{"id":22384,"date":"2014-11-14T12:15:49","date_gmt":"2014-11-14T11:15:49","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2014\/11\/14\/raumfahrt-inspiriert-aber-auch-die-richtigen\/"},"modified":"2025-05-14T16:15:44","modified_gmt":"2025-05-14T14:15:44","slug":"raumfahrt-inspiriert-aber-auch-die-richtigen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2014\/11\/14\/raumfahrt-inspiriert-aber-auch-die-richtigen\/","title":{"rendered":"Raumfahrt inspiriert &#8211; aber auch die Richtigen?"},"content":{"rendered":"<p>Vermutlich wurde noch nie jemand von so vielen angespannten Leuten und mit so gro\u00dfer Aufmerksamkeit beim Kaffeetrinken beobachtet wie der ESA-Flugchef Paolo Ferri letzten Mittwoch w\u00e4hrend <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2014\/11\/11\/live-die-landung-auf-dem-kometen\/\">der Landung der Raumsonde Philae<\/a> auf dem Kometen Tschurjumow-Gerasimenko. Im ESA-Zentrum in Darmstadt starrte ein Publikum aus ein paar hundert Wissenschaftlern und Medienvertretern auf den gro\u00dfen Bildschirm, der einen Blick in das Kontrollzentrum nebenan erlaubte. Und \u00fcberall auf der Welt verfolgten Menschen das Geschehen im Internet. Nur: Es geschah eigentlich nichts. Die tonlosen Videobilder zeigten Ferri vor seinem Computer. Mal sah er besorgt auf den Bildschirm; mal angespannt; mal interessiert. Zwischendurch griff er zu seinem Kaffebecher, trank einen Schluck und stellte ihn neben dem auf dem Tisch liegenden Mikrofon ab. Das Mikrofon, in das er sp\u00e4ter sprechen w\u00fcrde um die hoffentlich gute Nachricht zu verk\u00fcnden. Aber die kam nicht &#8211; und in Darmstadt und dem Rest der Welt beobachtete man stattdessen weiterhin Ferri beim Kaffetrinken. Trotz der offensichtlichen Banalit\u00e4t war es einer der spannendsten Momente des Tages und der war gerade erst einmal zur H\u00e4lfte vergangen! Das gro\u00dfe Ereignis &#8211; die Landung auf dem Kometen selbst &#8211; stand erst noch bevor. Ferri &#8211; und mit ihm das weltweite Publikum &#8211; wartet eigentlich nur darauf, dass sich Rosetta und Philae nach der zuvor erfolgten Trennung wieder bei der Bodenstation auf der Erde meldeten. Wenn der Funkkontakt mit der landenden Sonde nicht hergestellt werden konnte, w\u00e4re dieser Teil der Mission schon viel zu fr\u00fch gescheitert.<\/p>\n<figure id=\"attachment_16960\" aria-describedby=\"caption-attachment-16960\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/20141112_120033-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/20141112_120033-scaled.jpg\" alt=\"Paolo Ferri wartet...\" width=\"500\" height=\"375\" class=\"size-medium wp-image-16960\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-16960\" class=\"wp-caption-text\">Paolo Ferri wartet&#8230;<\/figcaption><\/figure>\n<p>Aber es klappte. Ferri und seine Kollegen im Kontrollzentrum sahen auf einmal sehr gl\u00fccklich aus. Und die versammelten G\u00e4ste in Darmstadt jubelten. Die versammelten Medienvertreter dagegen filmten und fotografierten. Die Szenen wirkten teilweise ein wenig absurd. Die H\u00e4lfte des Publikums jubelte, applaudierte und lag sich in den Armen. Und die andere H\u00e4lfte dr\u00e4ngte sich vor ihnen, um m\u00f6glichst gute Bilder dieser Freude zu machen. Die jubelnde Menge der Wissenschaftler dachte in diesem Moment vermutlich daran, wie viel Arbeit sie in diese Mission gesteckt haben, wie schwierig es war bis zu diesem Punkt zu gelangen, wie viel dabei schief h\u00e4tte gehen k\u00f6nnen und wie gro\u00dfartig es ist, all diese Schwierigkeiten bis jetzt \u00fcberwunden zu haben. Sie dachten wahrscheinlich an