{"id":22641,"date":"2016-01-27T07:00:45","date_gmt":"2016-01-27T06:00:45","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2016\/01\/27\/die-lange-suche-nach-planet-x-2010-2015-ferne-asteroiden-und-unklare-spuren\/"},"modified":"2025-05-14T16:16:45","modified_gmt":"2025-05-14T14:16:45","slug":"die-lange-suche-nach-planet-x-2010-2015-ferne-asteroiden-und-unklare-spuren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2016\/01\/27\/die-lange-suche-nach-planet-x-2010-2015-ferne-asteroiden-und-unklare-spuren\/","title":{"rendered":"Die lange Suche nach Planet X (2010-2015): Ferne Asteroiden und unklare Spuren"},"content":{"rendered":"<p><i>Die angebliche Entdeckung eines neuen Planeten im \u00e4u\u00dferen Sonnensystem hat in den letzten Tagen f\u00fcr viel Aufsehen gesorgt. Dabei sind die Menschen schon seit mehr als 200 Jahren damit besch\u00e4ftigt, neue Planeten im \u00e4u\u00dferen Sonnensystem zu vermuten, zu suchen und auch zu finden. In einer kurzen vierteiligen Artikel-Serie m\u00f6chte ich diese lange Geschichte ein wenig ausf\u00fchrlicher darstellen um am Ende die aktuellen Ergebnisse vern\u00fcnftig darstellen und einordnen zu k\u00f6nnen.<\/i><br \/>\n&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;<\/p>\n<p>Die Suche nach Planeten im \u00e4u\u00dferen Sonnensystem ist schon seit mehr als 200 Jahren im Gange. W\u00e4hrend man im 19. und 20. Jahrhundert <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/?p=21741\">tats\u00e4chlich neue Himmelsk\u00f6rper fand<\/a>, war der Beginn des 21. Jahrhunderts eher von Konfusion gepr\u00e4gt. Wie ich im <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/?p=21745\">letzten Teil der Serie erz\u00e4hlt habe<\/a>, stellte man einerseits fest, dass es eigentlich keinen Grund mehr gab, nach &#8222;Planet X&#8220; zu suchen, andererseits in den \u00e4u\u00dfersten Regionen des Sonnensystems doch mehr los zu sein schien, als man urspr\u00fcnglich dachte. Und im Laufe der Zeit verdichteten sich auch die Hinweise, dass man dort unter Umst\u00e4nden vielleicht doch noch einen Planeten finden k\u00f6nnte!<\/p>\n<p>Im 19. Jahrhundert war die Beobachtung des Planeten Uranus der Ausgangspunkt f\u00fcr die Suche nach einem &#8222;Planet X&#8220;. Seine Bahn zeigte Auff\u00e4lligkeiten, die man durch die gravitativen St\u00f6rungen eines noch unentdeckten Planeten erkl\u00e4rte. Dieser Planet wurde dann auch tats\u00e4chlich entdeckt und ist seitdem als &#8222;Neptun&#8220; bekannt. Weitere Anomalien, anhand der man die Existenz weiterer unbeobachteter Himmelsk\u00f6rper postulieren h\u00e4tte k\u00f6nnen, gab es allerdings nicht. Alles was entdeckt worden war, verhielt sich im wesentlichen so, wie es sollte. Erst als um die Jahrtausendwende immer mehr neue Asteroiden im Kuiperg\u00fcrtel hinter der Neptunbahn gefunden wurden, \u00e4nderte sich die Lage. Und es gab ein weiteres Mal Hinweise auf einen &#8222;Planet X&#8220;.<\/p>\n<p>Vor den Asteroiden waren aber die Kometen an der Reihe! Ihr Verhalten lie\u00df einige Astronomen schon l\u00e4nger vermuten, dass es fern der Sonne noch viel mehr geben k\u00f6nnte, als wir bisher beobachtet hatten. <\/p>\n<p>(Kurzer Einschub: In der Wissenschaft passiert selten etwas aus dem Nichts heraus; neue Erkenntnisse gewinnt man nur in Ausnahmef\u00e4llen von heute auf morgen. So ist es auch bei der Suche nach Planet X. Wenn man die Fachliteratur durchsieht, findet man eine Vielzahl von Arbeiten, die anhand von Kometen \u00fcber weitere Planeten im \u00e4u\u00dferen Sonnensystem spekulieren und teilweise bis in die 1990er Jahre oder noch weiter zur\u00fcckreichen. Auch rein theoretische \u00dcberlegungen zur Planetenentstehung enthalten oft Vermutungen \u00fcber weitere Planeten. Einen kompletten historischen \u00dcberblick \u00fcber all diese Arbeiten zu geben liegt au\u00dferhalb der M\u00f6glichkeiten meiner Artikel-Serie; ich habe mich daher im folgenden auf einige der aktuelleren Arbeiten konzentriert, die seit 2010 erschienen sind.)<\/p>\n<p>Asteroiden hinter der Bahn des Neptun kennt man erst seit 1992 (oder 1930, wenn man Pluto inkludiert). Kometen dagegen schon viel l\u00e4nger. Sie wurden beobachtet, sobald Menschen in der Lage waren, zum Himmel zu schauen und zu verstehen, was dort vor sich geht. Neben den sogenannten <i>kurzperiodischen<\/i> Kometen, die Teil des &#8222;normalen&#8220; Bereichs des Sonnensystems sind und nicht l\u00e4nger als 200 Jahren f\u00fcr einen Umlauf brauchen, gibt es auch die <i>langperiodischen<\/i> Kometen. Die sehen wir meist nur einmal: Sie brauchen Jahrtausende oder Jahrzehntausende f\u00fcr eine Runde um die Sonne. Sie waren es auch, die uns auf die Existenz der <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2014\/04\/03\/das-unbekannte-ende-des-sonnensystems-die-oortsche-wolke\/?all=1\">Oortschen Wolke hingewiesen haben<\/a>, das Reservoir aus dem all die fernen Besucher kommen m\u00fcssen. Und sie sind es, die uns einen kleinen Blick auf das erm\u00f6glichen k\u00f6nnten, was dort vor sich geht.<\/p>\n<figure id=\"attachment_21749\" aria-describedby=\"caption-attachment-21749\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Kuiper_belt_-_Oort_cloud-de.svg_.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Kuiper_belt_-_Oort_cloud-de.svg_.png\" alt=\"Schematische Darstellung von Kuiperg\u00fcrtel und Oortscher Wolke (Bild: NASA)\" width=\"500\" height=\"429\" class=\"size-medium wp-image-21749\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-21749\" class=\"wp-caption-text\">Schematische Darstellung von Kuiperg\u00fcrtel und Oortscher Wolke (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Datei:Kuiper_belt_-_Oort_cloud-de.svg\">Bild: NASA<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Man geht davon aus, dass die Oortsche Wolke eine kugel(schalen)f\u00f6rmige Region ist, die das Sonnensystem umgibt. Die Objekte die sich dort befinden sollen in der chaotischen Fr\u00fchzeit unseres Systems dort hinaus geschleudert worden sein und sich deswegen eben auch <i>\u00fcberall<\/i> rund um die Sonne herum angesammelt haben. Wenn nun Brocken aus Fels und Eis von dort ab und zu zur\u00fcck in Richtung des inneren Sonnensystems gelangen, dann erwarten wir daher auch, dass sie das aus allen Richtungen tun. Und im Prinzip beobachtet man das auch (ansonsten w\u00e4re man damals ja gar nicht erst auf die Idee gekommen, dass es die Oortsche Wolke gibt). <\/p>\n<p>Je mehr Kometen im Laufe der Zeit aber entdeckt wurden, desto interessanter wurde die Sache. Eine <a href=\"https:\/\/adsabs.harvard.edu\/abs\/1999DPS....31.0607M\">genaue Analyse der Bahnen langperiodischer Kometen<\/a> lies vermuten, dass sie eben nicht gleichm\u00e4\u00dfig aus allen Richtungen  kommen. Eine bestimmte Gruppe von Kometen hatte ungew\u00f6hnliche Bahnen; die kleiner waren und deren sonnenn\u00e4chste Punkte viel weiter weg lagen als erwartet. Eine Erkl\u00e4rung f\u00fcr dieses Verhalten k\u00f6nnte der Einfluss der <i>galaktischen Gezeiten<\/i> sein (die im Prinzip so funktionieren wie die <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/?p=21340?all=1\">auf der Erde vom Mond ausgel\u00f6sten Gezeiten<\/a>, nur das diesmal eben die Gravitation aller Sterne der Milchstra\u00dfe daf\u00fcr verantwortlich ist). Aber das scheint nicht zu reichen!