{"id":22293,"date":"2014-10-23T12:00:51","date_gmt":"2014-10-23T10:00:51","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2014\/10\/23\/sie-haben-die-ignoranz-gewaehlt-ein-europaeisches-manifest-fuer-die-wissenschaft\/"},"modified":"2025-05-14T16:15:32","modified_gmt":"2025-05-14T14:15:32","slug":"sie-haben-die-ignoranz-gewaehlt-ein-europaeisches-manifest-fuer-die-wissenschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2014\/10\/23\/sie-haben-die-ignoranz-gewaehlt-ein-europaeisches-manifest-fuer-die-wissenschaft\/","title":{"rendered":"&#8222;Sie haben die Ignoranz gew\u00e4hlt&#8220;: Ein europ\u00e4isches Manifest f\u00fcr die Wissenschaft"},"content":{"rendered":"<p>Es mag niemanden verwundern, dass ich in meinem Blog immer wieder darauf hinweise, wie wichtig Wissenschaft ist. Immerhin bin ich Wissenschaftler und verdiene meinen Lebensunterhalt mit der Vermittlung von Wissenschaft. Aber wenn ich die Bedeutung der Wissenschaft so heraus stelle, dann sind das keine egoistischen Gr\u00fcnde und es liegt auch nicht daran, dass ich einen zu engen Blick auf die Welt habe. Ich bin tats\u00e4chlich zutiefst davon \u00fcberzeugt, dass Wissenschaft f\u00fcr die gesamte Gesellschaft fundamental wichtig ist. Es ist eigentlich trivial: Unsere gesamte moderne Welt wird von der Wissenschaft bestimmt. Alles was irgendwo produziert wird und alles was irgendwo gekauft wird, entstammt wissenschaftlicher Forschung beziehungsweise wurde von wissenschaftlicher Forschung beeinflusst. Forschung hat die Welt zu dem gemacht, was sie heute ist und wenn wir eine Chance haben wollen, die Probleme in dieser Welt zu l\u00f6sen, dann geht das nur, wenn wir diese Welt besser verstehen. Und damit ist ganz explizit auch die &#8222;anwendungsfreie&#8220; Grundlagenforschung gemeint. Deren Ergebnisse lassen sich vielleicht nicht sofort in vermarktbare Produkte umsetzen. Aber fr\u00fcher oder sp\u00e4ter wird das passieren. Je mehr wir wissen, desto mehr M\u00f6glichkeiten haben wir. Und je mehr M\u00f6glichkeiten wir haben, desto gr\u00f6\u00dfer ist die Chance, dass wir die <i>richtige<\/i> oder zumindest die <i>beste<\/i> M\u00f6glichkeit finden, um einem Problem zu begegnen. <\/p>\n<figure id=\"attachment_16603\" aria-describedby=\"caption-attachment-16603\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/all_i_see_are_equations.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/all_i_see_are_equations.png\" alt=\"Wissenschaft ist \u00fcberall! (Bild: Abstruse Goose, CC-BY-NC 3.0 US)\" width=\"500\" height=\"794\" class=\"size-medium wp-image-16603\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-16603\" class=\"wp-caption-text\">Wissenschaft ist \u00fcberall! (<a href=\"https:\/\/abstrusegoose.com\/275\">Bild: Abstruse Goose<\/a>, <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nc\/3.0\/us\/\">CC-BY-NC 3.0 US<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Wissenschaft ist wichtig und es ist gef\u00e4hrlich, sie zu vernachl\u00e4ssigen. Aber genau das passiert leider immer wieder. Wenn irgendwo gespart werden muss, dann spart man gerne bei der Wissenschaft (<a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/daempfer-fuer-die-forscher-keine-deutsche-beteiligung-am.724.de.html?dram:article_id=300744\">ein aktuelles Beispiel findet man hier<\/a>). Aber gerade die L\u00e4nder, die durch Wirtschafts- und Finanzkrisen geschw\u00e4cht sind, nehmen sich durch Einsparungen in der Wissenschaft die M\u00f6glichkeit, eine stabilere Wirtschaft f\u00fcr die Zukunft zu entwickeln. In