{"id":22140,"date":"2014-09-16T11:30:48","date_gmt":"2014-09-16T09:30:48","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2014\/09\/16\/hans-litten-und-das-deutsche-trauma\/"},"modified":"2025-05-14T16:15:18","modified_gmt":"2025-05-14T14:15:18","slug":"hans-litten-und-das-deutsche-trauma","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2014\/09\/16\/hans-litten-und-das-deutsche-trauma\/","title":{"rendered":"Hans Litten und das deutsche Trauma"},"content":{"rendered":"<p><i>Dieser Gastartikel ist ein Beitrag zum <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2014\/07\/31\/mitmachen-der-scienceblogs-blog-schreibwettbewerb\/\">ScienceBlogs Blog-Schreibwettbewerb<\/a>. Alle eingereichten Beitr\u00e4ge werden im Lauf des Septembers hier im Blog vorgestellt. Danach werden sie von einer Jury bewertet. Aber auch alle Leserinnen und Leser k\u00f6nnen mitmachen. Wie ihr eure Wertung abgeben k\u00f6nnt, erfahrt ihr <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/?p=16197&#038;\">hier<\/a>.<\/i><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/sb-wettbewerb.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/sb-wettbewerb.png\" alt=\"sb-wettbewerb\" width=\"500\" height=\"172\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-15702\" \/><\/a><\/p>\n<p><i>Dieser Beitrag wurde von <b>Niklas G\u00f6tz<\/b> eingereicht.<\/i><br \/>\n&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<\/p>\n<figure id=\"attachment_16237\" aria-describedby=\"caption-attachment-16237\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Berlin-HansLitten1-Bubo.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Berlin-HansLitten1-Bubo.jpg\" alt=\"Litten-B\u00fcste im Geb\u00e4ude des Landgerichts Berlin (\u201eBerlin-HansLitten1-Bubo\u201c von Bubo - selbst fotografiert - own work. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 \u00fcber Wikimedia Commons.)\" width=\"500\" height=\"783\" class=\"size-medium wp-image-16237\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-16237\" class=\"wp-caption-text\">Litten-B\u00fcste im Geb\u00e4ude des Landgerichts Berlin (\u201e<a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Berlin-HansLitten1-Bubo.JPG#mediaviewer\/Datei:Berlin-HansLitten1-Bubo.JPG\">Berlin-HansLitten1-Bubo<\/a>\u201c von <a href=\"\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/User:Bubo_bubo\" title=\"User:Bubo bubo\">Bubo<\/a> &#8211; selbst fotografiert &#8211; own work. Lizenziert unter <a title=\"Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0-2.5-2.0-1.0\" href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\">CC BY-SA 3.0<\/a> \u00fcber <a href=\"\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/\">Wikimedia Commons<\/a>.)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Als der von Krankheit gezeichnete, r\u00f6mische Kaiser Vespasian seinen Tod und die darauf folgende Divinisierung vorhersah, soll er gesagt haben: \u201eVae, puto deus fio!\u201c (Sueton, Vespasian 23) \u2013 Wehe, ich glaube, ich werde ein Gott. Im Hinblick auf das Aufsehen, das sein Schicksal in England erregte, aber auch auf die Verehrung als Volksheld der DDR h\u00e4tte Hans Litten dies wohl ebenfalls sagen k\u00f6nnen, als er sich nach 5 Jahren Folter in verschiedenen KZs am 5. Februar 1938 in Dachau das Leben nahm.<br \/>\nDennoch ist dies mit Einschr\u00e4nkungen zu sehen, denn w\u00e4hrend in der DDR jedes Schulkind den proletarischen Anwalt kannte, lie\u00dfen sich in der Bundesrepublik bis zur Wende kaum Werke \u00fcber ihn finden. Einzig bekannt waren das Buch seiner Mutter, Irmgard Litten, die ihren Kampf um die Freilassung ihres Sohnes schildert, sowie das Buch seines Jugendfreundes Max F\u00fcrst, welches ihre gemeinsame Kindheit in K\u00f6nigsberg beschreibt. Die mangelnde Rezeption Littens ging sogar so weit, dass man, als 1988 bei einer Veranstaltung \u00fcber Litten in seinem Todesort Dachau ein Referent gesucht wurde, niemand anderen fand als einen DDR-Historiker.<\/p>\n<p>Hans Litten galt als proletarischer Anwalt der Weimarer Republik, was nicht hei\u00dft, dass er aus einer Arbeiterfamilie stammte, sondern dass er sich f\u00fcr die Arbeiter einsetzte. Kaum ein Proletariersohn konnt sich ein Studium der Rechtswissenschaften leisten, vielmehr waren es Menschen, die sich von den Paradigmen ihrer Klasse l\u00f6sten und sich f\u00fcr die weniger beg\u00fcterten Zeitgenossen einsetzten. Zwar hatte es von dieser Gattung einige Exemplare gegeben, doch die meisten sind mittlerweile vollst\u00e4ndig vergessen. Dies liegt einerseits daran, dass viele andere Juristen der damaligen Zeit im Dritten Reich zu Kollaborateuren wurden und alle Spuren der Anh\u00e4nger gegens\u00e4tzlicher Ideologien ausl\u00f6schten, d.