{"id":22073,"date":"2014-08-28T07:30:24","date_gmt":"2014-08-28T05:30:24","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2014\/08\/28\/klimawandelgeschichten-vom-alfred-wegener-institut-3-klimawandel-ist-ganz-normal-und-trotzdem-gefaehrlich\/"},"modified":"2025-05-14T16:15:06","modified_gmt":"2025-05-14T14:15:06","slug":"klimawandelgeschichten-vom-alfred-wegener-institut-3-klimawandel-ist-ganz-normal-und-trotzdem-gefaehrlich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2014\/08\/28\/klimawandelgeschichten-vom-alfred-wegener-institut-3-klimawandel-ist-ganz-normal-und-trotzdem-gefaehrlich\/","title":{"rendered":"Klimawandelgeschichten vom Alfred-Wegener-Institut (4): Klimawandel ist ganz normal (und trotzdem gef\u00e4hrlich)"},"content":{"rendered":"<p><i>&#8222;Der Klimawandel ist doch v\u00f6llig normal. Fr\u00fcher hat sich das Klima noch viel st\u00e4rker ge\u00e4ndert!&#8220;<\/i> lautet eine oft geh\u00f6rte Replik, wenn vor den Gefahren des aktuellen Klimawandels gewarnt wird. Und es stimmt auch: Das Klima der Erde ist st\u00e4ndig in Ver\u00e4nderung begriffen. Klimawandel ist tats\u00e4chlich normal. Aber aus dieser Tatsache folgt nicht, dass <i>jeder<\/i> Klimawandel nat\u00fcrliche Ursachen haben muss. Aus der Existenz vergangener Klima\u00e4nderungen folgt vor allem nicht, dass der aktuelle Klimawandel <i>nicht<\/i> vom Menschen verursacht worden ist und es folgt daraus schon gar nicht, dass uns ein ver\u00e4ndertes Klima nicht schaden kann. Es folgt daraus allerdings, dass es sich lohnt, das Erdklima der Vergangenheit zu erforschen, wenn man wissen will, was die Zukunft bringen kann.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Bis zu einer Million Jahre kann man das Klima der Vergangenheit im Eis der Polarregionen zur\u00fcck verfolgen, erkl\u00e4rt mir Dr. Lester Lembke-Jene vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven. Eingeschlossen im gefrorenen Wasser ist die Atmosph\u00e4re fr\u00fcherer Zeiten, aus der sich ablesen l\u00e4sst, welches Klima damals geherrscht haben muss. Wenn wir wissen wollen, wo die Reise in Zukunft hingeht, wenn wir so weiter machen wie bisher, dann k\u00f6nnen wir das im Eis der Vergangenheit ablesen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_15974\" aria-describedby=\"caption-attachment-15974\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/IMG_3684-Andere.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/IMG_3684-Andere.jpg\" alt=\"Ja nicht auftauen...\" width=\"500\" height=\"374\" class=\"size-medium wp-image-15974\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-15974\" class=\"wp-caption-text\">Ja nicht auftauen&#8230;<\/figcaption><\/figure>\n<p><i>&#8222;Wir wollen das System Ozean in seiner nat\u00fcrlichen Variabilit\u00e4t erfassen&#8220;<\/i>, sagt Lembke-Jene. Das dient nicht nur zur Grundlagenforschung, sondern auch, um eben diese nat\u00fcrliche mittel- bzw. langfristige Variabilit\u00e4t vom menschengemachten Einfluss trennen zu k\u00f6nnen. Die pal\u00e4oklimatische Forschung zeigt uns, wozu das Klima und das gesamte \u00d6kosystem f\u00e4hig ist, wenn keine Menschen beteiligt waren. Und je besser man das versteht, desto besser kann man auch verstehen, wie gro\u00df unser Einfluss tats\u00e4chlich ist.<\/p>\n<p>Und man kann sehen, zu was das gesamte System prinzipiell f\u00e4hig ist. Und gibt es durchaus \u00dcberraschung. Vor knapp 10 Jahren hat man herausgefunden, dass im Plioz\u00e4n, vor knapp 2,5 Millionen Jahren der komplette westantarktische Eisschild abgeschmolzen ist. Auch damals \u00e4nderte sich das Klima sehr rasch und die gro\u00dfen Gletscher des s\u00fcdlichsten Kontinents tauten auf. <i>&#8222;Es war einer der Paradigmenwechsel in der glaziologischen Forschung&#8220;<\/i>, erkl\u00e4rt Lembke-Jene. Bisher ging man davon aus, dass die Antarktis im wesentlichen immer gefroren bleiben w\u00fcrde. Dort ist es <i>so<\/i> kalt, dass es auf ein paar Grad mehr oder weniger nicht ankommt. Aber das war offensichtlich falsch. Durch die <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/2014\/08\/20\/klimawandel-in-der-lueneburger-heide-der-einfluss-der-planeten-auf-das-klima-der-erde\/\">Ver\u00e4nderungen der Erdbahn<\/a> \u00e4ndert sich im Laufe der Jahrzehntausende die Intensit\u00e4t der Sonneneinstrahlung und das kann zu (geologisch gesehen) schnellen Klima\u00e4nderungen f\u00fchren. Wie die Bohrkerne aus der Antarktis eindrucksvoll belegen: Die K\u00fcstengletscher in der Antarktis k\u00f6nnen sehr schnell kollabieren und auch jetzt beobachtet man dort \u00e4u\u00dferst schnelle Abflussraten. Es reicht offensichtlich, einen bestimmten Schwellenwert der Temperatur zu \u00fcberschreiten, um eine schlagartige Enteisung hervorzurufen. Damals gab es einen Anstieg des Meeresspiegels von zwei bis sechs Metern. Und sollte die Vergangenheit ein Ma\u00dfstab f\u00fcr die Zukunft sein, dann k\u00f6nnte das gr\u00f6\u00dfere Probleme schaffen&#8230; Wie schnell die antarktisches Gletscher damals verschwunden sind, l\u00e4sst sich mit den bisher vorliegenden Daten nicht sagen. 