ganz Europa haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler <i>&#8222;dramatische Fehlentwicklungen im Bereich der Wissenschaftspolitik&#8220;<\/i> identifiziert und weisen nun im Rahmen eines <a href=\"https:\/\/openletter.euroscience.org\/open-letter-german\/\">offenen Briefs<\/a> darauf hin. Den Inhalt des Briefes m\u00f6chte ich hier gerne wiedergeben und euch, falls ihr dem Text zustimmt, darum bitten <a href=\"https:\/\/openletter.euroscience.org\/sign-the-petition\/\"><b>die Petition zu unterzeichnen<\/b><\/a>.<\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;-<\/p>\n<p><b>Europ\u00e4isches Manifest f\u00fcr die Wissenschaft<\/b><\/p>\n<p><i>Wissenschaftler aus verschiedenen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern weisen in einem offenen Brief darauf hin, dass trotz national sehr unterschiedlicher Rahmenbedingungen in vielen L\u00e4ndern \u00e4hnliche dramatische Fehlentwicklungen im Bereich der Wissenschaftspolitik zu beobachten sind. Diese kritischen Betrachtungen werden zeitgleich in der Zeitschrift \u201cNature\u201d vorgestellt und europaweit in zahlreichen Zeitungen ver\u00f6ffentlicht. Sie sind eine Mahnung an die verantwortlichen Politiker, ihren Kurs zu \u00fcberdenken. Gleichzeitig fordern sie Wissenschaftler und die \u00d6ffentlichkeit auf, sich f\u00fcr eine starke Rolle der Wissenschaft in der Gesellschaft einzusetzen. Der Titel \u201cThey have chosen ignorance\u201d, spielt dabei an auf das Bonmot: \u201cIf you think education is expensive, try ignorance\u201d, frei \u00fcbersetzt: \u201cDas Einzige, das teurer ist als Bildung, ist fehlende Bildung (resp. Wissenschaft).\u201d<\/i><\/p>\n<p>Die politisch Verantwortlichen in zahlreichen Mitgliedsl\u00e4ndern und an der Spitze der Europ\u00e4ischen Union drohen den Kontakt zur Wirklichkeit von Forschung und Wissenschaft zu verlieren.<\/p>\n<p>Sie scheinen entschlossen, die Wichtigkeit einer starken Wissenschaft f\u00fcr eine starke Wirtschaft zu ignorieren. Dabei sind besonders die L\u00e4nder, die von der Finanz- und Wirtschaftskrise am st\u00e4rksten betroffen sind, auf eine starke Wissenschaft angewiesen. Dennoch vergr\u00f6\u00dfern dort die Verantwortlichen durch drastische Einschnitte im Bereich der Wissenschaft mittel- und langfristig die Anf\u00e4lligkeit dieser L\u00e4nder f\u00fcr kommende Wirtschaftskrisen. Dies geschieht unter dem wohlwollenden Blick europ\u00e4ischer Institutionen, die sich vorwiegend auf Sparma\u00dfnahmen konzentrieren. Dabei lassen sie au\u00dfer Acht, dass der Erhalt und Ausbau der nationalen Forschungsinfrastrukturen notwendig sind, um diesen Staaten den \u00dcbergang zu einem wissensbasierten, widerstandsf\u00e4higeren Wirtschaftsmodell zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>Sie scheinen entschlossen zu ignorieren, dass Wissenschaft und Forschung einen langen Atem erfordern, der sich nicht in Legislaturperioden bemisst. Hier ist eine nachhaltige Finanzierung unerl\u00e4\u00dflich: W\u00e4hrend einige Fr\u00fcchte der Wissenschaft sofort geerntet werden k\u00f6nnen, m\u00fcssen andere \u00fcber Generationen reifen. Wenn wir heute nicht die Grundlagen legen, werden unsere Kinder morgen nicht die Mittel und Technologien haben, um die Herausforderungen der Zukunft zu bestehen. Statt dessen verfolgen sie eine kontraproduktive Investitionspolitik in der Wissenschaft. Sie haben allein das Erreichen von Sparzielen vor Augen, festgelegt von europ\u00e4ischen Institutionen und der Finanzwelt. Dabei verlieren sie aus dem Blick, welche verheerenden Auswirkungen diese Politik auf die Wissenschaft und die Innovationsf\u00e4higkeit einzelner Mitgliedsstaaten und damit ganz Europas hat.