{"id":22665,"date":"2016-02-10T07:00:10","date_gmt":"2016-02-10T06:00:10","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2016\/02\/10\/metalle-schmieden-mit-dunkler-materie\/"},"modified":"2025-05-14T16:16:47","modified_gmt":"2025-05-14T14:16:47","slug":"metalle-schmieden-mit-dunkler-materie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2016\/02\/10\/metalle-schmieden-mit-dunkler-materie\/","title":{"rendered":"Metalle schmieden mit dunkler Materie"},"content":{"rendered":"<p>Die Herkunft der unterschiedlichen chemischen Elemente &#8211; die sogenannte &#8222;Nukleosynthese&#8220; &#8211; geh\u00f6rt zu den faszinierendsten Aspekten der Astronomie bzw. Physik. Es ist erstaunlich kompliziert, all die verschiedenen Stoffe zu produzieren, die uns im Periodensystem der Elemente begegnen. Beim Urknall selbst <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2011\/02\/16\/den-urknall-gab-es-wirklich-teil-1-wie-die-elemente-entstehen\/\">entstanden nur Wasserstoff und Helium<\/a>, die beiden simpelsten Elemente f\u00fcr die man wenigsten Bausteine f\u00fcr den Atomkern braucht. Die schwereren Elemente (die in der Astronomie traditionell allesamt &#8222;Metalle&#8220; genannt werden), gab es nicht und es hat lange gedauert, bis sie das erste Mal entstanden sind. Das Universum musste erst die ersten Sterne hervorbringen damit in deren Inneren durch Kernfusion f\u00fcr uns so wichtige Elemente wie Kohlenstoff, Stickstoff oder Sauerstoff gebildet werden konnten. Aber auch die Sterne schaffen nicht alles; Eisenatome k\u00f6nnen in ihrem Inneren nicht miteinander fusioniert werden und alle chemischen Elemente die noch schwerer sind nicht entstehen. Dazu fehlt selbst den gro\u00dfen Sternen die n\u00f6tige Energie. Aber wenn ein Stern sein Leben beendet, wird kurzfristig genug Energie frei, um Elemente wie Gold oder Silber zu bilden. Die Vorg\u00e4nge <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2012\/09\/13\/wie-gold-und-silber-in-die-welt-gekommen-sind\/\">die dabei ablaufen<\/a> sind noch nicht v\u00f6llig verstanden &#8211; und sie wie es scheint, k\u00f6nnten sie unter Umst\u00e4nden noch seltsamer sein, als man bisher dachte und sogar die Anwesenheit dunkler Materie ben\u00f6tigen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_21829\" aria-describedby=\"caption-attachment-21829\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/zwerggalaxie.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/zwerggalaxie.jpg\" alt=\"Die Fornax-Zwerggalaxie, eine der Begleiter der Milchstra\u00dfe (Bild: ESO\/Digitized Sky Survey 2, CC-BY 3.0)\" width=\"500\" height=\"500\" class=\"size-medium wp-image-21829\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-21829\" class=\"wp-caption-text\">Die Fornax-Zwerggalaxie, eine der Begleiter der Milchstra\u00dfe (<a href=\"https:\/\/www.eso.org\/public\/germany\/images\/eso1007a\/\">Bild: ESO\/Digitized Sky Survey 2<\/a>, <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by\/3.0\/deed.de\">CC-BY 3.0<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die amerikanischen Astronomen Joseph Bramante und Tim Linden haben in einer aktuellen Arbeit die <i>Metallizit\u00e4t<\/i> von Zwerggalaxien untersucht (<a href=\"https:\/\/arxiv.org\/abs\/1601.06784\">&#8222;On the R-Process Enrichment of Dwarf Spheroidal Galaxies&#8220;<\/a>). Zwerggalaxien sind &#8211; wenig \u00fcberraschend &#8211; Galaxien die kleiner sind als normale Galaxien wie unsere Milchstra\u00dfe. Statt ein paar hundert Milliarden Sternen enthalten sie meistens nur ein paar hundert Millionen oder gar nur ein paar Hunderttausend. Daf\u00fcr gibt es aber auch sehr viele Zwerggalaxien. 