\u00a0h. den antifaschistischen Widerstand aus ihren Akten entfernten. Andererseits besa\u00df das juristische Milieu lange Zeit ein gewisses Traditionsbewusstsein, welches eine Identifizierung mit der gutb\u00fcrgerlichen Klasse, ihrem Verhalten und ihrem Denken verlangte. Hans Litten war dazu jedoch ein Gegenmodell, welches eine vollst\u00e4ndige Negierung darstellte.<br \/>\nDoch w\u00e4hrend Letzteres keinesfalls ausreicht, um einen Menschen aus der Geschichte zu entfernen, wird Ersteres aus einer Vielzahl von Gr\u00fcnden widerlegt. Genauso wie bei seinen Leidensgenossen Karl Liebknecht, Kurt Rosenfeld, Felix Halle, Rolf Helm, Franz und Hilde Neumann sind zwar viele Dokumente \u00fcber den proletarischen Anwalt verschwunden, dennoch erlangten sie alle eine au\u00dferordentliche Ber\u00fchmtheit in der DDR. Demzufolge muss noch gen\u00fcgend Material zur Verf\u00fcgung stehen, um sich ein Bild des Lebens dieser Ikonen machen zu k\u00f6nnen. Gerade bei Hans Litten ist dies offensichtlich, denn bereits w\u00e4hrend des Krieges hatte seine Mutter Irmgard Litten ein Buch \u00fcber die grausamen Aufenthalte in verschiedenen Konzentrationslagern ihres Sohnes und ihre erfolglosen Versuche, ihn zu befreien, unter dem Titel \u201eEine Mutter k\u00e4mpft gegen Hitler&#8220; ver\u00f6ffentlicht. Es erschien in England, Frankreich, den Vereinigten Staaten, Mexiko und sogar China. Nach dem Krieg, schon im Jahre 1947, brachte es der Greifenverlag heraus, und 1984 gab es vom R\u00f6derberg-Verlag in Frankfurt eine Neuauflage. Eine weitere Quelle bieten die Lebenserinnerungen von Max F\u00fcrst aus dem Jahre 1973. Aber wohingegen in der DDR einige Biographien, wenn auch teilweise mit sozialistischer Propaganda, erschienen, so sollten sich in Westdeutschland erst nach der Wende Werke von besserer Qualit\u00e4t finden.<br \/>\nUm den Grund hierf\u00fcr zu finden, ist es notwendig, tiefer in das Leben Hans Littens einzudringen, was im Folgenden in einem kleinen Exkurs geschehen soll.<\/p>\n<p>Ein Leben f\u00fcr die Gerechtigkeit<\/p>\n<p>Hans Litten wurde als Sohn eines konservativ-demokratiefeindlichen und getauften Juden, Fritz Litten, der als Jurist und Lehrer Karriere machte, und einer b\u00fcrgerlich-aufgeschlossenen Mutter, Irmgard Litten, geboren, die ihn aufgrund des Krieges erzog und sein \u00e4u\u00dferst starkes Gerechtigkeitsgef\u00fchl, sowie seine sozialistisch-pazifistische Haltung f\u00f6rderte. Er war Teil einer j\u00fcdischen Jugendgruppe, genannt \u201eSchwarzer Haufen\u201c, in der er sich mit den verschiedensten Denkrichtungen auseinandersetzte und sich seiner Religion zuwandte. Vom Vater zum Jurastudium gezwungen, absolvierte er es dennoch mit gro\u00dfem Erfolg, beobachtete aber w\u00e4hrenddessen auch den Verfall der Weimarer Republik und engagierte sich im sozialen Bereich.<br \/>\nNach dem Studium machte Litten sich einen Namen als Strafverteidiger, besonders f\u00fcr Opfer von Nationalsozialisten. Er bewahrte aber stets seine politische Unabh\u00e4ngigkeit, war kein Kommunist, sah sich selbst eher als links von der KPD stehenden Anarchisten und proletarischen Anwalt. Des weiteren war er nie parteipolitisch aktiv. Kurz darauf arbeitete er auch f\u00fcr die \u201eRote Hilfe\u201c, eine Organisation, die Arbeitern, unter anderem Rechtsbeistand bot und bis Mitte 1929 bereits 43.000 Menschen geholfen hatte.<\/p>\n<p>In der Sp\u00e4tphase der Weimarer Republik kam es h\u00e4ufig zu \u00dcbergriffen von Rechts auf kommunistische Arbeiter. Da die Justiz jedoch meist \u201eauf dem rechten Auge blind\u201c war, wurden die sich aus Notwehr verteidigenden Arbeiter oft f\u00fcr die Ausschreitungen verantwortlich gemacht und deutlich h\u00e4ufiger und schwerer bestraft als z.\u00a0B. Anh\u00e4nger der NSDAP. Die Lage verschlimmerte sich Zusehens, sodass die \u201eRote Hilfe\u201c von August bis Dezember 1932 869 Prozesse gegen 3.640 Arbeiter und Antifaschisten z\u00e4hlte, in deren Verlauf nur 604 freigesprochen, einer zum Tode und 3.035 zu insgesamt 2.318 Jahren Haftstrafe verurteilt worden waren. Gleichzeitig gab es nur 263 Prozesse gegen Faschisten, die zu insgesamt 422 Jahren Freiheitsentzug f\u00fchrten. Die ebenfalls f\u00fcnf verh\u00e4ngten Todesstrafen wurden nie ausgef\u00fchrt.