{"id":22360,"date":"2014-11-08T13:44:01","date_gmt":"2014-11-08T12:44:01","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2014\/11\/08\/ringwelten-ein-fantastisches-alma-bild-eines-entstehenden-planetensystems-und-staubringe-in-einem-doppelsternsystem\/"},"modified":"2025-05-14T16:15:41","modified_gmt":"2025-05-14T14:15:41","slug":"ringwelten-ein-fantastisches-alma-bild-eines-entstehenden-planetensystems-und-staubringe-in-einem-doppelsternsystem","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2014\/11\/08\/ringwelten-ein-fantastisches-alma-bild-eines-entstehenden-planetensystems-und-staubringe-in-einem-doppelsternsystem\/","title":{"rendered":"Ringwelten: Ein fantastisches ALMA-Bild eines entstehenden Planetensystems und Staubringe in einem Doppelsternsystem"},"content":{"rendered":"<p>Zur Zeit liegt die Aufmerksamkeit der Weltraum-Fans ja ganz bei der bevorstehenden Landung der Raumsonde <i>Philae<\/i> auf einem Kometen und auch ich habe mich <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2014\/11\/08\/countdown-zur-kometenlandung-noch-4-tage-basteln-und-spielen-mit-rosetta\/\">hier im Blog<\/a> ausf\u00fchrlich damit besch\u00e4ftigt und werde das in den n\u00e4chsten Tagen auch weiterhin tun. Aber trotz der spektakul\u00e4ren Mission der Europ\u00e4ischen Weltraumagentur wird anderswo weiterhin Wissenschaft betrieben und die ist mindestens ebenso spektakul\u00e4r. Besonders das ALMA-Observatorium der Europ\u00e4ischen S\u00fcdsternwarte hat in den letzten Tagen h\u00f6chst beeindruckende Bilder gemacht.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Seht euch zum Beispiel dieses Bild an:<\/p>\n<figure id=\"attachment_16827\" aria-describedby=\"caption-attachment-16827\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/almabild.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/almabild.jpg\" alt=\"Bild: ALMA (ESO\/NAOJ\/NRAO)\" width=\"500\" height=\"500\" class=\"size-medium wp-image-16827\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-16827\" class=\"wp-caption-text\"><a href=\"https:\/\/www.eso.org\/public\/images\/eso1436a\/\">Bild: ALMA (ESO\/NAOJ\/NRAO)<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p>Das ist <i>keine<\/i> k\u00fcnstlerische Darstellung sondern eine reale Aufnahme der Umgebung des Sterns <i>HL Tauri<\/i>. Es ist allerdings kein Bild, das wir so auch mit unseren eigenen Augen sehen k\u00f6nnten, denn das ALMA-Observatorium beobachtet Millimeter und Submillimeterwellen. Dieser Bereich des elektromagnetischen Spektrums, der Licht mit Wellenl\u00e4ngen umfasst, die ein wenig l\u00e4nger sind als die des sichtbaren und des Infrarotlichts sind besonders interessant, wenn man auf der Suche nach kosmischen Gas- und Staubwolken sind. Die kleinen Teilchen werden vom Licht des Sterns aufgeheizt und geben die Energie dann unter anderem in Form der von ALMA beobachtbaren Strahlung ab. Und genau das ist es auch, was man auf dem Bild sehen kann: Staub, der den jungen Stern umgibt.<\/p>\n<p>Staubscheiben bei anderen Sternen sind keine neue Entdeckung. Die erste <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2013\/03\/29\/die-wunderbare-welt-der-exoplaneten-teil-ii-staubige-geheimnisse\/\">fand man schon 1984<\/a> und seitdem hat man solche Scheiben bei vielen Sternen entdeckt. Und der Staub ist deswegen so interessant, weil daraus Planeten entstehen k\u00f6nnen. Da wo es Staub gibt, muss es fr\u00fcher oder sp\u00e4ter auch Planeten geben und deren Anwesenheit beeinflusst die Verteilung des Staubs. Ihre Gravitationskraft erzeugt L\u00fccken in der Scheibe und diese Daten kann man nutzen, um auf die Existenz von Himmelsk\u00f6rpern zu schlie\u00dfen, die man sonst nicht sehen kann.