{"id":22061,"date":"2014-08-22T07:45:06","date_gmt":"2014-08-22T05:45:06","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2014\/08\/22\/klimawandelgeschichten-vom-alfred-wegener-institut-in-bremerhaven-1-der-klimawandel-macht-die-fische-doof\/"},"modified":"2025-05-14T16:15:05","modified_gmt":"2025-05-14T14:15:05","slug":"klimawandelgeschichten-vom-alfred-wegener-institut-in-bremerhaven-1-der-klimawandel-macht-die-fische-doof","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2014\/08\/22\/klimawandelgeschichten-vom-alfred-wegener-institut-in-bremerhaven-1-der-klimawandel-macht-die-fische-doof\/","title":{"rendered":"Klimawandelgeschichten vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven (1): Der Klimawandel macht die Fische doof"},"content":{"rendered":"<p><i>&#8222;Klimawandel macht die Fische doof!&#8220;<\/i> klingt ein wenig nach Boulevard. Auch auch wenn es tats\u00e4chlich ein bisschen plakativ ist: Herauszufinden, wie sich die \u00c4nderungen des Klimas auf die neurophysiologischen T\u00e4tigkeit von Fischen auswirkt, geh\u00f6rt zu den vielen Forschungsprojekten, die am Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven untersucht werden. <\/p>\n<p>Dort findet man die Fische im Keller. Hier werden sie zumindest untersucht und zwar in einer ganz speziellen Maschine. Ob ich einen Herzschrittmacher habe, m\u00f6chte man wissen, bevor ich das Labor betreten darf. Zum Gl\u00fcck nicht, und solange ich mich von den gr\u00fcn markierten Bereichen fern halte, sollten auch meine diversen elektronischen Ger\u00e4te keinen Schaden nehmen, wie mir erkl\u00e4rt wird, nachdem ich eingetreten bin. Die Gefahr f\u00fcr mein Handy und die Speicherkarte meines Fotoapparats geht von einem gro\u00dfen Kernspintomographen aus, der ein Magnetfeld mit einer St\u00e4rke von 4,7 Tesla (etwa 100.000 mal st\u00e4rker als das Magnetfeld der Erde) erzeugt. Im Prinzip handelt es sich um die gleichen Ger\u00e4te, die man auch in einem Krankenhaus findet, nur das hier keine menschlichen Patienten untersucht werden, sondern Fische. Zur Zeit ist es Kabeljau. <\/p>\n<figure id=\"attachment_15962\" aria-describedby=\"caption-attachment-15962\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/IMG_3669-Andere.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/IMG_3669-Andere.jpg\" alt=\"N\u00e4her darf ich an den Kernspintomograph nicht ran...\" width=\"500\" height=\"374\" class=\"size-medium wp-image-15962\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-15962\" class=\"wp-caption-text\">N\u00e4her darf ich an den Kernspintomograph nicht ran&#8230;<\/figcaption><\/figure>\n<p>Drei junge Doktoranden erkl\u00e4ren mir hier ihre Arbeit: Sie wollen in Experimenten herausfinden, wie sich die prognostizierten \u00c4nderungen des Klimas und des Meeres auf die Lebensweise der Fische auswirken. Was passiert, wenn sich die Wassertemperatur erh\u00f6ht? Was, wenn die CO2-Konzentration immer gr\u00f6\u00dfer wird? Diese Ver\u00e4nderungen haben Auswirkungen auf den Kreislauf der Tiere und die kann man mit dem Kernspintomographen messen. Die Fische k\u00f6nnen dort hinein <i>schwimmen<\/i> und lebend beobachtet werden. 12 bis 24 Stunden kann sich der Kabeljau adaptieren und in Ruhe analysiert werden. Man macht dabei aber nicht einfach nur Bilder, sondern kann zum Beispiel auch durch spektroskopische Analysen die Stoffwechselprodukte der Fische ansehen. Und danach kommen die Tiere wieder zur\u00fcck in ihr Aquarium und sind bereit f\u00fcr weiter Untersuchungen. Denn es ist gar nicht so einfach, entsprechende Versuchstiere zu bekommen. Man kann sie nicht einfach im n\u00e4chsten Zooladen kaufen oder in der Nordsee vor dem Institut aus dem Meer fischen. Zumindest dann nicht, wenn es um Fische aus dem Polarmeer geht: Die m\u00fcssen die Forschungsschiffe des Alfred-Wegener-Instituts auf ihre saisonalen Fahrten einfangen und zur\u00fcck nach Bremerhaven transportieren. Und dementsprechend sorgf\u00e4ltig behandelt man sie auch.<\/p>\n<figure id=\"attachment_15963\" aria-describedby=\"caption-attachment-15963\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/IMG_3670-Andere.