{"id":22520,"date":"2014-12-10T08:30:29","date_gmt":"2014-12-10T07:30:29","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2014\/12\/10\/ein-planet-mit-leben-mit-hoechsten-100-lichtjahren-entfernung\/"},"modified":"2025-05-14T16:15:56","modified_gmt":"2025-05-14T14:15:56","slug":"ein-planet-mit-leben-mit-hoechsten-100-lichtjahren-entfernung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2014\/12\/10\/ein-planet-mit-leben-mit-hoechsten-100-lichtjahren-entfernung\/","title":{"rendered":"Ein Planet mit Leben mit h\u00f6chsten 100 Lichtjahren Entfernung?"},"content":{"rendered":"<p>Als ich <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/?p=17171\">am Sonntag in Berlin<\/a> einen Vortrag \u00fcber die Suche nach extrasolaren Planeten und au\u00dferirdischem Leben gehalten habe, stellte das Publikum am Ende wie \u00fcblich Fragen. Und wie immer wenn ich \u00fcber dieses Thema spreche, wurde auch gefragt, wie gro\u00df die Wahrscheinlichkeit ist, dass auf einem anderen Planeten Leben existiert. Die Antwort, die ich gegeben habe, war die, die ich immer gebe. Kurz gefasst lautet sie: Im Prinzip kann man sich jede beliebige Wahrscheinlichkeit ausdenken, da wir noch nicht genug Daten haben, um eine konkrete Wahrscheinlichkeit anzugeben. <\/p>\n<p>Die Frage nach der H\u00e4ufigkeit von au\u00dferirdischem Leben beinhaltet eigentlich zwei Fragen: 1) Wie wahrscheinlich ist es, dass anderswo noch ein Planet existiert, auf dem Leben <i>m\u00f6glich<\/i> ist. Und 2): Wie wahrscheinlich ist es, dass auf einem solchen Planeten Leben auch tats\u00e4chlich entsteht? Die erste Frage k\u00f6nnen wir mittlerweile einigerma\u00dfen beantworten. Die zweite Frage allerdings \u00fcberhaupt nicht. Aber das hindert die Leute nat\u00fcrlich nicht, es immer wieder zu probieren. Zum Beispiel Amri Wandel von der Universit\u00e4t Jerusalem, der dar\u00fcber in seiner Arbeit <a href=\"https:\/\/arxiv.org\/abs\/1412.1302\">&#8222;On the abundance of extraterrestrial life after the Kepler mission&#8220;<\/a> spekuliert.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<figure id=\"attachment_13915\" aria-describedby=\"caption-attachment-13915\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/knownexoplanets.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/knownexoplanets.jpg\" alt=\"Wir haben schon jede Menge fremde Planeten in allen Gr\u00f6\u00dfen gefunden (Bild: NASA Ames\/W Stenzel)\" width=\"500\" height=\"375\" class=\"size-medium wp-image-13915\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-13915\" class=\"wp-caption-text\">Wir haben schon jede Menge fremde Planeten in allen Gr\u00f6\u00dfen gefunden (<a href=\"https:\/\/www.nasa.gov\/ames\/kepler\/digital-press-kit-kepler-planet-bonanza\/#.Uw8J_oVIr4O\">Bild: NASA Ames\/W Stenzel<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Frage geht nat\u00fcrlich auf die <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2008\/10\/20\/3796497-ausserirdische-zivilisationen\/\">Drake-Gleichung<\/a> zur\u00fcck, die schon im Jahr 1960 vom Astronomen Frank Drake aufgestellt worden ist. In diese Formel muss man nur 7 Zahlen einsetzen und bekommt am Ende die Anzahl aller intelligenten Zivilisation in unserer Milchstra\u00dfe, mit denen wir theoretisch Kontakt aufnehmen k\u00f6nnten. Die Formel an sich ist kein Problem. Sie ist mathematisch exakt und w\u00fcrde auch ein exaktes Ergebnis liefern, wenn die eingesetzten Zahlen exakt w\u00e4ren. Allerdings kannte man 1960 gerade mal eine dieser Zahlen (die Sternentstehungsrate in der Milchstra\u00dfe). Mittlerweile wissen wir ein wenig mehr und k\u00f6nnen auch angeben, wie viele Sterne Planeten besitzen und wie viele dieser Planeten sich in der habitablen Zone befinden, also dem Bereich um einen Stern, in dem Leben auf der Oberfl\u00e4che eines Planeten prinzipiell m\u00f6glich sein kann (Und um die jetzt unweigerlich aufkommenden Frage &#8222;Aber was ist mit Leben, das nicht so funktioniert wie unser Leben und ganz andere Bedingungen braucht?