35 von ihnen sind schon als Satellitengalaxien der Milchstra\u00dfe entdeckt worden; existieren tun aber mit Sicherheit noch viel mehr. <\/p>\n<p>Aus der Untersuchung der Bewegung dieser Galaxien wei\u00df man auch, dass sie viel mehr Masse enthalten m\u00fcssen als man sehen kann; sie bestehen also zu einem gro\u00dfen Teil aus dunkler Materie (und eine <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2013\/06\/26\/dunkle-welten-alles-uber-dunkle-materie-die-komplette-serie\/\">Einf\u00fchrung zum Thema &#8222;Dunkle Materie&#8220; gibt es hier<\/a>). Im letzten Jahr hat man nun eine Zwerggalaxie entdeckt, die seltsame Eigenschaften hat. Sie hei\u00dft <i>Reticulum II<\/i> (Ret II), ist fast 100.000 Lichtjahre von der Milchstra\u00dfe entfernt, viel leuchtschw\u00e4cher und kleiner als typische Zwerggalaxien hat auch deutlich mehr dunkle Materie als die meisten anderen vergleichbaren Zwerggalaxien (dar\u00fcber habe ich <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2015\/03\/26\/ein-moeglicher-nachweis-von-dunkler-materie-in-einer-zwerggalaxie\/?all=1\">letztes Jahr schon berichtet<\/a>).<\/p>\n<p>Als Astronomen nach der Entdeckung von Ret II ein paar der hellsten Sterne dort genauer untersucht haben, stellten sie bei einige von ihnen eine unerwartete Menge sogenannter &#8222;neutron-rich elements&#8220; fest. So nennt man Elemente, die unter dem Einfluss von Neutronen entstehen. Neutronen sind &#8211; neben den Protonen &#8211; die Bausteine aus denen Atomkerne bestehen. Alleine kann ein Neutron aber nicht lange \u00fcberleben; sie zerfallen recht schnell und leben typischerweise nur knapp eine Viertelstunden. Nach dem Urknall gab es von ihnen jede Menge aber alle, die es nicht geschafft haben, rechtzeitig Teil eines Atomkerns zu werden, sind verschwunden. Freie Neutronen gibt es aber wieder, wenn ein Stern bei einer Supernova explodiert oder wenn zwei Neutronensterne (die extrem dichten \u00dcberreste eines Sterns die nach einer Supernova \u00fcbrig bleiben) miteinander kollidieren. Die freien Neutronen k\u00f6nnen sich dann an die Atomkerne bestehender Elemente anlagern und so neue Elemente erzeugen bzw. instabile Atomkerne erzeugen, die dann in stabile &#8211; und neue &#8211; Atomkerne zerfallen. So oder so: Bei diesen Prozessen entstehen u.a. die Elemente, die schwerer sind als Eisen. Die Details sind aber noch unklar und bei Ret II sind sie besonders seltsam.<\/p>\n<p>Eine detaillierte Untersuchung der &#8222;neutron-rich elements&#8220; bei den Sternen von Ret II zeigt, dass sie vermutlich eher auf die Kollision von Neutronensternen zur\u00fcck zu f\u00fchren sind. Nur: In der winzigen Galaxie gibt es so wenig Sterne und es entstehen so wenig neue, dass solche Prozesse enorm selten sind. Bramante und Linden haben in ihrer Arbeit nachgerechnet und kamen zu dem Schluss, dass diese Methode hier nicht funktioniert. Von einer Galaxie die so viel leuchtschw\u00e4cher ist als andere ihrer Art sollte man eigentlich Sterne erwarten, die <i>weniger<\/i> schwerer Elemente enthalten, nicht mehr! Aber Ret II hat ja noch die dunkle Materie und davon mehr als \u00fcblich! Es liegt also nahe, einen Zusammenhang zu vermuten und genau das tun Bramante und Linden auch.<\/p>\n<figure id=\"attachment_21835\" aria-describedby=\"caption-attachment-21835\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Neutron_star_cross_section-de.svg_.