{"id":22753,"date":"2016-04-11T06:00:53","date_gmt":"2016-04-11T04:00:53","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2016\/04\/11\/wo-sind-die-fehlenden-braunen-zwerge\/"},"modified":"2025-05-14T16:16:57","modified_gmt":"2025-05-14T14:16:57","slug":"wo-sind-die-fehlenden-braunen-zwerge","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2016\/04\/11\/wo-sind-die-fehlenden-braunen-zwerge\/","title":{"rendered":"Wo sind die fehlenden Braunen Zwerge?"},"content":{"rendered":"<p>Ein Blick in den Nachthimmel k\u00f6nnte uns glauben machen, im Universum g\u00e4be es nur Sterne. Aber schon im Teleskop erkennt man, dass zum Inventar des Kosmos noch jede Menge andere Objekte geh\u00f6ren. Da sind gro\u00dfe kosmische Wolken. Oder (vergleichsweise) kleine Asteroiden und Kometen. Seit ein paar Jahren wissen wir auch, dass <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2013\/04\/05\/die-wunderbare-welt-der-exoplaneten-vii-planeten-sind-uberall\/?all=1\">Planeten mindestens so zahlreich sind<\/a> wie die Sterne selbst. Und dann sind da noch die <i>Braunen Zwerge<\/i>. Himmelsk\u00f6rper, von denen es vermutlich deutlich mehr gibt, als wir bisher dachten.<\/p>\n<figure id=\"attachment_22130\" aria-describedby=\"caption-attachment-22130\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/zwergeaip.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/zwergeaip.png\" alt=\"K\u00fcnstlerische Darstellung verschiedener Brauner Zwerge (Bild: AIP\/J. Fohlmeister)\" width=\"500\" height=\"357\" class=\"size-medium wp-image-22130\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-22130\" class=\"wp-caption-text\">K\u00fcnstlerische Darstellung verschiedener Brauner Zwerge (<a href=\"https:\/\/www.aip.de\/de\/aktuelles\/presse\/brown-dwarfs\">Bild: AIP\/J. Fohlmeister<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Braune Zwerge (\u00fcber die ich <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2014\/08\/22\/sternengeschichten-folge-91-braune-zwerge\/\">hier mehr erz\u00e4hlt habe<\/a>) sind ein Mittelding zwischen Planeten und Sternen. Das, was Sterne und Planeten voneinander unterscheidet ist die F\u00e4higkeit zur atomaren Fusion. Ein Stern hat genug Masse um in seinem Inneren die n\u00f6tigen Temperaturen f\u00fcr eine lang andauernde Fusion von Wasserstoff zu Helium zu erzeugen. Ein Planet kann das nicht. Ein <i>Brauner Zwerg<\/i> dagegen ist massereich genug, um ein bisschen fusionieren zu k\u00f6nnen. Er schafft das nicht lange und er kann auch keinen Wasserstoff fusionieren sondern nur das Wasserstoff-Isotop Deuterium. Aber immerhin erzeugt er ein wenig Energie, die ihn schwach leuchten l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Die f\u00fcr diese schwache Fusion n\u00f6tige Masse ist erreicht, wenn ein Himmelsk\u00f6rper ungef\u00e4hr 13 mal schwerer als Jupiter ist. Erreicht ein Objekt die 75fache Jupitermasse, beginnt die &#8222;echte&#8220; Kernfusion. Alles was leichter als 13 Jupitermassen ist, wird daher als &#8222;Planet&#8220; kategorisiert; alles was schwerer als 75 Jupitermassen ist als &#8222;Stern&#8220;. Dazwischen findet man die Braunen Zwerge. Wenn man sie denn findet.<\/p>\n<p>Denn auch wenn sie selbst Energie erzeugen k\u00f6nnen, tun sie das nur sehr sparsam und sind daher bei weitem nicht so hell wie Sterne. Sie leuchten haupts\u00e4chlich im Infrarotlicht und sind schwer zu finden. Aber finden wollen wir sie, denn wir k\u00f6nnen von ihnen viel \u00fcber die Entstehung von Planeten und Sternen lernen. Sterne sind gut verstanden und auch bei den Planeten haben wir mittlerweile genug gefunden um gute statistische Aussagen machen zu k\u00f6nnen. Die &#8222;Zwischenstufe&#8220; der Braunen Zwerge begreifen wir aber noch nicht so gut und damit fehlt uns ein wesentliches Puzzleteil f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis der Entstehung von Stern\/Planetensysteme. Warum werden manche Sterne von Braunen Zwergen umkreist und andere von Planeten? Was ist mit den <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2010\/04\/09\/der-braune-zwerg-und-sein-planet\/\">Braunen Zwergen die von Planeten umkreist<\/a> werden? Warum kollabieren manche kosmischen Gaswolken zu Sternen und andere zu Braunen Zwerge? Und so weiter. Allgemeing\u00fcltige Antworten auf diese Fragen haben wir leider noch nicht.