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/IMG_3670-Andere.jpg\" alt=\"Anderswo muss man Schutzhelme oder Laborbrillen aufsetzen. Im Fischlabor am AWI sind es Gummistiefel.\" width=\"500\" height=\"374\" class=\"size-medium wp-image-15963\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-15963\" class=\"wp-caption-text\">Anderswo muss man Schutzhelme oder Laborbrillen aufsetzen. Im Fischlabor am AWI sind es Gummistiefel.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Ein ruhiges Leben haben die Fische allerdings auch wieder nicht. Die \u00dcbers\u00e4uerung der Meere ver\u00e4ndert die Art und Weise, wie sie ihren Energiehaushalt gestalten k\u00f6nnen. Und um das zu untersuchen, werden sie in einen Str\u00f6mungskanal gesteckt und m\u00fcssen zeigen, wie lange sie unter bestimmten Bedingungen schwimmen k\u00f6nnen. Je schneller die Str\u00f6mung ist, desto mehr Energie kostet sie das und irgendwann schaffen sie das mit ihrem normalen aeroben Schwimmmodus nicht mehr. Ihren Normalmodus k\u00f6nnen sie im Prinzip beliebig lange aufrecht erhalten &#8211; wenn sie aber nun zum anaeroben Schwimmmodus wechseln m\u00fcssen, wird es kritisch. Der ist eigentlich nur f\u00fcr die Jagd und die Flucht gedacht und nicht f\u00fcr den Dauerbetrieb. Irgendwann kann der Fisch im Str\u00f6mungskanal nicht mehr und muss aufgeben. Wie lange die Tiere durchhalten, h\u00e4ngt von der Temperatur und dem CO2-Gehalt ab. Die Fische brauchen mehr Energie f\u00fcr ihren Metabolismus und haben weniger f\u00fcr Wachstum und Fortpflanzung \u00fcbrig. Sie wachsen langsamer, werden nicht so gro\u00df und eher von ihren Fressfeinden gefangen. Das Fitness-Programm f\u00fcr den Kabeljau zeigt, dass es bestimmte Arten in Zukunft deutlich schwerer haben werden, in ihrer ver\u00e4nderten Umgebung zu erleben (Man hat mir \u00fcbrigens versichert, dass im Str\u00f6mungskanal nach Feierabend <i>keine<\/i> Fischwettrennen veranstaltet werden&#8230;).<\/p>\n<figure id=\"attachment_15964\" aria-describedby=\"caption-attachment-15964\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/IMG_3672-Andere.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/IMG_3672-Andere.jpg\" alt=\"Der Fisch wartet auf seinen Einsatz...\" width=\"500\" height=\"374\" class=\"size-medium wp-image-15964\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-15964\" class=\"wp-caption-text\">Der Fisch wartet auf seinen Einsatz&#8230;<\/figcaption><\/figure>\n<p>Auch im Kernspintomograf befindet sich ein Str\u00f6mungskanal und auch darin m\u00fcssen die Tiere schwimmen. Die Geschwindigkeit der Str\u00f6mung kann von au\u00dfen ver\u00e4ndert werden; genau so wie Temperatur und CO2-Gehalt des Wassers. Und tats\u00e4chlich zeigt sich, dass nicht nur der Kreislauf der Tiere unter den Ver\u00e4nderungen leidet, sondern auch das Gehirn. Clown-Fische, das haben australische Forscher schon fr\u00fcher herausgefunden, sind in saurem Wasser mit besonders viel CO2 nicht mehr in der Lage, vor ihren Fressfeinden zu fliehen, sondern so verwirrt, das sie ihnen oft direkt entgegen geschwommen sind. Sie h\u00f6rten schlechter, sahen schlechter und starben so schneller. Ob es den Fischen in den polaren Ozeanen genau so gehen wird, wenn sich das Meer dort ver\u00e4ndert, wollen die Forscher mit ihren Experimenten am Alfred-Wegener-Institut herausfinden. Die bisherigen Daten deuten darauf hin, dass das auch hier der Fall ist: Der Klimawandel macht die Fische tats\u00e4chlich doof!<\/p>\n<p><i>Alle Artikel aus meiner Serie zum Klimawandel <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/category\/klimareise\/\">gibt es hier<\/a>.<\/i><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg03.met.vgwort.de\/na\/3c8f0b0ad7844fbb9574eef76384a384\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Klimawandel macht die Fische doof!&#8220; klingt ein wenig nach Boulevard. Auch auch wenn es tats\u00e4chlich ein bisschen plakativ ist: Herauszufinden, wie sich die \u00c4nderungen des Klimas auf die neurophysiologischen T\u00e4tigkeit von Fischen auswirkt, geh\u00f6rt zu den vielen Forschungsprojekten, die am Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven untersucht werden. Dort findet man die Fische im Keller. 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