{"id":22055,"date":"2014-08-19T07:45:18","date_gmt":"2014-08-19T05:45:18","guid":{"rendered":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2014\/08\/19\/am-rand-der-moeglichkeiten-die-gesellschaftlichen-auswirkungen-des-klimawandels\/"},"modified":"2025-05-14T16:15:04","modified_gmt":"2025-05-14T14:15:04","slug":"am-rand-der-moeglichkeiten-die-gesellschaftlichen-auswirkungen-des-klimawandels","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/index.php\/2014\/08\/19\/am-rand-der-moeglichkeiten-die-gesellschaftlichen-auswirkungen-des-klimawandels\/","title":{"rendered":"&#8222;Am Rand der M\u00f6glichkeiten&#8220;. Die gesellschaftlichen Auswirkungen des Klimawandels"},"content":{"rendered":"<p>Die Universit\u00e4t L\u00fcneburg sieht schon von au\u00dfen sehr nachhaltig aus. Zumindest so, wie man sich das eben vorstellt: Sch\u00f6ne Backsteingeb\u00e4ude die mitten im Gr\u00fcnen liegen und von jeder Menge Gr\u00fcn umgeben sind. B\u00e4ume, Holzb\u00e4nke und \u00fcberall Fahrr\u00e4der. Und eine eigene Fakult\u00e4t f\u00fcr Nachhaltigkeit, an der &#8211; unter anderem &#8211; der Klimawandel erforscht wird. Allerdings auf eine Art und Weise, die man mit der typischen Klimaforschung normalerweise nicht in Verbindung bringt. In L\u00fcneburg sind es neben den Naturwissenschaftlern n\u00e4mlich auch die Sozialwissenschaftler, die sich mit der Ver\u00e4nderung unseres Klimas auseinandersetzen. Und diese Arbeit ist durchaus wichtig, denn wenn ein Forschungsgegenstand der Naturwissenschaften Auswirkungen auf unsere Gesellschaft hat, dann auf jeden Fall der Klimawandel.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/IMG_3626-Andere.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/IMG_3626-Andere.jpg\" alt=\"IMG_3626 (Andere)\" width=\"500\" height=\"374\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-15942\" \/><\/a><\/p>\n<p>Im B\u00fcro von Dr. Gesa L\u00fcdecke vom Institut f\u00fcr Umweltkommunikation h\u00e4ngt eine Karte der Nordseek\u00fcste, die das eindrucksvoll demonstriert. Sie zeigt die Grenze des Geests, der h\u00f6her gelegenen Ebene, die hinter K\u00fcste, Wattenmeer und Marsch im Landesinneren liegt. Hierhin m\u00fcsste man sich zur\u00fcck ziehen, wenn die Auswirkungen des Klimawandels die n\u00e4her am Wasser gelegenen Gebiete unbewohnbar machen. Die Kapitulation vor dem eindringenden Wasser ist allerdings nur eine von vielen Strategien um die K\u00fcste zu sch\u00fctzen. Man kann nat\u00fcrlich die Deiche erweitern oder erh\u00f6hen, aber nicht beliebig. <i>&#8222;Irgendwann ger\u00e4t man an den Rand der M\u00f6glichkeiten&#8220;<\/i>, erk\u00e4rt Gesa L\u00fcdecke, und dann gibt es verschiedene Alternativen. Im Rahmen des Projekts <a href=\"https:\/\/www.leuphana.de\/institute\/infu\/forschung\/a-kuest\/gesamtprojekt-a-kuest.html\">A-K\u00dcST (&#8222;Ver\u00e4nderliches K\u00fcstenklima \u2013 Evaluierung von Anpassungsstrategien im K\u00fcstenschutz&#8220;)<\/a> haben Ingenieure und Wissenschaftler einige dieser Alternativen untersucht. Wellenbrecher vor den Deichen k\u00f6nnen dem Wasser die Kraft nehmen und die Deiche entlasten. Deiche k\u00f6nnen auch weiter zur\u00fcck ins Landesinnere gesetzt werden um dem Meer gr\u00f6\u00dferen Raum zu geben. H\u00e4user k\u00f6nnen auf Stelzen gesetzt und wichtige Infrastruktur mit Ringdeichen gesch\u00fctzt werden. Oder man zieht sich eben auf den Rand der Geest zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Die Identifikation der m\u00f6glichen Anpassungsstrategien ist aber nur ein Teil der Forschung an der Universit\u00e4t L\u00fcneburg. Am Ende ist es die Bev\u00f6lkerung an der K\u00fcste, die auf den Klimawandel reagieren muss und daher untersuchen die Sozialwissenschaftler wie sich die Ver\u00e4nderung der Umwelt aus Sicht der betroffenen Menschen pr\u00e4sentiert. Teilweise mit \u00fcberraschenden Ergebnissen: In einer gro\u00dfen Umfragen hat man herausgefunden, dass Wissenschaftler und Bev\u00f6lkerung ganz unterschiedlicher Auffassung sind, was die M\u00f6glichkeiten der Probleml\u00f6sung