<br \/>\nViele Juristen waren der \u201eRoten Hilfe\u201c feindselig gegen\u00fcbergestellt und zettelten regelm\u00e4\u00dfig Prozesse gegen Arbeiter an.<br \/>\nAngesichts dessen forderten die Kommunisten Litten auf, seine Verhandlungen zu Schauprozessen zu machen, um auf das Unrecht hinzuweisen. Er weigerte sich jedoch, da ihm nur das Wohlergehen seiner Mandanten wichtig war, wof\u00fcr er beinahe \u00fcbermenschlich arbeitete.<br \/>\nDrei gro\u00dfe Gerichtsverfahren sollten nachhaltig in Erinnerung bleiben und Littens Leben entscheidend ver\u00e4ndern. Der Erste war der sogenannte \u201eEdenpalastprozess\u201c 1931, bei dem es um die Erst\u00fcrmung eines Tanzlokals durch die SA, namentlich des<br \/>\n \u201eSturm 33\u201c, einer besonders ber\u00fcchtigten Teilgruppe mit anschlie\u00dfender Schie\u00dferei auf die anwesenden Arbeiter ging. Im Vorfeld hatte Hitler bei einer anderen Verhandlung betont, die blutigen NS-Parolen w\u00e4ren nur metaphorisch gemeint, wodurch er den \u201eLegalit\u00e4tseid\u201c leistete. <\/p>\n<p>Litten als Nebenkl\u00e4ger vermutete, dass die Parteif\u00fchrung der NSDAP Kenntnis vom Rollkommando hatte und rief Hitler deswegen in den Zeugenstand, in welchen er Hitler taktisch klug dazu brachte, sich von Goebbels und seiner Propaganda immer wieder zu distanzieren und dann dessen Verfassungstreue zu beschw\u00f6ren, wozu Litten zwei Stunden lang Hitler und Goebbels zitierte, was zu einem, aus heutiger Sicht, Meineid Hitlers f\u00fchrte. Dieser musste immer wieder beschw\u00f6ren, dass die NSDAP mit legalen Mitteln an die Macht kommen wolle. Litten hingegen fand heraus, dass Goebbels, Gauleiter von Berlin, in der Brosch\u00fcre \u201eBekenntnis zu Illegalit\u00e4t\u201c, welche vom Parteiverlag \u00fcbernommen wurde, forderte, Gegner zu Brei zu zerstampfen und das Parlament zu sprengen. Au\u00dferdem ergaben Littens Recherchen, dass die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei Spenden aus der Schwerindustrie erhielt und damit eine Partei des Kapitals war. Damit bewirkte Litten eine Entlarvung der Demagogie. Hitler wirkte wenig \u00fcberzeugend, f\u00fcr ihn war es eine Blamage, die er nicht vergessen sollte. Die Angeklagten kamen jedoch mit skandal\u00f6sen zweieinhalb Jahren Gef\u00e4ngnis oder Freispruch davon.<br \/>\nEin Jahr sp\u00e4ter kam es zum Felseneckprozess, in dem es wieder um bewaffnete \u00dcbergriffe von SA-Leuten auf Kommunisten und Sozialdemokraten ging, diesmal in einer Arbeitersiedelung, in deren Verlauf ein SA-Mann und ein Kommunist get\u00f6tet wurden. Da wieder die Arbeiter beschuldigt wurden, wollte der unbequeme Litten die Verteidigung \u00fcbernehmen, wurde jedoch ohne Grund ausgeschlossen. Kurz nachdem dieser Beschluss aufgehoben wurde kam es zu einem erneuten Ausschluss, weil Litten angeblich die Zeugen beeinflusst und Prozesse mit parteipolitischer Propaganda aufgeladen h\u00e4tte. Daraufhin kam es zu einem Aufruhr in der Anwaltschaft, sogar von Gegnern Littens, jedoch ohne Konsequenzen.<\/p>\n<p>Mittlerweile stellte die NSDAP f\u00fcr die konservativen Kr\u00e4fte einen ernst zu nehmenden Verhandlungspartner dar. Sie war selbst nach dem Verlust von zwei Millionen Stimmen st\u00e4rkste Kraft im Parlament, die KPD hielt nur halb so viele Mandate. Die am Boden liegende Weimarer Republik wurde seit Monaten \u00fcber Notstandsverordnungen regiert.<br \/>\nDurch ein Amnestiegesetz wurden die Angeklagten letztendlich ohne Littens Hilfe freigelassen, ihre offensichtliche Unschuld wurde nie richterlich festgestellt. Die wichtigste Konsequenz jedoch war eine immer st\u00e4rkere Hetze seitens der NSDAP gegen Litten, mit Parolen wie \u201eRot-Mord-Verteidiger\u201c( Von Br\u00fcck, Carlheinz, Ein Mann, der Hitler in die Enge trieb, Berlin (Ost) 1975, S. 94),\u201eLegt dem Anarchisten endlich das unsaubere Handwerk\u201c( K\u00f6nig, Stefan, Vom Dienst am Recht: Rechtsanw\u00e4lte als Strafverteidiger im Nationalsozialismus, Berlin; New York 1987, S. 19.).<br \/>\nZur gleichen Zeit lief der R\u00f6ntgenstra\u00dfenprozess, in dem der proletarische Anwalt zum letzten Mal der Gerechtigkeit zum Sieg verhelfen konnte. Am 29.