{"id":22160,"date":"2014-09-22T07:30:49","date_gmt":"2014-09-22T05:30:49","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2014\/09\/22\/die-grenzen-des-irrtums\/"},"modified":"2025-05-14T16:15:20","modified_gmt":"2025-05-14T14:15:20","slug":"die-grenzen-des-irrtums","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2014\/09\/22\/die-grenzen-des-irrtums\/","title":{"rendered":"Die Grenzen des Irrtums"},"content":{"rendered":"<p><i>Dieser Gastartikel ist ein Beitrag zum <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2014\/07\/31\/mitmachen-der-scienceblogs-blog-schreibwettbewerb\/\">ScienceBlogs Blog-Schreibwettbewerb<\/a>. Alle eingereichten Beitr\u00e4ge werden im Lauf des Septembers hier im Blog vorgestellt. Danach werden sie von einer Jury bewertet. Aber auch alle Leserinnen und Leser k\u00f6nnen mitmachen. Wie ihr eure Wertung abgeben k\u00f6nnt, erfahrt ihr <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/?p=16197&#038;\">hier<\/a>.<\/i><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/sb-wettbewerb.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/sb-wettbewerb.png\" alt=\"sb-wettbewerb\" width=\"500\" height=\"172\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-15702\" \/><\/a><\/p>\n<p><i>Dieser Beitrag wurde von <b>Lisa Leander<\/b> eingereicht.<\/i><br \/>\n&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<br \/>\n<strong>Die Grenzen des Irrtums<\/strong><\/p>\n<p>Ein Wissenschaftler ver\u00f6ffentlicht seine Resultate, ein anderer geht derselben Fragestellung nach und kommt auf ein anderes Ergebnis. Was ist passiert? Im besten Falle f\u00fchrt der Widerspruch dazu, dass sie das Problem ganz neu betrachten und auf eine tieferliegende, bisher unbekannte Ursache sto\u00dfen. Doch Forscher k\u00f6nnen auch einfach falsch liegen mit ihrer Interpretation. So ist es wohl k\u00fcrzlich beim Bicep2-Experiment  geschehen, das mit dem Nachweis von Gravitationswellen Schlagzeilen machte. Drei Monate sp\u00e4ter <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/wissen\/zweifel-an-gravitationswellen-alles-nur-kosmischer-staub-1.2008186\">war das Team mit seinen Schlussfolgerungen deutlich vorsichtiger<\/a>, weil Fachkollegen Zweifel angemeldet hatten.<\/p>\n<figure id=\"attachment_16269\" aria-describedby=\"caption-attachment-16269\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Bild1_Bicep2-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Bild1_Bicep2-scaled.jpg\" alt=\"Bicep2-Teleskop in der Antarktis (Quelle: Steffen Richter, Harvard University, Lizenz gem\u00e4\u00df den Bedingungen der Quelle)\" width=\"500\" height=\"333\" class=\"size-medium wp-image-16269\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-16269\" class=\"wp-caption-text\">Bicep2-Teleskop in der Antarktis (Quelle: Steffen Richter, Harvard University, Lizenz gem\u00e4\u00df den Bedingungen der Quelle)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Zugegeben, es hat schon spektakul\u00e4rere Fehleinsch\u00e4tzungen gegeben. Doch das Beispiel illustriert etwas, das mehrere gro\u00dfe Wissenschaftsakademien in Deutschland in ihrer Stellungnahme <a href=\"https:\/\/www.leopoldina.org\/de\/publikationen\/detailansicht\/?publication[publication]=580&amp;cHash=33ff5b101b17cb24425f2dd48cffffa0\">\u201eZur Gestaltung der Kommunikation zwischen Wissenschaft, \u00d6ffentlichkeit und Medien\u201c<\/a> beschrieben haben. Einige meiner Kollegen aus der Wissenschaftskommunikation <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/plazeboalarm\/index.php\/empfehlungen-fuer-eine-besser-wissenschafts-pr-allerorten\/\">haben das Thema schon intensiv diskutiert<\/a>, allerdings m\u00f6chte ich an dieser Stelle nur auf einen Punkt hinaus. In der Stellungnahme hei\u00dft es, dass sich die Berichterstattung zunehmend auf <em>cutting edge research<\/em> konzentriere, also auf brandneue Ergebnisse, die in Expertenkreisen noch diskutiert werden. Deswegen kommen Nachkorrekturen h\u00e4ufiger vor, als wenn nur \u00fcber mehrfach abgesichertes Wissen gesprochen wird. Wir sind heute sozusagen viel n\u00e4her am Puls der Forschung, als wir es fr\u00fcher waren. Allerdings hat diese Entwicklung einen unangenehmen Nebeneffekt: Sie ist einer der Gr\u00fcnde, warum Experten aus der Wissenschaft in der \u00d6ffentlichkeit als weniger glaubw\u00fcrdig wahrgenommen werden.