<\/p>\n<p>Ich habe fr\u00fcher selbst auf diesem Gebiet gearbeitet und zum Beispiel <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2008\/11\/23\/planet-bei-beta-pictoris-gefunden\/\">die Verteilung des Staubs um den Stern Beta Pictoris genutzt um auf die Existenz von bis zu drei Planeten<\/a> zu schlie\u00dfen. Staubscheiben sind also an sich keine gro\u00dfe Neuigkeit. Aber noch nie zuvor konnte man sie in so enorm gro\u00dfer Aufl\u00f6sung beobachten! Die Strukturen, die man auf dem Bild erkennen kann, sind nur 5 Astronomische Einheiten gro\u00df. Gut, das ist immer noch der f\u00fcnffache Abstand zwischen Erde und Sonne &#8211; aber einerseits ist HL Tauri immerhin 450 Lichtjahre von der Erde weit weg und andererseits ist es um so schwerer, eine hohe Aufl\u00f6sung zu erreichen, je gr\u00f6\u00dfer die Wellenl\u00e4nge ist, bei der man beobachtet. Das Bild von ALMA ist bei weitem das beste, was man bisher machen konnte und es ist wirklich sehr beeindruckend.<\/p>\n<p>Man erkennt ganz deutlich die L\u00fccken im Staub, die eigentlich nur durch in Entstehung begriffene Planeten verursacht werden k\u00f6nnen. Und es ist \u00fcberraschend, dass diese L\u00fccken schon so deutlich zu erkennen sind. Der Stern ist erst eine Million Jahre alt und in diesem zarten Alter hat man bisher noch nicht mit Planetenentstehung gerechnet. Eine genaue Untersuchung steht zwar noch aus, aber es scheint, als k\u00f6nne die Entstehung von Planeten durchaus schneller ablaufen, als man bisher gedacht hatte. <\/p>\n<p>ALMA wird die Astronomie in den n\u00e4chsten Jahren mit Sicherheit noch weiter revolutionieren. Die Anlange ist noch neu und Bilder wie das von HL Tauri sind die ersten, die man mit voller Leistungsf\u00e4higkeit gemacht hat. Das Array aus 66 Antennen die in der d\u00fcnnen W\u00fcstenluft 5000 Meter \u00fcber dem Meeresspiegel auf dem chilenischen Chajnantor-Plateau stehen, wird in Zukunft regelm\u00e4\u00dfig solche Bilder machen. Und wir werden die Entstehung von Planeten immer besser verstehen&#8230;<\/p>\n<p>Und es gibt noch jede Menge zu verstehen. Das zeigt eine andere aktuelle wissenschaftliche Arbeit, die ebenfalls auf Beobachtungen von ALMA basiert. Ein Team um Anne Dutrey von der Universit\u00e4t Bordeaux hat den Stern GG Tauri A beobachtet. Die Ausgangslage ist kompliziert: GG Tauri A bildet mit GG Tauri B ein Mehrfachsternsystem. Aber sowohl A als auch B sind keine Einzelsterne, sondern selbst Doppelsterne. Und k\u00fcrzlich <a href=\"https:\/\/www.aanda.org\/articles\/aa\/full_html\/2014\/05\/aa23675-14\/aa23675-14.html\">hat man entdeckt<\/a>, dass einer der beiden Sterne des GG-Tauri-A-Systems <i>auch<\/i> ein Doppelstern ist. Um die Sache einfacher zu machen, ignorieren wie GG Tauri B jetzt einfach mal (der Abstand zu A ist sowieso so gro\u00df, dass kein relevanter Einfluss besteht) und besch\u00e4ftigen uns nur mit GG Tauri A. Dieses System ist also aus drei Sternen zusammengesetzt: GG Tauri Aa ist knapp 36 Astronomische Einheiten (in etwa der Abstand zwischen Sonne und Pluto) von den beiden Sternen GG Tauri Ab1 und GG Tauri Ab2 entfernt, zwischen denen ein Abstand von 4,5 Astronomischen Einheiten (ein bisschen weniger als die Distanz zwischen Sonne und Jupiter) liegt.