<\/p>\n<p>Im April 2010 haben die beiden amerikanischen Astronomen John Matese und Daniel Whitmire eine ausf\u00fchrliche Analyse dieser Kometenbahnen ver\u00f6ffentlicht (<a href=\"https:\/\/arxiv.org\/abs\/1004.4584\">&#8222;Persistent Evidence of a Jovian Mass Solar Companion in the Oort Cloud&#8220;<\/a>). Wenn man <i>nur<\/i> den Einfluss der bekannten Planeten und der galaktischen Gezeiten ber\u00fccksichtigt, so ihre Modellrechungen, dann erh\u00e4lt man eine Verteilung von Kometenbahnen, die von der beobachteten Verteilung abweicht. Es braucht also noch zus\u00e4tzliche Faktoren um erkl\u00e4ren zu k\u00f6nnen, warum die beobachteten Kometen sich so verhalten wie sie es tun. Nat\u00fcrlich besteht auch immer die M\u00f6glichkeit, dass wir einfach noch zu wenig Kometen beobachtet haben und alles nur eine zuf\u00e4llige statistische Fluktuation ist. Es k\u00f6nnte aber auch sein, dass die Kometen durch einen Stern beeinflusst worden sind, der fr\u00fcher einmal in der N\u00e4he der Oortschen Wolke vor\u00fcber gezogen ist.<\/p>\n<p>Diese Hypothese ist gar nicht so weit hergeholt wie sie vielleicht klingt. Wir wissen, dass Sterne so gut wie nie allein entstehen sondern immer gemeinsam mit vielen anderen Sternen aus riesigen kosmischen Gaswolken. Das ist <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2010\/04\/29\/familienzusammenfuhrung-auf-der-suche-nach-den-geschwistern-der-sonne\/\">auch bei unserer Sonne so gewesen<\/a> und es hat ein wenig gedauert, bis all ihre &#8222;Geschwister&#8220; sich entfernt haben. Einer dieser Sterne k\u00f6nnte f\u00fcr die Verteilung der Kometenbahnen verantwortlich gewesen sein und das ist auch einer der Gr\u00fcnde, der diese Art von Forschung f\u00fcr die Astronomen so interessant macht. Es geht nicht unbedingt nur darum, einen &#8222;Planet X&#8220; zu finden &#8211; sondern darum, mehr \u00fcber die Vergangenheit unseres Sonnensystems und seine Entstehung zu erfahren.<\/p>\n<p>Aber neben Zufall und st\u00f6renden Geschwistersternen ist eben auch der Einfluss eines gro\u00dfen Planeten eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung f\u00fcr das Verhalten der Kometen. Matese und Whitmire kommen in ihrer Arbeit zu dem Schluss, dass so ein Planet, dem sie den Namen <i>Tyche<\/i> gegeben haben, ungef\u00e4hr vier mal so schwer wie Jupiter sein muss und ungef\u00e4hr 15.000 Mal weiter von der Sonne entfernt ist als die Erde. <\/p>\n<p>Ein ganz sch\u00f6ner Brocken also, der da in den \u00e4u\u00dferen Bereichen des Sonnensystems seine Runden zieht! Oder besser gesagt: Ziemlich sicher <i>nicht<\/i> zieht. Denn mittlerweile haben Weltraumteleskope wie <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/WISE\">WISE<\/a> den Himmel durchmustert. Jeder Planet, der so gro\u00df wie Jupiter oder gr\u00f6\u00dfer ist, w\u00e4re dabei entdeckt worden wenn er nicht weiter als 26.000 Mal von der Sonne entfernt ist als die Erde. Wenn es Tyche g\u00e4be, dann w\u00e4re er von WISE gefunden worden. Ein unbekannter Planet im \u00e4u\u00dferen Sonnensystem wird durch  WISE zwar nicht ausgeschlossen &#8211; aber er muss entweder weiter weg sein oder aber viel kleiner.