{"id":22067,"date":"2014-08-24T08:30:58","date_gmt":"2014-08-24T06:30:58","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2014\/08\/24\/klimawandelgeschichten-vom-alfred-wegener-institut-2-die-unterseite-der-eisscholle\/"},"modified":"2025-05-14T16:15:06","modified_gmt":"2025-05-14T14:15:06","slug":"klimawandelgeschichten-vom-alfred-wegener-institut-2-die-unterseite-der-eisscholle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2014\/08\/24\/klimawandelgeschichten-vom-alfred-wegener-institut-2-die-unterseite-der-eisscholle\/","title":{"rendered":"Klimawandelgeschichten vom Alfred-Wegener-Institut (2): Die Unterseite der Eisscholle"},"content":{"rendered":"<p>Klimawandel. Bei diesem Wort denken die meisten wahrscheinlich sofort an schmelzendes Eis. An Gletscher, die verschwinden. An br\u00f6ckelnden Packeis. An den steigenden Meeresspiegel und all die Schwierigkeiten, die damit auf uns zu kommen. Aber wenn das Eis schmilzt, dann verschwindet damit auch ein ganzes \u00d6kosystem. Denn eine Eisscholle mag auf den ersten Blick ziemlich leblos erscheinen. Darin und darunter verbirgt sich aber eine ganze Welt.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/IMG_3678-Andere.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/IMG_3678-Andere.jpg\" alt=\"IMG_3678 (Andere)\" width=\"500\" height=\"374\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-15983\" \/><\/a><\/p>\n<p>Dr. Ilka Peeken vom Alfred-Wegener-Institut erkl\u00e4rt mir diese Welt, die von <i>Melosira Arctica<\/i> und ihren Verwandten bewohnt wird: Den Meereisalgen der Arktis. Denn dort gibt es nicht nur Seehunde und Eisb\u00e4en, sondern eben auch jede Menge Algen, die an der Unterseite der Eisschollen haften. Aus dem Eis beziehen sie ihre N\u00e4hrstoffe, die sich dort angesammelt haben und eingefroren worden sind. An der Grenze zwischen Wasser und Eis herrschen f\u00fcr bestimmte Arten ideale Bedingungen und wenn sich das Eis ver\u00e4ndert oder gar verschwindet, dann hat das Folgen. Genau so wie die Abholzung von W\u00e4ldern einen massiven Eingriff in ein \u00d6kosystem darstellt, ist das auch beim Verschwinden der Eisfl\u00e4chen der Fall. <\/p>\n<p>Aber wie \u00fcblich in der Natur ist die Sache komplexer, als es auf den ersten Blick aussieht. Wenn das Eis nicht mehr da ist, sinken die Algen hinunter auf den Boden der Tiefsee. Dort gibt es normalerweise wenig oder gar keine N\u00e4hrstoffe und wenn nun pl\u00f6tzlich dort Algen auftauchen, die man dort normalerweise nicht findet, ist das eine weitere Ver\u00e4nderung eines \u00d6kosystems. Pl\u00f6tzlich gibt es Nahrung f\u00fcr die dort vorhandenen Lebewesen, die zuvor nicht vorhanden war.<\/p>\n<p>D\u00fcnnes Eis w\u00e4re an sich ja nicht schlecht f\u00fcr die Algen. Durch die d\u00fcnnere Eisdecke dringt mehr Licht bis zu den Algen durch und selbst wenn sich Schmelzt\u00fcmpel bilden, also komplette L\u00f6cher im Eis, k\u00f6nnen die Algen durch die Sonnenenergie profitieren. Sie k\u00f6nnen verst\u00e4rkt Photosynthese treiben und sich durch den dabei produzierten Sauerstoff an der Wasseroberfl\u00e4che halten. Aber irgendwann sind sie auch von ihren N\u00e4hrstoffreservoir im Eis abgeschnitten und sinken ab wo sie dann &#8211; wie von den AWI-Forschern beobachtet &#8211; zum Beispiel von Seegurken gefressen werden k\u00f6nnen, die sich \u00fcber den unerwarteten Snack in 4000 Metern Tiefe freuen.