die gro\u00dfartigen wissenschaftlichen Daten, die sie hoffentlich bald untersuchen k\u00f6nnen und die Ergebnisse, die daraus gewonnen werden k\u00f6nnen. Die Kameraleute und Fotografen dagegen werden vermutlich kaum einen Gedanken an die gro\u00dfe technische und wissenschaftliche Leistung verschwendet haben, deren Zeuge sie gerade geworden sind. Sie waren mit ihrer Arbeit besch\u00e4ftigt. <\/p>\n<p>Und mir ging es eigentlich nicht anders. Ich habe Ferris Kaffeetrinken, seine Anspannung und seinen Jubel auf dem Bildschirm meines Smartphones betrachtet, das auf den Bildschirm im Eventsaal gerichtet war. Ich dachte, ich m\u00fcsse diesen Moment unbedingt filmen. Keine Ahnung warum &#8211; meine Handykamera macht sowieso keine vern\u00fcnftigen Bilder und das, was ich da gefilmt habe, konnte sowieso jeder auch direkt im Livestream selbst sehen. Aber ich war eben auch nicht aus reinem Vergn\u00fcgen im Kontrollzentrum der ESA. Ich war da, um zu arbeiten. Um in meinem Blog \u00fcber die Ereignisse zu berichten; um Updates via Twitter und Facebook zu ver\u00f6ffentliche; um Material f\u00fcr zuk\u00fcnftige B\u00fccher und Zeitungsartikel zu sammeln. Nat\u00fcrlich war ich sehr froh, bei diesem historischen Ereignis direkt vor Ort sein zu k\u00f6nnen (zumindest so sehr &#8222;vor Ort&#8220; wie das bei einem Ereignis, das in 500 Millinen Kilometer Entfernung stattfindet, m\u00f6glich ist). Aber anstatt st\u00e4ndig zwischen Laptop, Handy und Kamera zu wechseln; hektisch Bilder zu machen und kurze Texte zu tippen; den Akku der diversen Ger\u00e4te im Auge zu behalten und abzusch\u00e4tzen, wann ich \u00fcber was berichten soll um noch genug Saft f\u00fcr sp\u00e4tere Updates zu haben &#8211; anstatt also st\u00e4ndig abgelenkt zu sein, h\u00e4tte ich den Tag lieber einfach nur genossen. Ich h\u00e4tte gerne einfach nur die Ereignisse verfolgt, mich von der Anspannung und Freude der Wissenschaftler anstecken lassen und dieser Landung die Aufmerksamkeit gewidmet, die diesem historischen Moment zusteht.<\/p>\n<figure id=\"attachment_16961\" aria-describedby=\"caption-attachment-16961\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/20141112_100445-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/20141112_100445-scaled.jpg\" alt=\"Jubel und Medienhektik\" width=\"500\" height=\"281\" class=\"size-medium wp-image-16961\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-16961\" class=\"wp-caption-text\">Jubel und Medienhektik<\/figcaption><\/figure>\n<p>Ich h\u00e4tte den Tag gerne so verbracht wie die jungen Menschen, die im Laufe des Nachmittags auf die B\u00fchne des gro\u00dfen Saals der ESA gebeten wurden. Es waren die Gewinner der diversen Wettbewerbe, die im Vorfeld der Landung durchgef\u00fchrt worden sind. Ein junger Sch\u00fcler aus Griechenland zum Beispiel, <a href=\"https:\/\/www.esa.int\/Our_Activities\/Space_Science\/Rosetta\/The_competition_winners_who_helped_us_wake_up_Rosetta\">dessen Klasse ein tolles &#8222;Wake Up, Rosetta&#8220;-Video gedreht hat<\/a>. Oder Alexandre Brouste, der <a href=\"https:\/\/www.esa.int\/Our_Activities\/Space_Science\/Rosetta\/Farewell_J_hello_Agilkia\">den Vorschlag machte, die Landestelle am Komet &#8222;Agilkia&#8220; zu nennen<\/a>. Diese jungen Leute fanden den Tag vermutlich noch viel aufregender als alle anderen. Im Gegensatz zu den Wissenschaftler und Medienvertretern waren sie vermutlich das erste Mal bei so einem gro\u00dfen Ereignis dabei und das erste Mal zu Besuch im Europ\u00e4ischen Raumfahrtkontrollzentrum.