<\/p>\n<p><strong>Keine Regeln? Doch.<\/strong><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich spielen beim Verlust der Glaubw\u00fcrdigkeit weitere Faktoren eine Rolle, zum Beispiel wenn Wissenschaftler in wirtschaftliche oder politische Interessenskonflikte verstrickt sind. Aber es bleibt das Problem, dass einige Menschen die Zweifel an einzelnen Aussagen auf ganze Fachgebiete, wenn nicht sogar auf die gesamte forschende Zunft beziehen. Nach dem Motto: \u201eEs gibt so viel, was wir noch nicht verstanden haben, die Wissenschaftler finden bald wieder was ganz anderes heraus.\u201c Oder anders ausgedr\u00fcckt, bezogen auf die Physik:<\/p>\n<p>\u201eAllzu h\u00e4ufig verwechselt man sich entwickelndes naturwissenschaftliches Wissen mit \u00fcberhaupt keinem Wissen und h\u00e4lt eine Situation, in der wir neue physikalische Gesetze entdecken, f\u00fcr das v\u00f6llige Fehlen zuverl\u00e4ssiger Regeln.\u201c<\/p>\n<p>Das Zitat stammt aus dem Buch \u201eDie Vermessung des Universums\u201c der theoretischen Physikerin Lisa Randall (Fischer Taschenbuch 2013, S. 24). Was mir an Randall gef\u00e4llt \u2013 au\u00dfer dass wir den gleichen Vornamen haben und sie gute popul\u00e4rwissenschaftliche B\u00fccher schreibt \u2013 ist ihr Versuch, das richtige Verst\u00e4ndnis von Wissenschaft zu vermitteln. Obwohl Erkenntnisgewinn ein dynamischer Prozess ist, sollten wir \u00f6fter dar\u00fcber sprechen, welches Wissen wir bereits haben, auf das wir uns verlassen k\u00f6nnen. Es geht also nicht darum, ob Wissenschaftler irren k\u00f6nnen. Es geht darum, in welchem Rahmen.<\/p>\n<p><strong>Ganz nah und ganz weit<\/strong><\/p>\n<p>Randall erl\u00e4utert das anhand der Quantenmechanik, die immer wieder Aufsehen erregt mit fast wundersam anmutenden Entdeckungen. K\u00f6nnte es also nicht sein, dass sich durch die Ph\u00e4nomene aus dem r\u00e4tselhaften \u201eLand der Quanten\u201c Unbestimmtheiten in unsere sichtbare Welt einschleichen? Schlie\u00dflich st\u00f6\u00dft man doch immer wieder auf so vieles, das man vorher nicht erwartet hat, oder? Die Antwort von Randall ist klar: Nein. Denn die Quantenmechanik, so stellt sie fest, gilt nur auf atomaren Gr\u00f6\u00dfenskalen, ein Einfluss auf Alltagsph\u00e4nomene ist ausgeschlossen. Daf\u00fcr sind die physikalischen Gesetze, die bei Ma\u00dfst\u00e4ben herrschen, wie wir sie kennen, viel zu gut untersucht. \u00c4hnlich sieht es bei verborgenen Extradimensionen aus, an denen Randall selbst forscht: W\u00fcrden sie Gr\u00f6\u00dfen beeinflussen, die sich heute bereits beobachten lassen, denn m\u00fcssten Physiker nicht mehr nach ihnen suchen \u00ad\u2013 sie h\u00e4tten die zus\u00e4tzlichen Dimensionen l\u00e4ngst entdeckt. Das illustriert dieser Comic sehr sch\u00f6n, der ebenfalls in \u201eDie Vermessung des Universums\u201c vorkommt:<\/p>\n<figure id=\"attachment_16270\" aria-describedby=\"caption-attachment-16270\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Bild2_3d.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Bild2_3d.png\" alt=\"Stringtheorie und verborgene Dimensionen (xkcd.com, https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nc\/2.5\/)\" width=\"500\" height=\"158\" class=\"size-medium wp-image-16270\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-16270\" class=\"wp-caption-text\">Stringtheorie und verborgene Dimensionen (xkcd.com, https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nc\/2.5\/)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Nochmal zur\u00fcck zum Beispiel Bicep2. Mit dem Experiment blicken Kosmologen in die Weiten des