\u00a0August \u00fcberfielen SA-Leute eine vorbeilaufende Gruppe Arbeiter vor einem Lokal, wobei zwei von ihnen verletzt und einer get\u00f6tet wurde. Die kommunistischen Arbeiter wurden wegen Totschlags aus politischen Motiven angeklagt, auf dem aufgrund einer Notstandsverordnung der Tod stand. <\/p>\n<p>Hans Litten konnte nach ausf\u00fchrlicher Recherche feststellen, dass die Nationalsozialisten gelogen und ihre M\u00e4nner selbst an- bzw. erschossen hatten. Die Angeklagten wurden freigesprochen.<br \/>\nAls am 30.\u00a0Januar 1933 Hitler zum Reichskanzler ernannt wurde, jubelten die Massen, unter ihnen auch viele Juristen. F\u00fcr andere war jedoch eingetreten, was sie schon lange bef\u00fcrchteten.<br \/>\nViele Freunde Littens hatten ihn schon seit seiner Konfrontation mit Hitler zur Emigration \u00fcberreden wollen. Doch er war noch immer der Arbeiterschaft verbunden: \u201eDie Millionen Arbeiter k\u00f6nnen nicht heraus, also mu\u00df ich auch hier bleiben\u201c (Litten, Irmgard, Eine Mutter k\u00e4mpft gegen Hitler, Rudolstadt 1947, S. 25)<\/p>\n<p>Bereits vier Wochen sp\u00e4ter kam es zum Reichstagsbrand, der den Nationalsozialisten die M\u00f6glichkeit gab, mit Hilfe der \u201eVerordnung zum Schutz von Volk und Staat\u201c die Grundrechte au\u00dfer Kraft zu setzen und gegen die KPD und SPD, den gr\u00f6\u00dften konkurrierenden Parteien, vorzugehen. Im Zuge dessen wurde Hans Litten noch in der gleichen Nacht in Schutzhaft genommen, zusammen mit kommunistischen Abgeordneten wie Fritz Emmerich, Ottomar Geschke und Willi Kasper, aber auch mit Intellektuellen und Schriftstellern wie Egon Erwin Kisch, Ludwig Renn, Erich Baron und Felix Rosenheim. Anfangs wurde ihm noch der Kontakt zur Frau seines Freundes Max F\u00fcrst, Margot F\u00fcrst, erlaubt, die verzweifelt versuchte, einen Anwalt zu finden, der die Kanzlei fortf\u00fchrt und bei der nun m\u00f6glicherweise anstehenden Verhandlung gegen Litten die Verteidigung \u00fcbernimmt. Doch alle, die gefragt wurden, hatten berechtigterweise zu viel Angst oder sahen sich chancenlos.<br \/>\nAn dieser Stelle setzte auch der Bericht Irmgard Littens ein, die nun, da sie erkannte, dass ihr Sohn dem Hohn und Spott der Nationalsozialisten ausgeliefert war, alle ihre K\u00f6nigsberger Verbindungen mobilisierte, um ihm zu helfen. Unter den angesprochenen Personen fanden sich Reichswehrminister von Blomberg, Reichsbischof Ludwig M\u00fcller, Reichsjustizminister G\u00fcrtner und Staatssekret\u00e4r Freisler, wobei letzterer berichtete: \u201eNiemand wird etwas f\u00fcr Litten tun k\u00f6nnen. Hitler lief rot an, als er nur den Namen h\u00f6rte\u201c (I. Litten, S. 80). Auch Prinz Wilhelm setzte sich f\u00fcr Litten ein, doch Hitler br\u00fcllte ihn nur an: \u201eJeder, der sich f\u00fcr Litten einsetzt, kommt in ein Konzentrationslager, selbst wenn Sie das w\u00e4ren\u201c (I. Litten, S. 81).<br \/>\nVon Irmgard Litten erfahren wir au\u00dferdem, dass \u201e(d)ie anst\u00e4ndigen (ihrer Bekannten) \u2026 einflusslos (waren), die meisten von ihnen selbst gef\u00e4hrdet. Von den anderen, die schnell, bevor es zu sp\u00e4t war, zu den Nazis \u00fcbergelaufen waren, war keine Hilfe zu erwarten\u201c (I. Litten, S. 35). <\/p>\n<p>Die gr\u00f6\u00dfte ihrer Aktionen war ein von ihr organisierter Appell von \u00fcber 100 britischen Juristen und Politikern an Reichspr\u00e4sident Hindenburg Ende 1935, jedoch ohne Erfolg. Au\u00dfenminister Ribbentrop antwortete nur, Litten stelle einen \u201egeistigen Anf\u00fchrer des Kommunismus\u201c in Deutschland dar und sei deshalb eine Gefahr.<br \/>\nMittlerweile wurde Litten in das KZ Sonnenburg eingeliefert, wo ihn der blanke Hass der Hitleranh\u00e4nger traf, der seit dem Edenpalastprozess st\u00e4ndig angewachsen war. Er wurde so schwer misshandelt, dass selbst seinen Mitgefangenen der Kontakt mit ihm verboten wurde. Mit schweren Beinverletzungen, einer Kieferfraktur, Knochenhautentz\u00fcndung, herausgebrochenen Z\u00e4hnen, einem verletzten Mittelohr und einer Augenverletzung, die nie mehr heilen sollte, sah Litten bereits nach kurzer Haftzeit dem Tod ins Auge. Seine Mutter erreichte eine R\u00fcckversetzung nach Spandau, wo er jedoch bald zum Felseneckprozess befragt wurde. Unter schwerster Folter gestand er gewusst zu haben, dass einer der M\u00e4nner, die er verteidigt h\u00e4tte, der M\u00f6rder des SA-Manns gewesen w\u00e4re. Dies wurde zur Propaganda genutzt, um Litten in der \u00d6ffentlichkeit zu diskreditieren und das Verfahren gegen die linken Arbeiter umzudrehen. Kurz darauf widerrief Litten das Gest\u00e4ndnis in einem Brief an die Gestapo, mit der Begr\u00fcndung, dass die Aussage unter Zwang zustande gekommen war. Da er wusste, was seine Bewacher mit ihm tun w\u00fcrde, bek\u00e4men sie ihn nur noch einmal in die Finger, beging er einen Selbstmordversuch.