50 Jahre, 100 Jahre oder 1000 Jahre &#8211; alles ist m\u00f6glich. <i>&#8222;Aber da wir es nicht wissen, ist das ein gro\u00dfer Unsicherheitsfaktor&#8220;<\/i>, sagt Lembke-Jene und wenn wir ihn eliminieren wollen, brauchen wir mehr Daten.<\/p>\n<figure id=\"attachment_15975\" aria-describedby=\"caption-attachment-15975\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/IMG_3686-Andere.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/IMG_3686-Andere.jpg\" alt=\"Bohrkerne! Bohrkerne! Bohrkerne!\" width=\"500\" height=\"374\" class=\"size-medium wp-image-15975\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-15975\" class=\"wp-caption-text\">Bohrkerne! Bohrkerne! Bohrkerne!<\/figcaption><\/figure>\n<p>Es lohnt sich also, das Klima der Vergangenheit zu untersuchen. Je genauer, desto besser. Dazu braucht es m\u00f6glichst viel altes Eis und das wird beim AWI im Eislabor gelagert und untersucht. Und wie der Name vermuten l\u00e4sst, ist es dort eiskalt. Man k\u00f6nnte ja auf die Idee kommen, das Eis irgendwo <i>im Eis<\/i> zu lagern, also auf Gr\u00f6nland oder Spitzbergen (wo im &#8222;Global Seed Vault&#8220; ja auch eine Saatgutdatenbank eingerichtet worden ist) wo es von Natur aus kalt ist und man keinen Strom zum k\u00fchlen braucht. Aber das mit der Temperatur ist eben das Problem: Der Permafrostboden in den Polarregionen taut ebenfalls langsam auf und es ist zweifelhaft wie lange es dort noch k\u00fchl genug ist. Au\u00dferdem will man mit dem Eis ja auch arbeiten und das ist im Labor vor Ort wesentlich einfacher. Bis jetzt ist in den Archiven der Wissenschaftler jedenfalls noch kein Eiskern aus Versehen weggetaut, versichert Lester Lembke-Jene, bevor wir den -20 Grad kalten K\u00fchlraum betreten. Die Wissenschaftler dort m\u00fcssen dick vermummt an ihren Proben arbeiten (die bei noch k\u00e4lteren -60 Grad gelagert werden) und in unserer sommerlichen Kleidung halten wir es darin aber nicht lange aus und wechseln nach nebenan, wo die restlichen Kerne bei etwas w\u00e4rmeren Temperaturen gelagert werden.<\/p>\n<figure id=\"attachment_15976\" aria-describedby=\"caption-attachment-15976\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/IMG_3688-Andere-rotated.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/IMG_3688-Andere-rotated.jpg\" alt=\"Sedimentbohrkerne - eine schlammige Angelegenheit..\" width=\"500\" height=\"374\" class=\"size-medium wp-image-15976\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-15976\" class=\"wp-caption-text\">Sedimentbohrkerne &#8211; eine schlammige Angelegenheit..<\/figcaption><\/figure>\n<p>Denn nicht nur im Eis stecken Informationen \u00fcber die Vergangenheit. Die Forscher bohren auch in den Meeresboden und holen Kerne aus Sediment und Gestein heraus. Aus den darin befindlichen geologischen Spuren und den Fossilien l\u00e4sst sich ebenfalls viel \u00fcber das vergangene Klima lernen. Sogar Stalagmiten aus H\u00f6hlen werden benutzt, um die Vergangenheit zu erforschen. Alle diese Archive m\u00fcssen aufeinander abgestimmt und gemeinsam datiert werden, um am Ende ein verl\u00e4ssliches Bild des Pal\u00e4oklimas zu bekommen.<\/p>\n<p>Fest steht auf jeden Fall: Das Klima hat sich immer schon ge\u00e4ndert. Die Erde hat kein &#8222;Normklima&#8220;; normal ist nur der Wandel selbst. Aber &#8222;normal&#8220; sind auch Erdbeben, Waldbr\u00e4nde und Asteroideneinschl\u00e4ge. Unser Planet ist eben nun mal kein gottgeschaffenes Paradies f\u00fcr uns Menschen. Er ist ein gef\u00e4hrlicher Ort und ob die Gefahr &#8222;nat\u00fcrlich&#8220; ist oder von uns Menschen gemacht wurde, spielt am Ende keine Rolle.<br \/>\nDenn fest steht auch: Das Klima \u00e4ndert sich zur Zeit wieder und diesmal sind wir Menschen mit daf\u00fcr verantwortlich. Wenn wir herausfinden wollen, was uns bevor steht, m\u00fcssen wir die Vergangenheit so gut verstehen, wie es uns m\u00f6glich ist. Dann haben wir die Gefahren vielleicht nicht verhindert &#8211; aber k\u00f6nnen uns vielleicht entsprechend darauf vorbereiten&#8230;<\/p>\n<p><i>Alle Artikel aus meiner Serie zum Klimawandel <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/category\/klimareise\/\">gibt es hier<\/a>.<\/i><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/6a5dce77e36b49be91bea6a0098aeaab\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Der Klimawandel ist doch v\u00f6llig normal. 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