<\/p>\n<p>Auch der Salzgehalt spielt eine Rolle und auch der wird durch Eisschmelze ver\u00e4ndert. In Experimenten hat man das Verhalten der Eisalgen schon ausf\u00fchrlich untersucht und herausgefunden, wie sie auf Ver\u00e4nderungen in ihrer Umgebung reagieren. Wie es in der Realit\u00e4t aussieht, wei\u00df man dagegen noch kaum. Feldforschung in der Arktis ist schwierig und vor allem dann, wenn sie unter Wasser stattfinden soll. Es gibt ja auch kaum Langzeitdaten \u00fcber die Ver\u00e4nderungen des Eis; \u00fcber die Menge der Algenarten und ihre Ver\u00e4nderung im Laufe der Zeit. W\u00e4lder und Wiesen und normale Meeresalgen kann man unter Umst\u00e4nden noch von Satelliten aus der Ferne \u00fcberwachen. Aber die Unterseite der Eisdecke ist vom Weltall aus genau so wenig zu sehen wie von der Erdoberfl\u00e4che aus. Man muss schon direkt vor Ort sein um konkrete Messungen zu haben und das ist schwierig, teuer und kompliziert. Und l\u00e4sst eben nur punktuelle Daten zu.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/IMG_3682-Andere.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/IMG_3682-Andere.jpg\" alt=\"IMG_3682 (Andere)\" width=\"500\" height=\"374\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-15984\" \/><\/a><\/p>\n<p>Wer bei Klimawandel nur an uns Menschen denkt und bei Eisschmelze an br\u00f6ckelnde Gletscher und den steigenden Meeresspiegel, wird das Schicksal der Eisalgen vielleicht im gro\u00dfen Ganzen nicht sehr interessant finden. Aber diese  Art der Forschung zeigt uns, das auch ein unscheinbares St\u00fcck Natur wie eine Eisscholle in der Arktis die Grundlage eines ganzen \u00d6kosystems sein kann. Eines \u00d6kosystems, dass die Grundlage f\u00fcr eine Reihe anderer Systeme darstellt. N\u00e4hrstoffe sind Mangelware in der Arktis und die Eisalgen binden einen gro\u00dfen Teil davon. Andere Lebewesen h\u00e4ngen von diesen N\u00e4hrstoffen ab und und wenn das Eis verschwindet, dann \u00e4ndert sich das ganze System. Auch wenn diese Art der Grundlagenforschung nicht unmittelbar mit den Konsequenzen des Klimawandels f\u00fcr uns Menschen zu tun hat, ist sie trotzdem genau so wichtig. Erstes, weil es nie gut ist, ein ganzes Forschungsgebiet nur auf ein einziges Thema zu reduzieren. Genau so wie die Exoplanetenforschung mehr als nur die Suche nach Aliens ist oder die Medizin mehr als der Versuch, Krebs zu heilen, sind auch \u00d6kologie und Klimaforschung mehr als die Analyse des menschlichen Einflusses auf die Welt. Und zweitens lohnt sich Grundlagenforschung immer. Nur wenn wir die enorm komplexen \u00d6kosystems in all ihren Auswirkungen verstehen, k\u00f6nnen wir auch Modelle schaffen, die detailliert genug sind um die Ver\u00e4nderungen des Klimas zu verstehen. <\/p>\n<p>Man darf die Dinge nicht isoliert betrachten und wenn man die Welt verstehen will, muss man eben auch auf die Unterseite der Eisschollen blicken&#8230;<\/p>\n<p><i>Alle Artikel aus meiner Serie zum Klimawandel <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/category\/klimareise\/\">gibt es hier<\/a>.<\/i><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/a56f7b8c7626424eacaa291450f78c1e\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Klimawandel. Bei diesem Wort denken die meisten wahrscheinlich sofort an schmelzendes Eis. An Gletscher, die verschwinden. An br\u00f6ckelnden Packeis. An den steigenden Meeresspiegel und all die Schwierigkeiten, die damit auf uns zu kommen. 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