{"id":22184,"date":"2014-09-27T11:30:48","date_gmt":"2014-09-27T09:30:48","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2014\/09\/27\/william-dampier-freibeuter-der-wissenschaft\/"},"modified":"2025-05-14T16:15:22","modified_gmt":"2025-05-14T14:15:22","slug":"william-dampier-freibeuter-der-wissenschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2014\/09\/27\/william-dampier-freibeuter-der-wissenschaft\/","title":{"rendered":"William Dampier \u2013 Freibeuter der Wissenschaft"},"content":{"rendered":"<p><i>Dieser Gastartikel ist ein Beitrag zum <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2014\/07\/31\/mitmachen-der-scienceblogs-blog-schreibwettbewerb\/\">ScienceBlogs Blog-Schreibwettbewerb<\/a>. Alle eingereichten Beitr\u00e4ge werden im Lauf des Septembers hier im Blog vorgestellt. Danach werden sie von einer Jury bewertet. Aber auch alle Leserinnen und Leser k\u00f6nnen mitmachen. Wie ihr eure Wertung abgeben k\u00f6nnt, erfahrt ihr <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/?p=16197&#038;\">hier<\/a>.<\/i><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/sb-wettbewerb.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/sb-wettbewerb.png\" alt=\"sb-wettbewerb\" width=\"500\" height=\"172\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-15702\" \/><\/a><\/p>\n<p><i>Dieser Beitrag wurde von <b>Dampier<\/b> eingereicht.<\/i><br \/>\n&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<\/p>\n<p><b>William Dampier \u2013 Freibeuter der Wissenschaft<\/b><\/p>\n<p><i>Versuch einer umst\u00e4ndlichen Beschreibung von Freibeuterei und Wissenschaft im Zeitalter der Entdeckungsreisen im Allgemeinen und des Lebens und Wirkens von William Dampier im Besonderen.<\/i><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Bild_1_dampier_portrait.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Bild_1_dampier_portrait.jpg\" alt=\"William Dampier (NPG 538)\" width=\"413\" height=\"500\" class=\"aligncenter size-full wp-image-16310\" \/><\/a><\/p>\n<p>William Dampier ist eine der faszinierendsten Gestalten aus der gro\u00dfen Zeit der Entdeckungsreisen. Er gilt manchen als der gr\u00f6\u00dfte Seefahrer zwischen Drake und Cook, er war der erste, der die Welt dreimal umsegelte. Er war Freibeuter, Abenteurer und Bestsellerautor. Und er war Naturforscher, ein Mann der Wissenschaft! <\/p>\n<p>In diesem Artikel soll es um den jungen Dampier gehen, und um seine erste Reise, wo er mit wechselnden Freibeutercrews die Welt umsegelte und sein erstes Buch schrieb: <i>A New Voyage Round the World<\/i> (1697). Es h\u00e4tte auch \u201ePer Anhalter um die Welt\u201c hei\u00dfen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dampier war ein echter Forschergeist, der nur ein paar Jahre die Lateinschule besucht hat, und trotzdem einer der einflussreichsten Naturforscher seiner Zeit wurde. Als besessener Tagebuchschreiber notierte er jedes Detail, beschrieb Menschen und Tiere, Inseln und L\u00e4nder. Er beschrieb als erster die Banane und den Flamingo, die Brotfrucht und das Faultier, das Barbecue und die Essst\u00e4bchen. <\/p>\n<p><i>He is cited over 80 times in the Oxford English Dictionary, notably on words such as &#8222;barbecue&#8220;, &#8222;avocado&#8220;, &#8222;chopsticks&#8220; and &#8222;sub-species&#8220;. That is not to say he coined the words, but his use of them in his writings is the first known example in English.