<\/p>\n<p>Sie scheinen entschlossen zu ignorieren, dass \u00f6ffentliche Investitionen in Forschung und Entwicklung Grundlage und Motivation f\u00fcr privatwirtschaftliche Investitionen sind. So hat in den USA mehr als die H\u00e4lfte des Wirtschaftswachstums seine Wurzeln in staatlich finanzierter Grundlagenforschung. Die Staaten der Europ\u00e4ischen Union haben in der Strategie von Lissabon das Ziel formuliert, mindestens 3% des Bruttoinlandsproduktes in Forschung und Entwicklung zu investieren. Die politisch Verantwortlichen mancher L\u00e4nder hoffen unrealistischerweise, dass der Privatsektor dieses Ziel alleine verwirklicht, w\u00e4hrend der Staat hierf\u00fcr immer weniger Geld zur Verf\u00fcgung stellt. Dies steht in scharfem Kontrast zu ihrer wirtschaftlichen Situation: die Zahl der besonders innovativen Unternehmen ist teilweise gesunken, w\u00e4hrend gleichzeitig unter den klein- und mittelst\u00e4ndischen Unternehmen Familienbetriebe mit oft geringem Innovationspotential dominieren.<\/p>\n<p>Sie scheinen entschlossen zu ignorieren, wieviel Zeit und Ressourcen die Ausbildung hochqualifizierter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler kostet. Statt dessen wurden, unter dem Eindruck europ\u00e4ischer Vorgaben zum Personalabbau im \u00f6ffentlichen Dienst, auch Haushaltmittel f\u00fcr Forschungseinrichtungen und Universit\u00e4ten massiv gek\u00fcrzt. Dies f\u00fchrt zu einem Exodus hochqualifizierter Wissenschafter aus dem S\u00fcden Europas in den Norden und in L\u00e4nder au\u00dferhalb Europas. Verst\u00e4rkt wird diese Entwicklung noch durch Personalabbau und fehlende Jobs in der Industrie. Die Konsequenz ist ein weitgehender Verlust der bisherigen Investitionen in die Forschung. Gleichzeitig wird die Kluft zwischen den Forschungskapazit\u00e4ten der einzelnen Mitgliedsstaaten immer breiter. Konfrontiert mit fehlenden Perspektiven und der Unsicherheit durch die immer neue Befristung ihrer Stelle, \u00fcberlegen Forscherinnen und Forscher in vielen L\u00e4ndern, die Wissenschaft aufzugeben. Dabei liegt es in der Natur der Foschungsdynamik, dass nach einer l\u00e4ngeren \u201cPause\u201d nur selten eine R\u00fcckkehr in die Wissenschaft stattfindet. Auch f\u00fcr die Industrie verringert diese Entwicklung den Pool an qualifizierten Forscherinnen und Forschern. Statt \u201cdas\u201d Defizit zu verringern, entsteht so eine neue Art von Defizit: ein gesamteurop\u00e4isches Defizit in den Bereichen Technologie und Innovation.<\/p>\n<p>Sie scheinen entschlossen zu ignorieren, dass auch anwendungsorientierte Forschung auf Grundlagenforschung beruht. Entgegen der Meinung mancher Politiker ist sie zudem mehr als blo\u00dfe Produktforschung mit unmittelbarer Marktrelevanz. Dennoch gibt es auf nationaler und europ\u00e4ischer Ebene eine starke Tendenz, sich gerade darauf zu konzentrieren und zu beschr\u00e4nken. Dabei handelt es sich lediglich um die tiefh\u00e4ngenden Fr\u00fcchte der Forschung, die an einem verzweigten Baum der Erkenntnis reifen. Zwar kann auch anwendungsorientierte Forschung den Samen neuer Fragestellungen in sich tragen, doch ohne Grundlagenforschung werden die Wurzeln des Baums langsam vertrocknen.