angeht. Den Berechnungen und Modellen der naturwissenschaftlichen Experten zufolge kann die derzeitige K\u00fcstenschutzstrategie noch bis etwa zum Jahr 2100 weiter verfolgt werden. Zumindest in der von A-K\u00dcST untersuchten Region, die Dollart-Bucht an der Grenze zu den Niederlanden, lassen sich die prognostizierten Ver\u00e4nderungen noch mit technischen L\u00f6sungen abfangen und unter Kontrolle bringen. Die Bev\u00f6lkerung aber zeigte sich in der Befragung wesentlich pessimistischer und ging mehrheitlich davon aus, dass man schon in knapp 20 Jahren an den Rand der M\u00f6glichkeiten ger\u00e4t und alternative Strategie finden muss. <\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/IMG_3628-Andere.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/IMG_3628-Andere.jpg\" alt=\"IMG_3628 (Andere)\" width=\"500\" height=\"374\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-15943\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die konkrete Zukunftsangst h\u00e4lt sich allerdings in Grenzen. Mit den wirklich schlimmen Auswirkungen des Klimawandels und gro\u00dfen Sturmfluten rechnet man nicht in der Gegenwart und auch nicht in der nahen Zukunft. Irgendwann sp\u00e4ter, so die Meinung in der Bev\u00f6lkerung, wird es dann aber kritisch. Und dann hofft man darauf, dass sich der Staat darum k\u00fcmmern wird: &#8222;Es herrscht ein ganz gro\u00dfes Vertrauen in die Institutionen&#8220;, erkl\u00e4rt Gesa L\u00fcdecke die Ergebnisse ihrer Befragungen. Forschungseinrichtungen und Deichbeh\u00f6rden und Oberdeichrichter gelten in der Region als kompetent und man traut ihnen die L\u00f6sung der kommenden Probleme zu. Die Bev\u00f6lkerung setzt auf die Urteilsf\u00e4higkeit der Entscheidungstr\u00e4ger und die zuk\u00fcnftigen technischen M\u00f6glichkeiten.<\/p>\n<p>Vor Ort ist man sich der Probleme bewusst (nur 6 Prozent der im Projekt befragten Menschen leugneten die Existenz eines Klimawandels) und es fehlt auch die typische Hysterie, die man in vielen Medien finden kann. Die Menschen an der K\u00fcste sind auch sehr daran interessiert, mehr \u00fcber das zu erfahren, was unter Umst\u00e4nden auf sie zu kommt, wie der Erfolg der <a href=\"https:\/\/www.schleswig-holstein.de\/IM\/DE\/InnereSicherheit\/Katastrophenschutz\/Projekte\/Safecoast\/Ausstellung\/Ausstellung_node.html\">Wanderausstellung &#8222;Sturmflut &#8211; wat geiht mi dat an?&#8220;<\/a> gezeigt hat, die im Rahmen eines Vorg\u00e4ngerprojekts (&#8222;SAFECOAST&#8220;) in Schleswig-Holstein gezeigt worden ist.<\/p>\n<p>Es gibt kaum ein Thema aus der naturwissenschaftlichen Forschung, dass in der breiten Bev\u00f6lkerung so heftig diskutiert wird wie der Klimawandel. Eine sozialwissenschaftliche Untersuchung dieses Ph\u00e4nomens ist daher mehr als nur angebracht. Die Kooperation zwischen Natur- und Sozialwissenschaftlern l\u00e4uft zwar gut, k\u00f6nnte aber besser laufen. Um zu analysieren, wie sich die \u00c4nderung des Klimas auf die Situation der Menschen auswirkt und welche Anpassungsstrategien in der Bev\u00f6lkerung am ehesten akzeptiert oder gew\u00fcnscht werden, muss die Sozialwissenschaft selbstverst\u00e4ndlich von den Naturwissenschaften lernen und ihre Studien auf deren Forschungsergebnissen aufbauen. Der Wissensfluss in die andere Richtung findet dagegen eher selten statt. Dabei k\u00f6nnten die Naturwissenschaften gerade in diesem Bereich stark profitieren. Beim Klimawandel befindet man sich als Forscher in einer besonderen Situation. Man arbeitet an einem Thema, dessen Ergebnisse direkte Auswirkungen auf die Zukunft der Menschen haben werden. Es ist ein Thema, an dem sehr viele Menschen <i>aktiv<\/i> interessiert sind (was in der Naturwissenschaft nicht so oft vorkommt) und es ist ein Thema, bei dem viele \u00c4ngste und viele Fehlinformationen verbreitet sind. Mit den Ergebnissen der sozialwissenschaftlichen Forschung k\u00f6nnten die Naturwissenschaftler ihre eigene Wissenschaftskommunikation viel direkter und effizienter gestalten. Sie k\u00f6nnten auf die spezifischen Probleme und \u00c4ngste der Menschen vor Ort eingehen, da diese ja schon vorab von den interdisziplin\u00e4ren Kollegen erhoben worden sind.