<br \/>\n(Wikipedia)<\/i><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Bild_2_dampier_map.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Bild_2_dampier_map.jpg\" alt=\"Bild_2_dampier_map\" width=\"355\" height=\"600\" class=\"aligncenter size-full wp-image-16312\" \/><\/a><\/p>\n<p>Genauso akribisch verzeichnete er Inseln und K\u00fcstenlinien, beschrieb Buchten, Wasserstellen, Ankerpl\u00e4tze und die lokale Bev\u00f6lkerung (so vorhanden). Hier erscheinen seine Berichte streckenweise wie ein Reisef\u00fchrer, und sie m\u00f6gen vielen, die in seinen Spuren wandelten, als solcher gedient haben.<\/p>\n<p>In nautischer Hinsicht am einflussreichsten war sicher sein Werk <i>A Discourse of Winds<\/i> (1705), in welchem er erstmal die Wind- und Str\u00f6mungsverh\u00e4ltnisse auf allen Meeren der damals bekannten Welt zusammenfasste.<\/p>\n<p>Seine Forschungsberichte und sein Kartenwerk sollten noch Generationen sp\u00e4ter als Standardwerke gelten und beeinflussten fast alle seine ber\u00fchmteren Nachfolger wie James Cook, William Bligh und Admiral Nelson bis ins neunzehnte Jahrhundert hinein: noch Humboldt, Darwin und Sir John Franklin hatten in ihrer Bordbibliothek selbstverst\u00e4ndlich ihren Dampier mit dabei.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Bild_2_dampier_birds.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Bild_2_dampier_birds.jpg\" alt=\"Bild_2_dampier_birds\" width=\"373\" height=\"600\" class=\"aligncenter size-full wp-image-16311\" \/><\/a><\/p>\n<p><b>Wie alles anfing<\/b><\/p>\n<p>Auf dem einen erhaltenen Portrait schaut er uns skeptisch und reserviert an, ohne Allonge-Per\u00fccke, ohne die parf\u00fcmierte Arroganz, die den damaligen Gem\u00e4lden zu eigen war, mit offenem schulterlangen Haar; ein sehr englisches Gesicht \u2013 er k\u00f6nnte ohne weiteres auch ein Glamrocker der 70er Jahre sein. So als Typ erscheint er mir moderner als zum Beispiel sein abergl\u00e4ubischer Zeitgenosse Isaac Newton \u2026<\/p>\n<p>Geboren 1652 im englischen Somerset, aus einfachen Verh\u00e4ltnissen stammend, mit sechzehn schon Vollwaise, schien fr\u00fch schon das Fernweh in ihm zu erwachen. Seine Vormundschaft (wir wissen nicht, wer es war) entsprach dankenswerterweise diesem Wunsch:<\/p>\n<p><i>\u201c &#8230; having removed me from the Latin school to learn writing and arithmetic, they soon after placed me with a master of a ship at Weymouth, complying with the inclinations I had very early of seeing the world.\u201d<\/i><\/p>\n<p>Der junge William heuert als Matrose an. Eine seiner ersten Reisen f\u00fchrt ihn erstmals \u00fcber den Atlantik, nach Neufundland. Dort allerdings geht ihm das miese Wetter auf die Nerven, und er sehnt sich nach w\u00e4rmeren Gefilden (eine Neigung, die auch sp\u00e4terhin seine Entscheidungen als Navigator beeinflussen sollte \u2013 siehe weiter unten). Bald bekommt er ein Angebot f\u00fcr eine lange tropische Reise und f\u00e4hrt vor dem Mast nach Bantam und zur\u00fcck.<\/p>\n<p><i>\u201c &#8230; the offer of a warm voyage and a long one, both which I always desired, soon carried me to sea again.\u201d<\/i><\/p>\n<p>Sp\u00e4ter soll er Verwalter auf einer Plantage auf Jamaica werden, dort scheint er aber nicht lange klarzukommen (bitterb\u00f6se Beschwerdebriefe seines Vorgesetzten sind erhalten), und schifft sich bald wieder ein, um auf einem kleinen Handelssegler Jamaica und die Karibik kennenzulernen.