&#8220; zu beantworten, verweise ich <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2014\/09\/08\/warum-suchen-wissenschaftler-immer-nur-nach-ausserirdischem-leben-das-dem-auf-der-erde-aehnlich-ist\/\">auf diesen Artikel<\/a>). Dank der Ergebnisse der verschiedenen Planetensuchprogramme der letzten Jahre wissen wir heute, das Planeten genau so h\u00e4ufig sind wie Sterne selbst und k\u00f6nnen auch brauchbare Sch\u00e4tzungen angeben, wie viele Planeten sich in der habitablen Zone befinden. <\/p>\n<p>Das \u00e4ndert aber nichts daran, dass wir \u00fcber die weiteren Parameter der Drake-Gleichung nichts wissen und einer dieser Parameter ist die Wahrscheinlichkeit, mit der Leben auf einem Planeten entstehen kann. Amri Wandel hat die Drake-Gleichung in seiner Arbeit ein wenig modifiziert. Er hat sich (vorerst) nur einmal auf Leben an sich konzentriert und das intelligente Leben ignoriert. Die ganzen astronomischen Parameter hat er zu einem einzigen Term zusammengefasst, der angibt, wie viele Sterne pro Jahr entstehen, die einen Planeten besitzen, auf dem sich Leben entwickeln kann. Mit den aus den aktuellen Beobachtungen abgeleiteten Werten kommt er auf eine Rate von 0,1 bis 10 solcher Sterne pro Jahr. So weit, so gut: Dass potentiell lebensfreundliche Planeten durchaus h\u00e4ufig sein k\u00f6nnen, ist seit einigen Jahren bekannt. Interessanter wird es bei &#8222;biotischen Parametern&#8220;: Der Wahrscheinlichkeit, dass sich Leben auch tats\u00e4chlich entwickelt und der durchschnittlichen Dauer, w\u00e4hrend der Leben auf einem Planeten existiert. Hier haben wir nur einen einzigen Datenpunkt zur Verf\u00fcgung: Unsere Erde. Hier entstand Leben vor ungef\u00e4hr 3,5 Milliarden Jahren und ist seitdem auch nicht mehr verschwunden. <\/p>\n<figure id=\"attachment_17354\" aria-describedby=\"caption-attachment-17354\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/wandel1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/wandel1.jpg\" alt=\"Der Abstand zu einem Planeten mit Leben (y-Achse, in Lichtjahren) in Abh\u00e4ngigkeit der Wahrscheinlichkeit, das Leben auf einem Planeten entsteht (x-Achse). Beide Achsen sind logarithmisch. Die blaue und rote Kurven entsprechen den Extremwerten von 0,1 bzw. 10 neu entstehenden Sternen mit &quot;biotischen Planeten&quot; pro Jahr (Bild: Wandel, 2014)\" width=\"500\" height=\"343\" class=\"size-medium wp-image-17354\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-17354\" class=\"wp-caption-text\">Der Abstand zu einem Planeten mit Leben (y-Achse, in Lichtjahren) in Abh\u00e4ngigkeit der Wahrscheinlichkeit, das Leben auf einem Planeten entsteht (x-Achse). Beide Achsen sind logarithmisch. Die blaue und rote Kurven entsprechen den Extremwerten von 0,1 bzw. 10 neu entstehenden Sternen mit &#8222;biotischen Planeten&#8220; pro Jahr (<a href=\"https:\/\/arxiv.org\/abs\/1412.1302\">Bild: Wandel, 2014<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Amri Wandel hat die ganzen Zahlen und Wahrscheinlichkeiten in eine neue Formel umgearbeitet, die den durchschnittlichen Abstand zu einem &#8222;biotischen Planeten&#8220;, also einem Planeten mit Leben (Leben, kein <i>intelligentes<\/i> Leben) liefert. Je nachdem, welche Werte man f\u00fcr die &#8211; unbekannte! &#8211; Wahrscheinlichkeit der Lebensentstehung einsetzt, kommt er dabei auf Distanzen zwischen 10 und 100 Lichtjahren. Das klingt nat\u00fcrlich sehr beeindruckend. Wenn das wirklich so w\u00e4re, dann kann man davon ausgehen, das Leben in unserer Milchstra\u00dfe sehr h\u00e4ufig ist und sehr viele belebte Welten existieren. Und vielleicht ist das ja auch wirklich so. Vielleicht aber auch nicht. Denn das ist das Problem, das ich mit der Drake-Gleichung (und all ihren