<\/p>\n<p>Als man ihn wieder vernehmen wollte, fand man ihn halbtot. Nach einem kurzen Aufenthalt in einem Krankenhaus kam er ins Zuchthaus Brandenburg, 1934 dann ins Moorlager im Emsland und kurz darauf ins Zuchthaus Lichtenburg. Dort blieb er ungef\u00e4hr drei Jahre und fand, schwer verkr\u00fcppelt, in der Buchbinderei etwas Ruhe, indem er sich der mittelalterlichen Literatur und der Weiterbildung seiner Mith\u00e4ftlinge widmete. Diese sch\u00e4tzten ihn auch wegen seinem Mut, seiner inneren St\u00e4rke und seines ungebrochenen Geistes. Ein Beweis daf\u00fcr ist, dass er bei einem Nazifest vor seinen Bewachern das revolution\u00e4re Gedicht \u201eDie Gedanken sind frei\u201c rezitierte, und er hatte viel Gl\u00fcck, dass keine der Wachen den Inhalt vollends begriff.<br \/>\nIm Sommer wurde er zum KZ Buchenwald verlegt. Es war ein kurzer Aufenthalt, den schon im Oktober 1937 wurde er ins KZ Dachau eingeliefert. Er gelangte in den ber\u00fcchtigten Judenblock, wo man ihn in den Selbstmord treiben sollte.<br \/>\n\u201eWegen Verbreitung von Greuelnachrichten \u00fcber das Konzentrationslager Dachau durch die Juden im Ausland werden wir hier isoliert und haben bis auf weiteres Postsperre. Hans Litten.\u201c Diesen Brief musste Litten, wie alle H\u00e4ftlinge Ende 1937 nach Hause schreiben.  <\/p>\n<p>Nach f\u00fcnf Jahren hatte Litten keine Kraft mehr. In der Nacht vom 4. auf den 5. Februar 1938 wurde er von Mith\u00e4ftlingen erh\u00e4ngt aufgefunden. Seine Mutter erfuhr erst Monate sp\u00e4ter von Mitgefangenen davon, die jedoch aufgrund von Drohungen nicht vom ganzen Terror berichten durften. Littens Freund Alfred Dreifu\u00df berichtete:<br \/>\n\u201eEinen kleinen Zettel hinterlie\u00df er, nur ein paar Worte des Abschieds und der Versicherung, da\u00df er aus eigenem Entschluss in den Tod gegangen w\u00e4re &#8230;&#8220;<br \/>\nLitten wurde f\u00fcnf Jahre lang in verschiedenen KZs in den Tod getrieben; genauso lang k\u00e4mpfte er f\u00fcr eine gerechte Behandlung der Arbeiter und gegen den faschistischen Terror. Sein Kampf war genauso erbarmungslos, wie er gegen\u00fcber sich selbst. Er ist ein herausragendes Beispiel f\u00fcr eine andere Art der Juristen der Weimarer Zeit, die nicht nur klug und vorteilhaft zu argumentieren wussten, sondern sich auch in der Tradition der abendl\u00e4ndisch\u2013christlichen Werte der Freiheit und Gerechtigkeit sahen.<\/p>\n<p>Schamhaftes und ideologisches Schweigen in der BRD<\/p>\n<p>Bei einem so vorbildlichen Leben, wie es Hans Litten f\u00fchrte, scheint es eklatant, dass es bis zur Wiedervereinigung kaum brauchbare Biographien aus Westdeutschland gab.  Schlie\u00dflich gab es ja auch Werke aus dem Ausland, von der DDR ganz zu schweigen. Daraus wird, wie bereits oben erw\u00e4hnt, auch ersichtlich, dass es nicht an einem Mangel an Material liegen kann, ansonsten m\u00fcsste es ja \u00fcberhaupt keine Biographien von ihm geben. Irgendetwas musste Autoren und Verlage, Historiker und Juristen davon abgehalten haben, \u00fcber ihn zu berichten.<br \/>\nDer einzig sinnvolle Bereich, in dem es zu suchen gilt, um die gegen null tendierende Rezeption Littens in Westdeutschland zu erkl\u00e4ren, ist eine andere Mentalit\u00e4t in der Bundesrepublik als in der DDR.<br \/>\nDeshalb ist es sinnvoll zu betrachten, als wer Hans Litten innerhalb Westdeutschlands galt.<br \/>\nDenn wer damals seinen Namen h\u00f6rte, assoziierte nicht Begriffe wie Gerechtigkeit und Mut, sondern Kommunismus und Klassenkampf. Litten wurde vor allem als ein proletarischer Anwalt gesehen, was f\u00e4lschlicherweise mit einer kommunistischen \u00dcberzeugung gleichgesetzt wurde. Gerade f\u00fcr die neu gegr\u00fcndete Bundesrepublik war das ein Problem. Denn wie sollte sich eine neugeborene juristische Tradition auf einen Mann berufen, der angeblich politisch der gr\u00f6\u00dften existenzbedrohenden Gefahr des jungen Deutschland nahestand?