{"id":22075,"date":"2014-08-29T07:38:52","date_gmt":"2014-08-29T05:38:52","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2014\/08\/29\/die-dunkle-seite-des-krabbenbroetchens\/"},"modified":"2025-05-14T16:15:07","modified_gmt":"2025-05-14T14:15:07","slug":"die-dunkle-seite-des-krabbenbroetchens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2014\/08\/29\/die-dunkle-seite-des-krabbenbroetchens\/","title":{"rendered":"Die dunkle Seite des Krabbenbr\u00f6tchens"},"content":{"rendered":"<p>Ein Grund, warum sich unser Klima zur Zeit so sehr \u00e4ndert, ist das Kohlendioxid. Es entsteht, wenn wir fossile Energietr\u00e4ger wie Kohle, Gas oder \u00d6l verbrennen und sammelt sich in der Atmosph\u00e4re der Erde, wo es als Treibhausgas wirkt und die Abstrahlung von W\u00e4rme zur\u00fcck ins All verhindert. Und wir verbrennen jede Menge&#8230; In Autos, Schiffe, Flugzeugen, Diesellokomotiven, unseren H\u00e4usern, der Industrie: \u00dcberall wird CO2 in die Luft gepustet und wir machen keine Anstalten, damit aufzuh\u00f6ren. So wie es aussieht, werden wir erst dann damit aufh\u00f6ren, wenn wir das ganze Erd\u00f6l aufgebraucht und keine andere Wahl mehr haben, als zu alternativen Energien zu wechseln. Bis es so weit ist, w\u00e4re es aber vielleicht ganz praktisch, die Rate unserer CO2-Emissionen zumindest ein wenig zu verlangsamen und damit auch die Ver\u00e4nderung des Klimas. M\u00f6glichkeiten daf\u00fcr gibt es genug und eine davon besteht darin, als Konsument auf lokale Produkte zu achten. Wenn das, was wir kaufen, zuvor nicht erst mit Schiffen, LKWs und Flugzeugen um die halbe Welt transportiert worden ist, sondern vielleicht sogar aus dem gleichen Ort stammt, wo es auch verkauft wird, reduziert das den CO2-Aussto\u00df. Aber das ist gar nicht so einfach, wie es klingt denn die Welt in der wir leben wird immer komplexer&#8230;<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Auf meiner <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/category\/klimareise\/\">Klimareise<\/a> habe ich bisher nicht nur viele interessante und sch\u00f6ne Orte gesehen an denen es viel zu lernen gab. Es waren auch Orte, die f\u00fcr ihre lokalen Lebensmittel bekannt sind. In der <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2014\/08\/20\/klimawandel-in-der-lueneburger-heide-der-einfluss-der-planeten-auf-das-klima-der-erde\/\">L\u00fcneburger Heide zum Beispiel<\/a> kann man keinen Gasthof betreten, der auf der Speisekarte nicht zumindest ein Gericht von der <i>Heidschnucke<\/i> f\u00fchrt. Die &#8222;L\u00fcneburger Heidschnucke&#8220; ist eine gesch\u00fctzte Ursprungsbezeichnung und darf nur f\u00fcr Fleisch von Schafen verwendet werden, die auch tats\u00e4chlich aus der L\u00fcneburger Heide kommen. Die Bratkartoffeln, die oft zur Heidschnucke serviert werden, sind h\u00f6chstwahrscheinlich auch irgendwo in der Region angebaut worden und wenn man dann auch ein <i>Heidjer-Pils<\/i> aus Celle trinkt, hat man ein wirklich regionales Men\u00fc bei dem zumindest f\u00fcr den Transport der Waren weniger CO2 angefallen ist, als es bei argentinischem Rindersteak oder einem Meeresfr\u00fcchtesalat der Fall w\u00e4re.<\/p>\n<figure id=\"attachment_16014\" aria-describedby=\"caption-attachment-16014\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/20140819_175042-Andere.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/20140819_175042-Andere.jpg\" alt=\"Heidschnucken-S\u00fclze mit Bratkartoffeln und Heidjer-Pils\" width=\"500\" height=\"374\" class=\"size-medium wp-image-16014\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-16014\" class=\"wp-caption-text\">Heidschnucken-S\u00fclze mit Bratkartoffeln und Heidjer-Pils<\/figcaption><\/figure>\n<p>Aber so einfach wie das mit den regionalen Produkten scheint, ist es nicht immer. Das habe ich bei <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2014\/08\/22\/klimawandelgeschichten-vom-alfred-wegener-institut-in-bremerhaven-1-der-klimawandel-macht-die-fische-doof\/\">meinem<\/a> <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2014\/08\/24\/klimawandelgeschichten-vom-alfred-wegener-institut-2-die-unterseite-der-eisscholle\/\">Besuch<\/i> <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2014\/08\/27\/klimawandelgeschichten-vom-alfred-wegener-institut-3-wir-wissen-mehr-ueber-das-weltall-als-ueber-die-tiefsee\/\">in<\/a> <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2014\/08\/28\/klimawandelgeschichten-vom-alfred-wegener-institut-3-klimawandel-ist-ganz-normal-und-trotzdem-gefaehrlich\/\">Bremerhaven<\/a> gemerkt. Was ist absolut typisch f\u00fcr die Nordsee und was bekommt man dort \u00fcberall in jedem Restaurant und an jeder Imbiss-Bude? Nat\u00fcrlich ein Krabbenbr\u00f6tchen mit echten Nordseekrabben!<\/p>\n<p>Nordseekrabben an der Nordsee &#8211; noch regionaler geht es doch gar nicht, oder? Die Krabben, die ich an der Bude in der Innenstadt von Bremerhaven gegessen haben, m\u00fcssen doch h\u00f6chstens den Weg vom n\u00e4chsten Krabbenkutter im Hafen nebenan zur\u00fcck gelegt haben? Das kann theoretisch sein (auch wenn die lokale Krabbenfischerei l\u00e4ngst nicht mehr in dem Umfang betrieben wird, wie fr\u00fcher). Aber selbst wenn die Krabben tats\u00e4chlich im Meer vor Bremerhaven gefangen worden sind, dann ist die Chance gro\u00df, dass sie zuerst noch einen kleinen Ausflug nach Marokko gemacht haben, bevor sie auf meinem Br\u00f6tchen gelandet sind.<\/p>\n<p>Denn Krabben muss man &#8222;pulen&#8220;; also sch\u00e4len. Ich erinnere mich noch gut an Kindheitsurlaube und Verwandschaftsbesuche an der Nordsee und die langweiligen Nachmittage, an denen wir anstatt zu spielen bei Regen in der Wohnung gesessen sind und Krabben sch\u00e4len mussten (oder zumindest den Erwachsenen dabei zugesehen haben, wie sie die im Hafen gekauften Krabben gesch\u00e4lt haben). Und privat werden heute sicherlich immer noch viele K\u00fcstenbewohner die frisch gefangenen Krabben f\u00fcr den Eigenbrauch sch\u00e4len. Aber f\u00fcr die verkauften Tiere gilt das nicht. Die Handarbeit w\u00e4re in Deutschland vermutlich heute einfach zu teuer um den Bedarf an Krabben zu befriedigen. Und au\u00dferdem ist das Krabbenpulen in Heimarbeit f\u00fcr den Verkauf auch schon seit Jahrzehnten durch eine EU-Richtlinie verboten.<\/p>\n<figure id=\"attachment_16015\" aria-describedby=\"caption-attachment-16015\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/20140820_165352-Andere.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/20140820_165352-Andere.jpg\" alt=\"Krabbenbr\u00f6tchen in Bremerhaven\" width=\"500\" height=\"374\" class=\"size-medium wp-image-16015\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-16015\" class=\"wp-caption-text\">Krabbenbr\u00f6tchen in Bremerhaven<\/figcaption><\/figure>\n<p>Also werden die Krabben eben in Marokko gesch\u00e4lt, wo die Arbeitskr\u00e4fte so billig sind, dass es sich trotz des langen Transportweges f\u00fcr die Fischereibetriebe am Ende finanziell noch lohnt. Es gab immer wieder Versuche, die Krabben maschinell in Deutschland zu sch\u00e4len und zu verarbeiten aber das ist eine so filigrane Angelegenheit, dass Maschinen damit nicht oder nur schlecht zurecht kommen. Die entsprechenden Ger\u00e4te sind teuer, unzuverl\u00e4ssig und wartungsintensiv und liefern einen geringeren Output als bei der Verarbeitung mit der Hand. Oder aber sie k\u00f6nnen nur sehr kleine Menge verarbeiten. Versuche, gro\u00dfe maschinelle Sch\u00e4lzentren direkt an der deutschen Nordseek\u00fcste einzurichten, wie man es zum Beispiel in Cuxhaven probiert hat, sind gescheitert und die entsprechenden Firmen pleite.<\/p>\n<p>Was soll man tun? Wir wollen eben <i>alle<\/i> Nordseekrabben essen; in M\u00fcnchen genau so wie in Berlin, im Ruhrgebiet oder im Erzgebirge. Und um diesen Bedarf zu stillen, braucht es Massenproduktion die in Deutschland zumindest aus wirtschaftlichen Gr\u00fcnden nicht stattfinden kann. So wie in vielen anderen Branchen auch setzt man auf billige Arbeitskr\u00e4fte in fernen L\u00e4ndern und nimmt die damit verbundenen langen Transportwege in Kauf. Ebenso wie die so entstehenden CO2-Emissionen.