<\/p>\n<p>Die Kometen konnten vorerst also nicht weiterhelfen. Aber daf\u00fcr die Asteroiden! Von denen fand man immer mehr und im Jahr 2014 dann auch einen, der sich noch weiter entfernt befindet als der bisherige Rekordhalter Sedna. Der <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2014\/03\/26\/besuch-von-ganz-weit-draussen-neu-entdeckter-asteroid-kommt-aus-der-inneren-oortschen-wolke\/?all=1\">Asteroid 2012 VP113<\/a> und mit ihm eine kleine Gruppe neu entdeckter weiterer Asteroiden im \u00dcbergangsbereich zwischen Kuiperg\u00fcrtel und Oortscher Wolke zeigten nicht nur, dass man da drau\u00dfen noch etwas finden konnte. So wie die Kometen verhielten auch sie sich nicht ganz so, wie es erwartet wurde.<\/p>\n<figure id=\"attachment_14229\" aria-describedby=\"caption-attachment-14229\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Sedna-NASA.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Sedna-NASA.jpg\" alt=\"Sedna ist so weit entfernt, dass man nur einen winzigen Lichtpunkt erkennen kann (Bild: NASA)\" width=\"500\" height=\"380\" class=\"size-medium wp-image-14229\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-14229\" class=\"wp-caption-text\">Sedna ist so weit entfernt, dass man nur einen winzigen Lichtpunkt erkennen kann (<a href=\"https:\/\/photojournal.jpl.nasa.gov\/catalog\/PIA05568\">Bild: NASA<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Chad Trujillo und Scott Sheppard, die Entdecker von 2012 VP113, der selbst an seinem sonnenn\u00e4chsten Punkt noch 80 Mal weiter von ihr entfernt ist als die Erde, wiesen in ihrer Arbeit (<a href=\"https:\/\/www.nature.com\/nature\/journal\/v507\/n7493\/pdf\/nature13156.pdf\">&#8222;A Sedna-like body with a perihelion of 80 astronomical units&#8220;<\/a> auf eine interessante Anomalie hin, die mit dem sogenannten &#8222;Argument des Perihels&#8220; zu tun hat.<\/p>\n<p>Das ist eine der sechs Zahlen, mit der Astronomen <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2009\/02\/22\/wie-beschreibt-man-die-bahn-eines-himmelskorpers\/?all=1\">die Bahn eines Himmelsk\u00f6rpers beschreiben<\/a>. In diesem Fall der Winkel zwischen der Linie die den sonnenn\u00e4chsten Punkt der Bahn mit der Sonne selbst verbindet und der Linie, die die Sonne mit dem &#8222;aufsteigender Knoten&#8220; verbindet, also dem Schnittpunkt zwischen der Bahnebene des Asteroiden und der Bahnebene der Erde: <\/p>\n<figure id=\"attachment_2857\" aria-describedby=\"caption-attachment-2857\" style=\"width: 381px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/5724-perihel.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/5724-perihel.jpg\" alt=\"Argument des Perihels\" width=\"381\" height=\"341\" class=\"size-full wp-image-2857\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-2857\" class=\"wp-caption-text\">Argument des Perihels<\/figcaption><\/figure>\n<p>Oder anders und etwas einfacher gesagt: Die Bahnellipse eines Himmelsk\u00f6rpers kann irgendwie im Raum orientiert sein und die genaue Art der Orientierung muss durch drei Winkel angegeben werden; einen f\u00fcr jede Richtung im Raum. Das &#8222;Argument des Perihels&#8220; ist einer dieser Winkel (die &#8222;Inklination&#8220; und die &#8222;L\u00e4nge des aufsteigenden Knotens&#8220; die anderen). Trujillo und Sheppard haben nun alle bekannten Asteroiden betrachtet, die immer mindestens 30 mal weiter von der Sonne entfernt sind als die Erde. Das