heute zu einem weltweiten Massenph\u00e4nomen geworden und wie es dazu kam erkl\u00e4rt Caesar sehr am\u00fcsant und anschaulich. <\/p>\n<p>Ich habe zum Beispiel nicht gewusst, dass solche Langstreckenl\u00e4ufe fr\u00fcher in gro\u00dfen Hallen stattfanden; inmitten feiernden Menschen. Oder das noch fr\u00fcher reiche Adelige in Gro\u00dfbritannien ihre Dienerschaft in Langstreckenl\u00e4ufen gegeneinander antreten lie\u00dfen. Ebenfalls interessant ist die Geschichte der Professionalisierung des Sports; der Widerstand der fr\u00fcher Veranstaltern entgegengebracht wurde, die Startgelder f\u00fcr Spitzenl\u00e4ufer ausgegeben haben, usw. Neben diesem historischen Teil besch\u00e4ftigt sich Caesar aber auch ausf\u00fchrlich mit der Wissenschaft des Sports. Er verfolgt die Entwicklung der Marathon-Bestzeiten \u00fcber die Jahrzehnte und erkl\u00e4rt, durch welche Techniken die L\u00e4ufer immer schneller wurden. Er stellt die Arbeit der Wissenschaftler vor, die der Meinung sind, dass die schnellstm\u00f6gliche f\u00fcr einen Menschen erreichbare Marathon-Zeit knapp unter zwei Stunden liegt. Und nat\u00fcrlich kommen immer wieder die L\u00e4uferinnen und L\u00e4ufer selbst zu Wort, die weltweit die Bestleistungen erbringen.<\/p>\n<p>Besonders interessant fand ich die Schilderungen aus dem Alltag von ostafrikanischen Elitel\u00e4ufern wie Mutai, Kemeto, Gebrselassie, etc. Caesar erz\u00e4hlt, wie es \u00fcberhaupt erst zur Dominanz von Ostafrika im Langstreckenlauf kam und besch\u00e4ftigt sich mit der Frage, warum die Menschen dort so lang und schnell laufen k\u00f6nnen. &#8222;Liegt alles an den Genen&#8220;, kann man da ja oft h\u00f6ren. Aber diese Erkl\u00e4rung ist genau so absurd wie es absurd w\u00e4re zu behaupten, dass die \u00d6sterreicher &#8222;genetisch&#8220; bessere Skifahrer w\u00e4ren als der Rest der Welt (immerhin haben sie in den letzten 27 Jahren <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Nationencup\">jeden Nationencup gewonnen<\/a>). Die Lebensumst\u00e4nde spielen allerdings eine enorm wichtige Rolle; genauso wie die Geografie, die gesellschaftliche Struktur in Ostafrika und vor allem die Tatsache, dass der Laufsport f\u00fcr viele Menschen dort eine M\u00f6glichkeit ist, Geld f\u00fcr ihre Familien zu verdienen das anderweitig nicht zu verdienen ist. Und wer in Caesars Buch liest, was f\u00fcr ein absurd hohes und hartes Trainingspensum die ostafrikanischen Spitzenl\u00e4ufer absolvieren, wundert sich nicht mehr so viel, warum sie so gut bei dem sind, was sie tun (Und bevor jemand fragt: Ja, auch das Thema &#8222;Doping&#8220; wird im Buch ausf\u00fchrlich erl\u00e4utert).<\/p>\n<figure id=\"attachment_22267\" aria-describedby=\"caption-attachment-22267\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/bMara2012.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/bMara2012.jpg\" alt=\"Mutai (rechts) beim Berlin-Marathon 2012 (Bild: Dirk Ingo Franke, CC_BY-SA 3.0)\" width=\"500\" height=\"400\" class=\"size-medium wp-image-22267\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-22267\" class=\"wp-caption-text\">Mutai (rechts) beim Berlin-Marathon 2012 (<a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Berlin_marathon_2012_am_kleistpark_between_kilometers_21_and_22_30.09.2012_10-07-009.jpg\">Bild: Dirk Ingo Franke<\/a>, <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/deed.en\">CC_BY-SA 3.0<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Nat\u00fcrlich ist es ein wenig seltsam, ein ganzes Buch der Frage zu widmen, ob man die willk\u00fcrlich festgelegte Strecke von 42,195 Kilometern in der ebenfalls willk\u00fcrlichen Zeit von 2 Stunden laufen kann. Aber wie Caesar schreibt: <\/p>\n<blockquote><p><i>&#8222;As a species we are interested in outlandish feats, and our brains cleave to landmarks.&#8220;<\/i><\/p><\/blockquote>\n<p>Ein wenig &#8222;outlandish&#8220; ist mit Sicherheit meine f\u00fcr morgen geplante Flucht vor der Ziellinie in Wien. Aber ich freue mich trotzdem schon sehr darauf. Wenn nichts grob schief geht, sollte ich eigentlich auf mindestens 25 Kilometer schaffen. Wenn ich meine pers\u00f6nliche Bestleistung von 2 Stunden und 24 Minuten auf 30 Kilometer morgen reproduzieren kann, sollte das aber auch reichen, um diese Strecke vor dem Catcher Car zur\u00fcck zu legen. Mal sehen. Ein wenig Sorgen macht mir nur der Massenstart: Die Zeit f\u00fcr das Catcher Car beginnt mit dem Startschu\u00df; selbst wenn es dann noch ein paar Minuten dauert, bis man sich  hintem im Feld \u00fcberhaupt bewegen kann. Aber es ist ja eigentlich auch egal: Das Wetter wird sch\u00f6n werden; die Stimmung sicher gro\u00dfartig und ich werde so weit kommen, wie ich komme!<\/p>\n<p>Ich kann euch \u00fcbrigens nur empfehlen, euch das Rennen anzusehen (falls ihr nicht selbst mitmacht). Auf Servus TV wird das ganze live \u00fcbertragen und es macht echt Spa\u00df. Durch die 34 gleichzeitig stattfindenden L\u00e4ufe wird selbst so ein eher publikumsunfreundlicher Sport wie der Langstreckenlauf enorm spannend und fernsehtauglich. Das Ganze gibt es \u00fcbrigens auch <a href=\"https:\/\/live.wingsforlifeworldrun.com\/\">live im Internet<\/a>; mit der M\u00f6glichkeit dem Fortschritt <a href=\"https:\/\/live.wingsforlifeworldrun.com\/de\/locations\/wien\/3c90ff80993711e5b4d20aba2adf1711\">einzelner Sportler zu folgen<\/a>.<\/p>\n<p>Und bis es so weit ist: Lest das Buch von Ed Caesar! Selbst wenn man kein L\u00e4ufer ist, ist es eine faszinierende Lekt\u00fcre.  \t<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg03.met.vgwort.de\/na\/b26aca2512e246288e2df1f4720501d1\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Artikel ist Teil der blog\u00fcbergreifenden Serie &#8222;Running Research &#8211; Denken beim Laufen&#8220;, bei der es um die Verbindung von Laufen und Wissenschaft geht. Alle Artikel der Serie findet ihr auf dieser \u00dcbersichtseite &#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;- Morgen werden ich an einem ganz besonderen Lauf teilnehmen. 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