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Neutron_star_cross_section-de.svg_.png\" alt=\"M\u00f6glicher Aufbau eines Neutronensterns - die Details sind aber noch nicht wirklich gut bekannt (Bild: gemeinfrei)\" width=\"500\" height=\"400\" class=\"size-medium wp-image-21835\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-21835\" class=\"wp-caption-text\">M\u00f6glicher Aufbau eines Neutronensterns &#8211; die Details sind aber noch nicht wirklich gut bekannt (<a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Neutron_star_cross_section-de.svg?uselang=de\">Bild: gemeinfrei<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Sie schlagen folgenden neuen Prozess vor, um die Metallizit\u00e4t der Sterne in Ret II zu erkl\u00e4ren: Alles beginnt mit einem Neutronenstern, nicht zwei, die kollidieren. Aber dieser eine Neutronenstern kann in seinem Inneren dunkle Materie ansammeln. Die wechselwirkt zwar enorm selten mit normaler Materie, aber in so einem Neutronenstern ist die normale Materie unvorstellbar dicht gepackt und da bleibt &#8211; vereinfacht gesagt &#8211; dann doch einiges h\u00e4ngen. Die Masse des Neutronensterns w\u00e4chst und w\u00e4chst, bis sie irgendwann so gro\u00df ist, dass er unter seinem eigene Gewicht zu einem schwarzen Loch kollabiert. Neutronen fallen nun also auf das neu gebildete schwarze Loch im Kern des ehemaligen Neutronensterns und dieser Strom wird durch die starken Gezeitenkr\u00e4fte &#8222;gequetscht&#8220;; es passiert das, was man oft als <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Spaghettisierung\">&#8222;Spaghettisierung&#8220;<\/a> bezeichnet. Wird so ein Neutronenstrom gequetscht dann, so Bramante und Linden, kann ein Teil davon aus der Umgebung des schwarzen Lochs geschleudert werden. Eine Menge von Neutronen bis zu einem Zehntel der Sonnenmasse k\u00f6nnte bei so einem von dunkler Materie ausgel\u00f6stem Kollaps eines Neutronensterns ins All geschleudert werden. Dabei k\u00f6nnen die &#8222;neutron-rich elements&#8220; entstehen, die man bei der Untersuchung von Ret II gefunden hat.<\/p>\n<p>Das ist nat\u00fcrlich alles ein wenig spekulativ &#8211; aber zumindest nicht komplett un\u00fcberpr\u00fcfbar. Man muss mehr Zwerggalaxien noch genauer untersuchen um herauszufinden, ob dieser Erkl\u00e4rungsansatz auch anderswo funktioniert. Als Kontrollgruppe schlagen Bramante und Linden Kugelsternhaufen vor. Die enthalten \u00e4hnlich wenig Sterne wie die Zwerggalaxien, daf\u00fcr aber auch sehr wenig dunkle Materie.<\/p>\n<p>Ich bin ein wenig skeptisch, ob dieses Modell wirklich n\u00f6tig ist, um die Entstehung schwerer Elemente in Zwerggalaxien zu erkl\u00e4ren. Immerhin hat man bis jetzt ja nur ein paar Ausnahmef\u00e4lle, die mit den bisherigen Annahmen schwer zu erkl\u00e4ren sind. Vielleicht gibt es auch noch andere, weniger exotische M\u00f6glichkeiten. Aber es ist schon auch irgendwie ein faszinierender Gedanke: Dunkle Materie ist komplett anders, als die f\u00fcr uns normale Materie. Aber trotzdem k\u00f6nnte sie n\u00f6tig sein, um einen Teil dieser normalen Materie zu produzieren&#8230;<\/p>\n<p><span style=\"font-size: xx-small;\"><center>(<a href=\"https:\/\/astrobites.org\/2016\/02\/02\/forging-metals-with-dark-matter-in-dwarf-galaxies\/\">via astrobites<\/a>)<\/center><\/span><br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg03.met.vgwort.de\/na\/88029367f60c496999f8986548fa1855\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Herkunft der unterschiedlichen chemischen Elemente &#8211; die sogenannte &#8222;Nukleosynthese&#8220; &#8211; geh\u00f6rt zu den faszinierendsten Aspekten der Astronomie bzw. Physik. Es ist erstaunlich kompliziert, all die verschiedenen Stoffe zu produzieren, die uns im Periodensystem der Elemente begegnen. 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