<\/p>\n<p>Aber dazu m\u00fcsste diese Art des Wissenstransfers nicht nur speziell in den Projekten eingeplant werden. Es m\u00fcsste auch das viel gr\u00f6\u00dfere allgemeine Problem der Wissenschaftskommunikation gel\u00f6st werden. Und das besteht nicht darin, dass die Forscher keine Lust h\u00e4tten, ihre Forschungsergebnisse mit der Bev\u00f6lkerung zu teilen. Sie k\u00f6nnen es sich meistens einfach nicht leisten, Zeit f\u00fcr \u00d6ffentlichkeitsarbeit aufzuwenden, da dieser Einsatz bei der Beurteilung des akademischen Erfolgs und damit bei der Beurteilung der eigenen Karriere so gut wie nie ber\u00fccksichtigt wird. Auch wenn konkrete Handlungsganweisungen von Seiten der Sozialwissenschaften bereit gestellt w\u00fcrde, k\u00f6nnten sich die wenigsten Forscher die Zeit f\u00fcr die Wissenschaftskommunikation leisten. Um das zu \u00e4ndern m\u00fcsste die gesamte Forschungs- und F\u00f6rderpolitik umgestaltet werden &#8211; was leider nur sehr, sehr langsam passiert.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/IMG_3629-Andere.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/astrodicticum-simplex.ulrich.digital\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/IMG_3629-Andere.jpg\" alt=\"IMG_3629 (Andere)\" width=\"500\" height=\"374\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-15944\" \/><\/a><\/p>\n<p>Auch die sozialwissenschaftliche Klimaforschung an der Universit\u00e4t L\u00fcneburg muss sich wieder um neue F\u00f6rdergelder bewerben, um ihr erfolgreiches Projekt fortsetzen zu k\u00f6nnen. Aber &#8211; und an der Fakult\u00e4t f\u00fcr Nachhaltigkeit war das nicht anders zu erwarten &#8211; man hat sich schon vorab darum gek\u00fcmmert, dass die Ergebnisse von A-K\u00dcST in der Bev\u00f6lkerung verankert bleiben, auch wenn die Forschung in der derzeitigen Form nicht weiter gef\u00fchrt werden sollte. In solchen F\u00e4llen besteht die Gefahr, dass die wissenschaftliche Arbeit zwar in der entsprechenden Fachliteratur \u00fcberlebt, aber nicht dort, wo es darauf ankommt: Bei den Menschen, die von den Auswirkungen des Klimawandels betroffen sein werden. Verlassen Wissenschaftler nach Einstellung eines Projekts eine Region, dann f\u00fchlt sich von den Leuten mit denen man dort kooperiert niemand mehr verantwortlich und alles bleibt liegen. <i>&#8222;Das ist bei uns anders&#8220;<\/i>, erkl\u00e4rt Gesa L\u00fcdecke, <i>&#8222;weil wir tats\u00e4chlich die Leute schon so fr\u00fch dabei hatten, dass sich bei ihnen auch viel bewegt hat und sie das Thema zu ihrem eigenen gemacht haben.&#8220;<\/i><\/p>\n<p>Die Menschen haben sich die Wissenschaft genommen und behalten sie. Das Klima wird sich in Zukunft ver\u00e4ndern, das ist sicher. Der Klimawandel wird nicht kommen, er ist schon l\u00e4ngst da und das wei\u00df niemand besser als die Bewohner an der K\u00fcste. Es geht nicht mehr darum, den Klimawandel zu verhindern, sondern mit seinen Folgen zurecht zu kommen. Das wird um so besser funktionieren je mehr die Wissenschaft \u00fcber die Einstellung der Bev\u00f6lkerung wei\u00df und je mehr die Menschen von der Wissenschaft lernen. <\/p>\n<p><i>Alle Artikel aus meiner Serie zum Klimawandel <a href=\"https:\/\/scienceblogs.de\/astrodicticum-simplex\/category\/klimareise\/\">gibt es hier<\/a>.<\/i><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/669fe59b374a4d718f37e4139eb40da3\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\">\t<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg03.met.vgwort.de\/na\/9b50c9a5b9544b8cad6e13c41e9dbae6\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Universit\u00e4t L\u00fcneburg sieht schon von au\u00dfen sehr nachhaltig aus. Zumindest so, wie man sich das eben vorstellt: Sch\u00f6ne Backsteingeb\u00e4ude die mitten im Gr\u00fcnen liegen und von jeder Menge Gr\u00fcn umgeben sind. B\u00e4ume, Holzb\u00e4nke und \u00fcberall Fahrr\u00e4der. 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