<\/p>\n<p>Die Welt ist eben tats\u00e4chlich &#8222;global&#8220; geworden. Wer fr\u00fcher frischen Fisch essen wollte, musste ans Meer fahren (oder sehr reich sein, um sich den umst\u00e4ndlichen Transport und die aufwendige K\u00fchlung leisten zu k\u00f6nnen). Wer tropische Fr\u00fcchte essen wollte, musste in die Tropen reisen. Und argentinisches Rindersteak gab es nur in Argentinien. Heute wollen wir all das aber in unserem Supermarkt vor Ort haben und zwar jeden Tag. Im Obstregal m\u00fcssen Bananen und Papayas liegen und Erdbeeren (egal ob gerade Erdbeerzeit ist oder nicht und die Fr\u00fcchte vom anderen Ende der Welt kommen m\u00fcssen). An der Fischtheke einer bayrischen Kleinstadt m\u00fcssen die gleichen Produkte zu finden sein wie im schleswig-holsteinischen Hafenort. Und wenn im Weinregal nicht Flaschen aus mindestens drei Kontinenten zu finden sind, gibt es \u00c4rger mit der Kundschaft. F\u00fcr all das m\u00fcssen Schiffe und Lastwagen st\u00e4ndig durch die ganze Welt fahren und treiben dabei den Klimawandel unweigerlich voran.<\/p>\n<figure id=\"attachment_16016\" aria-describedby=\"caption-attachment-16016\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/IMG_3812-Andere.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/IMG_3812-Andere.jpg\" alt=\"Hurra! Krabbe aus der Maschine!\" width=\"500\" height=\"374\" class=\"size-medium wp-image-16016\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-16016\" class=\"wp-caption-text\">Hurra! Krabbe aus der Maschine!<\/figcaption><\/figure>\n<p>Eine L\u00f6sung f\u00fcr dieses Problem zu finden ist schwer. Es w\u00e4re naiv davon auszugehen, man k\u00f6nne zur\u00fcck zu einer lokalen Welt in der es Nordseekrabben eben wirklich nur an der Nordsee gibt und nirgendwo sonst. R\u00fcckw\u00e4rtsgewandte Strategien werden sich nie durchsetzen. Wir alle haben uns zu sehr an den Status Quo gew\u00f6hnt um davon wieder abzur\u00fccken. Es w\u00fcrde daher wenig bringen, zu irgendwelchen Boykotten aufzurufen oder dazu, nur noch lokale Produkte zu konsumieren. Die Sache mit den Krabben und dem Transport nach Marokko und zur\u00fcck ist ja nur eines von vielen Beispielen und im gro\u00dfen Ganzen vermutlich nicht mal relevant. Wir werden weiterhin einer Welt leben, in der Produkte \u00fcber den ganzen Planeten transportiert werden und Menschen st\u00e4ndig zwischen den Kontinenten hin und her reisen. Daran wird sich auch nichts \u00e4ndern, wenn wir in Zukunft nur noch Lebensmittel aus unseren Vorg\u00e4rten essen. Langfristig werden wir nicht umhin kommen, das Problem grundlegend zu l\u00f6sen: Es spricht ja absolut nichts dagegen, wenn die Welt durch Transportmittel aller Art vernetzt wird. Wir m\u00fcssen nur daf\u00fcr sorgen, dass dieser ganze Verkehr nicht das Klima sch\u00e4digt. Wir m\u00fcssen weg von den fossilen Brennstoffen; weg von einer Energieproduktion, die nicht nachhaltig ist. Wir brauchen erneuerbare Energien; zumindest dort wo sie sinnvollerweise verwendet werden k\u00f6nnen und wir brauchen v\u00f6llig neue Konzepte. Wir k\u00f6nnten ja mal probieren, die Kernfusion <i>ernsthaft<\/i> zu erforschen anstatt sie immer nur halbherzig zu f\u00f6rdern um uns dann dar\u00fcber zu beschweren, dass die Ergebnisse so lange auf sich warten lassen. Wir k\u00f6nnten uns \u00fcberlegen, was n\u00f6tig w\u00e4re, um Strom aus dem Weltall zu gewinnen. <\/p>\n<p>Kurz gesagt: Wir br\u00e4uchten Visionen. Die finden sich aber kaum irgendwo und schon gar nicht in der Politik. Aber das ist wieder eine andere Geschichte. Ich werde jetzt einkaufen gehen; im Supermarkt von M\u00f6lln. Mal sehen, was es dort so gibt&#8230;<\/p>\n<p><i>Alle Artikel aus meiner Serie zum Klimawandel <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/category\/klimareise\/\">gibt es hier<\/a>.<\/i><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/e35e18d3928d4868847389bf3e664bca\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Grund, warum sich unser Klima zur Zeit so sehr \u00e4ndert, ist das Kohlendioxid. 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