Argument des Perihels ist bei all diesen Asteroiden unterschiedlich und deckt alle Werte zwischen 0 und 360 Grad ab. Eigentlich genau das, was zu erwarten w\u00e4re. Auf diese fernen Asteroiden wirken die Gravitationskr\u00e4fte der Planeten im inneren Sonnensystem nicht mehr &#8222;gezielt&#8220;; sie sp\u00fcren nur den kombinierten Einfluss aller St\u00f6rungen und das f\u00fchrt dazu, dass ihre Bahnen sich aufgrund der St\u00f6rung mit irgendwelchen zuf\u00e4lligen Geschwindigkeiten im Raum herum drehen. Was dann eben auch dazu f\u00fchrt, dass man heute alle m\u00f6glichen Werte f\u00fcr den aktuellen Winkel der Orientierung der Bahn im Raum beobachtet.<\/p>\n<p>Aber: Das galt nicht f\u00fcr die <i>wirklich<\/i> weit entfernten Asteroiden! Alle diejenigen, die mehr als 150 mal weiter von der Sonne entfernt waren als die Erde, zeigten Bahnen deren Argument des Perihels in der N\u00e4he von 0 Grad lag. Gut, es waren insgesamt nur 13 St\u00fcck, aber der Befund war auff\u00e4llig.<\/p>\n<figure id=\"attachment_14230\" aria-describedby=\"caption-attachment-14230\" style=\"width: 567px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/trujillo.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/trujillo.jpg\" alt=\"Bild: Trujillo &amp; Sheppard, 2014 \" width=\"567\" height=\"581\" class=\"size-full wp-image-14230\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-14230\" class=\"wp-caption-text\"><a href=\"https:\/\/dx.doi.org\/10.1038\/nature13156\">Bild: Trujillo &#038; Sheppard, 2014 <\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p>Trujillo und Sheppard schlugen als Erkl\u00e4rung die gezielte St\u00f6rung dieser fernen Asteroiden durch einen noch unbekannten Planeten vor. Wenn der sich genau am richtigen Ort befindet, kann es zu <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2009\/03\/23\/resonanzen-und-frequenzen\/?all=1\">Resonanzen kommen<\/a>, d.h. bestimmte Bahnparameter wie eben das Argument des Perihels k\u00f6nnen sich nicht beliebig \u00e4ndern sondern nur in Einklang mit den Ver\u00e4nderungen des st\u00f6renden Planeten selbst. Wenn Asteroiden in so einer Resonanz &#8222;gefangen&#8220; sind, dann k\u00f6nnte das die Auff\u00e4lligkeiten in ihren Bahnen erkl\u00e4ren. Laut Trujillo und Sheppard br\u00e4uchte man daf\u00fcr einen Planeten der etwas gr\u00f6\u00dfer als die Erde ist und ungef\u00e4hr 250 Mal weiter von der Sonne entfernt als unser Planet. Wirklich exakt konnten sie es aber nicht eingrenzen &#8211; und es gab durchaus auch andere M\u00f6glichkeiten um das Verhalten der Asteroiden zu erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Lucie J\u00edlkov\u00e1 von der Universt\u00e4t Leiden und ihre Kollegen schlugen im M\u00e4rz 2015 eine faszinierende<br \/>\nAlternative vor (<a href=\"https:\/\/arxiv.org\/abs\/1506.03105\">&#8222;How Sedna and family were captured in a close encounter with a solar sibling&#8220;<\/a>). Auch sie gehen davon aus, dass die Sonne in der Zeit nach ihrer Entstehung einige nahe Begegnungen mit Geschwistersternen hatte. Mit ausf\u00fchrlichen Computersimulationen zeigten sie, dass dabei Asteroiden aus den \u00e4u\u00dferen Asteroideng\u00fcrteln des vorbeiziehenden Sterns von der Sonne eingefangen werden k\u00f6nnen (und die Sonne auch Asteroiden an den anderen Stern verlieren kann). Dabei k\u00f6nnen genau solche Gruppen von Asteroiden mit seltsamen Eigenschaften entstehen, wie Trujillo und Sheppard sie beobachtet haben. <\/p>\n<p>Die