<\/p>\n<p>Von dort verschl\u00e4gt es ihn zu den Blauholzf\u00e4llern von Campeche, die auf Yucatan unter h\u00e4rtesten Bedingungen Urwaldriesen schlagen und an H\u00e4ndler verkaufen. Das waren besonders harte Jungs, vom Erscheinungsbild sicher vergleichbar mit den urspr\u00fcnglichen Bukanieren von Hispaniola. Dampier lebt ein Jahr unter ihnen, bis ein Hurrikan das Holzf\u00e4llercamp dem Erdboden gleichmacht.<\/p>\n<p>In diesem Milieu mag er erste Kontakte zu Freibeutern gehabt haben, er macht noch ein paar Handelsfahrten, aber eines Tages kommt er in einen Hafen, wo ein Freibeuterkapit\u00e4n gerade eine Mannschaft zusammenstellt. Dampier und seine Kollegen lassen ihren K\u00e4ptn im Stich und heuern an.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich war auch Dampier, wie alle jungen abenteuerlustigen Menschen, darauf aus, irgendwo vielleicht sein Gl\u00fcck zu machen, aber er betont mehrfach (und man glaubt es ihm gern), dass sein eigentlicher Antrieb die Neugier war, die Lust zu reisen, neues zu entdecken \u2013 und zu beschreiben. Schon fr\u00fch begann er Tagebuch zu f\u00fchren, und mehr als einmal zeigte sich, dass er seine Manuskripte als seinen wichtigsten Schatz betrachtete. <\/p>\n<p>Einmal, bei der Durchquerung der Urw\u00e4lder von Dari\u00e9n, erdachte er einen sinnvollen Transportbeh\u00e4lter: ein Bambusrohr, an beiden Enden mit Wachs versiegelt, hielt die Manuskripte bei diesem Gewaltmarsch durch den Dschungel und \u00fcber rei\u00dfende Fl\u00fcsse immer sch\u00f6n trocken. Und als er ein andermal bei den Nikobaren mit seinem Kanu kenterte, legte er eine mehrt\u00e4gige Pause ein, um seine Papiere am Feuer zu trocknen.<\/p>\n<p>Er scheint insgesamt kein Draufg\u00e4nger gewesen zu sein, eher ein umsichtiger Reisender, der auch von vornherein eine Ver\u00f6ffentlichung seiner Berichte plante, der soviel wie m\u00f6glich von der Welt sehen und davon berichten wollte.<\/p>\n<p><b>Warum wissen wir heute so wenig \u00fcber ihn?<\/b><\/p>\n<p>Das mag daran liegen, dass keine wichtigen Orte nach ihm benannt wurden. Ein paar Inselchen und ein Kaff im Nordwesten Australiens, eine Meerenge in Papua-Neuguinea, das war\u2019s. (H\u00e4tte er damals Australien s\u00fcdw\u00e4rts umrundet, w\u00fcrde Sidney heute vielleicht Dampier hei\u00dfen \u2013 seine starke Abneigung gegen kaltes Wetter lie\u00df ihn die w\u00e4rmere Route nehmen. Die Gegend um Sydney wurde dann fast hundert Jahre sp\u00e4ter von Cook \u201eentdeckt\u201c.)<\/p>\n<p>Vielleicht, weil er sich auch als Freibeuter bet\u00e4tigt hat? <\/p>\n<p><b>Exkurs: Dampier und die Freibeuterei<\/b><\/p>\n<p>Die Freibeuterei muss in der damaligen Zeit \u2013 noch vor dem goldenen Zeitalter der Piraterie \u2013 kein Hinderungsgrund f\u00fcr Ruhm und Ehre gewesen sein. <\/p>\n<p>Auch Francis Drake fuhr als Freibeuter und wird noch heute zu den gro\u00dfen Briten gez\u00e4hlt. Die Grenzen zwischen Piraterie und einem b\u00fcrgerlichen Leben waren durchl\u00e4ssig. Henry Morgan wurde im sp\u00e4teren Leben zum Vizegouverneur von Jamaica ernannt. Woodes Rogers \u2013 unter dem auch Dampier auf Kaperfahrt gesegelt ist \u2013 brachte es zum Gouverneur der Bahamas. Dort bek\u00e4mpften sie nun die Piraterie und brachten so machen alten Kollegen an den Galgen (am erfolgreichsten waren aber letztlich die weitreichenden Amnestieprogramme, die viele Piraten zur Aufgabe ihres Berufes bewegten).