<\/p>\n<p>Um sie zu bekommen, m\u00fcssen wir zuerst eine viel grundlegendere Frage beantworten: Wie viele Braune Zwerge gibt es eigentlich? Dazu haben Forscher vom Astrophysikalischen Institut in Potsdam jetzt \u00e4u\u00dferst interessante Erkenntnisse gewonnen. Gabriel Bihain und Ralf-Dieter Scholz haben eigentlich etwas recht Simples getan. In ihrer Arbeit (<a href=\"https:\/\/arxiv.org\/abs\/1603.00714\">&#8222;A non-uniform distribution of the nearest brown dwarfs&#8220;<\/a>) haben sie die Sterne und Braunen Zwerge angesehen, die sich in einem Umkreis von 6,5 Parsec (=21 Lichtjahre) des Sonnensystems befinden. Wir kennen 136 Sterne udn 26 Braune Zwerge und wenn man deren Positionen am Himmel aufzeichnet, sieht das so aus:<\/p>\n<figure id=\"attachment_22131\" aria-describedby=\"caption-attachment-22131\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/sternebraunezwerge.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/sternebraunezwerge.jpg\" alt=\"Bild: Bihain &amp; Scholz, 2016\" width=\"500\" height=\"238\" class=\"size-medium wp-image-22131\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-22131\" class=\"wp-caption-text\"><a href=\"https:\/\/arxiv.org\/abs\/1603.00714\">Bild: Bihain &#038; Scholz, 2016<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p>Links sind die Sterne und rechts die braunen Zwerge. Die Farben und Symbole bezeichnen verschiedene Unterarten der jeweiligen Himmelsk\u00f6rper, aber man erkennt trotzdem ziemlich gut, dass die Sterne gleichm\u00e4\u00dfig \u00fcber den Himmel verteilt sind. Die Braunen Zwerge allerdings nicht!<\/p>\n<p>Vor allem in der n\u00f6rdlichen Hemissph\u00e4re des Himmels fehlen Braune Zwerge und daf\u00fcr muss es einen Grund geben. Es k\u00f6nnte zum Beispiel einfach an der kleineren Zahl der in unserer Nachbarschaft vorhandenen Braunen Zwerge liegen. Aber auch wenn man sich \u00e4hnlich kleine Gruppen naher Sterne ansieht, ist die Verteilung dort gleichm\u00e4\u00dfig. Und die Chance, dass es sich nur um so einen Zufall handelt ist &#8211; wie die beiden Forscher berechnet haben &#8211; ziemlich gering. Wenn es aber daran nicht liegt, dann muss es mehr Braune Zwerge geben, als wir bisher kennen. Unser Wissen \u00fcber die Umgebung des Sonnensystems ist bei weitem  noch nicht komplett und <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2013\/03\/12\/willkommen-in-der-nachbarschaft-zwei-braune-zwerge-wurden-in-der-nahe-des-sonnensystems-entdeckt\/?all=1\">entsprechende Entdeckungen gibt es immer wieder<\/a>. Bihain und Scholz zeigen in ihrer Arbeit auch, dass die in den letzten Jahren durchgef\u00fchrten Suchprogramme durchaus einige Braune Zwerge \u00fcbersehen haben k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Damit die L\u00fccke am Himmel gef\u00fcllt wird, m\u00fcsste auf vier Sterne mindestens ein brauner Zwerg kommen. Das bedeutet nicht nur jede Menge potentielle Entdeckungen f\u00fcr die Zukunft. Sondern \u00e4ndert auch unseren Blick auf die Sternentstehung: Gibt es wirklich so viel mehr Braune Zwerge, dann muss die Sternentstehung auch viel \u00f6fter &#8222;fehlschlagen&#8220; als wir bisher angenommen haben (sofern man die Bildung eines Braunen Zwergs als &#8222;Fehlschlag&#8220; bezeichnen m\u00f6chte). <\/p>\n<blockquote><p><i>&#8220; Es lohnt sich also definitiv, die vorhandenen und zuk\u00fcnftigen Daten noch einmal neu zu durchforsten&#8220;<\/i><\/p><\/blockquote>\n<p><a href=\"https:\/\/www.aip.de\/de\/aktuelles\/presse\/brown-dwarfs\">sagt<\/a> Rolf-Dieter Scholz. Die Zukunft k\u00f6nnte also jede Menge neue Entdeckungen bereit halten. Und wenn nicht? Dann ist das mindestens ebenso interessant! Denn das w\u00fcrde bedeuten, dass es irgendwelche konkreten dynamischen Gr\u00fcnde gibt, die eine Gleichverteilung von Braunen Zwergen an unserem Himmel verhindern. Das w\u00fcrde uns Hinweise auf die Unterschiede liefern, die zwischen der Umgebung des Sonnensystems und den Sternentstehungsregionen in der Milchstra\u00dfe herrschen. Beziehungsweise in der Vergangenheit geherrscht haben.<\/p>\n<p>So oder so &#8211; Egal ob die fehlenden Braunen Zwerg gefunden werden oder eigentlich gar nicht fehlen: Allein die Tatsache, dass sie zu fehlen <I>scheinen<\/i> hat uns schon gezeigt, dass wir das Inventar unseres Universums noch lange nicht komplett verstanden haben! \t<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/009ed14131824de19c5e00034a99341f\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Blick in den Nachthimmel k\u00f6nnte uns glauben machen, im Universum g\u00e4be es nur Sterne. Aber schon im Teleskop erkennt man, dass zum Inventar des Kosmos noch jede Menge andere Objekte geh\u00f6ren. Da sind gro\u00dfe kosmische Wolken. 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