<br \/>\nSchlie\u00dflich lief doch der westliche Teil Deutschlands jederzeit Gefahr, genauso wie Ostdeutschland von der Sowjetunion \u00fcberrollt zu werden. Denn diese war nicht nur milit\u00e4risch zu den NATO-Staaten, zu denen die BRD auch sp\u00e4ter z\u00e4hlen sollte, ein Konkurrent, sondern auch ideologisch, was Westdeutschland mit einem deutschen Gegenmodell im Besonderen zu sp\u00fcren bekam. Ein weiteres wichtiges Element ist aber auch die Konzeption der BRD als ein antiautorit\u00e4rer Staat, was nicht nur Antifaschismus, sondern auch Antikommunismus bedeutet. Besonders der Konservatismus, der nach dem Dritten Reich seine traditionellen Vorbehalte gegen\u00fcber der Demokratie, seinen Nationalismus und seine N\u00e4he zum Sozialismus aufgeben musste, fand im Antikommunismus ideologischen Ersatz f\u00fcr diese politischen Konzepte. Geteilt wurde dies auch von der SPD. Bereits 1930 bezeichnete Kurt Schumacher Kommunisten als \u201eRotlackierte Doppelausgaben der Nationalsozialisten\u201d (Scholz, G\u00fcnther: Kurt Schumacher, Ullstein, 1990, S. 68) und als \u201estehenden Heere der sowjetischen Au\u00dfenpolitik\u201d(?Albrecht, Willy?:? Kurt Schumacher?, ?Dietz Nachf., 1985, S. 25). Dies wurde durch die Aufl\u00f6sung der Ost-SPD in der SED noch verst\u00e4rkt.<br \/>\nFolge waren zahlreiche Verbote von kommunistischen Organisationen und unz\u00e4hlige Verfahren gegen des Kommunismus bezichtigte Personen gef\u00fchrt. Von 1951-58 waren die Urteile gegen Kommunisten fast siebenmal so hoch wie gegen NS-T\u00e4ter.<br \/>\nAngesichts dieser Situation war eine Zur\u00fcckhaltung gegen\u00fcber der Besch\u00e4ftigung mit Hans Litten nicht verwunderlich, wollte doch niemand in den Verdacht geraten, sich mit einer Leitfigur des Marxismus in Deutschland zu besch\u00e4ftigen oder gar ein Anh\u00e4nger desselben zu sein.<br \/>\nDiese Interpretation des Lebens Littens ist nat\u00fcrlich falsch. Schlie\u00dflich war er pers\u00f6nlich unpolitisch, nie Anh\u00e4nger einer Partei, erst recht nicht der 1956 verbotenen KPD, von der er sich links stehend betrachtete. Er war eher Anarchist, jedoch gleichzeitig auch Pazifist. Ihn als kommunistisch zu bezeichnen schlie\u00dft auf inakzeptables Missverst\u00e4ndnis oder gar Vorurteil, haupts\u00e4chlich entstanden aus seinem Engagement f\u00fcr die \u201eRote Hilfe\u201c, die ihn jedoch letztendlich auch nicht mehr f\u00fcr Prozesse einsetzte, da ihr Verurteilungen der Arbeiter und so entstehende M\u00e4rtyrer lieber waren und die seinen Vorbehalt gegen\u00fcber der KPD kritisierte.<br \/>\nDoch selbst wenn dies erkannt wurde, war eine Besch\u00e4ftigung mit Litten auch aufgrund der ausschlie\u00dflichen Inanspruchnahme des \u201eLittenerbes\u201c seitens der DDR problematisch, obwohl Littens juristische Erfolge genau genommen in Westberlin stattfanden.<br \/>\nEin weiterer Punkt ist die Wahrnehmung Littens als Opfer des Dritten Reiches, und dies in mehrfacher Hinsicht. Einerseits ist es m\u00f6glich ihn als gescheiterten Widerst\u00e4ndler, als politisches Opfer und als Opfer des Holocausts (er war schlie\u00dflich Halbjude) zu sehen.<br \/>\nDamit steht Hans Litten auch im Kontext der Erinnerungskultur der Bundesrepublik Deutschlands.<br \/>\nVor allem Historiker versuchten, die deutsche Geschichte nicht zu \u201everdunkeln\u201c, aber auch auf die gute deutsche Tradition vor Hitler hinzuweisen. Litten stellt dabei ein Br\u00fcckenelement dar, da sein Handeln zwischen den Zeiten steht, was eine Besch\u00e4ftigung problematisch macht.<br \/>\nNoch komplizierter war jedoch die Situation der Gesellschaft in der jungen Republik. In der \u00d6ffentlichkeit herrschte Schweigen \u00fcber das Dritte Reich, eine Person wie Litten w\u00fcrde nur provozieren, ist er doch ein Symbol f\u00fcr den Holocaust, das Scheitern der Demokratie und das Schweigen in Anbetracht von Verbrechen und Ungerechtigkeit. Au\u00dferdem war man bestrebt angesichts des Kalten Krieges eine gesellschaftliche Umw\u00e4lzung zu vermeiden und strebte eine Politik der Integration ehemaliger NS-Funktionseliten an. Damit begann auch der Versuch einer Rechtfertigung und des allgemeinen Willens, sich von jeglicher Schuld zu befreien. Hans Littens Schicksal w\u00fcrde diese Politik infrage stellen. Erst nach 1968 kam eine Welle der Aufarbeitung wirklich ins Rollen, doch bereits zu lange wurde \u00fcber Litten geschwiegen, sodass sich an dieser Situation bis zu den 80er nur wenig \u00e4ndern sollte. Zus\u00e4tzlich erinnerten seine j\u00fcdischen Wurzeln noch immer unangenehm an den deutschen V\u00f6lkermord, sodass man sein Wirken und seine Werte auf christlichen Humanismus zur\u00fcckf\u00fchren wollte, was das unangenehme Thema umschiffen sollte.