<\/p>\n<p>Andere erreichten ihre Begnadigung, weil sie ihrem Land einen Dienst erwiesen. So brachte Bartholomew Sharp eine Sammlung von unsch\u00e4tzbaren Seekarten mit nach England, die er von den Spaniern erbeutet hatte (auch da war Dampier dabei), woraufhin ihm K\u00f6nig Charles II vollen Pardon gew\u00e4hrte.<\/p>\n<p>Dampier selbst kehrte nach seiner ersten Weltreise nach England zur\u00fcck und schrieb sein Buch, welches zum Bestseller wurde und die Royal Society wie auch den Hof des K\u00f6nigs auf ihn aufmerksam machte. Er wurde nie wegen Piraterie belangt und bekam sogar ein eigenes Kommando f\u00fcr eine Forschungsreise, aber dazu sp\u00e4ter mehr.<\/p>\n<p>Dampier hat mit seinen Freibeuterfahrten nie hinterm Berg gehalten, hat diese T\u00e4tigkeit allerdings auch nie glorifiziert sondern ebenso n\u00fcchtern beschrieben wie seine Naturbeobachtungen. (Zitat sinngem\u00e4\u00df: \u201eEs war ein besonders h\u00fcbsch gelegenes St\u00e4dtchen mit einer sch\u00f6n geschm\u00fcckten Kirche. (\u2026) Als sie uns das L\u00f6segeld verweigerten, brannten wir es nieder.\u201c) <\/p>\n<p>Allerdings war die Freibeuterei auch h\u00e4ufig zumindest halblegal \u2013 das hing vor allem davon ab, ob Krieg oder Frieden herrschte. Im Krieg (meist gegen Spanien) wurden vom Englischen K\u00f6nig selbst Kaperbriefe ausgegeben, die Kapit\u00e4ne erm\u00e4chtigten, die Handelsschiffe des Feindes aufzubringen. Kaperfahrten waren zu der Zeit echte, seri\u00f6s durchgerechnete Wirtschaftsunternehmen, der Gewinn wurde zwischen der Krone, der Besatzung und den Investoren geteilt. In solchen Zeiten war es durchaus ehrenvoll, als Freibeuter seiner Majest\u00e4t zu fahren.<\/p>\n<p>Nur leider kam immer wieder der Frieden dazwischen. Bestandteil nahezu jedes Friedensvertrages war auch eine \u201e\u00c4chtung\u201c der Freibeuterei. Aber nat\u00fcrlich gingen die Freibeuter nicht brav nach hause und machten was anderes, viele von ihnen machten einfach weiter, auch wenn sie jetzt au\u00dferhalb des Gesetzes standen \u2013 ein Gesetz, das in der Karibik eh nur begrenzte G\u00fcltigkeit hatte \u2013 das Gebiet war zu gro\u00df und zu weit weg und bot Millionen von Schlupfwinkeln und Verstecken. Spanien hatte sich sowieso l\u00e4ngst \u00fcberdehnt und konnte das Gebiet nie vollst\u00e4ndig kontrollieren; Gro\u00dfbritannien hatte mit Jamaica gerade mal einen Fu\u00df in die T\u00fcr bekommen; Karibische Provinzgouverneure handelten fr\u00f6hlich mit den Piraten und boten Unterschlupf und Unterhaltung. <\/p>\n<p>Dazu kam, dass die Royal Navy in Friedenszeiten immer Personal abbaute und tausende junger, tatkr\u00e4ftiger und abenteuerlustiger Seeleute in die Arbeitslosigkeit entlie\u00df. Jede Phase des Friedens lie\u00df also die Piraterie erst recht aufbl\u00fchen \u2013 bis wieder ein Krieg ausbrach, die Kaperbriefe wurden erneuert und man konnte wieder im Dienste f\u00fcr K\u00f6nig und Vaterland kapern gehen. Viele Seeleute fuhren mal bei H\u00e4ndlern, mal bei Freibeutern, und so manche Schiffe waren beides zugleich.<\/p>\n<p>Die Siedler und Kolonisten der Karibik machten gute Gesch\u00e4fte mit den Piraten, die ja auch ihre Beute irgendwo versaufen wollten und Handelsg\u00fcter aus aller Welt im Angebot hatten. Viele Gouverneure kleiner Karibikinseln gaben selbst Kaperbriefe heraus, und auch wenn deren G\u00fcltigkeit eher zweifelhaft war, waren sie doch gefragte Dokumente. Piratenkapit\u00e4ne betrieben sogar einen schwunghaften Handel mit ihnen, auch Blanko-Kaperbriefe waren im Umlauf, wo sich jeder selbst eintragen konnte, um sich zumindest einen Anschein von Legitimit\u00e4t zu bewahren.