<\/p>\n<p>In den Interviews und Vortr\u00e4gen, die uns die Zeit bis zur Landung vertreiben sollte, haben danach die Vertreter der ESA immer wieder darauf hingewiesen, wie wichtig solche Ereignisse sind, um bei der Bev\u00f6lkerung Begeisterung und Interesse f\u00fcr Wissenschaft und Technik hervorzurufen. Es wurde erkl\u00e4rt, wie inspirierend solche gro\u00dfen Momente sind und das sie bei vielen jungen Menschen der Ausl\u00f6ser f\u00fcr eine lebenslange Besch\u00e4ftigung mit der Wissenschaft oder gar eine berufliche Laufbahn als Wissenschaftler sein k\u00f6nnen. Und das ist auch absolut korrekt. Wenn man sich ansieht, welche Resonanz die Landung auf dem Kometen \u00fcberall auf der Welt und in den sozialen Medien des Internets ausgel\u00f6st hat, dann kann man am Begeisterungspotential kaum zweifeln. Und es ist auch enorm wichtig, dass man immer wieder probiert vor allem junge Menschen f\u00fcr die Wissenschaft zu begeistern! Denn die Wissenschaft hat unsere moderne Welt gepr\u00e4gt wie kein anderes menschliches Vorhaben bis jetzt. <i>Alles<\/i> was uns umgibt ist auf die eine oder andere Art ein Resultat von Wissenschaft und Forschung und wenn wir auf sinnvolle Art an der Gestaltung dieser Gesellschaft teilnehmen wollen, dann m\u00fcssen wir auch ein wenig \u00fcber Wissenschaft Bescheid wissen. <\/p>\n<p>Wie wirkliche Begeisterung aussieht, konnte man dann kurz nach f\u00fcnf am Nachmittag beobachten, als die Raumsonde Philae tats\u00e4chlich auf der Oberfl\u00e4che des Kometen gelandet war. Im Saal sa\u00df niemand mehr auf den St\u00fchlen. Alle standen, jubelten, schrien, klatschten, weinten, h\u00fcpften, umarmten sich und waren gl\u00fccklich. Ein der Wissenschaftler neben mir konnte zu seinem Kollegen nichts anderes mehr sagen als immer wieder <i>&#8222;We dit it! We did it! We made history today! We really did it!&#8220;<\/i>. Besonders intensiv war der Jubel von Monica Grady von der Open University, die eines der Experimente auf Philae mitgebaut hatte:<\/p>\n<p><center><iframe loading=\"lazy\" width=\"400\" height=\"500\" frameborder=\"0\" src=\"https:\/\/emp.bbc.co.uk\/emp\/embed\/smpEmbed.html?playlist=http%3A%2F%2Fplaylists.bbc.co.uk%2Fnews%2Fscience-environment-30022765A%2Fplaylist.sxml&#038;title=Rosetta%20comet%20landing%3A%20Professor's%20excitement%20and%20tears&#038;product=news\"><\/iframe><\/center><\/p>\n<p>In diesem Moment habe auch ich dann aufgeh\u00f6rt zu bloggen und zu fotografieren und mich ebenfalls einfach nur gefreut. Aber die meisten Medienvertreter konnten diesen Moment vermutlich genau so wenig genie\u00dfen wie zuvor. Sie standen schon lange vor der Bekanntgabe der Landung mit dem R\u00fccken zu den Bildschirmen aus dem Kontrollraum und hatten ihre Ger\u00e4te auf das wartende Publikum gerichtet um den zu erwartenden Jubel nicht zu verpassen. Und danach wollte sie nat\u00fcrlich m\u00f6glichst schnell Interviews mit den verantwortlichen Wissenschaftlern und ESA-Vertretern f\u00fchren. <\/p>\n<p>Und genau das ist ja auch ihr Job! Ohne die ganzen Journalisten, Kameraleute und Fotografen w\u00e4ren nicht so viele Menschen \u00fcber diese tolle Mission informiert worden. Ohne die Medien h\u00e4tten wir ber\u00fchrende Videos wie das von Monica Grady nicht sehen k\u00f6nnen. Berichterstattung durch die Medien ist bei solchen Ereignissen wichtig &#8211; je mehr Berichterstattung, um so besser! Im Vergleich zu zum Beispiel Sport oder Promi-Tratsch wird \u00fcber Wissenschaft sowieso viel zu wenig berichtet! Aber als ich mir die ganze Aufregung im gro\u00dfen Saal nach der Landung angesehen habe, habe ich mir immer wieder gedacht: Was w\u00e4re, wenn hier nicht alles von mit arbeitenden und hektischen Medienmenschen w\u00e4re? Was w\u00e4re, wenn der ganze Saal voll mit begeisterten Sch\u00fclern w\u00e4re? Mit jungen Menschen aus aller Welt; mit Studentinnen und angehenden Wissenschaftlern &#8211; mit genau den Menschen also, deren Interesse und Begeisterung f\u00fcr die Forschung man mit solchen Ereignissen wecken will?