<br \/>\nMan ignorierte diesen faszinierenden Menschen also, weil er symbolhaft f\u00fcr das deutsche Trauma des Scheiterns der Demokratie, der Grausamkeit der Hitlerdiktatur, der Spaltung Deutschlands zwischen den Nachkriegsideologien und der politischen Bedrohung durch den Kommunismus stand.<br \/>\nErst kurz vor der Wiedervereinigung sollte Litten nicht mehr als Kommunist und Symbol f\u00fcr Scham, Nazivergangenheit und Scheitern der ersten Demokratie auf deutschen Boden gelten, sondern zum K\u00e4mpfer f\u00fcr Recht und Gerechtigkeit werden, was zu ersten Auseinandersetzungen mit ihm f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Littenkult in der DDR<\/p>\n<p>Die Situation in der DDR verhielt sich grundlegend anders. Bereits 1950 wurde die erste Volksrichterschule der DDR nach Hans Litten benannt. Er sollte auch sp\u00e4ter f\u00fcr diese neue, sozialistische Klasse der Juristen der DDR von gro\u00dfer Bedeutung sein.<br \/>\nEin Jahr sp\u00e4ter wurde die \u201eNeue Friedrichsstra\u00dfe\u201c in Ost-Berlin nach Hans Litten umbenannt. Dort befindet sich das Amtsgericht Mitte und das Landgericht Berlin, wobei sich an Letzterem eine scheinbar objektive Gedenktafel befindet, die Hans Litten als \u201eunerschrockenen K\u00e4mpfer f\u00fcr Menschlichkeit und Frieden\u201c ehrt. Innerhalb des Gerichtsgeb\u00e4udes befindet sich ebenfalls eine B\u00fcste.<br \/>\nLitten sollte sp\u00e4ter immer mehr stilisiert und immer gr\u00f6\u00dferen Bev\u00f6lkerungsschichten nahegebracht werden. So wurde aus ihm ein Volksheld, ein Klassenk\u00e4mpfer f\u00fcr das Proletariat und vielmehr ein Marxist als ein unbequemer Anwalt, aber auch jemand, der genau das Weltbild und die \u00dcberzeugung der DDR-Staatsf\u00fchrung vertrat.<br \/>\nAuch hier wurde seine j\u00fcdische Herkunft kaschiert, um die j\u00fcdisch-deutsche Tradition aus dem Fokus zu nehmen.<br \/>\nDies spricht auch wieder f\u00fcr eine Problematik mit der Shoah- bzw. Nazi-Vergangenheit, die jedoch auf einem anderen Wege bew\u00e4ltigt wurde, welche eine \u201eRezeption\u201c oder eher eine Propagandanutzung Littens erm\u00f6glichte.<br \/>\nDie SED sah keinerlei Notwendigkeit, sich in irgendeiner Weise mit dem Dritten Reich auseinanderzusetzen, da mit der &#8222;antifaschistisch-demokratischen Umw\u00e4lzung&#8220; 1945-1949 der Nationalsozialismus restlos &#8222;ausgerottet&#8220; worden sei.<br \/>\nSomit seien Schuld und Verantwortung f\u00fcr diese Zeit nicht vorhanden, das Erbe der Scham und des Erinnerns an die Gr\u00e4ueltaten ebenfalls. Die DDR sah sich nicht als Nachfolgerstaat des Dritten Reiches und weigerte sich bis 1988 j\u00fcdischen Opfern Entsch\u00e4digung zu leisten.<br \/>\nUm dies weiter zu festigen, wurde die Behauptung geschaffen, dass deutsche Antifaschisten, wie Litten einer war, zusammen mit der Sowjetunion die Hitlerdiktatur besiegt und den Nationalsozialismus ausgerottet haben.<br \/>\nDa jedoch die wenigsten Ost- wie  Westdeutschen Widerstandsk\u00e4mpfer waren, wurden unz\u00e4hlige Denkm\u00e4ler geschaffen und teilweise auch einige Mythen dazu erfunden.<br \/>\nLitten wurde auch ein Opfer dieser k\u00fcnstlichen Widerstandsvergangenheit mit deutlich sozialistischer Pr\u00e4gung. Auch wenn er aufgrund seiner N\u00e4he zum oftmals verschwiegenen Holocaust problematisch war \u2013 die Shoah passte nicht ins Klassenschema \u2013 so war er doch ideal um den neu entstandenen Volksrichtern ein Vorbild zu geben. Dies waren Juristen, die anstatt an Universit\u00e4ten in anderen staatlichen Institutionen ausgebildet wurden. Die SED war vor die Herausforderungen gestellt, ihren enormes juristischen Persornalbedarf zu decken, nachdem rund 80% der Richter und Juristen der NSDAP angeh\u00f6rt hatten. Da die Universit\u00e4ten ihre Ausbildung noch nicht nach den W\u00fcnschen der SED abge\u00e4ndert hatten, ergriff diese selbst die Initiative, wobei sie sp\u00e4ter von der Sowjetischen Milit\u00e4radministration unterst\u00fctzt wurde. Diese neue Ausbildungsform diente einerseits zur Durchsetzung des Herrschaftsanspruchs und Durchdringung des ostdeutschen juristischen Apparats via Beeinflussung der rechtswissenschaftlichen Lehre. Andererseits sollten jedoch die Juristen der neu entstandenen DDR politisiert und systemtreu sein, was \u00fcber eine lang anhaltende Beeinflussung w\u00e4hrend der Ausbildung erreicht wurde. W\u00e4hrend die politische Ausrichtung noch anfangs \u00fcberparteilich-antifaschistisch war, wandelte dies sich sp\u00e4ter zum Sozialismus.