<\/p>\n<p>Sie scheinen entschlossen zu ignorieren, wie Wissenschaft funktioniert. Forschung braucht Freiheit zu Versuch und Irrtum. Nicht jedes Experiment ist ein \u201cErfolg\u201d. Herausragende Ergebnisse und Exzellenz sind dabei wie die sichtbare Spitze eines Eisberges, getragen von einer breiten Basis wissenschaftlicher Alltagsarbeit. Dennoch verlagert sich die finanzielle F\u00f6rderung auf nationaler und europ\u00e4ischer Ebene auf eine geringe Zahl etablierter Forschergruppen. Dies beeintr\u00e4chtigt die Vielfalt der Wissenschaft. Wir brauchen sie jedoch, um den gesellschaftlichen und technologischen Herausforderungen von morgen zu begegnen. Dieser Ansatz bef\u00f6rdert zudem die Abwanderung von Wissenschaftlern, da eine geringe Zahl gut ausgestatteter Wissenschaftseinrichtungen systematisch die gef\u00f6rderten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler rekrutiert.<\/p>\n<p>Sie scheinen entschlossen, die wichtige Wechselwirkung von Forschung und Lehre zu ignorieren. Statt dessen haben sie die Mittel f\u00fcr die \u00f6ffentlichen Hochschulen massiv gek\u00fcrzt. Dies beintr\u00e4chtigt nicht nur die Qualit\u00e4t der Lehre, sondern gef\u00e4hrdet auch Ihre Schl\u00fcsselfunktion f\u00fcr die Umsetzung der Chancengleichheit.<\/p>\n<p>Insbesondere scheinen sie entschlossen zu ignorieren, dass Wissenschaft nicht nur der Wirtschaftsf\u00f6rderung dient, sondern auch der F\u00f6rderung von Wissen und sozialem Wohlstand f\u00fcr alle.<\/p>\n<p>Sie ignorieren es, aber wir erinnern sie daran und treten f\u00fcr die Zukunft ein. Als Forschende und B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger bilden wir ein internationales Netzwerk zum Austausch von Informationen und Ideen. Wir engagieren uns in einer Reihe nationaler und europ\u00e4ischer Initiativen. Wir stellen uns einer systematischen Besch\u00e4digung nationaler Forschungskapazit\u00e4ten in den Weg. Wir wollen zu einem gemeinschaftlichen Europa der B\u00fcrger beitragen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und alle B\u00fcrger rufen wir auf, sich daran zu beteiligen:<br \/>\nWir sind es den kommenden Generationen schuldig.<\/p>\n<p>Amaya Moro-Mart\u00edn, Astrophysicist; Space Telescope Science Institute, Baltimore (USA); EuroScience, Strasbourg; spokesperson of Investigaci\u00f3n Digna (for Spain).<br \/>\nGilles Mirambeau, HIV virologist; Sorbonne Universit\u00e9s, UPMC Univ. Paris VI (France); IDIBAPS, Barcelona (Spain); EuroScience Strasbourg.<br \/>\nRosario Mauritti, Sociologist; ISCTE, CIES-IUL, Lisbon (Portugal).<br \/>\nSebastian Raupach, Physicist; initiator of \u201cPerspektive statt Befristung\u201d (Germany).<br \/>\nJennifer Rohn, Cell biologist; Division of Medicine, University College London, London (UK); Chair of Science is Vital.<br \/>\nFrancesco Sylos Labini, Physicist; Enrico Fermi Center, Institute for Complex Systems (ISC-CNR), Rome (Italy); editor of Roars.it.<br \/>\nVarvara Trachana, Cell biologist; Faculty of Medicine, School of Health Sciences, University of Thessaly, Larissa (Greece).<br \/>\nAlain Trautmann, Cancer immunologist; CNRS, Institut Cochin, Paris (France); former spokesman of \u201cSauvons la Recherche\u201d.<br \/>\nPatrick Lemaire, Embryologist; CNRS, Centre de Recherche de Biochimie Macromol\u00e9culaire, Universit\u00e9s of Montpellier; initiator and spokesman of \u201cSciences en Marche\u201d (France).<\/p>\n<p>Disclaimer: The views expressed by the signatories are not necessarily those of their employers.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es mag niemanden verwundern, dass ich in meinem Blog immer wieder darauf hinweise, wie wichtig Wissenschaft ist. 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