<\/p>\n<p><i>Their licences were known as Letters of Marque (\u2026), issued and controlled by admiralties. Letters of Marque were impressive documents, festooned with seals and dressed in impenetrable legalese.<br \/>\n(Gill, S. 73)<\/p>\n<p>\u201eKaperbriefe waren beeindruckende Dokumente, behangen mit Siegeln und in undurchdringlichem juristischen Kauderwelsch gehalten \u2026\u201c<\/i><\/p>\n<p>Einige redeten sich sogar erfolgreich damit heraus, sie h\u00e4tten in der Ecke der Welt wo sie gerade unterwegs waren, nichts von dem Friedensschluss mitbekommen (was auch tats\u00e4chlich nicht abwegig war). <\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich kann man das alles als Rechtfertigunsversuche von Kriminellen abtun, aber die ganze Welt war damals \u00e4u\u00dferst gewaltt\u00e4tig. Bei der Royal Navy waren K\u00f6rperstrafen Gang und G\u00e4be, bei sehr kurzen Rationen und schmalem Sold, in London wurden kleine Jungs gehenkt, wenn sie ein Brot oder einen Shilling gestohlen hatten. \u00d6ffentliche Folter und Hinrichtungen geh\u00f6rten zum Kulturprogramm Londons.<\/p>\n<p>In jenen Zeiten, in denen von britischer Fairness noch keine Rede sein konnte, war es nur ein gradueller Unterschied, ob man zur Handelsmarine ging oder Pirat wurde. Oder, wie Bartholomew Roberts es ausdr\u00fcckt: der Preis f\u00fcr ein Piratenleben ist allenfalls, dass man beim H\u00e4ngen kurz ein langes Gesicht macht.<\/p>\n<p><i>\u201eIn honest service there is thin rations, low wages and hard labour; in this [Piraterie], plenty and satiety, pleasure and ease, liberty and power; and who would not balance creditor on this side, when all the hazard that is run for it, at worst, is only a sour look or two at choking. No, a merry life and a short one shall be my motto.\u201c<br \/>\nBartholomew Roberts<\/p>\n<p>(Gill, S. 80)<\/i><\/p>\n<p>Ein weiterer Grund f\u00fcr Dampier, als Freibeuter zu fahren, mag die enorme Mobilit\u00e4t der Piratenschiffe sein, die Spontaneit\u00e4t und Unerschrockenheit, mit der die Mannschaften sich die Welt erschlossen.<\/p>\n<p>Diese Freiheit des Reisens war in der Handelsmarine nicht zu finden, in der Royal Navy schon gar nicht. Wo sonst k\u00f6nnte ein junger Mann, der vor allem die Welt sehen will, fast nach Belieben das Schiff wechseln, und sogar die Richtung mitbestimmen? Ebenso klar ist aber, dass man bei Freibeutern nicht einfach als Passagier mitfahren konnte \u2013 man musste schon selbst Freibeuter sein und voll mitziehen. Dampier scheint sich in milit\u00e4rischen Dingen nicht besonders hervorgetan zu haben, hat aber sicher an \u00dcberf\u00e4llen etc. teilgenommen. Das schildert er auch recht unbefangen \u2013 eine moralische Bewertung bleibt er uns schuldig.<\/p>\n<p>Das Goldene Zeitalter der Piraterie, als sich die Outlaw-Nation der \u201eEnemies of all Mankind\u201c bildete, brach erst etwas sp\u00e4ter an und hatte seinen H\u00f6hepunkt nach Dampiers Tod. Die Freibeuterei war jedenfalls kein Grund, warum Willam Dampier heute nahezu vergessen ist.<\/p>\n<p>Vielleicht eignet er sich einfach nicht als Held.<\/p>\n<p><b>Wer war William Dampier?<\/b><\/p>\n<p>Sich der Pers\u00f6nlichkeit Dampiers anzun\u00e4hern ist schwierig. In seinen Schriften h\u00e4lt er sich sehr zur\u00fcck und verr\u00e4t nur mittelbar das ein oder andere \u00fcber sich selbst.