Weltalls, es geht also nicht um unvorstellbar kleine, sondern um unfassbar gro\u00dfe Entfernungen. Trotzdem kann man bis zu einem gewissen Punkt sichere Aussagen machen. Die Physikerin und Philosophin Sibylle Anderl hat das <a href=\"https:\/\/blogs.faz.net\/planckton\/2014\/03\/19\/auf-tuchfuehlung-mit-dem-urknall-970\/\">im Planckton-Blog der FAZ getan<\/a>, wobei sie den Beitrag geschrieben hat, bevor die Debatte um die Ergebnisse von Bicep2 ins Rollen kam. Den Hintergrund zu den Messungen erkl\u00e4rt sie trotzdem sehr ausf\u00fchrlich, und zwar dass die Gravitationswellen in winzigen Sekundenbruchteilen kurz nach dem Urknall entstanden sind, als sich das Universum schlagartig ausdehnte. Diese sogenannte Inflationsphase birgt noch viele offene Fragen, doch wie es danach weiterging, nachdem das Universum weiter abgek\u00fchlt war, ist recht gut verstanden. Hier gibt es also eine zeitliche Grenze, die beschreibt, wo die Forschung neues Terrain erreicht und wo m\u00f6glicherweise andere Gegebenheiten herrschen. Au\u00dferdem geht Anderl darauf ein, wieso Kosmologen exotische Konzepte wie die Inflation \u00fcberhaupt einf\u00fchren. Nicht etwa aus Beliebigkeit, sondern weil auf diese Weise Probleme l\u00f6sbar werden, die bei fr\u00fcheren Modellen auftauchen, wenn es um die Inflationsphase geht.<\/p>\n<p>Ich finde, aus solch einer Einordnung l\u00e4sst sich viel mitnehmen. Denn so spannend sie sein m\u00f6gen, die ungel\u00f6sten R\u00e4tsel der Wissenschaft, die Vorst\u00f6\u00dfe ins Ungewisse, wir brauchen immer eine Orientierung auf dem Weg dorthin. Ich habe mich jetzt mit Physik besch\u00e4ftigt, wie in anderen Wissenschaften das Alt- vom Neuland getrennt werden kann, ist sicher genauso interessant. Als kleines Schmanckerl zum Schluss verweise ich deshalb auf ein Video aus der Reihe <a href=\"https:\/\/www.scilogs.de\/significant-details\/\"><em>Significant Details<\/em><\/a> von den SciLogs. Darin erz\u00e4hlt die Arch\u00e4ologin Eva Rosenstock, wie sie sich st\u00e4ndig die Gefahr vor Augen h\u00e4lt, von der eigenen Deutung zu \u00fcberzeugt zu sein (Anfang des Videos bis Minute 1:17). Das ist schonmal ein guter Ansatz. Und da in diesem Blogbeitrag fast nur von Wissenschaftlerinnen und Autorinnen die Rede war, m\u00f6chte ich betonen, dass ich Wissenschaftler und Autoren nat\u00fcrlich herzlichst miteinschlie\u00dfe \ud83d\ude09<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" src=\"\/\/www.youtube.com\/embed\/-WYYZERbqxI?feature=player_embedded\" width=\"640\" height=\"360\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Gastartikel ist ein Beitrag zum ScienceBlogs Blog-Schreibwettbewerb. Alle eingereichten Beitr\u00e4ge werden im Lauf des Septembers hier im Blog vorgestellt. Danach werden sie von einer Jury bewertet. Aber auch alle Leserinnen und Leser k\u00f6nnen mitmachen. Wie ihr eure Wertung abgeben k\u00f6nnt, erfahrt ihr hier. Dieser Beitrag wurde von Lisa Leander eingereicht. &#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211; Die Grenzen des [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":953,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[235,764],"tags":[2666,7348],"class_list":["post-22160","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-geistes-sozialwissenschaften","category-schreibwettbewerb","tag-blog-schreibwettbewerb","tag-irrtum"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22160","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=22160"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22160\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":22161,"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22160\/revisions\/22161"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media\/953"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=22160"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=22160"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=22160"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}