{"id":22260,"date":"2014-10-14T07:30:32","date_gmt":"2014-10-14T05:30:32","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2014\/10\/14\/eine-bunte-kollision-in-der-riesengalaxie\/"},"modified":"2025-05-14T16:15:29","modified_gmt":"2025-05-14T14:15:29","slug":"eine-bunte-kollision-in-der-riesengalaxie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2014\/10\/14\/eine-bunte-kollision-in-der-riesengalaxie\/","title":{"rendered":"Eine bunte Kollision in der Riesengalaxie"},"content":{"rendered":"<p>Das, was sehr viele Menschen an der Astronomie so sehr fasziniert, sind die h\u00fcbschen Bilder. Und sie sind ja auch meistens wirklich toll. So wie <a href=\"https:\/\/hubblesite.org\/gallery\/album\/exotic\/pr2000020a\/web_print\/\">dieses hier<\/a> zum Beispiel:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/m87hubble.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/m87hubble.jpg\" alt=\"m87hubble\" width=\"500\" height=\"625\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-16521\" \/><\/a><\/p>\n<p>Es zeigt M87, eine elliptische Riesengalaxie; 54 Millionen Lichtjahre weit weg und gr\u00f6\u00dftes Mitglied des Virgo-Galaxienhaufens, einer Ansammlung von knapp 2000 Galaxien zu der auch unsere Milchstra\u00dfe geh\u00f6rt. Eines der vielen interessanten Ph\u00e4nomene von M87 kann man im Bild deutlich erkennen: ein 5000 Lichtjahre langer, sogenannter <i>Jet<\/i>, der aus ihrem Zentrum ausgesto\u00dfen wird. Denn in der Mitte der Riesengalaxie sitzt ein entsprechend riesiges schwarzes Loch, das ungef\u00e4hr 6,6 Milliarden Mal schwerer als unsere Sonne ist und mit seiner Gravitationskraft das Material in seiner N\u00e4he auf enorme Geschwindigkeiten beschleunigt. Ein Teil dieses Materials wird dadurch weit hinaus ins All geschleudert und bildet den sichtbaren Jet, den schon der amerikanische Astronom Heber Curtis im Jahr 1918 beobachtet hat.<\/p>\n<p>Wie gesagt: Ein sch\u00f6nes Bild &#8211; aber noch viel beeindruckender wird die Astronomie meiner Meinung nach immer dann, wenn sie \u00fcber das hinaus geht, was wir mit unseren Augen sehen k\u00f6nnen. Die Aufnahme von oben stammt vom Hubble-Weltraumteleskop und zeigt uns im Wesentlichen das, was auch wir sehen k\u00f6nnten, wenn wir entsprechend gro\u00dfe Augen und entsprechend sensible Bildverarbeitungssysteme h\u00e4tten. Aber im Universum gibt es noch so viel mehr zu sehen; das ganze All ist voll mit Licht, das f\u00fcr uns unsichtbar ist und das wir nur dank der immer ausgekl\u00fcgelteren Instrumente der Astronomen registrieren k\u00f6nnen. Wir k\u00f6nnen M87 im R\u00f6ntgenlicht betrachten oder im Radiolicht und dabei Dinge sehen, die uns zuvor verborgen waren.<\/p>\n<p>Oder wir k\u00f6nnen noch einen Schritt weitergehen, und abstrakte Bilder erstellen, die mit dem klassischen &#8222;Sehen&#8220; nicht mehr viel zu tun haben. Dabei kommt dann so etwas heraus:<\/p>\n<figure id=\"attachment_16522\" aria-describedby=\"caption-attachment-16522\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/m87muse.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/m87muse.jpg\" alt=\"Bild: Eric Emsellem\/ESO\" width=\"500\" height=\"501\" class=\"size-medium wp-image-16522\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-16522\" class=\"wp-caption-text\"><a href=\"https:\/\/www.eso.org\/public\/images\/potw1441a\/\">Bild: Eric Emsellem\/ESO<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p>Was aussieht wie moderne Kunst ist ein Diagramm aus der wissenschaftlichen Facharbeit <a href=\"https:\/\/arxiv.org\/abs\/1408.6844\">&#8222;A kinematically distinct core and minor-axis rotation: the MUSE perspective on M87&#8220;<\/a> des franz\u00f6sischen Astronomen Eric Emsellem und seiner Kollegen. Auch auf diesem Bild &#8222;sehen&#8220; wir M87, allerdings auf eine ganz andere Art und Weise. Es wurde mit MUSE, dem <i>Multi Unit Spectroscopic Explorer<\/i>-Instrument des <i>Very Large Telescopes<\/i> an der Europ\u00e4ischen S\u00fcdsternwarte in Chile gemacht. MUSE erstellt Spektren des Lichts; schaut also nicht einfach nur, wie viel Licht von irgendwo in unsere Richtung strahlt, sondern spaltet das Licht in seine Wellenl\u00e4ngen auf und analysiert, welche Menge an Licht bei jeder einzelnen Wellenl\u00e4nge ankommt. Bei manchen Wellenl\u00e4ngen fehlt Licht und das sind die sogenannten &#8222;Spektrallinien&#8220;, deren Existenz uns verr\u00e4t, welche chemischen Elemente man in M87 finden kann. Verschiedene Elemente blockieren Licht mit unterschiedlichen Wellenl\u00e4ngen, die dar\u00fcber hinaus auch noch davon abh\u00e4ngt, in welche Richtung sich das Material bewegt. Aus der Position der Spektrallinien k\u00f6nnen die Forscher also ablesen, ob sich die Materie durch die sie erzeugt werden, auf uns zu bewegt oder von uns weg und mit welcher Geschwindigkeit sie das tut.<\/p>\n<p>Genau das sehen wir in dem h\u00fcbschen bunten Bild. Jeder Farbklecks entspricht einer Region von M87 und die Farbe gibt deren Geschwindigkeit an. Blaue Bereiche kommen mit etwa 20 Kilometer pro Sekunde auf uns zu; rote entfernen sich mit 20 Kilometern pro Sekunden und die gr\u00fcnen und gelben Bereiche liegen dazwischen. Im Bild sieht man deutlich, dass die gesamte Galaxie rotiert: Die Ecke links oben ist blau und die Ecke rechts unten ist rot. Noch interessanter ist aber die zentrale Region, in der das Farbmuster zwar nicht mehr so ausgepr\u00e4gt ist, aber sich trotzdem erkennbar umgekehrt hat. Hier ist der linke obere Zentralbereich, dessen rot\/gelb-T\u00f6ne auf eine Bewegung auf uns zu hinweisen w\u00e4hrend das gr\u00fcn\/blau der rechten unteren Zentralregion auf die entgegengesetzte Bewegung hindeutet.<\/p>\n<p>Diese unterschiedlichen Rotationen werden von den Autoren der Facharbeit als Hinweis auf fr\u00fchere Kollisionen in M87 gedeutet. Vermutlich sind dort im Laufe der Zeit zwei oder mehrere Galaxien zu einer gro\u00dfen Riesengalaxie verschmolzen und ein Teil ihrer fr\u00fcheren Individualit\u00e4t hat sich in der Rotation des Materials noch erhalten.<\/p>\n<p>Das sind die besten Bilder in der Wissenschaft: Nicht nur einfach <i>sch\u00f6n<\/i>, sondern auch voll mit interessanten Informationen!<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg09.met.vgwort.de\/na\/081a6e9ff8f44d308091704b859fc258\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das, was sehr viele Menschen an der Astronomie so sehr fasziniert, sind die h\u00fcbschen Bilder. Und sie sind ja auch meistens wirklich toll. 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