<\/p>\n<p>Sein Schreibstil ist n\u00fcchtern und erfrischend unbarock. Weitgehend frei von Vorurteilen und Aberglauben, sind seine Berichte auch im englischen Original noch heute sehr gut zu verstehen, was f\u00fcr Texte seiner Zeit nur selten der Fall ist. Zuweilen zeigt er, dass er durchaus empathief\u00e4hig ist, etwa wenn er sehr liebevoll die Begegnung schildert, als sich zwei Indios das erste mal seit Jahren wiedersahen (Der eine hatte auf derselben Insel festgesessen wie Alexander Selkirk, aber das ist eine andere Geschichte &#8230;). \u00dcberhaupt scheint er die Indios (welche die Freibeuter oft begleiteten) mit Respekt zu behandeln und als Pers\u00f6nlichkeiten ernst zu nehmen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich war auch Dampier nicht frei vom Rassismus seiner Zeit, Sklaven wurden beispielsweise ganz nat\u00fcrlich als Ladung (und eben auch als Beute) angesehen.<\/p>\n<p>Einmal kam Dampier auf eine glorreiche Idee, als sie gerade eine Ladung von tausend Sklaven vor der K\u00fcste Ecuadors gekapert hatten. Er wusste von einer fr\u00fcheren Reise, dass es im Dschungel von Dari\u00e9n (Landenge von Panama), Goldminen der Spanier gab, die diese wegen der feindlichen Indios aufgegeben hatten. Diese Indios waren aber den Freibeutern gute Bekannte und Verb\u00fcndete. Man solle doch also mit diesen tausend Sklaven die Minen wieder in Betrieb nehmen, dann k\u00f6nne man Freibeuter aus aller Welt anlocken und an dieser strategisch wichtigen Stelle einen Freibeuterstaat gr\u00fcnden. Aus irgendwelchen Gr\u00fcnden wurde dieser Vorschlag nicht weiter verfolgt. Die \u201eBeute\u201c wurde zur\u00fcckgelassen.<\/p>\n<p>Schon der junge Dampier war ein sehr guter Navigator, und sein Urteil z\u00e4hlte durchaus etwas unter den Freibeutern, wie viele kleinere Episoden belegen, in denen es um die weitere Fahrtroute oder die (Ab)wahl eines Anf\u00fchrers ging. Er hat aber selbst nie einen Kommandoposten als Freibeuter gehabt. <\/p>\n<p>Er schien sich eher zur\u00fcckzuhalten, m\u00f6glicherweise war er ein ziemlicher Eigenbr\u00f6tler. In den Journalen seiner Mitreisenden wird er so gut wie nie erw\u00e4hnt. (Viele haben damals Tagebuch gef\u00fchrt. Der gro\u00dfe Hans Sloane hat viele davon gesammelt und der Nachwelt erhalten. Hier seien Lionel Wafer und Basil Ringrose erw\u00e4hnt, die mit Dampier (und hunderten anderen) den Treck durch Dari\u00e9n und die anschlie\u00dfenden Kaperfahrten unternahmen, und deren Tageb\u00fccher erhalten blieben.)<\/p>\n<p>Sp\u00e4tere Dokumente legen nahe, dass Dampier auch ein ziemlicher Stinkstiefel sein konnte.<br \/>\nBei seinen eigenen Kommandos hatte er kein gl\u00fcckliches H\u00e4ndchen. Vieles ging schief, sicher nicht alles seine Schuld, aber vielleicht war er auch, trotz seiner unbestrittenen F\u00e4higkeiten, einfach nicht zum Kommandanten geboren.<\/p>\n<p>Nach einem Kriegsgerichtsprozess gegen ihn lieferte er sich mit seinen Feinden, zum Gaudium der Londoner Gesellschaft, einen z\u00e4hen Kleinkrieg in dem sich alle Beteiligten gegenseitig mit Prozessen, Schm\u00e4h- und Verteidigungsschriften \u00fcberzogen. Ein eher unsch\u00f6nes Kapitel in dieser spannenden Geschichte.<\/p>\n<p>Deswegen habe ich mich mit der sp\u00e4ten Zeit noch nicht so recht besch\u00e4ftigt, das ist mir alles zu muffig und spie\u00dfig. Ich mag die Geschichten, die sind wie frische Seeluft, den Aufbruch ins Ungewisse zu einer Zeit, wo es noch wirklich etwas zu entdecken gab.