<br \/>\nLitten war ein Element der Beeinflussung. Er wurde als \u00fcberzeugter Marxist dargestellt, der im Grunde ein geistiger Vater der DDR war. Er sollte die Volksrichter zur Vaterlandsliebe und Widerstand gegen\u00fcber dem Faschismus (und damit auch dem faschistischen Westen) motivieren. Und auch wenn dieses Bild in Teilen richtig war, so ist doch festzustellen, dass beide deutsche Nationen zu keinem akzeptablen Bild \u00fcber Litten kamen. Auf beiden Seiten wurde er viel zu politisch, viel zu marxistisch gesehen, und es war weniger der Kampf gegen den Faschismus als politische Richtung, den er ausfocht, sondern der Kampf f\u00fcr Recht, Gerechtigkeit und Frieden, die durch Hitler bedroht wurden. Noch bedauerlich ist es, dass seine j\u00fcdische Herkunft nicht nur totgeschwiegen, sondern auch noch verleumdet wurden.<br \/>\nAber dies r\u00fchrte haupts\u00e4chlich durch die oben erw\u00e4hnten Traumata des deutschen Volkes her, dass sich nach dem Schrecken des deutschen Volkes an der Grenze zwischen den beiden politischen Polen der neuen Weltordnung wiederfand. Dies wurde in der Rezeption \u2013 oder Nicht-Rezeption \u2013 Littens deutlich, die jedoch auf beiden Seiten mit einer Ignoranz des Bezugs zum Judentum und seinem Schicksal einherging. Doch gerade seine Religion pr\u00e4gte Littens Jugend und auch sein weiteres Schicksal sehr.<br \/>\nErst durch die Wiedervereinigung sollte es f\u00fcr die Auseinandersetzung mit Litten einen Neuanfang geben.<\/p>\n<p>Hans Litten nach der Wiedervereinigung &#8211; Auferstanden aus Ruinen<\/p>\n<p>Mit dem Fall der Mauer und der darauffolgenden Wiedervereinigung trafen zwei Arten, mit dem Thema \u201eHans Litten\u201c umzugehen, aufeinander: Einerseits die zaghafte Litten &#8211; Renaissance nach Jahrzehnten des Schweigens und andererseits der ideologisch aufgeladene Volksrichter \u2013 Littenkult.<br \/>\nDies f\u00fchrte jedoch keineswegs sofort zur entpolitisierten, wissenschaftlichen Wiederentdeckung Littens, wie wir sie heute erleben. Denn anfangs sah man in Litten nur einen Teil der DDR-Propaganda, weshalb die Berliner CDU im Februar 1992 plante, die \u201eLittenstra\u00dfe\u201c im Zuge ideologischer Aufr\u00e4umarbeiten in \u201eAn der Klosterkirche\u201c zwangsumzutaufen. Dies f\u00fchrte zu Protesten der wenigen \u00fcberlebenden Bekannten von Hans Litten und zu einem Dementi des damaligen CDU-Fraktionsvorsitzende Klaus Landowsky.<br \/>\nBald jedoch sollten sich die anf\u00e4nglichen Probleme legen und Litten sollte in die Tradition demokratischer, ethischer Anw\u00e4lte eingereiht werden, in die er geh\u00f6rte. Mit der Benennung des Sitzes der Bundesrechtsanwaltskammer und der Rechtsanwaltskammer Berlin in der Littenstra\u00dfe 9 als Hans-Litten-Haus sollte ihm eine sp\u00e4te, aber gro\u00dfe Ehrung zuteilwerden.  Genauso verh\u00e4lt es sich mit dem Hans-Litten-Preis der Vereinigung Demokratischer Juristinnen und Juristen (VDJ), der f\u00fcr jenes demokratische Engagement verliehen wird, f\u00fcr das auch Litten selbst stand \u2013 auch wenn er daf\u00fcr letztendlich mit dem Leben zahlte.<br \/>\nAuch der Mangel an biografischen Werken beginnt sich langsam abzubauen, besonders im neuen Jahrtausend. Hier w\u00e4re zu aller erst das Werk \u201eDenkmalsfigur: biographische Ann\u00e4herung an Hans Litten, 1903 \u2013 1938\u201c von Knut Bergbauer, Sabine Fr\u00f6hlich und Stefanie Sch\u00fcler-Springorum, erschienen im Wallstein Verlag, G\u00f6ttingen, zu nennen.  Die Autoren waren in der Lage, neue Erkenntnisse darzustellen und gleichzeitig den Facettenreichtum der Protagonisten zu erhalten.<br \/>\nAbschlie\u00dfend ist zu hoffen, dass man sich in Zukunft nicht mehr davor scheuen wird, das Thema Litten zu behandeln, und ihn nicht ideologisch \u00fcberfrachtet, sondern als den einzigartigen Menschen wahrnimmt, der er war: ein j\u00fcdischer Anwalt, der sein Leben f\u00fcr seine Werte von Gerechtigkeit, Hilfsbereitschaft, Recht, Frieden und Mut gab.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Gastartikel ist ein Beitrag zum ScienceBlogs Blog-Schreibwettbewerb. Alle eingereichten Beitr\u00e4ge werden im Lauf des Septembers hier im Blog vorgestellt. 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