<\/p>\n<p>Man wusste schon fr\u00fcher, dass es bei GG Tauri A eine Scheibe aus Staub gibt. Beziehungsweise zwei Scheiben: Das gesamte System aus Aa, Ab1 und Ab2 ist von einem Staubring umgeben; genau so wie die beiden Stern Ab1 und Ab2 selbst, die innerhalb eines kleineren Rings aus Staub liegen. Die Gesamtmasse des Staubs in diesem kleineren Ring ist ungef\u00e4hr so gro\u00df wie die Masse des Planeten Jupiter und das ist ein Problem. Eigentlich sollte es diesen Ring gar nicht geben. Er liegt den beiden inneren Sternen so nahe, dass der ganze Staub schon l\u00e4ngst durch ihren Einfluss verschwunden sein h\u00e4tte sollen. Das GG-Tauri-System ist zwar erst ein paar Millionen Jahre alt, aber das ist deutlich l\u00e4nger als die typische Lebensdauer von Staub in der N\u00e4he eines Sterns.<\/p>\n<figure id=\"attachment_16828\" aria-describedby=\"caption-attachment-16828\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/ggtauri.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/ggtauri.jpg\" alt=\"K\u00fcnstlerische Darstellung der Staubringe des Dreifachsystems von GG Tauri A (Bild: ESO\/L. Cal\u00e7ada)\" width=\"500\" height=\"312\" class=\"size-medium wp-image-16828\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-16828\" class=\"wp-caption-text\">K\u00fcnstlerische Darstellung der Staubringe des Dreifachsystems von GG Tauri A (<a href=\"https:\/\/www.eso.org\/public\/images\/eso1434a\/\">Bild: ESO\/L. Cal\u00e7ada<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Irgendwas muss also f\u00fcr st\u00e4ndigen Nachschub an Staub sorgen und Computersimulationen haben in der Vergangenheit gezeigt, dass theoretisch Material vom gro\u00dfen \u00e4u\u00dferen Ring nach innen wandern kann. Aber dieser Prozess konnte bis jetzt noch nie in der Natur beobachtet werden. Bis jetzt. Anne Dutrey und ihre Kollegen haben ALMA auf GG Tauri gerichtet und das Riesenteleskop hat gro\u00dfe Gaswolken entdeckt, die sich <i>zwischen<\/i> den beiden Ringen bewegen (&#8222;Planet formation in the young, low-mass multiple stellar system GGTau-A&#8220; <a href=\"https:\/\/www.eso.org\/public\/archives\/releases\/sciencepapers\/eso1434\/eso1434a.pdf\">pdf<\/a>). Und wie ich oben schon gesagt habe: Wo Staub ist, da k\u00f6nnen auch Planeten sein!<\/p>\n<p><i>Dass<\/i> es in Doppel- bzw. Mehrfachsternsystemen <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2009\/02\/04\/planeten-und-doppelsterne\/\">Planeten geben kann und auch tats\u00e4chlich gibt<\/a> ist schon l\u00e4nger bekannt. Aber Beobachtungen wie die bei GG Tauri zeigen, wie komplex die Dinge in der Realit\u00e4t sein k\u00f6nnen. Die Interaktion zwischen den Staubringen kann Baumaterial auch an Orte transportieren, wo man bisher nicht mit dessen Existenz gerechnet hat. Damit k\u00f6nnten auch Planeten in Regionen entstehen, wo man bisher von Planetenentstehung nicht ausgegangen ist.<\/p>\n<p>Je besser unser Blick hinaus ins All wird, desto komplexer wird das, was wir dort sehen. ALMAs Beobachtungen werden auch in Zukunft jede Menge neue Fragen aufwerfen. Aber wir werden auch Antworten finden! Und unterwegs jede Menge tolle Bilder zu sehen kriegen&#8230;<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/56076eb7c2384772beeee19e30266e5a\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zur Zeit liegt die Aufmerksamkeit der Weltraum-Fans ja ganz bei der bevorstehenden Landung der Raumsonde Philae auf einem Kometen und auch ich habe mich hier im Blog ausf\u00fchrlich damit besch\u00e4ftigt und werde das in den n\u00e4chsten Tagen auch weiterhin tun. 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