Variationen) habe: Ihr numerischen Ergebnisse t\u00e4uschen eine Pr\u00e4zision vor, die in der Realit\u00e4t nicht existiert. Wir <i>wissen<\/i> eben nicht, wie wahrscheinlich es ist, das Leben auf einem Planeten entsteht. Ja, auf der Erde ist Leben entstanden und das schon ziemlich bald nachdem die Entstehung von Leben prinzipiell m\u00f6glich war. Aber ist das nun ein Zeichen daf\u00fcr, dass Leben <i>immer<\/i> entsteht, wenn es die M\u00f6glichkeit daf\u00fcr gibt? Genau so gut kann es sein, dass sehr viele, sehr spezielle Bedingungen erf\u00fcllt sein m\u00fcssen und vielleicht nur ein oder zwei Planeten in der ganzen Galaxie Leben beherbergen. <\/p>\n<p>Wir haben zwar viele gute Ideen, wie und unter welchen Bedingungen das Leben entstanden sein k\u00f6nnte. Aber Ideen sind keine konkreten Belege und ohne die kann man auch keine konkrete Wahrscheinlichkeit angeben. Jede Drake-Gleichung liefert also beliebige Resultate; es kommt ganz darauf an, welche Wahrscheinlichkeit man aussucht. Solange wir nicht mehr Daten haben, bringt es nichts, dar\u00fcber zu spekulieren (abgesehen davon, dass es nat\u00fcrlich sehr interessant ist). Das gilt um so mehr, wenn man irgendwelche Zahlenspielereien zur Frage nach <i>intelligenten<\/i> Lebewesen anstellt. Hier ist die Datenlage noch schlechter. Und pessimistischer&#8230; Auf der Erde ist das Leben w\u00e4hrend des Gro\u00dfteils der Milliarden Jahre seiner Existenz wunderbar ohne Intelligenz ausgekommen. Wir Menschen sind erst eine neue und nach kosmischen Ma\u00dfst\u00e4ben sehr kurzfristige Erscheinung. Es ist nicht im geringsten belegt, das sich Leben zwangsl\u00e4ufig irgendwann zu intelligentem Leben weiter entwickeln muss. Hier mit Formeln berechnen zu wollen, wie h\u00e4ufig so eine Entwicklung anderswo vorkommen kann, ist m\u00fc\u00dfig (weswegen ich den zweiten Teil von Wandels Arbeit, in dem er genau das macht, auch gar nicht weiter besprechen will).<\/p>\n<figure id=\"attachment_14570\" aria-describedby=\"caption-attachment-14570\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/IMG_3142-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/IMG_3142-scaled.jpg\" alt=\"Ne, BILD - das dauert noch!\" width=\"500\" height=\"375\" class=\"size-medium wp-image-14570\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-14570\" class=\"wp-caption-text\">Ne, BILD &#8211; das dauert noch!<\/figcaption><\/figure>\n<p>Uns helfen nur mehr Daten weiter! Aber die werden wir hoffentlich bald kriegen. Wenn die neuen gro\u00dfen Teleskope (wie das European Extremly Large Telescope) fertig werden, k\u00f6nnen wir die Planeten in der n\u00e4heren kosmischen Umgebung genauer unter die Lupe nehmen; ihre Atmosph\u00e4ren analysieren und nach den Anzeichen von Leben suchen. Je nachdem, wie viele und wie gute Hinweise wir da finden, k\u00f6nnen wir dann endlich daran gehen, Zahlen f\u00fcr die Drake-Gleichung abzuch\u00e4tzen, die \u00fcber reines Raten und Wunschdenken hinaus gehen! Erst dann machen die ganzen Zahlespielereien Sinn. Bis es soweit ist, werden wir noch ein oder zwei Jahrzehnte warten m\u00fcssen (es sei denn, es findet zuf\u00e4lligerweise demn\u00e4chst eine Alien-Invasion statt &#8211; dann h\u00e4tte sich die Sache schon fr\u00fcher gekl\u00e4rt). Aber das Warten lohnt sich. Daten sind immer besser als Spekulationen&#8230;<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/0050baf74de447648c2911c0a2fbbd53\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als ich am Sonntag in Berlin einen Vortrag \u00fcber die Suche nach extrasolaren Planeten und au\u00dferirdischem Leben gehalten habe, stellte das Publikum am Ende wie \u00fcblich Fragen. Und wie immer wenn ich \u00fcber dieses Thema spreche, wurde auch gefragt, wie gro\u00df die Wahrscheinlichkeit ist, dass auf einem anderen Planeten Leben existiert. 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