<\/p>\n<p>Ich finde diese ganze Epoche wahnsinnig spannend, es ist unglaublich, wie viele abenteuerliche Lebensl\u00e4ufe es damals gab. Und William Dampier ist immer eine meiner Lieblingsfiguren in dieser gro\u00dfartigen Geschichte gewesen, vielleicht weil er sich von niemandem etwas sagen lie\u00df, weil er sein Ding machte, weil er schon damals ein klassischer Globetrotter war, der die Welt nahm wie sie ist, dem es einfach ums vorankommen ging, ums Umherstreifen, Gucken und Staunen \u00fcber diesen wunderbaren Planeten.<\/p>\n<p><b>Quellen<\/b><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich zuerst seine eigenen Schriften. Ich habe eine gek\u00fcrzte Ausgabe auf Deutsch hier liegen (<i>Freibeuter 1683-1691<\/i>), ansonsten gibt es alle Texte auch online (z. B. als Microfiche-Faksimile bei archive.org)<br \/>\nhttps:\/\/archive.org\/search.php?query=creator%3A&#8220;Dampier%2C+William+1652-1715&#8243;<\/p>\n<p>Werke:<\/p>\n<p>A New Voyage Round the World (1697)<br \/>\nVoyages and Descriptions (1699)<br \/>\nA Voyage to New Holland (1703)<br \/>\nA Supplement of the Voyage Round the World (1705)<br \/>\nThe Campeachy Voyages (1705)<br \/>\nA Discourse of Winds (1705)<br \/>\nA Continuation of a Voyage to New Holland (1709)<\/p>\n<p>Die meisten Zitate sind aus:<br \/>\nAnton Gill: The devil&#8217;s mariner. A life of William Dampier, Pirate and Explorer, 1651\u20131715. Michael Joseph, London 1997, ISBN 0-7181-4114-8.<\/p>\n<p>Folgende Biographie habe ich selbst noch nicht gelesen, werde das aber baldm\u00f6glichst tun:<br \/>\nDiana Preston, Michael Preston: A Pirate of Exquisite Mind. The Life of William Dampier \u2013 Explorer, Naturalist and Buccaneer. Corgi Books, London 2005, ISBN 0-552-77210-0.<\/p>\n<p><b>Zeitleiste<\/b><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Bild_4_Dampier_Zeitleiste.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Bild_4_Dampier_Zeitleiste.jpg\" alt=\"Bild_4_Dampier_Zeitleiste\" width=\"500\" height=\"257\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-16309\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Gastartikel ist ein Beitrag zum ScienceBlogs Blog-Schreibwettbewerb. Alle eingereichten Beitr\u00e4ge werden im Lauf des Septembers hier im Blog vorgestellt. Danach werden sie von einer Jury bewertet. Aber auch alle Leserinnen und Leser k\u00f6nnen mitmachen. Wie ihr eure Wertung abgeben k\u00f6nnt, erfahrt ihr hier. Dieser Beitrag wurde von Dampier eingereicht. &#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211; William Dampier \u2013 Freibeuter [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":953,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[235,764],"tags":[2666,15915],"class_list":["post-22184","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-geistes-sozialwissenschaften","category-schreibwettbewerb","tag-blog-schreibwettbewerb","tag-william-dampier"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22184","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=22184"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22184\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":22185,"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22184\/revisions\/22185"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media\/953"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=22184"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=22184"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=22184"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}