Sache mit &#8222;Planet X&#8220; bliebt weiterhin unklar. Eine neue Analyse der Daten von Trujillo und Sheppard (<a href=\"https:\/\/arxiv.org\/abs\/1406.0715\">&#8222;Extreme trans-Neptunian objects and the Kozai mechanism: signalling the presence of trans-Plutonian planets&#8220;<\/a>) zeigte, dass die Sache mit dem Argument des Perihels aller Wahrscheinlichkeit nach kein zuf\u00e4lliger Effekt ist, der sich auf die geringe Zahl der beobachteten Objekte zur\u00fcck f\u00fchren l\u00e4sst. Sie zeigte aber auch, dass vermutlich nicht nur ein Planet sondern sogar zwei unbekannte Himmelsk\u00f6rper n\u00f6tig sind, um die Beobachtungen zu erkl\u00e4ren (Ich habe damals <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2015\/01\/23\/zwei-neue-planeten-im-aeusseren-sonnensystem-entdeckt\/?all=1\">hier ausf\u00fchrlich \u00fcber diese Arbeit geschrieben<\/a>).<\/p>\n<p>Also zwei Planeten? Oder vielleicht doch gar keiner? Eine Arbeit aus dem September 2015 (<a href=\"https:\/\/arxiv.org\/abs\/1509.08920\">&#8222;A new inclination instability reshapes Keplerian disks into cones: application to the outer Solar System&#8220;<\/a>) erkl\u00e4rte die Auff\u00e4lligkeiten der fernen Asteroiden ganz ohne zus\u00e4tzliche Planeten sondern mit einer &#8222;inclination instability&#8220;; also einer Phase, bei der sich &#8211; vereinfacht gesagt &#8211; alle vorhandenen Himmelsk\u00f6rper gegenseitig so sehr st\u00f6ren, dass es zu gro\u00dfr\u00e4umigen Ver\u00e4nderungen in den Umlaufbahnen kommt. So etwas k\u00f6nnte in der Fr\u00fchzeit des Sonnensystems im Kuiperg\u00fcrtel stattgefunden und die beobachteten Anomalien erzeugt haben, wie in der entsprechenden Arbeit demonstriert wird.<\/p>\n<p>Auch in der Gegenwart ist die Sache mit &#8222;Planet X&#8220; also ziemlich verwirrend. Wenn es da drau\u00dfen irgendwo einen wirklich gro\u00dfen Himmelsk\u00f6rper g\u00e4be, h\u00e4tten unsere Weltraumteleskope ihn schon l\u00e4ngst gefunden. Wenn es noch unbekannte Planeten gibt, m\u00fcssen sie entweder, enorm weit weg (und damit so gut wie gar nicht zu finden) sein oder aber kleiner und in der Gr\u00f6\u00dfe vergleichbar mit der Erde. Die Hinweise, die wir von Kometen und Asteroiden auf die Existenz eines unbekannten Planeten haben, sind vielversprechend aber auch leider nicht eindeutig. Und vor allem nicht zwingend; es gibt noch genug andere M\u00f6glichkeiten, die Beobachtungen ohne R\u00fcckgriff auf unbekannte Planeten zu erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Aber die Astronomen lassen sich nicht aufhalten! Wir wollen Bescheid wissen, was in unserem Sonnensystem abgeht! Wenn da noch Planeten sind, wollen wir sie finden und wenn nicht, wollen wir das ebenfalls wissen. In der n\u00e4chsten und letzten Folge dieser Mini-Serie werde ich daher von den aktuellen Entwicklungen bei der Suche nach Planet X erz\u00e4hlen und von den M\u00f6glichkeiten, das Ding zu finden, falls es irgendwo da drau\u00dfen sein sollte!<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/4bde0dd6c012453691f66e18e34e23de\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die angebliche Entdeckung eines neuen Planeten im \u00e4u\u00dferen Sonnensystem hat in den letzten Tagen f\u00fcr viel Aufsehen gesorgt. Dabei sind die Menschen schon seit mehr als 200 Jahren damit besch\u00e4ftigt, neue Planeten im \u00e4u\u00dferen Sonnensystem zu vermuten, zu suchen und auch zu finden. 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