<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist v\u00f6llig klar, dass ein Moment wie die erste Landung einer Raumsonde auf einem Kometen nicht unter Ausschluss der Medien stattfinden kann. Das w\u00e4re absurd und auch v\u00f6llig kontraproduktiv. Selbstverst\u00e4ndlich sollen und m\u00fcssen m\u00f6glichst viele Medienvertreter vor Ort die M\u00f6glichkeit haben, zu berichten. Das ist ihr Job. Und ihnen genau das zu erm\u00f6glichen ist der Job der Abteilung f\u00fcr \u00d6ffentlichkeitsarbeit der ESA. Aber vielleicht h\u00e4tte man neben dem Medienevent auch eine zweite Veranstaltung durchf\u00fchren k\u00f6nnen? Eine Veranstaltung, bei der man Schulklassen, Studenten, Kindern und Jugendlichen die M\u00f6glichkeit gibt, bei einem so gro\u00dfen Ereignis genau so live vor Ort sein zu k\u00f6nnen, wie es die &#8222;wichtige&#8220; Wissenschaftler, Politiker und Medienleute sind? <\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/20141112_125200-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/20141112_125200-scaled.jpg\" alt=\"20141112_125200\" width=\"500\" height=\"375\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-16962\" \/><\/a><\/p>\n<p>Vermutlich (ich habe das jetzt nicht gepr\u00fcft) wird die ESA jetzt schon jede Menge Angebote f\u00fcr interessierte junge Menschen haben. Ich nehme an, es gibt F\u00fchrungen, Workshops, und so weiter. Und das, was ich hier geschrieben habe, soll auch keinesfalls an Kritik (weder an der ESA noch an den Medien) verstanden werden. Aber ich habe den ganzen Tag im Kontrollzentrum der ESA Menschen beobachtet, die zutiefst ber\u00fchrt und begeistert von den Vorg\u00e4ngen waren. Und jede Menge Leute von den Medien, die vor lauter Arbeit kaum mitbekamen, was um sie herum passiert ist. Und dabei konnte ich nicht anders als mir vorzustellen, wie es w\u00e4re, so ein &#8222;Live und vor Ort&#8220;-Ereignis einmal ohne den Medienrummel zu erleben? Wenn der Saal nicht voll mit Kameraleuten und Journalisten und Bloggern wie mir gewesen w\u00e4re, sondern gef\u00fcllt mit begeisterten Kindern und Jugendlichen, die sich an diesen Tag, an dem sie die erste Landung auf einem Kometen <i>im Kontrollzentrum<\/i> mitverfolgen durften, bis an ihr Lebensende nicht vergessen werden? <\/p>\n<p>Vermutlich ist so etwas organisatorisch (oder wahrscheinlich eher finanziell) einfach nicht machbar. Und vermutlich waren auch die vielen Public-Viewing-Veranstaltungen \u00fcberall auf der Welt die man auch besuchen konnte, wenn man kein Medienvertreter oder Projektwissenschaftler ist, geeignet um Menschen zu begeistern. Vermutlich sind meine Gedanken ein wenig naiv. Aber die Vorstellung eines Saals mit hunderten begeisterten Kinder anstatt hunderter hektischer Journalisten finde ich trotzdem reizvoll. \t<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg03.met.vgwort.de\/na\/3e2f0c003e8d4360ab725bee91990b66\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vermutlich wurde noch nie jemand von so vielen angespannten Leuten und mit so gro\u00dfer Aufmerksamkeit beim Kaffeetrinken beobachtet wie der ESA-Flugchef Paolo Ferri letzten Mittwoch w\u00e4hrend der Landung der Raumsonde Philae auf dem Kometen Tschurjumow-Gerasimenko. 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